archimaera (Journal)
Not a member yet
139 research outputs found
Sort by
Das Einpacken der Häuser
Die Einmaligkeit städtischer Ortsbilder ist in den letzten Jahrzehnten von Gewerbegebieten, Trabantenstädten, überdimensionierten Verkehrsbauwerken oder anderen Fehlentwicklungen modernen Städtebaus nachhaltig ge- und zerstört worden. Derzeit rollt eine neue Welle von optischen Beeinträchtigungen auf die erhaltenen Ortslagen von besonderer Ausstrahlungskraft heran. 25 Prozent des Energiebedarfes der Bundesrepublik Deutschland wird im Bereich der privater Haushalte benötigt, das Einpacken des Hausbestandes mit Wärmedämmmaterialien erscheint meist als einfachstes Mittel zur Reduzierung des Energieverbrauches. Die Verdämmung von Bauten mit außenliegenden Schichten erzeugt aber entscheidende Verluste: an Gestaltqualität, Materialität und historischer Wirkung. Dabei wird häufig vergessen, dass ökonomische und soziale Nachhaltigkeit in der Stadtentwicklung auch von der Qualität des Stadtbildes abhängt
Paradoxien der Vergänglichkeit
Bauen und Sprechen sind der Zeit unterworfen. Wenn Zeit über sie hinweggegangen ist, werden sie zu Zeichen. Und die Gegenwart muss sich fragen, wie sie mit diesen Zeichen umgehen will: als Vorboten ihres eigenen Vergehens oder als Feinden ihrer momentanen Befindlichkeit.
Bauten, die vorgeben, die Zeiten überdauern und der Ewigkeit nahe sein zu können, sind Verwirklichungen eines utopisch-neuzeitlichen Traumes. Alterslose Perfektion fasziniert, aber sie ist nicht der Inbegriff des Menschlichen. Menschen sind auf das Unfertige ausgelegt, es steht für Vergänglichkeit, aber auch für Heimat und Nähe. Das Vergängliche bewegt mehr als das immer-Gleiche; es kann im Geist neue Projekte erzeugen, neue und andere Bauten, keine Kopien der alten. Doch es muss nicht immer so kommen
Entzifferung der Vergänglichkeit
Schriftliche Botschaften auf Hausfassaden begleiten die Menschheit seit der Entstehung von Stadt und Schrift. Während jahrhundertealte Inschriften sorgsam gepflegt und dokumentiert werden, bleiben erhaltene oder wieder zum Vorschein gekommene Botschaften aus jüngerer Zeit oftmals unbeachtet.
Mitunter sind Werbeinschriften, Hinweise und Verbote an Hausfassaden die einzigen Zeugnisse, die an die verschwundenen Bewohner und Nutzungen historischer Bauten in unseren Städten erinnern. Sie ermöglichen als historische Zeugnisse einen Einblick in die städtische Alltagskultur vergangener Jahrzehnte und Epochen
Substanz oder Zeichen?
Das medienvermittelte Bild von Architektur ist fast ausschließlich ein Bild von Neubauten und technischen Innovationen. Das Zustandekommen dieses Bildes ist eng mit Suggestion und Selbstverständnis einer architektonischen Moderne verbunden, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts Traditionsbruch zum Programm erhob, Anlehnung an Methoden der Serienproduktion suchte und schließlich in den 60er und 70er Jahren Architekturproduktion zu einem System sorgenfreien Konsums und unablässiger Innovationen stilisierte.
Diese Wunschvorstellung stößt nicht allein angesichts begrenzter Ressourcen an ihre Grenzen. Auch das Ausmaß an psychisch verkraftbarer Umweltveränderung unterliegt einer seelischen Ökonomie. Die menschliche Psyche benötigt Vertrautes als Orientierungsrahmen.
Dieser Rahmen ist aber nicht allein auf eigene Erfahrungen bezogen. Auch medienvermittelte Bilder prägen Vorstellungen und Referenzräume. Architektur ist mehr als ein funktionales, konstruktives oder ökonomisch produziertes System – Architektur ist ein Zeichen.
Auch die Architektur der Moderne ist längst zu einem Zeichensystem geworden, das in das kulturelle Gedächtnis der Gegenwart eingegangen ist und als Referenzrahmen fortwirkt, wenn heute über Erhalt oder Abriss von Bauten der Nachkriegszeit diskutiert wird
Flexibilität, Variabilität, Erweiterbarkeit
Obwohl die Planungs- und Bauphase eines Gebäudes verglichen mit seiner potentiellen Lebensdauer relativ gering ist, wurde ihr in den 1960er und 1970er Jahren oftmals eine größere Aufmerksamkeit geschenkt als dem ausgeführten Bauwerk. Strategien zur Optimierung der Planung und zur Rationalisierung des Bauprozesses prägen die Architektur der "Boomjahre". Je nach Bauaufgabe ist der Einfluss dieser Strategien auf das geplante Objekt größer als jener baulicher Vorläufer, gesellschaftlicher und sozialer Ansprüche oder des seinerzeit vorhandenen Wissens um bewährte Materialien, Konstruktionen und Bautechniken.
Flexibilität, Variabilität und Erweiterbarkeit waren häufig formulierte Planungsgrundlagen, die helfen sollten neben den bestehenden Anforderungen auch eine Reaktion auf veränderte Rahmenbedingungen, Einflussfaktoren und mögliche Entwicklungen zuzulassen. Heute stehen die Bauten der Boomjahre infolge bautechnischer Mängel, hoher Unterhaltkosten und veränderter ästhetischer Präferenzen häufig in der Kritik. Gleichwohl erlauben die verwirklichten Grundprinzipien Flexibilität, Variabilität und Erweiterbarkeit auch heute die Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen
Der Einfluss einer nachhaltigen Architektur auf die Lebensdauer von Gebäuden
Die Qualität von Baustoffen und der Umgang mit ihnen haben direkte Auswirkungen auf die Lebensdauer von Gebäuden. Die Lebensdauer von Bauwerken wiederum ist ein wichtiger Faktor der Beurteilung ihrer Nachhaltigkeit. Seit den Energiekrisen der siebziger Jahre ist die Notwendigkeit eines sparsamen Umgangs mit Ressourcen im Bewusstsein von Politik und Öffentlichkeit zu einer nicht mehr ignorierbaren Tatsache geworden. Unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit sind dabei die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt von besonderem Interesse. Die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels hin zu nachhaltigen Stoffkreisläufen auch in der Bauwirtschaft ist in Deutschland 1998 mit dem Abschlussbericht der Enquête-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt" dargelegt worden. Hier wurden in einem politisch relevanten Dokument Zusammenhänge zwischen dem Ressourcenverbrauch im Bauwesen, dem Baubestand als einem kontinuierlich anwachsendem Stoff-Zwischenlager und den entstehenden Schadstoffbelastungen aufgezeigt. Mit der 2011 in Kraft tretenden Bauproduktenverordnung 2010 wird die Nutzung wiederverwendbarer, dauerhafter und umweltfreundlicher Baustoffe für Bauwerke nun verbindlich gefordert.
Das Cradle to Cradle®-Design-Konzept geht über diese Konzeption noch hinaus. Es fordert ein, dass alle Baustoffe in abfallfreien Materialkreisläufen zirkulieren, Unternehmen als "Rohmaterialbanken" fungieren und Gebäude als Produkte mit genau definierter Lebensdauer der unterschiedlichen Komponenten mit Rücknahmegarantie für die verwendeten Materialien konzipiert werden
Dauerbelichtung
Zwischen 2002 und 2004 hat Christoph Klute in Frankreich und Deutschland sämtliche Unités d\u27habitation des Architekten Le Corbusier fotografiert. Was in den 50er und 60er Jahren als eine architektonische Verheißung erschien, wirkt heute anders. Die Bilder fangen den genius loci der Orte behutsam ein, ohne Spuren des Alters oder des Gebrauchs oder zu ignorieren
Bauen für die Ewigkeit
Der Anspruch an das Bauen in der DDR bewegte sich oftmals außerhalb des Koordinatensystems von Funktion und Repräsentation. Besonders in den Stadtzentren ging es darum, Gebäude und Räume zu schaffen, die die zukünftige kommunistische Gesellschaft vorwegnehmen und ihr so zum Durchbruch verhelfen sollten. Dieser metaphysisch angehauchte Auftrag an das Gebaute löste es aus Zeit und Raum heraus und hob die physische Vergänglichkeit der Steine auf. Das Beispiel des Chemnitzer Stadtzentrums illustriert diesen Zusammenhang und verdeutlicht die nur unter Schwierigkeiten mögliche ideelle Umcodierung von Architektur und Städtebau der DDR nach der Wiedervereinigung
Die Umbaubarkeit unserer Städte
Wenige Schöpfungen des Menschen sind so dauerhaft wie das Layout von Städten. Gebäude werden errichtet, erneuert, verändert, abgerissen oder ersetzt, der Grundriss von Städten aber kann über Jahrhunderte und Jahrtausende erhalten bleiben. Räumliche Prozesse laufen mit unterschiedlicher Dynamik und Geschwindigkeit ab. Kurzfristige individuelle Standortentscheidungen stehen langfristigen Infrastrukturmaßnahmen wie dem Bau von Straßen und Wohn- und Industriegebieten gegenüber, die von langfristigen technischen, wirtschaftlichen und demographischen Trends abhängen und kaum rückgängig zu machen sind. Wie ist die außerordentliche Stabilität von einmal geschaffenen Stadtstrukturen angesichts von verkehrstechnischen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen zu bewerten
Kino Xenix
Gebaute Provisorien, die sehr viel länger Bestand haben als ihre einmal geplante Nutzungsdauer, sind in Zürich keine Seltenheit. Barackenprovisorien, meist für die Nutzung durch Schulen bestimmt, gibt es seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Eines dieser Provisorien, gebaut im Jahr 1904, beherbergt seit 1984 das Zürcher Programmkino Xenix.
Zwischen 2005 und 2007 wurde das Kino von dem jungen Zürcher Büro Frei + Saarinen erweitert und modernisiert. Martin Saarinen berichtet von der Herausforderung, ein dauerhaftes Provisorium, das aus der Filmszene Zürichs nicht mehr wegzudenken ist, für eine neue Nutzungsphase herzurichten, ohne die charakteristische Aura des Vorläufigen und Behelfsmäßigen zu opfern