GenderOpen - Repositorium für die Geschlechterforschung
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Die polnische Justizreform
Rechtsstaatlichkeit und gender equality sind in der Europäischen Union (EU) in Artikel 2 des Vertrages von Lissabon (EUV) als Grundwerte der Union verankert. Jüngst wurde die Auszahlung von EU-Mitteln in der Richtlinie 2020/2092 an die Einhaltung der Rechtsstaatlichkeit gekoppelt. Im Rahmen der umstrittenen Justizreform in Polen leitete die Europäische Kommission zudem erstmalig ein Rechtsstaatlichkeitsverfahren nach Arti-kel 7 EUV ein, um die Werte der EU zu schützen. Doch das darin gewährte Gleichstellungsgebot stößt an seine Grenzen, wo Kompetenzen zwischen den Mitgliedstaaten und der Union aufgeteilt sind und der Zugang zur Po-litikgestaltung betroffen ist. Letzterer ist für die stetige Neudefinition von Geschlecht von Bedeutung. Dies wird am Beispiel des Gender-Quality-Akti-vismus und der aktuellen Justizreform in Polen deutlich. Die in diesem Zu-sammenhang erfolgten Entscheidungen des Gerichtshofes der EU können nur punktuell eingreifen, sind jedoch kein Garant für eine nachhaltige poli-tische und gesellschaftliche Berücksichtigung von gender equalit
Feministische Außenpolitik: Friedenssicherung durch Stärkung der Menschenrechte und Abbau weltweiter Ungerechtigkeiten. Interview mit Kristina Lunz
Wiedereinstieg mit Hindernissen – die Teilhabe von Frauen* mit Behinderung oder chronischer Erkrankung an Arbeit
Dieser Beitrag untersucht den Wiedereinstieg von Frauen* mit Behinderung oder chronischer Erkrankung nach einer Unterbrechung als zentralen Übergang in der beruflichen Laufbahn in Zusammenhang mit dem gesamten Berufs- und Lebensverlauf. Die weit unterdurchschnittliche Teilhabe von Frauen* mit Behinderung an Erwerbsarbeit weist auf die Relevanz weitergehender Erkenntnisse hin. Wir verbinden das soziale Modell von Behinderung aus den Disability Studies mit einem geschlechtersoziologischen Ansatz der Soziologie des Lebenslaufs. Mit einem erweiterten Begriff von Arbeit, der Care-Arbeit und Arbeit, die mit einer Behinderung erforderlich wird, einbezieht, analysieren wir, wie sich Familienzyklus und Behinderungszyklus auf die berufliche Laufbahn auswirken. Mit diesem erweiterten Arbeitsbegriff können wir in der Pilotstudie auf der Grundlage von qualitativen Expert*inneninterviews in Beratungsstellen in einer ländlichen Region zeigen, dass u. a. fehlende Kapazitäten und Ressourcen sowie kumulative Benachteiligungen aufgrund von Geschlecht und Behinderung zu Berufsunterbrechungen bei Frauen* mit Behinderung führten. Weitere Forschung zu den Erfahrungen von Frauen* mit Behinderung selbst sollte sich Bildungsungleichheiten sowie Differenzen aufgrund von Behinderung und Alter widmen
Mehr als nur Blut. Stand und Potenziale der (kritischen) Menstruationsforschung
Die Menstruation ist zunehmend auch Gegenstand der Sozialwissenschaften. Doch während sich die Forschung international verstetigt und ausdifferenziert, scheint sie in Deutschland bisher eher marginal. Der Beitrag gibt einen Überblick über den Forschungsstand und beleuchtet Schwerpunkte und Leerstellen bisheriger Forschung. Das dient als Basis für die Skizzierung von Kriterien für eine macht- und herrschaftskritische, intersektional arbeitende kritische Menstruationsforschung, die für feministische Theorie und Praxis fruchtbar gemacht werden kann
Ver/Kvir(t)e Opazität : Migration und Un_Sichtbarkeit in Masha Godovannayas Film „Countryless and Queer“
Der Artikel beschäftigt sich mit queeren Sichtbarkeitspolitiken und solidarischen Repräsentationen queerer Lebensweisen im postsowjetischen Kontext. Im Anschluss an eine theoretische Problematisierung nordwestlicher queerer, feministischer und antirassistischer Sichtbarkeitspolitiken wird am Beispiel von Masha Godovannayas Film „Countryless and Queer“ (2020) gezeigt, welche Alternativen Darstellungsformen queere Solidarität haben könnte. Godovannayas Film beschäftigt sich zentral mit Problemen der queeren Repräsentation in Gesprächen mit Migrant_innen aus verschiedensten Kontexten in Wien. Anhand ihrer filmischen und narrativen Darstellungsformen wird die Strategie der Opazität oder Un_Sichtbarkeit, die es den Zuschauer_innen verweigert Opfer zu identifizieren als Möglichkeit solidarischer queerer Praxis mit marginalisierten Menschen erläutert. Darüber hinaus wird gezeigt, wie diese und weitere Strategien in Godovannayas Film queer-feministischen solidarischen Praxis des Community-Building erlauben
Gegen das Gefühl der Ohnmacht – politische Selbstorganisierung von Sexarbeitenden im Kontext des Prostituiertenschutzgesetzes
Im Kontext der Pläne zum Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) organisierten sich Sexarbeitende in Deutschland ab 2013 kollektiv, um kontrollierende und repressive Maßnahmen abzuwehren. Der Beitrag zeichnet die Entwicklung dieser politischen Selbstorganisierung bis zur Verabschiedung des ProstSchG in 2016 nach. Basierend auf einer zweijährigen enthnografischen Forschung mit politisch aktiven Sexarbeitenden stelle ich dar, wie sich Sexarbeitende im Feld der Prostitutionspolitik positionierten, in welchem Verhältnis andere politische Akteur_innen zu ihnen standen und welche Ambivalenzen und Konfliktlinien sich bildeten. Sexarbeitende scheiterten schließlich in ihrem Ziel, das ProstSchG zu verhindern. Mit dessen Verabschiedung trat zwar eine Ernüchterung, jedoch auch eine Diversifizierung der Selbstorganisierung ein. Sexarbeitende waren daher erfolgreich darin, eine anhaltende Bewegung aufzubauen, die seither etablierte Akteurin in der sich weiter transformierenden deutschen Prostitutionspolitik ist
Transformative Gerechtigkeit für Frauen? Reparationsstrategien im Kontext sexualisierter Kriegsgewalt
Sexualisierte Kriegsgewalt ist ein Verbrechen, das vor allem Frauen in zahlreichen Konflikten weltweit erleiden. Besonders die Demokratische Republik Kongo (DRC) ist betroffen, die einst von den Vereinten Nationen (UN) als „rape capital of the world“ bezeichnet wurde. Die DRC hat, wie viele andere UN-Mitgliedstaaten, einen Nationalen Aktionsplan (NAP) erstellt, welcher die Inhalte der Women, Peace and Security Agenda (WPS Agenda) der UN auf nationaler Ebene umsetzen soll. Dieser Beitrag analysiert, inwiefern die Demokratische Republik Kongo transformative Reparationsstrategien zur Prävention sexualisierter Kriegsgewalt in ihrem NAP implementiert und wie die spezifische Umsetzung im Kontext der Lokalisierung internationaler Normen zu erklären ist. Zunächst wird illustriert, warum transformative Reparationsstrategien als besonders wirksam gelten, sexualisierte Kriegsgewalt nachhaltig zu bekämpfen. Im zweiten Schritt werden mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring sowohl die Agenda der WPS als auch der NAP der DRC auf das Vorkommen der Strategien untersucht. Die Ergebnisse der Analyse werden einander gegenübergestellt und im dritten Schritt anhand der Lokalisierungstheorie nach Amitav Acharya diskutiert. Im Ergebnis implementiert der NAP der DRC das Konzept transformativer Reparationsstrategien in geringerem Maße als die WPS Agenda, nämlich nur in den zwei Prinzipien Rehabilitierung und Garantien der Nicht-Wiederholung. Die Ursachen liegen in dem Spannungsverhältnis globaler und lokaler Dynamiken, in dem sich die Bekämpfung sexualisierter Kriegsgewalt wiederfindet. Zum einen ermöglicht die WPS Agenda einen hohen Grad an Flexibilität in ihrer Umsetzung, sodass entsprechende Maßnahmen den lokalen Gegebenheiten angepasst werden können. Zum anderen führt dieses Konzept zu einer Einflussnahme verschiedener Akteur*innen sowie zu einer Missachtung wichtiger Elemente auf lokaler Ebene, die ein Hindernis in der Bekämpfung des Verbrechens darstellen
Von der Fleisch- zur Proteinabteilung: Männlichkeitskonstruktionen, Fleisch und vegane Fleischalternativen
Dieser Beitrag untersucht den Zusammenhang von Fleischalternativen und Männlichkeitskonstruktionen. Der Untersuchung wird eine theoretische Perspektive auf Geschlecht und Lebensmittel zugrunde gelegt, die es erlaubt, die Ko-Materialisierung von Fleischalternativen, Körpern und Männlichkeiten zu analysieren. Empirisch baut der Beitrag auf einem breit angelegten qualitativen Forschungsdesign auf. Im Zentrum stehen Ethnografien bei Ernährungsmessen und Expert*inneninterviews. Die Analyse zeigt, dass Fleischalternativen vom Lebensstil und der Ideologie des Veganismus getrennt positioniert und mit der Kategorie der „Flexitarier*innen“ verbunden werden. Dabei steht ‚nutritionales‘ Wissen im Vordergrund, wodurch Fleisch und Fleischalternativen als Proteinquellen inszeniert werden. Protein wiederum wird unmittelbar männlich vergeschlechtlicht, da es für den muskulösen Körper notwendig ist. Die analysierten diskursiven Praxen nehmen veganen Lebensmitteln eine unmännliche Symbolik und reproduzieren ein Männlichkeitsideal, das sich durch seine körperliche Kraft auszeichnet und sich so von Weiblichkeit abhebt
(After-)Caring masculinity? Praktiken der Fürsorge im Kontext macht- und schmerzerotischer Begehrensweisen
Der Beitrag analysiert am Beispiel des Phänomens ‚Aftercare‘ das Verhältnis von Fürsorge und Männlichkeit im Kontext schmerz- und machterotischer Begehrensweisen. Anhand von qualitativen Leitfadeninterviews wird rekonstruiert, wie Männlichkeit von BDSMPraktizierenden im Kontext der Nachsorge gedeutet und hergestellt wird. Aus einer praxistheoretischen Perspektive und vor dem Hintergrund des Modells der caring masculinity nach Karla Elliott, das um den Bereich von Intimität und Sexualität erweitert wird, werden die Fürsorgepraktiken theoretisiert. Der Beitrag zeigt auf, dass Aftercare einen Baustein innerhalb einer Reihe körperlich-affektiver und verbalkommunikativer Praktiken bildet, mit denen Konsens her- und sichergestellt werden soll. Eingeübt werden fürsorgliche Werthaltungen, wobei ein Orientierungsdilemma im Hinblick auf einen mit Männlichkeit verknüpften Autonomieanspruch sichtbar wird