OJS Bayreuth
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Claims Purchasing - schnell, einfach, teuer?
Ein effektiver Rechtsschutz auch bei geringen Streitwerten darf kein Luxusgut sein - Legal Tech-Anbieter haben in den letzten Jahren deshalb Geschäftsmodelle entwickelt, mit denen sie ein kostengünstiges Vorgehen auch bei geringwertigen Ansprüchen ermöglichen. Eines dieser Geschäftsmodelle ist das sogenannte "Claims Purchasing", das als direktes Aufkaufen des Anspruchs auf den ersten Blick besonders schnell und einfach scheint. Claims Purchaser sind jedoch wirtschaftlich handelnde Unternehmen, bei denen die Interessen der Rechtssuchenden nur selten aus intrinsischer Motivation an erster Stelle stehen.
Der Beitrag untersucht deshalb anhand der momentanen Geschäftspraxis, dem bestehenden Potenzial und der derzeitigen Regulierung, inwieweit Claims Purchasing für Verbraucher und Unternehmen tatsächlich einen schnellen und einfachen Zugang zum Recht darstellt - oder wie ein angemessen reguliertes Claims Purchasing diesen zumindest in Zukunft gewähren könnte. Von zentraler Bedeutung ist dabei das Begriffsverständnis des Claims Purchasings, das Grundvoraussetzung für eine passgenaue Regulierung ist
Gesamtkunstwerk Musical? Zwischen Fortschrittsglauben und (nach-) postmodernen Potenzialen
Unter dem Lemma „Musical“ lässt sich in der Wikipedia lesen, dass es sich bei diesem Genre des Musiktheaters schlechthin um ein „Gesamtkunstwerk“ handele. Diese Bezeichnung erscheint auf den ersten Blick mehr als fragwürdig. Der Begriff des Gesamtkunstwerks, wie ihn vor allem Richard Wagner etabliert hat, zielte nicht nur formell auf eine Verbindung unterschiedlicher Kunstformen, sondern darüber hinaus auf eine Synthese von Kunstwerk und Leben. Doch sind begriffliche Konfusionen dieser Art auch immer symptomatisch und haben Verweischarakter, den man ignorieren oder aufgreifen kann. So scheint auch die Beschreibung des Musicals als „Gesamtkunstwerk“ zeichenhaft in einer Zeit, in der das Utopisch-revolutionäre, wie es die klassische Avantgarde noch eingefordert hat, postmoderner Polyperspektivität gewichen ist.
Diese Entwicklung betrifft nicht nur Formen des Musiktheaters, zeigt sich hier jedoch in besonderer Weise, da die Bühne (z.B. im Gegensatz zu Tonträgern/Streams) als konstitutives Ereignis-Medium, performativ im „Hier und Jetzt“, zwischen sowie durch Menschen wirkt. Damit wird sie zum direkten Verhandlungsort ästhetischen Materials, das gesellschaftliche Normen, Sehnsüchte und Ideologien spiegelt. Was zeigen uns aktuelle deutsche Musical-Produktionen in dieser Hinsicht und können diese überhaupt mit einem Materialbegriff, wie ihn Adorno musiktheoretisch geprägt hat, analysiert werden? Kann vom Musical unter den heutigen Vorzeichen als einem „Gesamtkunstwerk“ gesprochen werden, befreit von avantgardistischem Pathos und kultischer Aura? Handelt es sich hierbei um „All inclusive“-Angebote im doppelten Sinne: Von allem etwas, für alle – und liegt gerade darin, jenseits vergangener Fortschritts-Aporien, ein progressives Potenzial?According to the german Wikipedia, Musical theatre as a genre of music theater is a „Gesamtkunstwerk“. At first glance, this label seems more than questionable. The concept of the Gesamtkunstwerk, as established in particular by Richard Wagner, intended not only a combination of different art forms, but moreover a synthesis of the work of art and life.
This kind of conceptual confusions are often symptomatic and refer to something that can be ignored or examined more closely. Thus, the description of the musical as a „Gesamtkunstwerk“ seems significant for an age in which the utopian-revolutionary, as demanded by the classical avant-garde, has made way for postmodern polyperspectivity. This tendency does not only apply to forms of musical theater, but is particularly evident here, since the stage (in contrast to recording media and streaming, for example) is a constitutive medium of performative events in the „here and now“, effective between and through people. This makes it a discursive place of aesthetic material that reflects social norms, desires, and ideologies.
What do current musical productions show us in this respect, and can they be analyzed at all with a concept of „material“ as shaped by Adorno in music theory? Can we really speak of the musical under today’s conditions as a „Gesamtkunstwerk“, freed from avant-garde pathos and a cultic aura? Are we dealing here with „all inclusive” offerings in a double sense: something of everything, for everyone – and does a progressive potential lie precisely in this, beyond past aporias of progress
Interviews zum Schwerpunkt mit Dr. Martin Fries und Dr. Florian Skupin
Für unseren Schwerpunkt haben wir zwei Interviews mit Dr. Martin Fries und Dr. Florian Skupin geführt. Sie haben mit uns z.B. über die Digitalisierung im Bezug auf Vertragstexte, Legal-Tech und den technischen Wandel in der Praxis gesprochen
Musical im deutschsprachigen Raum - Editorial
Seit Jahrzehnten ist das Musical ein fester Bestandteil der deutschsprachigen Kulturlandschaft. Egal ob Stücke aus dem In- oder Ausland, die Gattung ist aus den hiesigen Spielplänen nicht mehr wegzudenken: von den großen kommerziellen Bühnen in Metropolen über alle Formen des öffentlich getragenen Theaters bis hin zu semi-professionellen Festivals in der Provinz.
Die Erforschung dieser Gattung hingegen steht nicht nur in Deutschland noch am Anfang, in der Forschungslandschaft ist Musical im Allgemeinen und Musical im deutschsprachigen Raum im Besonderen noch eine Randerscheinung. Sammelpublikationen sind rar gesät, Forschungsbeiträge finden sich vor allem vereinzelt. Dabei drängt sich eine Vielzahl an Fragen förmlich auf zu
Struktur und Geschichte: Wie fügt sich vor allem das U.S.-amerikanische Musical, das aus einem gänzlich anderen Produktionssystem stammt, in unseren Theateralltag ein? Auf welche vorhandenen Strukturen ist die Gattung im Nachkriegs-Deutschland getroffen? Welche Strukturen haben sich seitdem gebildet, um ausländische wie originär deutschsprachige Stücke auf die Bühne zu bringen und die Entwicklung des Musicals hierzulande zu fördern? Wie steht es um die Ausbildung für diese Musiktheatergattung?
Werke und Repertoire: Was bedeutet der Begriff „Musical“ im deutschsprachigen Raum? Wie hat sich das Repertoire entwickelt? Welche dramaturgischen, thematischen und musikalischen Tendenzen sind in deutschsprachigen Werken auszumachen?
Publikum und Rezeption: Wie sieht das Musical-Publikum aus? Kann man von ‚dem‘ Musical-Publikum sprechen? Lockt Musical tatsächlich Menschen ins Theater, die diesem bisher eher fernbleiben? Wie gestaltet sich Musical-Fandom? Welche Rolle spielen das Internet und soziale Medien dabei? Wie wird deutschsprachiges Musical im Ausland rezipiert?
Wirtschaft und Region: Wie wirtschaftlich ist Musical? Kann es den Ruf als vielfach beschworene Cash-Cow erfüllen? Welche Rolle spielt Musical in touristischen Konzepten? Welches Potenzial ergibt sich für die regionale Entwicklung?
Diese Diversität der Fragen, deren Beantwortung erst teilweise begonnen hat, schlägt sich in dieser Ausgabe von ACT nieder. Mit den Wegen, auf denen das U.S.-amerikanische Musical in den deutschsprachigen Raum fand, beschäftigt sich Dr. Susanne Scheiblhofer in Ihrem Artikel „Zwischen Nachkriegspropaganda, Kulturimperialismus und Kulturkritik: Marcel Prawys Lecture-Performances am Wiener Kosmos-Theater Anfang der 50er Jahre“. Sie zeichnet nicht nur Prawys Auseinandersetzung mit dem U.S.-amerikanischen Musical und seinen persönlichen Werdegang nach, der noch in Österreich auf das höchste mit der U.S.-amerikanischen Regierung und damit auch Propaganda verknüpft war. Sie sichtete zudem erst kürzlich archiviertes Material aus Marcel Prawys Nachlass und konnte so einen ersten Einblick verschaffen, welche Stücke für die Programme ausgewählt wurden, auf welche Art und Weise Prawy die Konventionen der in Wien neuen Gattung den Einheimischen näherbrachte und welches Bild von den USA vermittelt wurde. Gerade die allzu propagandistisch wirkende Vermittlung des American Way of Life führte jedoch zu einer Ablehnung der Gattung, die potenziell bis heute nachwirkt.
Auch Christian Wegerich beschäftigt sich in seinem Artikel „Gesamtkunstwerk Musical? Zwischen Fortschrittsglauben und (nach-)postmodernen Potenzialen“ mit den Widerständen, auf die das Musical im deutschsprachigen Raum bis heute trifft. Als Ausgangspunkt dient ihm die häufig bemühte Bezeichnung des Musicals als „Gesamtkunstwerk“, die er nicht als Beschreibung im Sinne der Verschmelzung der Künste, sondern unter der Prämisse des Utopisch-Revolutionären beleuchtet. Elementarer Teil der Theorien zu musikalischem und künstlerischem Fortschritt sind Adornos Schriften, dessen Ablehnung des Jazz – ein zentrales Element des frühen U.S.-amerikanischen Musicals – nahezu legendär ist und beim Umgang mit breitenwirksamen Kulturgütern bis heute nachwirkt. Durch den Abgleich der Theorie mit der Praxis werden jedoch Parallelen und vor allem Möglichkeiten für die Gattung Musical offenbar.
Zuletzt wagt Agnes Wiener den Sprung ins Heute. Mit „‚Ey, was is das denn für ’n Projekt, Mann?!‘ – Fack ju Göhte im WERK7 theater als Experiment für das neue deutsche Musical“ beleuchtet sie zum einen das sogenannte contemporary musical in seiner U.S.-amerikanischen Ausprägung und analysiert, inwiefern sich die Musicaladaption Fack ju Göhte (2018) darin einreiht. Darüber hinaus weist sie auf, mit welchen Strategien die Produktionsfirma Stage Entertainment versuchte, durch Fack ju Göhte den Weg für das contemporary musical im deutschsprachigen Raum zu ebnen und geht dabei sowohl lauf den Entwicklungsprozess als auch auf den Versuch, einen neuen Theaterraum in München zu etablieren, ein.
Diese thematisch wie methodologisch breit gefächerte Ausgabe von ACT stellt einen zwar kleinen, doch impulsgebenden Schritt in Richtung Beantwortung der eingangs aufgelisteten Fragen dar und soll zur weiteren Forschung anregen. Unser großer Dank gilt allen Autor*innen und den Kolleg*innen, die im Peer-Review-Verfahren an dieser Ausgabe mitgewirkt haben. Außerdem danken wir unserem Kollegen Dominik Frank und unserer studentischen Hilfskraft Annabell Strobel, die die Redaktion dieser Ausgabe entscheidend mitgetragen haben
Mandoline als musikpolitischer Mikrokosmos: Didaktische Erwägungen und Material zur Behandlung der Mandoline im ‚III. Reich‘ in der Gymnasialen Oberstufe
§ 40 Ia LFGB: Vier Jahre nach der Entscheidung des BVerfG und nach vielen weiteren gesetzgeberischen, fachgerichtlichen und vollzugspraktischen Nachschärfungen: Sind nun alle Probleme gelöst?
Der Beitrag befasst sich mit der Vorschrift des § 40 Abs. 1a LFGB, die Behörden zur antragsunabhängigen Öffentlichkeitsinformation über von Lebensmittelunternehmen begangene Rechtsverstöße ermächtigt.
Vor dem Hintergrund der anspruchsvollen verfassungskonformen Handhabung der Norm ist ihre Auslegung in Einzelfragen heftig umstritten – anders ihre Verfassungskonformität überhaupt, die das BVerfG mit seinem Beschluss 1 BvF 1/13 vom 21.3.2018 bestätigt hat.
Es wird der Frage nachgegangen, ob nach zahlreichen gesetzgeberischen, fachgerichtlichen und vollzugspraktischen Nachschärfungen nunmehr alle Probleme gelöst sind
Ökonomische Analyse von anwaltlichen Erfolgshonoraren
Die folgende Arbeit versucht, die ökonomischen Kosten und Nutzen von Erfolgshonoraren zu ermitteln und beschäftigt sich mit der Frage, welchen Effekt anwaltliche Erfolgshonorare auf das Verhalten von Mandanten und ihre Anwälten haben
„Ey, was is das denn für ’n Projekt, Mann?!“ – Fack ju Göhte im WERK7 theater als Experiment für das neue deutsche Musical
„Warum muss man aus allem ein Musical machen?“ Diese Frage kursierte im Sommer 2017 in deutschen Musical-Fankreisen, als die Produktionsfirma Stage Entertainment eine Bühnenadaption des Erfolgsfilms Fack ju Göhte (2013) ankündigte. Mit dem neu eröffneten WERK7 theater, einem ehemaligen Kartoffellager der Pfanni-Fabrik im Münchner Werksviertel, in dem Fack ju Göhte im Januar 2018 Premiere feierte, verband Stage Entertainment die Idee, in Deutschland eine Spielstätte für modernes Musical zu etablieren und mietete das Haus für zwei Jahre. Fack ju Göhte und die Folgeproduktion Die fabelhafte Welt der Amélie (2019) erwiesen sich als Achtungserfolg bei der Kritik. Die Anzahl der Zuschauer*innen, die zum Standort kamen, war jedoch nicht ganz zufriedenstellend, sodass Stage Entertainment den Mietvertrag nicht verlängerte.
Das Musical Fack ju Göhte und ebenso das WERK7 theater stellten aus künstlerischer und wirtschaftlicher Sicht ein Experiment dar. In der ästhetischen und dramaturgischen Konzeption des Musicals wurden Impulse aus dem US-amerikanischen Contemporary Musical und der zeitgenössischen deutschen Popmusik aufgegriffen. Die Produktion stellte außerdem hinsichtlich des Standortes und der Zielgruppe eine Erweiterung des Programms von Stage Entertainment dar.
Anhand von qualitativen Interviews sowie Forschungsliteratur zum US-amerikanischen Contemporary Musical untersucht der Beitrag die Rahmenbedingungen, den Entstehungsprozess sowie die Herausforderungen der Fack ju Göhte-Produktion im WERK7 theater. Außerdem werden inhaltliche und strukturelle Aspekte von Fack ju Göhte im Bezug auf Merkmale des Contemporary Musicals betrachtet. Der Artikel beschreibt ebenso die Vorgehensweisen in der Entwicklung von Musicals und welche Erkenntnisse sich für die Zukunftsperspektiven von original deutschsprachigen Musicals ergeben.„Why does everything have to be turned into a musical? “ In summer 2017, this question was very present in the German musical fanbase, when the production company Stage Entertainment announced a stage adaptation of the successful film Fack ju Göhte (2013). For this project a new theatre called WERK7 theater, which previously had been used by the company Pfanni as a potato warehouse, was opened in a district in Munich where Fack ju Göhte had its premiere in January 2018. Stage Entertainment’s idea was to establish a place where modern musical theatre in Germany could be staged in the future, and the company rented the theater for two years. Both Fack ju Göhte and Amélie (2019) were highly appreciated by the critics. But the number of spectators who came to the location was not satisfying, and so Stage Entertainment did not extend the rental contract for the theatre.
The musical Fack ju Göhte and the WERK7 theater were an experiment both from an artistic and an economic point of view. The aesthetic and dramaturgical concept was influenced by impulses of the Contemporary American Musical and contemporary German pop music. Moreover, the production represents an extension of Stage Entertainment’s repertoire concerning the location and the target audience.
With interviews as well as research literature regarding the Contemporary Musical this article investigates the parameters, the development process and the challenges of the production of Fack ju Göhte in Munich. It further looks at content and structure of the musical relating to the Contemporary Musical. The article also describes the development process of musicals and which conclusions might be drawn with regard to the future prospects of original German musicals
Unmet-Legal-Needs – Eine rechtssoziologische Perspektive auf unbefriedigte Rechtsbedürfnisse in der Bevölkerung
Als Jurist*in kann man es sich schwer vorstellen, wie es ist, wenn man ein rechtliches Problem hat und nicht weiß, wie man damit umgehen sollte. Dennoch ist es evident, dass viele Menschen überall auf der Welt - unabhängig vom Rechtssystem oder der Kultur - regelmäßig rechtlichen Problemen gegenüberstehen, welche sie nicht lösen können. Die Ursachen variieren: kein Geld für den Anwalt, zu lange Verfahrensdauern, kein Vertrauen in eine zufriedenstellende Lösung oder einfach mangelndes Wissen. Für den Staat und den Rechtsdienstleistungsmarkt ist dies eine Gefahr, denn je mehr Menschen Probleme habe, für deren Lösungen sie keine rechtliche Abhilfe suchen oder finden, desto weniger Vertrauen erhält der Rechtsstaat.
Um diesem Problem vorzubeugen, haben viele Länder damit angefangen, unbefriedigte Rechtsbedürfnisse in der Bevölkerung ("unmet-legal-needs") zu messen. In Deutschland wird von vielen Interessensverbänden seit Jahren erfolglos gefordert, dass die Rechtspolitik dem Thema mehr Aufmerksamkeit schenkt, um den Zugang zum Recht zu erhöhen. Die vorliegende Arbeit versucht einen Einblick in die aktuelle Unmet-Legal-Needs-Forschung weltweit zu geben, indem sie das rechtssoziologische Vorgehen solcher Studien erklärt und ausgewählte Länder und deren Erkenntnisse zusammenfasst