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Das Schulmuseum der Universität Hildesheim - Jahresrückblick 2025
Der Jahresrückblick berichtet für das Jahr 2025 von den den Aktivitäten des Schulmuseums der Universität Hildesheim in den Bereichen Besuchsservice, elektronische Publikationen, Kooperationen und Bestandserschließung
Stichtagserhebung im Maßregelvollzug nach § 64 Strafgesetzbuch (StGB) Die Untersuchung von Veränderungen und aktuellen Herausforderungen in der Entziehungsanstalt
Trotz der zunehmenden Bedeutung der Entziehungsanstalten gemäß § 64 Strafgesetzbuch (StGB) im deutschen Sanktionensystem, liegen bisher kaum flächendeckende wissenschaftliche Studien zu den Behandlungsumständen und den Gelingensbedingungen der Behandlung in den forensischen Suchtkliniken vor. Das Ziel dieser Dissertationsschrift besteht darin zu einem Erkenntnisfortschritt in der forensischen Versorgungsforschung beizutragen. Die vorliegende kumulative Arbeit umfasst fünf eigenständige Beiträge, die alle in dem Forschungsprojekt Deutschlandweite Stichtagserhebung im Maßregelvollzug nach § 64 StGB entstanden sind. Der Fokus innerhalb der fünf Einzelarbeiten wurde auf die Analyse der Veränderungen und die Untersuchung aktueller Herausforderungen in der Maßregelvollzugsbehandlung nach § 64 StGB gelegt. In Studie I wurde anhand einer retrospektiven Datenauswertung der Wandel in der Klientel und den Behandlungsumständen in den Entziehungsanstalten zwischen 1995 und 2016 analysiert. Es zeigte sich unter anderem, dass die Anzahl an Patient:innen mit einem Unterbringungsdelikt nach Betäubungsmittelgesetz (BtMG) von 1995 bis 2016 deutlich anstieg und aktuell circa ein Drittel der Gesamtpopulation in den forensischen Suchtkliniken darstellt. Der klinische Eindruck, dass sich die Patient:innen mit einem Unterbringungsdelikt nach BtMG und hohen parallel verhängten Freiheitsstrafen im Vergleich zu der restlichen Population in den Entziehungsanstalten deutlich in sozialen, kognitiven sowie störungsbezogenen Faktoren unterscheiden, konnte durch die Ergebnisse in Studie IV bestätigt werden. Eine Besonderheit des § 64 StGB stellt die Vorhersage einer positiven Behandlungsprognose zum Zeitpunkt des Erkenntnisverfahrens als Anordnungsvoraussetzung dar. Studie II hatte zum Ziel mit den limitierten Informationen, die Sachverständigen zum Zeitpunkt des Erkenntnisverfahren bekannt sein können, bedeutsame Prädiktoren für die Vorhersage des Behandlungsoutcome zu ermitteln. In der Untersuchung konnte anhand anamnestischer personenbezogener und delinquenzbezogener Variablen etwa 24 % der Varianz in dem Behandlungsergebnis vorhergesagt werden. Mit der Aussicht auf eine bevorstehende Novellierung des § 64 StGB im Jahr 2023 forderte eine aus Fachleuten bestehende Task-Force Behandlungswilligkeit und Therapiemotivation als obligatorische Unterbringungsvoraussetzungen in den § 64 StGB zu implementierten. In Studie III wurde dieser Vorschlag aus motivationspsychologischer und psychotherapeutischer Sicht sowie auf empirischer Datenbasis kritisch diskutiert. Studie V beschäftigte sich mit der Möglichkeit der frühzeitigen Detektion einer Risikopopulation für therapieschädigendes Verhalten. Als therapieschädliches Verhalten wurden Suchtmittelkonsum während der Behandlung, aktive und passive Entweichungen sowie schwerwiegende disziplinarische Vorfälle definiert. Eine schrittweise logistische Regressionsanalyse führte zu einem signifikanten Modell zur Vorhersage therapieherausfordernden Verhaltens bei Maßregelvollzugspatient:innen und umfasste final sieben Variablen (Alter, Impulsivität, primäre Substanzkonsumstörung, aktuelle Substitution, Dauer der Parallelstrafe, Therapiemotivation und Zuverlässigkeit in der Therapieteilnahme). Die Ergebnisse der Studien I bis V sollen einerseits zu einem Erkenntnisfortschritt auf theoretischer Ebene im Bereich der forensischen Versorgungsforschung beitragen sowie andererseits auch auf anwendungsbezogener klinisch-praktischer Ebene neue Perspektiven und Möglichkeiten in der Behandlung suchtkranker Straftäter:innen anregen. Für die Zukunft ist eine prospektive Längsschnittstudie zur deliktischen Rückfälligkeit von aus der Entziehungsanstalt entlassenen Patient:innen zur Evaluation der Wirksamkeit forensischer Suchtbehandlung geplant
Wie spezifisch ist Kriminalitätsfurcht? Eine vergleichende Analyse situativer und dispositionaler Ängste im Kontext allgemeiner und existenzieller Ängste
Ziel der vorliegenden Dissertation ist es, das Konstrukt Kriminalitätsfurcht – also die Angst, Opfer einer Straftat zu werden – theoretisch zu präzisieren und empirisch zu prüfen. Obwohl bereits zahlreiche Forschungsarbeiten existieren, ist nicht abschließend geklärt, ob Kriminalitäts-furcht eine spezifische Angst darstellt oder nicht. Zur Erweiterung dieses Forschungsstandes wurde eine Sekundäranalyse mit Daten einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage vorgenom-men und zwei experimentelle Studien wurden durchgeführt. Ein Schwerpunkt dieser Studien lag daher auf der Messung und Prüfung der Abgrenzbarkeit dieses Konstrukts sowie auf des-sen Zusammenhang mit anderen Ängsten. Sowohl die repräsentative Bevölkerungsumfrage (Studie I) als auch die experimentellen Studien (Studie II und III) zeigten durch geringe Korrela-tionen zwischen Kriminalitätsfurcht und anderen Ängsten empirische Hinweise auf die Eigen-ständigkeit des Konstrukts Kriminalitätsfurcht. Dies bietet eine Grundlage für gezielte Präven-tions- und Interventionsmaßnahmen sowie mögliche Therapieansätze zur Reduzierung von Kriminalitätsfurcht. Um das Konstrukt präziser zu messen, wurde neben der dispositionalen Erfassung mittels Fragebögen auch eine situative Messung hinzugezogen. Hierfür wurden Videovignetten (Studie II) und Textvignetten (Studie III) entwickelt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich diese Vignetten zur Erfassung von Kriminalitätsfurcht eignen. Zwar erwies sich die situative Messung nicht als präziser oder spezifischer als ursprünglich angenommen, den-noch stützen die Ergebnisse die Annahme, dass Kriminalitätsfurcht eine spezifische Angst darstellt
Welches Foto schaut dich an? Shirin Abedi, Cihan Çakmak, Hannah Darabi, Raisan Hameed, Aslı Özdemir
Die Publikation geht der titelgebenden Frage und der gleichnamigen Ausstellung Welches Foto schaut dich an? nach, die im Kunstverein Hildesheim vom 12.04.2024 – 06.06.2024 gezeigt wurde. Die Kurator*innen und Kunstvermittler*innen nehmen darin Bezug auf Katja Petrowskajas Blick. Ihre Herangehensweise Fotografien zu begegnen und über diese zu schreiben wird zur Methode. Die in der Ausstellung präsentierten Künstler*innen Shirin Abedi, Cihan Çakmak, Hannah Darabi, Raisan Hameed, Aslı Özdemir zeigen in ihren Fotografien direkte Blicke aus Selbstportraits, künstlerisch-dokumentarische Einblicke in Orte und Situationen, inszenierte Rückblicke in Familienarchive, aber auch verschlüsselte und abstrakte Perspektiven. Die Themen bewegen sich in einem Spannungsfeld von Anpassung und Widerständigkeit, persönlicher und kollektiver Geschichte sowie Vergangenheit und Gegenwart. Diese Publikation vereint Texte über die Ausstellung, die Kunstwerke und die Künstler*innen, die Vermittlung, Interviews aus Gesprächen mit den Künstler*innen Hannah Darabi, Raisan Hameed und Aslı Özdemir und mit der Autorin Katja Petrowskaja sowie ein Vorwort von Christin Müller
Athen als Beispiel griechischer Poleis in der antiken griechischen Poleiswelt und -gesellschaft
In der Moderne werden politische Gemeinschaften zwischen mehreren Individuen als Staat bezeichnet. In der Antike gab es ebenfalls Lebensgemeinschaft zwischen mehreren Individuen, die sich jedoch politisch, wirtschaftlich und sozial von modernen Staaten maßgeblich unterschieden. In antiken, durch die griechische Kultur geprägten Siedlungsräumen wurden besagte Lebensgemeinschaften als Polis bezeichnet. Die politische Struktur einer Polis war jedoch nicht überall gleich, sondern konnte sich in Abhängigkeit von der jeweiligen Ausgestaltung des Zusammenlebens der Einwohnerschaft durchaus unterscheiden. Die moderne griechische Hauptstadt Athen war eine der bekanntesten Poleis in der antiken griechischen Welt. Inwiefern sie als repräsentativ für die Poliswelt und -gesellschaft des antiken Griechenlands gelten kann, ist die Fragestellung der folgenden Untersuchung
Wege zu einer intersektionalen und inklusiven pädagogischen Praxis in der Begleitung von Kindern und Familien mit Fluchterfahrung Arbeitsmaterialien für die fallorientierte Lehre
Flucht- und Migrationserfahrungen sind kein Randphänomen, sondern Teil der Realität vieler Kinder und Familien, die in Deutschland leben. Kindheitspädagogik kann sich dieser Realität nicht verschließen, sondern wird in dieser Broschüre zu einer diskriminierungskritischen und inklusiven Praxis ermutigt. Entsprechend rahmen Flucht- und Migrationsdiskurse, Kindheitsbilder und rassismuskritische Perspektiven das Grundlagenwissen, welches die Akteur*innenschaft von Kindern nicht vernachlässigt sowie an intersektionale und inklusive pädagogische Perspektiven anschließt. Die vorgestellten Fallvignetten basieren auf einem ethnografischen Forschungsprojekt und bieten Einblicke in die Erfahrungen von geflüchteten Kindern und Familien. Diese werden durch ergänzende didaktische Anregungen aus Praxisprojekten mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen sowie Zugänge über neue Medien erweitert und vertieft. Der Mix an fachlichen Grundlagen, Reflexionsmöglichkeiten und machtkritischer Sensibilität in der Gestaltung von Lehr-Lernsettings bietet einen kritischen Zugang zu den Lebenswelten von Kindern mit Fluchterfahrung und deren Begleitung. Die Broschüre verfolgt das Ziel, die Handlungsfähigkeit von pädagogischen Fachkräften diversitätsbewusst und diskriminierungskritisch zu stärken und rahmt dies vielseitig für Dozierende und pädagogische Fachkräfte, die zu Fluchtmigration, Kindheit und Pädagogik referieren und arbeiten (wollen)
Species Conservation in the Light of Evolutionary Processes and a Changing Environment - The Mouse Lemurs of Northeastern Madagascar
Madagascar's exceptional biodiversity is characterized by high rates of endemic species and has been shaped by the island's long isolation from other landmasses, its complex topography, and its climatic variability over space and time. Often referred to as a "laboratory of evolution," Madagascar provides a unique opportunity to study the drivers of speciation within a distinct and well-defined setting. However, much of its remarkable species and habitat richness is now under severe threat from land-use changes, climate change, and the direct exploitation of its natural resources.
This thesis explores the evolutionary history of mouse lemurs in northeastern Madagascar and aims to identify generalizable patterns of speciation across taxa to assess their implications for species conservation along the island's humid east coast. Mouse lemurs (Microcebus, Cheirogaleidae) are small-bodied, cryptic and nocturnal strepsirrhine primates and comprise 19 different species today. Northeastern Madagascar as a study region harbors four of these species, represents the last remaining lowland rainforest on the island and thereby allows for an in-depth and simultaneous analysis of different evolutionary drivers among closely related species. This thesis is arranged in three main chapters with each providing two empirical studies:
Studies 1 and 2 (chapter 2) explore the regional challenges for species conservation by investigating the history of land cover changes using remote sensing data and predictive modelling (study 1). Forest cover in northeastern Madagascar declined by 21% between 1990 and 2018 due to shifting cultivation for staple crop production. Major drivers for deforestation were the proximity to the forest edge, a missing status of formal protection and a housing sprawl towards the forest frontier. The predicted continuing loss of forests as major habitat type of the region poses significant threats to its species richness However, northeastern Madagascar is still poorly assessed concerning its biodiversity. New species are still being described, like Jonah’s mouse lemur (M. jonahi), that was at the moment of its scientific discovery already considered as threatened with extinction (study 2). Its distinctiveness from other mouse lemurs is based on unique morphological features, particularly in head-associated variables, and genomic differences.
Studies 3 and 4 (chapter 3) are devoted to the ecological plasticity and dispersal abilities of mouse lemurs to investigate the biotic and abiotic foundation behind their modern distributions in the study region. Genus-wide morphological variability is mostly driven by phylogenetic relatedness and ecogeographic relationships like Allen’s rule or a pattern contrary to Bergmann’s rule (study 3). Wider distributions thereby even promote morphological variability within species. One of these is M. lehilahytsara, which has the second largest range of all mouse lemurs. Within the local setting of northeastern Madagascar, it further has the largest bioclimatic niche space, the most variable use of microhabitats and the highest adaptability towards anthropogenic habitat disturbance. Locally restricted species in contrast have much smaller niche spaces and likely provide less adaptive potential towards environmental changes. Niche adjustment of M. lehilahytsara allows for coexistence with M. jonahi. In contrast, likely competition for critical resources like sleeping sites in forest-derived habitats is maintaining allopatry of M. jonahi and M. simmonsi at a place without a geographic barrier. Lastly, M. macarthurii represent a locally restricted micro-endemic.
Studies 5 and 6 (chapter 4) explore the interaction of landscape and species evolution by integrating the phylogeographic perspective, the role of riverine barriers and paleoclimatic refugia into the diversification history of the four mouse lemur species of the region. Rivers were thereby characterized using a suite of geomorphological variables of which the maximum elevation of the watershed, flow accumulation and concavity of the longitudinal river profile had the highest impact on species turnover rates of lemurs, amphibians and reptiles in general (study 5). Topographic depressions in proximity to the major rivers were hypothesized as potential riparian wetland refugia during times of paleoclimatic aridity (i.e., the glacial maxima of the Pleistocene). River barriers, the location of potential refugia and landscape heterogeneity were finally distinguished as the major drivers behind the modern phylogeography of the mouse lemurs of the region (study 6). M. lehilahytsara colonized the region from south to north using the central highlands as a primary dispersal route. M. jonahi likely retreated to a refuge in the southern part of the region at the penultimate glacial maximum of the Pleistocene and colonized the region from there northwards, by showing a stronger impact of riverine barriers on its population structure. M. macarthurii is confined to a single inter-river system from which it did not successfully colonize any other area. M. simmonsi instead shows an unexpected distribution pattern that is best explained by northwards dispersal during times of decreased sea levels at the last glacial maximum.
By synthesizing the findings of these studies, three key findings emerge: (1) the identification of Pleistocene refugia using geomorphological approaches helps to understand diversification and colonization histories, (2) the distinction between lowland and highland dispersers provides insights into two major colonization scenarios following speciation, and (3) the intricate evolutionary history and diversity of mouse lemurs in northeastern Madagascar underscores concerns about biodiversity loss in the heavily deforested regions along the island's humid east coast. Pleistocene refugia at times of aridity (i.e., glacial maxima), were pinpointed to topographic depressions and confluence points of rivers with high elevation sources that are today found below sea level that could have provided riparian wetlands. Littoral forests within the extensive coastal plains during lowered sea levels could have further provided significant habitat within the lowlands of the region. Lowland dispersers could have used these refugia to persist in the environmentally unpredictable lowlands and to colonize other inter-river systems during times of aridity and reduced barrier function of the major rivers. Highland dispersers instead may have primarily used times of forest expansion (i.e., interglacial periods) to colonize new regions where they persisted if refugia during subsequent glacial maxima were present and vanished if not. This complexity was only revealed because lowland rainforests still exist in northeastern Madagascar, unlike about ¾ of the once forested east coast of the island, which were largely deforested more than 50 years ago. This not only questions the accuracy of biodiversity assessments in Madagascar in general, as most taxonomic and biogeographic work has been conducted after the deforestation happened, but urgently calls for the conservation of the last remaining lowland rainforests on the island to prevent further extinctions and to preserve its evolutionary history.Die außergewöhnliche Biodiversität Madagaskars ist durch eine hohe Anzahl endemischer Arten geprägt und das Ergebnis einer langen Isolation der Insel, ihrer komplexen Topographie und der klimatischen Variabilität in Zeit und Raum. Als „Labor der Evolution“ bietet Madagaskar eine einzigartige Möglichkeit, die Mechanismen der Evolution in einem klar definierten Umfeld zu untersuchen. Die beeindruckende Artenvielfalt auf der Insel ist jedoch stark durch Landnutzungsänderungen, den Klimawandel und die Übernutzung natürlicher Ressourcen bedroht.
Diese Arbeit untersucht die Evolutionsgeschichte der Mausmakis (Microcebus, Cheirogaleidae) im Nordosten Madagaskars, mit dem Ziel, generalisierbare Muster in Hinsicht auf die Entstehung von Arten und deren Ausbreitung in der Landschaft aufzuzeigen. Die Gattung der Mausmakis beinhaltet 19 verschiedene Arten, die sich alle durch ihre geringe Größe, Nachtaktivität und geringe morphologische Unterschiede auszeichnen. Vier dieser Arten kommen im Untersuchungsgebiet im Nordosten Madagaskars vor. Die Region beherbergt darüber hinaus den letzten zusammenhängenden Tieflandregenwald der Insel, und erlaubt dadurch die Analyse evolutionärer Faktoren bei eng verwandten Arten bei möglichst geringem Einfluss anthropogener Landnutzungsveränderungen. Die Arbeit gliedert sich in drei Hauptkapitel mit jeweils zwei empirischen Studien:
Die Studien 1 und 2 (Kapitel 2) untersuchen die regionalen Herausforderungen des Artenschutzes im Nordosten Madagaskars. Die Analyse der Landnutzung anhand von Fernerkundungsdaten und Vorhersagemodellen zeigt, dass die Waldbedeckung im Untersuchungsgebiet zwischen 1990 und 2018 um 21 % zurückging, was vor allem auf den Wanderfeldbau zurückzuführen ist (Studie 1). Triebkräfte des Waldverlustes sind die Nähe zu Waldrändern, fehlender Schutzstatus und die Zersiedelung der Landschaft. Dieser Verlust stellt eine erhebliche Bedrohung für teilweise noch unerforschte Biodiversität dar. So werden beispielsweise weiterhin neue Arten wissenschaftlich beschrieben, die zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung bereits als vom Aussterben bedroht eingestuft werden (Studie 2). So auch Jonahs Mausmaki (M. jonahi). Die Art kommt nur in einem kleinen Teil der Region vor und unterscheidet sich durch einzigartige morphologische und genomische Merkmale von anderen benachbarten Arten.
Die Studien 3 und 4 (Kapitel 3) widmen sich der ökologischen Plastizität und den Ausbreitungsfähigkeiten der Mausmakis sowie den biotischen und abiotischen Faktoren, die ihre Verbreitung bestimmen. Morphologische Variabilität innerhalb dieser kryptischen Gattung wird maßgeblich durch phylogenetische Verwandtschaft und ökogeographische Regeln wie die Allensche Regel oder ein der Bergmannschen Regel entgegengesetztes Muster beeinflusst (Studie 3). Arten mit größeren Verbreitungsgebieten zeigen dabei sogar eine höhere morphologische Variabilität. Besonders hervorzuheben ist M. lehilahytsara, die anpassungsfähigste Art der Region, mit der größten bioklimatischen Nische und der höchsten Toleranz gegenüber anthropogenen Lebensraumveränderungen. Im Gegensatz dazu haben lokal begrenzte Arten wie M. macarthurii kleinere Nischen und ein geringeres Anpassungspotenzial (Studie 4). Die Anpassung der ökologischen Nische durch die ökologisch plastische Art M. lehilahytsara ermöglicht dabei die Koexistenz mit M. jonahi, während die Konkurrenz um Ressourcen wie Schlafplätze die Allopatrie zwischen M. jonahi und M. simmonsi aufrechterhält.
Die Studien 5 und 6 (Kapitel 4) stellen die Wechselwirkungen zwischen Landschafts- und Artentwicklung in den Fokus. Die Untersuchung von geomorphologischen Merkmalen der großen Flüsse entlang der Ostküste Madagaskars zeigen, dass Variablen wie die maximale Höhe des Wassereinzugsgebiets, die Abflussakkumulation und die Konkavität des Flusslängsprofils den Artenwechsel über Flüsse hinweg bei Lemuren, Amphibien und Reptilien maßgeblich beeinflussen. Flussbarrieren, paläoklimatische Refugien und die Heterogenität der Landschaft erweisen sich als entscheidende Faktoren für die Diversifizierungsgeschichte der Mausmakis. M. lehilahytsara nutzte so zum Beispiel das zentrale Hochland als Hauptausbreitungsroute von Süden nach Norden, wohingegen sich M. jonahi während des vorletzten glazialen Maximums in ein südliches Refugium zurückzog und sich später wieder nach Norden ausbreitete. Im Gegensatz dazu ist M. macarthurii auf ein kleines Gebiet zwischen zwei großen Flüssen beschränkt, aus dem sich diese Art bisher nicht erfolgreich verbreiten konnte. M. simmonsi zeigt hingegen ein unerwartetes Verbreitungsmuster, das durch die Überquerung einer Flussbarriere nach Norden hin am besten zu Zeiten eines geringeren Meeresspiegels während der letzten Eiszeit erklärt werden kann.
Durch die Synthese dieser Studien lassen sich drei zentrale Muster erkennen: (1) Die Identifikation pleistozäner Refugien liefert einen Erklärungsansatz zum Verständnis von Diversifikations- und Besiedlungsgeschichten, (2) die Unterscheidung zwischen Tiefland- und Hochlandbesiedlern ermöglicht Einblicke in zwei wesentliche Ausbreitungsszenarien, und (3) die komplexe Evolutionsgeschichte der Mausmakis im Nordosten Madagaskars wirft die Frage auf, inwieweit eine ähnliche Biodiversität und Evolutionsgeschichte entlang der größtenteils entwaldeten Ostküste Madagaskar bereits verloren gegangen ist. Pleistozäne Refugien in Zeiten erhöhter Trockenheit (z. B. während glazialer Maxima) konnten in mehreren Bereichen lokalisiert werden. Hierzu zählen topografische Senken in der Landschaft sowie die weiten Ebenen entlang der Küsten zu Zeiten reduzierter Meereshöhe, die die Ausbildung von Feuchtgebieten und Küstenwäldern begünstigt haben könnten. Einige Arten konnten wahrscheinlich derartige Refugien nutzen, um im Tiefland zu überdauern und bei verminderter Barrierewirkung der großen Flüsse weitere Teile der Ostküste zu besiedeln (z.B. M. jonahi). Im Gegensatz dazu haben sich andere Arten wie M. lehilahytsara über das Hochland ausgebreitet, was besonders in Zeiten der Waldausdehnung während der Interglazialen möglich war. Letztlich konnte die hier beschriebene Komplexität und Biodiversität nur aufgedeckt werden, weil die Tieflandregenwälder im Nordosten Madagaskars noch vorhanden sind. Dies gilt nicht für etwa ¾ der madagassischen Ostküste, wo derartige Wälder bereits vor 50 Jahren verschwunden sind. Dieser Verlust stellt nicht nur die Belastbarkeit von Biodiversitätsbewertungen in Madagaskar infrage, da die meisten taxonomischen und biogeographischen Untersuchungen erst nach der Entwaldung durchgeführt wurden, sondern macht auch deutlich, wie dringend der Schutz der letzten verbleibenden Tieflandregenwälder auf der Insel ist, um weitere Aussterbeereignisse zu verhindern und die einzigartige Evolutionsgeschichte Madagaskars zu erhalten
Ghana Gospel Christian Popular Music, Ritual, and Media in Twenty-First-Century West Africa
This book is the first monograph that examines gospel music in Ghana. Gospel music in Ghana combines elements of local traditions and global pop music. It plays an important role in the worship services of charismatic churches as well as in the everyday lives of Christian believers. In his ethnography, Carl investigates the performance and reception of gospel in a variety of contexts and demonstrates its significance in an age of digitization, economic liberalization, and cultural globalization
Careleaver und Finanzen: Tipps für eine gute Begleitung von der Jugendhilfe in die Selbständigkeit Ein finanzieller Ratgeber für Sozialarbeiter:innen, Sozialpädagog:innen, Erzieher:innen und Pflegeeltern
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https://doi.org/10.25528/32
Perspektiventriangulation: „Kind-Sein“ aus Sicht von unbegleiteten Kindern mit Fluchterfahrung und ihren Pflegeeltern in der Schweiz
Der Beitrag schlägt das Vorgehen einer Perspektiventriangulation von Personengruppen im Sinne einer Rekonstruktion wechselseitiger aufeinander bezogener Akteursperspektiven vor. Dabei greift sie auf die Studie „Unbegleitete minderjährige Geflüchtete in institutioneller Betreuung: Chancen und Herausforderungen“ (Mörgen/Rieker 2021 und 2022) zurück, die die (institutionelle) Unterbringung und Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten untersuchte, wobei die Spannungsverhältnisse von Fürsorge und Zwang im Fokus standen