Edition Romiosini/CeMoG
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Brief an Ezra Pound
Die Gattung des offenen Briefs blickt auf eine lange Tradition zurück; adressiert an eine meist bekannte Persönlichkeit, war er doch eigentlich – mit einem Augenzwinkern – für ein breiteres Publikum gedacht. Der Adressat war ja durch die Offenlegung des Inhalts nicht mehr der eigentliche – der offene Brief, ein Diskurs der Abwesenheit. Ob Aufruf, Provokation oder Protest, war und ist er eine besondere Form des offenen Dialogs, ein Forum, ein Ansporn zum Austausch. Der offene Brief ist daher ein willkommenes Format für die Edition Romiosini des CeMoG, das sich genau als das versteht: eine Agora, ein Ort des Dialogs und der Zirkulation von Ideen. Die Edition Romiosini veröffentlicht zweimal im Jahr offene Briefe griechischer Autorinnen und Autoren an Kolleginnen und Kollegen jenseits ihrer Grenzen. Der Lyriker Haris Vlavianos befasste sich lange mit dem Werk des umstrittenen Dichters Ezra Pound und übersetzte ihn ins Griechische. Sein offener Brief an ihn ist eine Reflexion über Bewunderung, Anziehung und Abstoßung in einer literarischen Wahlverwandtschaft.Offene Briefe: Haris Vlavianos an Ezra PoundZweisprachige Ausgabe: deutsch und griechisch ("Χάρης Βλαβιανός προς Έζρα Πάουντ") Übersetzung aus dem Griechischen von Torsten Israel
Gesunder Menschenverstand
Wie wird das gesellschaftlich bedingte Erfolgsmodell dem Einzelnen auferlegt? Welche Rolle spielt dabei die Familie? Welcher Spielraum bleibt einem übrig? In Gesunder Menschenverstand aus dem Jahr 1978 bringt der Autor Jorgos Maniotis einen gnadenlosen Kampf zwischen einer despotischen Mutter und ihrem rebellierenden Sohn auf die Bühne.
Sozialer Konformismus und Widerstand, psychische Misshandlung, verbale und körperliche Gewalt bilden den inhaltlichen Kern des Stückes, um den sich weitere Themen gruppieren: das Erwachen der Persönlichkeit und der Wunsch nach Selbstbestimmung in der Pubertät; das auf Konkurrenz basierende Schulsystem und dessen Druck auf die instabile Psyche der Jugendlichen; die Entwicklung einer Paarbeziehung und deren Probleme; politisches Engagement und die damit verbundenen Hoffnungen und Enttäuschungen.
Formal kombiniert das Stück disparate Stilmittel: Grausamkeit und Groteske, Naturalismus, Melodrama und episches Theater. Die explosive Mischung, die daraus entsteht, liest sich als eine Fallstudie über die einzelnen Phasen eines Nervenzusammenbruchs.
Jorgos Maniotis: Gesunder Menschenverstand
Übersetzung aus dem Griechischen von Reinhard Heiduk und Katerina Liana. Mit einem Nachwort von Marina AgathangelidouOriginaltitel: Κοινή λογική (1979
Abstieg, Flussaufwärts: Ausgewählte Prosa
»1903 beschloss auch ich auszuwandern«. Andreas Kordopatis ist noch ein junger Mann, als er aus seinem ärmlichen Dorf auf der Peloponnes in die USA zu emigrieren beschließt. Ein Augenproblem könnte ihn daran hindern, er fährt trotzdem und bleibt bis 1910 illegal, reist quer durch das unbekannte Land, arbeitet und versteckt sich vor der Polizei; der 18-jährige Nassios und acht seiner Genossen sind in den Bergen der Peloponnes eingekesselt und müssen ans Meer, um sich vor der Nationalen Armee zu retten, denn mit dem verlorenen Bürgerkrieg sind nun auch sie verloren; Jannis und Rania streiten sich irgendwann in den 1980er Jahren bis zur totalen Erschöpfung; eine alternde, bourgeoise Dame aus Athen sinniert ohne Punkt und Komma über ihr Leben; und die angehende Literaturwissenschaftlerin Krysta Stratigi interviewt Thanassis Valtinos über sein Leben und Werk.
Valtinos macht in seinen Texten die karge Berglandschaft seiner Heimat zur Bühne für die Wechselfälle der Geschichte und der Menschen. Dabei bedient er sich sehr unterschiedlicher Erzähltechniken: dorische Monologe, dramatische Dialoge und fiktive Interviews bilden ein Panorama der griechischen Geschichte, von Schicksalen und Literatur.
Abstieg zum Meer hinunter und flussaufwärts zurück: Die Edition Romiosini veröffentlicht erstmals auf Deutsch eine repräsentative Auswahl aus dem über fünfzigjährigen Werk des modernen Klassikers.
Thanassis Valtinos: Abstieg, Flussaufwärts. Ausgewählte Prosa
Übersetzung aus dem Griechischen von Ulf-Dieter Klemm, Hans Eideneier, Danae Coulmas und Andrea Schellinger.
Die Übersetzungen dieses Bandes wurden aus Mitteln der Stiftung Kostas und Eleni Ourani gefördert
Erotokritos
Der Versroman Erotokritos ist das Hauptwerk der »Kretischen Renaissance«, verfasst im frühen siebzehnten Jahrhundert in der kretischen Hauptstadt Candia, dem heutigen Iraklio, kurz vor dem Krieg um Kreta (1645–1669) und dem Wechsel von der venezianischen in die osmanische Herrschaft. Der Dichter selbst will von der »Umkehrung des Schicksals«, der »Macht der Liebe« und den »Beschwernissen des Waffenhandwerks« künden: Es ist die Liebesgeschichte von Erotokritos und Aretoussa, die erst nach schweren, bedrohlichen Prüfungen ein glückliches Ende findet.
Doch Erotokritos ist nicht bloß eine Romanze; er gilt als das bedeutendste Werk der frühen neugriechischen Literatur und faszinierte die wichtigsten Autoren und Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts.
Vicenzos Cornaros: Erotokritos
Bühnenfassung von Spyros Evangelatos. Übersetzung aus dem Griechischen von Hans Eideneier. Mit einer Einleitung des ÜbersetzersOriginaltitel: Ερωτόκριτο
Die Uhren wechselten die Richtung: Gedichte 1945-1998
Sachtouris’ Dichtung ist geschlossen und ohne erkennbare Bezüge auf eine äußere Wirklichkeit, wenn auch er aus einem vertrauten oder gar traditionsbewussten bzw. Symbolbehafteten Fundus schöpft – der Mond, die Vögel, das Messer, der Hund oder das Blut immer wiederkehren. Seine Lyrik ist zuweilen duster und seine Welten wirken oft wie ein schlechter Traum. Die Verwandtschaft seiner Lyrik mit dem Surrealismus ist offensichtlich, jedoch ohne dessen programmatische Aggressivität noch die revolutionäre Ausrichtung aufzunehmen.
Miltos Sachtouris (1919–2005) beeinflusste eine ganze Generation von Dichtern und wurde für sein Werk mit zahlreichen Preisen geehrt. Der vorliegende Band der Edition Romiosini bringt eine umfassende, repräsentative Auswahl aus seinem Gesamtwerk.
Miltos Sachtouris: Die Uhren wechselten die Richtung
Übersetzung aus dem Griechischen von Andrea Kapsaski und Torsten Israel. Mit einem Nachwort von Anteia Frantz
Kalamas und Acheron
Was hat eine Kröte, die aus dem Dickicht springt, mit einer schweigsamen Alten und den Gräueltaten der Wehrmacht in Griechenland zu tun? Warum musste Acheron, der Fluss, der in der Antike das Diesseits vom Jenseits trennte, weiterhin eine symbolbehaftete Grenze bilden? Wieso kann ein unschuldiger Wiedehopf im Käfig die Ruhe eines einsamen Urlaubers stören? Und warum erfährt man anhand einer leeren Zigarettenschachtel aus Ungarn, dass eine Treppe, die früher ins Haus führte, nun ins Nichts mündet?
Zehn Kurzgeschichten, alle offenbar vom selben Erzähler: einem Mann aus dem Nordwesten Griechenlands, in einem Ort an der Grenze zu Albanien, zwischen hohen Bergketten und zwei Flüssen. Ein Ort, der vom Zweiten Weltkrieg, dem Bürgerkrieg und der Auswanderung geprägt wurde. Der Kern jeder Geschichte ist etwas scheinbar Unbedeutendes – ein Bild, ein Geräusch, ein Gegenstand. Um diesen Kern bilden sich assoziativ konzentrische Kreise, die zunächst die geographischen, dann die zeitlichen Grenzen durchbrechen.
Christoforos Milionis: Kalamas und Acheron
Übersetzung aus dem Griechischen von Hans Eideneier, überarbeitet von Theo Votsos. Mit einem Nachwort von Elisavet KotziaOriginaltitel: Καλαμάς και Αχέροντας (1985
Die Europäische Union in der Sackgasse?
Finanz- und Flüchtlingskrise, Terroranschläge in europäischen Metropolen, Euroskeptizismus, Rechtsruck. Die Idee des europäischen konstitutionellen und imaginären Kollektivs sieht sich mit Problemen konfrontiert, die noch vor einigen Jahren, etwa zur Zeit der EU-Osterweiterung, unvorstellbar waren. Ihre Neugestaltung ist notwendig, da das aktuell geltende Modell der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit die Lösungen erheblich erschwert. Die Schwierigkeiten erschöpfen sich allerdings nicht allein in der Festlegung des Modells zur Weiterentwicklung der EU. Die Einführung von neuen Regelungen ist wegen der notwendigen Zustimmung aller Mitglieder weiterhin problematisch. Darüber hinaus werden die unterschiedlichen Ebenen des wirtschaftlichen Wachstums auf dem Weg der Integration zu unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten führen. Eine Verwaltung von einem einheitlichen Zentrum aus mit einheitlichen Regeln könnte sich somit als unmöglich erweisen. Trotz allem sollte die politische Integration allgemeine Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen und die Möglichkeit einer kontinuierlichen Umgestaltung und Anpassung gewährleisten. Die EU muss zwar ihre Integrationsbemühungen zunächst auf bestimmte Probleme konzentrieren, allerdings gleichzeitig eine Gesamtheit bleiben, die als Ganzes agiert. Nur so wird sie allen ihren Mitgliedern Wachstum, mehr Demokratie und kulturellen Fortschritt sichern.
Costas Simitis: Die Europäische Union in der Sackgasse?
Zweisprachige Ausgabe: deutsch und griechisch ("Η Ευρωπαϊκή Ένωση σε αδιέξοδο;"
Nationalität: Philhellene
Eine Schiffsladung junger griechischer Linksintellektueller flüchtet sich 1945, zu Beginn des Bürgerkriegs, auf dem legendär gewordenen Schiff »Mataroa« in die Odyssee eines Stipendiums in Paris. Weder Franzosen, noch Griechen, werden sie dort zu »Philhellenen«: Menschen des anderen Ortes, Griechen, die ein imaginäres Hellas nur noch als Projektion aus der Ferne lieben – und zwar jeder sein eigenes. Im Laufe der Jahre realisieren sie, dass ganz Europa von »Philhellenen« bevölkert ist: von innereuropäischen Flüchtlingen bis zu denen aus Asien und Afrika. Philhellene ist die »Nationalität der vierten Person Plural, eine Mischung aus erster und dritter Person«; sie ist die »Nationalität Migrant«, die zahlreichste der Welt.
Der Briefroman Nationalität: Philhellene erzählt die Geschichte eines zeitgenössischen, weiblichen Odysseus, dessen Ithaka aus äußeren oder inneren Ursachen immer unerreichbarer wird. Es geht um das Leben in der Fremde, um Heimatverlust und Sehnsucht nach Heimat – und ist zugleich eine subtil dargestellte Geschichte des modernen Europa; denn die Erfahrung der Fremde steht auch für die Geschichte der Bootsflüchtlinge in unserer bewegten Zeit.
Mimika Cranaki: Nationalität: Philhellene. Eine Odyssee in 24 Briefen
Übersetzung aus dem Griechischen von Birgit Hildebrand. Mit einem Vorwort von Angela KastrinakiOriginaltitel: Φιλέλληνες. 24 γράμματα μιας οδύσσειας (1992
Editionsprogramm 2015-2018
Die Edition Romiosini/CeMoG veröffentlicht griechische und griechenlandbezogene Literatur (Belletristik, Sachbuch und Fachliteratur) und entwickelt eine digitale Bibliothek der griechischen Literatur und neogräzistischen Forschung. Die Titel der Edition Romiosini/CeMoG werden zur Online-Lektüre angeboten und können auch als E-Book oder Book-on-Demand erworben werden.
In diesem Editionskatalog werden die Titel vorgestellt, die wir seit 2015 publiziert haben
Der Bettler
Ein thessalisches Dorf an einer Flussmündung Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Die Menschen sind einfältig und abergläubisch. Obwohl seit einigen Jahren im unabhängigen Griechenland lebend, beherrscht sie die Furcht vor dem türkischen Grundherrn. Mitten in ihre alltäglichen Sorgen tritt an einem Sonntag Tziritokostas, der Bettler. Er wirkt schwach und kränklich ebenso wie seine Begleiter, ein verkrüppelter Junge und ein Esel. Doch unter der abgerissenen Maske des Bettlers verbirgt sich ein muskulöser Mann mit scharfer Intelligenz und ohne moralische Skrupel. Sein Elend lässt die Dörfler kalt, bis sie erkennen, dass der Bettler über magische Kräfte und Pülverchen zu verfügen scheint, die ihre geheimsten Wünsche zu erfüllen versprechen. In den folgenden Tagen nimmt der Bettler an dem strafversetzten Zollwächter, der ihn verprügelt und erniedrigt, grausame Rache und krempelt das Leben der Dörfler und des Dorfes von Grund auf um.
In diesem Klassiker des ausgehenden 19. Jahrhunderts, typisch für den Naturalismus seiner Zeit, wird nicht nur Kritik an der Rückständigkeit der Provinz und der korrupten Politik deutlich. Noch wichtiger erscheinen die dämonische Anziehungskraft des Bettlers, seine naturwüchsige Verschlagenheit und seine Skrupellosigkeit. Die sozialdarwinistisch inspirierte Indifferenz gegenüber moralischen Werten machen noch heute die Faszination dieses Romans aus.
Andreas Karkavitsas: Der Bettler
Übersetzung aus dem Griechischen von Ulf-Dieter Klemm. Mit einem Vorwort von Georgia PateridouOriginaltitel: Ο ζητιάνος (1897