Sammelpunkt. Elektronisch archivierte Theorie
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Der Mythos als Welt. Die Welt als Mythos. Oder das Projekt einer neuen Wissenschaft
„Je begreiflicher uns das Universum wird, um so sinnloser erscheint es auch.“ (Weinberg 1977)
Wenn im Kontext der Postmoderne die Rede von Paradies und Hölle überhaupt adäquat gewesen wäre, könnte man genau diese Worte als Inschrift auf dem Tor zur Hölle eingravieren, insofern sie in einer einzigen Schlagzeile die ganze existentielle Hoffnungs- und Heimatlosigkeit des postmodernen Menschen zum Ausdruck bringen. Diese hat er geerbt von jenem in den Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts fehlgeschlagenen Fortschrittsoptimismus einer aufklärerischen Moderne und mit diesen watet er gerade langsam im schlammigen Sumpf von einem tief enttäuschten Kulturpessimismus, globalen Wertrelativismus und verzweifelten Nihilismus.
Im oben zitierten Satz lässt sich also der große Zwiespalt durchblicken, der selbst zum Symptom unseres schizophrenen Zeitalters geworden ist, denn man glaubte in der gesteigerten Macht des Individualismus den einzig sicheren Archimedischen Punkt im Universum und damit auch den Sinn der ganzen Welt endgültig gefunden zu haben. Vom eigenen Licht verblendet, bemerkte das Individuum jedoch nicht, wie es sich selber zugleich in zwei Hälften – eine bewusste und eine unbewusste – teilte: Sein ungestillter Wille zur Klarheit, der alles logisch zu begreifen versucht und daher für die erste Hälfte symptomatisch war, führte zu einer Unterdrückung jener mythisch-dunklen und mit tiefem Sinn beladenen zweiten Hälfte, aus deren traumatischen Verdrängung her der Mensch der Postmoderne eine erneute Sehnsucht nach Tiefe entwickelte. Es wird also sichtbar, dass die zwei Hälften nicht nur aufeinander bezogen sind, sondern sie treiben sich gegenseitig voran, indem die eine immer auf die andere reagiert bzw. diese negiert.
Die Metapher von der inneren Krise jenes in der Neuzeit geborenen Individuums lässt sich genauso auf weitere Bereiche des menschlichen Daseins übertragen, z.B. im Rahmen des wissenschaftlichen Diskurses als der permanente Kampf zwischen Klarheit und Tiefe, Skeptizismus und Mystizismus, erkenntnis- und erlebnisorientierten Werthaltungen: All das sind nur verschiedene Benennungen für ein und dasselbe Phänomen jener seit der Antike wohlbekannten Dialektik zwischen Logos und Mythos, dessen Verhältnis gerade im Mittelpunkt des Interesses der vorliegenden Arbeit steht
Kulturalismus aus phänomenologischer Perspektive
Der vorliegende Text versucht im Ausgang von Amartya Sens Buch "Die Identitätsfalle" wesentliche Ansprüche an eine phänomenologische Theorie des Kulturalismus und der kulturell motivierten Gewalt zu formulieren. Anhand dieser Forderungen wird Sens Perspektive kritisiert und überarbeitet. Zu diesem Zweck untersuchen wir die Freiheit bei der Bildung sozialer Identität und die identitätstiftende Rolle kulturell motivierter Gewalt. Gleichzeitig soll Sens Suche nach einem Ausweg aus dem Kulturalismus ernst genommen und weiter verfolgt werden
Der Körper. Ein (Un)Ort
Rundschau in einer Forschungswerkstatt: Es wird aus dem laufenden FWF-Projekt "Topographien des Körpers. Phänomenologische, genealogische und psychoanalytische Perspektiven" G25977-G22 berichtet. Hier wird der Körper unter anderem als ein (Un)Ort untersucht. Detailinformationen inklusive Tagungsankündigung (5.-7. Oktober 2017) unter: https://www.meduniwien.ac.at/hp/psychoanalyse/forschung/topographien-des-koerpers/
Redaktion: Ulrike Kad
Was ist menschliches Personsein? - Der Mensch im Spannungsfeld von Personvergessenheit und unverlierbarer ontologischer Würde
Was ist das Sein der menschlichen Person? Ist jeder Mensch eine Person? Hat der Mensch eine unveränderliche Natur? Ist der Erwachsene dieselbe Person, die er als Kind war? Was bedeutet Personvergessenheit? Ist der Mensch ein höher entwickeltes Tier? Gibt es eine unüberbrückbare Kluft zwischen dem menschlichen und dem tierischen Sein? Besitzt der Mensch eine unverlierbare ontologische Würde? Gibt es im Umgang mit anderen Menschen angemessene und unangemessene Handlungen? Welcher Personbegriff ist der adäquate?
Raphael E. Bexten thematisiert diese philosophisch spannenden und überaktuell bedeutsamen Fragen. Die Größe der Fragen und ihre ungeahnten Herausforderungen bringen es mit sich, dass jeder Antwortversuch freilich immer Stückwerk bleibt. Doch gerade der Mut und die Liebe zu diesem Stückwerk zeichnet das philosophische Nachdenken aus
Konzepte für eine humane Weltkultur. Philosophisches Plädoyer für eine universale Kultur der Achtung und Selbstachtung
Wenn unter „Kultur“ etwas zu verstehen ist, was verschiedene Menschen miteinander teilen und verschiedenen Menschen gemeinsam ist, so würde der Begriff der „Weltkultur“ für etwas stehen, was für alle menschlichen Gesellschaften auf dieser Erdenwelt potentiell einen gemeinsamen Bezugspunkt für ihr jeweiliges Selbstverständnis bilden kann. Wenn man einem Begriff wie „Weltkultur“ einen Sinn zuschreiben möchte, so müsste dieser also auf das Menschlich-Weltliche schlechthin abstellen und er müsste damit etwas zum Ausdruck bringen, was sich bei Menschen aller Gesellschaften dieser Welt vorfinden lässt, was über die allen Menschen grundsätzlich gemeinsame natürlich-biologische Ausstattung noch hinausgeht.
Christoph Antweiler hat in diesem Kontext auf die Relevanz von empirisch erforschbaren kulturellen Universalien hingewiesen, welche das Menschliche in jeder Gesellschaft dieser Welt prägen und deren Beachtung für eine Lösung von Problemen des Zusammenlebens überall weltweit gleichermaßen relevant ist. Jene Kulturuniversalien rekurrieren auf bestimmte allgemeinmenschliche Bedürfnisse, die überall auf der Welt bei der Gestaltung der Lebensrealitäten menschlichen Zusammenlebens beachtet werden müssen. Nach Carl Friedrich von Weizsäcker wäre hierbei zu berücksichtigen, dass die menschlichen Lebensbedingungen der Gegenwart solche einer wissenschaftlich-technischen Welt sind, angesichts welcher die Aufgabe der Verwirklichung einer Gemeinschaft der Menschheit unter der Herrschaft eines wahrhaften Weltfriedens noch ungleich drängender geworden sei – dafür wäre jedoch ein tiefgreifender Bewusstseinswandel erforderlich, der jedem individuellen Menschen eine Wahrnehmung des Ganzen eröffnet, was erst ein deutliches Denken ermöglicht, wodurch eine globale Kultur der Vernunft begründet werden könnte. Rupert Riedl hat auf die stammesgeschichtliche Bedingtheit der allen Menschen gemeinsamen Anschauungsformen hingewiesen, weshalb letztlich auch menschliche Vernunft dem Bestreben sich an die Welt mit ihren Gesetzlichkeiten anzupassen entspringe. Zu beachten wäre bei der Betrachtung menschlicher Kultur also jener der menschlichen Art mitgegebene ratiomorphe Apparat, der uns für die Problemlösung bestimmte uns angeborene Vorausurteile für die Weltdeutung zur Verfügung stellt und in Bezug auf die Umweltbewältigung als angeborener Lehrmeister fungiert. Erst durch eine bessere Einschätzung der menschlichen Ausstattung und damit der Vorbedingungen seines Denkens könne der Mensch zur Bildung eines Bewusstseins gelangen, durch welches er den Problemen menschlicher Kultur und Gesellschaft auf verantwortliche Weise begegnen kann. Nach John Rawls erweist sich schließlich der moralische Sinn für Gerechtigkeit und Achtung sich selbst und anderen gegenüber als das, was das spezifisch Menschliche des Menschen ausmacht, weil durch jenen erst der Mensch gemeinschaftsfähig sei und erst mit jenem der Mensch sich als ein freies Vernunftwesen, das Wesen „niedrigerer“ Gattungen übergeordnet ist, verwirklichen könne. Amartya Sen schließlich rückt in das Blickfeld den Gesichtspunkt, dass wirtschaftliche Entwicklung kein Selbstzweck sein soll, sondern die genießende Lebensfreiheit im Sinne einer Erweiterung von Verwirklichungschancen sowie ihres Schutzes intensivieren und bereichern möge.
Mit Perspektiven wie jenen von Christoph Antweiler, Carl Friedrich von Weizsäcker, Rupert Riedl, John Rawls und Amartya Sen zeichnen sich somit Grundlinien für die Vision einer Weltkultur ab, wobei „Kultur“ als das alle Menschen und alle menschlichen Gesellschaften Verbindende erkannt wird, indem das Menschliche mit der Fähigkeit verantwortlicher und schöpferischer Daseinsgestaltung identifiziert wird, wobei der irdische Planet als evidenter gemeinsamer und koordinative Einigung im handelnden Weltgestalten somit erforderlich machender Referenzrahmen für alle Menschen als Kulturwesen und für alle menschlichen Sozietäten als Kollektive der Zusammenarbeit für eine planvolle und menschengerechte Umwelttransformation sich herauskristallisiert. Das Konzept einer Weltkultur wird damit als berechtigt aufgewiesen, indem alle Menschen als Kulturwesen hinsichtlich ihrer Erkenntnisstrukturen allesamt als Erben der einen planetaren, letztlich psychosozialen Evolution auf dieser Erde auftreten, wodurch sie nicht nur alle miteinander dieselben fundamentalen Grundbedürfnisse teilen, sondern ihnen auch prinzipiell dieselben artspezifischen Anlagen zur Verfügung stehen, um sich denkend und handelnd zu dieser Welt zu stellen und in gegenseitiger Anerkennung als der gleichen Art angehörend kooperativ der Befriedigung der ihnen allen gemeinsam zukommenden Bedürfnisse jedes in jedem einzelnen Fall individuell einzigartigen und verletzlichen Einzellebens nachzukommen
Die Frau hinter der Maske. Geschlechterdifferenz in Fanons Peau Noire, Masque Blancs
Ziel dieser Arbeit ist es, anhand einer eingehenden Analyse von Frantz Fanons "Peau Noire, Masques Blancs" aufzuzeigen, dass dieses Werk in der Entwicklung postkolonialer Theoriebildung ausschlaggebend war, aus einer feministischen Perspektive jedoch nicht kritiklos rezipiert werden kann. Trotz Fanons Bemühungen, die Erfahrung der Unterdrückung, die der Kolonialismus verursachte, zu beschreiben, vollzieht er diese Beschreibung stets am Beispiel des schwarzen Mannes. Die schwarze Frau erfährt in Fanons Analyse eine deutliche Missrepräsentation, indem sie lediglich auf ihren Körper (und ihre Hautfarbe) reduziert wird. Im zweiten Teil der Arbeit wird diesem Umstand mit der Theorie des Black Feminism begegnet, der besonders am Beispiel von bell hooks Werk "Ain‘t I A Woman? Black Women and Feminism" eine klare Ausformulierung erfuhr
Die Aufklärung existiert nicht
„Aufklärung“ ist nicht einfach ein Name einer Bewegung
oder Entwicklung, deren Existenz unstrittig ist. Vielmehr
enthält die Aussage „Das 18. Jahrhundert war das Zeit-
alter der Aufklärung“ oder „In Deutschland hatten wir
die Aufklärung“ eine Reihe von Behauptungen, die es zu
prüfen gilt. Dieser Aufsatz legt dar, daß einige dieser Be-
hauptungen falsch sind und daß deshalb die Aussage „Die
Aufklärung existiert nicht“ wahr ist
Wieviel Kant steckt in ›Wilhelm Meisters Lehrjahren‹? – Eine Recherche zu Vernunft und Mündigkeit
Die Verknüpfung mit einem – konkret Kant verschriebenen – Verständnis von Aufklärung erscheint im Falle der beiden Wilhelm-Meister-Romane Johann Wolfgang von Goethes zunächst mehr als naheliegend. Goethe selbst hat sie in den ›Wanderjahren‹ ausdrücklich herstellt: »Kant hat uns aufmerksam gemacht, daß es eine Kritik der Vernunft gebe, daß dieses höchste Vermögen, was der Mensch besitzt, Ursache habe, über sich selbst zu wachen«. Sowohl über die ›Lehrjahre‹, in denen Kant nicht explizit aufgerufen wird, als auch über die wesentlich später entstandenen ›Wanderjahre‹ erstrecken sich wiederholte Bezugnahmen auf »Vernunft« und »Verstand« – mal alltagssprachlich, mal philosophisch verankert. Wenn zudem die ›Lehrjahre‹ als Bildungsroman aufzufassen sind, dann kann in der Tat ein Kantbezug nicht nur assoziativ oder dekorativ aufscheinen, sondern er müsste substantiell wirken. Habermas verweist für diesen Roman auf die Anlage eines synthetisierend angelegten Personenverständnisses als »gebildet[e] Persönlichkeit« im Sinne der neuhumanistischen »Idee der sich frei entfaltenden Persönlichkeit«. Vorliegender Aufsatz untersucht, inwiefern sich die Figur des Wilhelm Meister in den ›Lehrjahren‹ tatsächlich als vor dem Hintergrund eines Kant’schen Konzepts von Aufklärung und des Primats von Vernunft und Mündigkeit entfaltet begreifen lässt. Beschließend ergibt sich die Feststellung, dass Wilhelm sein »Glück« wohl nicht mit eigener Aufklärung und Mündigkeit erreicht hat oder mit diesen vertauschen möchte: Sein Modus bleibt die dankbare Affirmation
Living and Feeling Apart. Difference and Identity in South Africa
The definition of the self via difference to an Other constitutes a central concept for understanding identity in the context of South Africa, with regard to both personal and collective identities. Such differences may be hidden or manifested in outward characteristics, such as skin colour. The very peculiarity of racism in South African society lies in the fact that outward difference not only defines one’s self-identity but also the identity ascribed by others, or more specifically, by South African law, as race determined professional as well as private possibilities and limitations. Race was the category according to which spaces were formed and disrupted. Townships formed the abject, the space that should not exist but was nevertheless crucial for South African identities. Farms constituted another anti-space, a heterotopic space in which worlds clashed, where people got lost in time and space. Apartheid produced neuroses, it created crisis of identity and rendered its subjects mute. Its hierarchic power structure combined with specific triggering traumatic events have clearly shaped the identities of all South Africans and invoked a cultural trauma, which may be only understood by outsiders by losing one’s own frame of thought in the literary works of South African novelists. Only by uncovering, resolving, and, finally, understanding the atrocities and feudalities created by Apartheid, not only national identity but also national unity may be achieved, and only then, a brighter future lies ahead
Explaining prejudice toward the mentally ill: A test of sociopolitical, demographic, and socioeconomic factors
People with mental disorders often face prejudices that can further deteriorate their condition.
We tested whether Social Dominance Orientation (SDO), Right-Wing Authoritarianism (RWA),
and Belief in a Just World (BJW), and characteristics of the mentally ill predict such prejudices.
Both in a general population sample and a sample of health professionals and trainees, SDO, but
not RWA and BJW, predicted more prejudice, although this pattern was less pronounced among
health professionals/trainees. BJW interacted with the targets’ gender in Study 1, predicting less
empathy toward a male but not toward a female mentally ill person. In Study 2, depressed individuals
were blamed more for their illness than those with schizophrenia or cancer. Implications for
future research and clinical practice are discussed