Tübingen Open Journals (Univ. Tübingen)
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Religionswissenschaft und Ideologiekritik: Ein Problem der Vergangenheit oder eine aktuelle Aufgabe?
Der Artikel befasst sich mit Kurt Rudolphs Konzept der »Ideologiekritik« bzw. dem ideologiekritischen Potential der Religionswissenschaft. Es ist das Ziel der Ausführungen, die Notwendigkeit einer ideologiekritischen Betrachchtung der zeitgenössischen Religionswissenschaft herauszuarbeiten. Im ersten Teil des Beitrages wird Rudolphs Konzeption nachvollzogen. Dabei stehen die Bestimmungen der Begriffe Ideologie und Religion durch Rudolph und ihr Verhältnis zueinander im Zentrum der Ausführungen. Im zweiten Teil wird der historisch-politische Kontext von Rudolphs Überlegungen aufgezeigt. Dabei werden diese als Reaktion auf die Versuche der ideologischen Vereinnahmung der Religionswissenschaft von außen gedeutet. Im dritten Teil werden verschiedene Gegenstände religionswissenschaftlicher Ideologiekritik unterschieden, anhand welcher die Legitimität oder Notwendigkeit einer ideologiekritischen Reflexion des Faches in der Gegenwart diskutiert werden wird
Britta Kanachers »Chance Islam?!« und »Christliche und Muslimische Identitäten«
Rezensiertes Werk: Britta Kanacher. 2003. Christliche und muslimische Identität. Anstöße für eine neue Verständigung. Münster: LIT-Verlag. 232 Seiten, 17,90€. ISBN: 3-8258-7094-
Sterben, Tod und Jenseitshoffnung in europäischen und asiatischen Kulturen
Rezensiertes Werk: Michael von Brück. 2007. Ewiges Leben oder Wiedergeburt? Sterben, Tod und Jenseitshoffnung in europäischen und asiatischen Kulturen. Freiburg/ Breisgau: Herder. 304 Seiten, 19,90€. ISBN: 9783-451-29599-
Religionswissenschaftliche Operationalisierungen diskurstheoretischer Elemente im deutschsprachigen Raum
Der vorliegende Artikel diskutiert die Einsatzmöglichkeiten der Diskurstheorie und ihrer Elemente in der Religionswissenschaft. Dazu bespricht er zunächst die Begriffsgeschichte, um anschließend ein Schlaglicht auf die Foucault’sche Konzeptionalisierung zu werfen. In einem nächsten Schritt werden anhand der deutschen Religionswissenschaftler H. Kippenberg und K. von Stuckrad Beispiele für die disziplinspezifische Anwendung einer modifizierten Diskurstheorie und deren Auswirkungen auf die Methodologie erörtert. Dabei wird deutlich, dass die Diskurs- theorie auch als ein Mittel verstanden wird, um nach der Notwendigkeit einer Religionsdefinition zu fragen. Abschließend wird auf die Möglichkeit verwiesen, die Diskurstheorie als Mittel der Disziplinkritik einzusetzen. Das Fazit des Artikels kommt zu der Feststellung, dass sich die Diskurstheorie zu religionswissenschaftlichen Zwecken eignet, letztlich aber im religionswissenschaftlichen Rahmen eine theoriefähige Religionsdefinition nicht ersetzen kann. The present article addresses the potential of discourse theory and its elements in religious studies. First, the focus is directed at the conceptual history in order to shed light on Foucault’s conceptualisation of discourse. Second, we discuss the dis- cipline-specific implementation of a modified discourse theory and its impact on methodology based on the examples provided by the German scholars H. Kippen- berg and K. von Stuckrad. This approach demonstrates that discourse theory can be conceived as a means to question the necessity of a definition of religion. The final section demonstrates the critical potential of discourse theory. In conclusion, discourse theory is a useful lens through which to gain further insight into the aca- demic discipline of religious studies, but ultimately, is not sufficient to replace a definition of religion applicable for further theorising
Religion and politics in the United States and Germany: Traditionelle Differenzen und neue Herausforderungen
Rezensiertes Werk: Dagmar Pruin, Rolf Schieder und Johannes Zachhuber (Hg). 2007. Religion and Politics in the United States and Germany. Old Divisions and New Frontiers / Religion und Politik in Deutschland und den USA. Traditionelle Differenzen und neue Herausforderungen. Religion – Staat – Kultur. Interdisziplinäre Studien der Humboldt-Universität Berlin (Band 4). Berlin et al.: Lit Verlag. 216 Seiten, 19,90€. ISBN: 978-3-8258-9622-
Darstellungen der Religionsphänomenologie in der deutschen religionswissenschaftlichen Einführungsliteratur: Ein Vergleich
Der Artikel greift Ansätze aus dem anglo-amerikanischen Raum auf, religionswissenschaftliche Einführungsliteratur einer kritischen religionswissenschaftlichen Analyse zu unterziehen und überträgt diese auf den deutschsprachigen Kontext. Dazu werden zwei Einführungen in die Disziplin aus den 1980er Jahren (Lanczkowski 1980; Stolz 1988) und zwei aus dem frühen 21. Jahrhundert (Hock 2002; Kippenberg, und von Stuckrad 2003) exemplarisch bezüglich ihrer Darstellung der Religionsphänomenologie analysiert und miteinander verglichen. Ziel des Artikels ist es, vor dem Hintergrund des sogenannten »Methodenstreits« die Entwicklung der Beantwortung genereller Ausrichtungsfragen innerhalb der Religionswissenschaft nachzuvollziehen, werden diese von der Einführungsliteratur doch maßgeblich tangiert. Die dabei sich herauskristallisierende Tendenz der Ablehnung bis hin zu einer verkürzten Verwerfung der Religionsphänomenologie wird vor dem Hintergrund der Gefahr ihrer märtyrerhaften Mystifizierung, wie sie sich z.T. in den USA beobachten lässt, problematisiert. This article draws on an approach from the Anglo-American context and applies it to the German Study of Religions, analyzing introductory literature to the field within the Study of Religions itself. For this purpose two books of the discipline’s introductory genre from the 1980s (Lanczkowski 1980; Stolz 1988) as well as two books from the early 21. century (Hock 2002; Kippenberg, and von Stuckrad 2003) are analyzed and compared concerning their portrayal of Phenomenology of Religion. From that point the article seeks for inferences to the development of answering questions of identity within the field against the background of the so called »Methodenstreit«. The apparent tendency of disclaiming Phenomenology of Religion up to dismissing it reductively is problematized against the dangerous background of its martyr-like mystification, which can be observed in the USA to some extent
»Zur Germanisierung des Christentums«: Verflechtungen von Protestantismus und Nationalismus in Kaiserreich und Weimarer Republik
Ein Germanisches Christentum, wie es in protestantischen Milieus des Deutschen Kaiserreiches und der Weimarer Republik propagiert wurde, liegt heute im Raum des Unsagbaren und Undenkbaren. Erstens erfolgte nach der Kriegs-Niederlage 1945 durch Entnazifizierung und Reeducation eine erfolgreiche Neuformatierung des nationalen Diskurses im Sinne eines freiheitlich-demokratischen Verfassungspatriotismus, und damit eine Tabuisierung rassistisch-nationalistischer Aussagen über das »Deutsche Wesen«. Zweitens orientierte sich der Protestantismus der Nachkriegszeit an der Bekennenden Kirche und deren Heroen und Historiographie, also an den theologischen Gegnern des historischen Projektes der Germanisierung des Christentums. Dieser Artikel verfolgt Rhetoriken einer Germanisierung des Christentums von ihrem Aufkommen innerhalb der liberalen protestantischen Theologie des Kaiserreichs über ihre Popularisierung innerhalb nationalprotestantischer Milieus nach dem Ersten Weltkrieg bis zu ihrem Abklingen in der immer stärker radikalisierten Schlussphase der Weimarer Republik. Besondere Berücksichtigung erhalten dabei Orte der Festschreibung und Popularisierung von Wissen, insbesondere die erste und zweite Auflage des Handwörterbuchs »Die Religion in Geschichte und Gegenwart«. A Germanic Christianity, like the one that was propagated in the Protestant milieus of the Kaiserreich and the Weimar Republic, can be neither argued for nor thought of in postwar Germany. After 1945, denazification and reeducation successfully reformatted the nationalist discourse as a liberal and democratic consti-tutional patriotism (‚freiheitlich-demokratischer Verfassungspatriotismus’). Essentialist racist and nationalist statements about the German ‚Wesen’ were tabooed. Postwar Protestantism defined itself along the lines of the Confessing Church and its heroes and historiography, and, thus, is influenced by the theological enemies of the historic project to create a Germanic Christianity. This Article follows the rhetorics of a Germanisation of Christianity from its emergence within the liberal branch of German Protestant Theology in the Kaiserreich; it then sees this popularised within nationalist Protestant circles in the wake of World War I and, finally, watches it cease in the radicalized final phase of the Weimar Republic. Special Attention is paid to places where knowledge is codified and publicised, and particularly to the first and second edition of the theological dictionary »Die Religion in Geschichte und Gegenwart«
Hartmut Zinser, Grundfragen der Religionswissenschaft
Rezensiertes Werk: Hartmut Zinser. 2010. Grundfragen der Religionswissenschaft. Paderborn u.a.: Ferdinand Schöningh. 296 Seiten, 29,90 €. ISBN 978-3-506-76898-
Die Wahrnehmung von und Beziehung zu Geistlichen in evangelischen und römisch- katholischen Gemeinden: Ein empirischer Vergleich auf Grundlage der Bindungstheorie nach John Bowlby
Die vorliegende religionspsychologische Studie konzentriert sich auf die Wahrnehmung von und Beziehung zu Geistlichen in evangelisch-lutherischen, evangelisch-reformierten und römisch-katholischen Gemeinden. Daneben stehen auch die Religiosität sowie die Gottesbeziehung und -wahrnehmung im Fokus. Die empirische Arbeit bezieht sich in ihrem theoretischen Ansatz auf die Bindungstheorie nach John Bowlby (1969; 1973). 63 Personen aus Deutschland und Österreich, die entweder der evangelisch-lutherischen, evangelisch-reformierten oder römisch- katholischen Kirche angehören und angaben, dass sie in ihrer Jugend Kontakt mit einem Geistlichen hatten, wurden per Online-Studie retrospektiv befragt. Es zeigt sich, dass der Geistliche prinzipiell als positiv, emotional einfühlsam und empfindsam eingeschätzt wird. In einigen Fällen gibt es Hinweise auf eine engere Beziehung zwischen Gläubigen und Geistlichen in christlichen Gemeinden, die sich dadurch äußert, dass die Befragten angeben, sich in ihren Sorgen und Problemen an die Geistlichen zu wenden. Evangelische Probanden weisen eine positivere Wahrnehmung des Geistlichen vor als römisch-katholische Gläubige. Bezüglich der Gottesbeziehung und -wahrnehmung sowie der eigenen Religiosität zeigen sich keine konfessionsgebundenen Unterschiede. Einschränkungen der Studie, Kritikpunkte und weitere anschließende Fragestellungen werden diskutiert. The present study focuses on the perception of clerics in Lutheran, Reformed and Roman-Catholic communities. In addition, the relationship between believers and clergymen, the believers’ own religiosity and their relationship to and perception of God are included. The empirical study is based on the attachment theory of John Bowlby (1969; 1973). 63 subjects from Germany and Austria, who either are involved in the Lutheran, in the Reformed or in the Roman-Catholic church and who indicated that they had closer contact to clerics, were retrospectively questioned through a computer-based survey about their youth. It can be shown that the clergyman was estimated as generally positive, emotionally empathetic and sensitive. In some cases there is evidence of a deeper relationship between believer and cleric where believers reported to approach the cleric with their sorrows and problems. Lutheran and Reformed individuals rated the sensitivity of the clergyman higher than the Roman-Catholic subjects. There were no significant denominational differences concerning the relationship to and perception of God and their own religiosity. Limitations of the study, points of critics and further subsequent issues are discussed
Mein Jainismus, dein Jainismus? Unser Jainismus! Tendenzen eines universellen Jainismus in der Schweiz
Die Jainas in der Schweiz führen vermehrt religiöse Treffen und Feiern durch. Dadurch wird ein Gemeinschaftsbildungsprozess eingeleitet. Ein solcher Prozess ist immer auch mit religiösen Transformationen verbunden, die zudem durch die Diaspora-Situation gefördert werden. Im Fokus dieses Artikels steht die Formierung einer »Jaina-Gemeinschaft« in der Schweiz. Wie ein solcher Gemeinschaftsbildungsprozess abläuft, auf welche Identitätsmarker sie sich in der Diaspora stützen und welche religiösen Transformationen damit einhergehen, soll im Folgenden anhand einer qualitativen Befragung analysiert werden. Diese Fragen müssen vor dem Hintergrund gesehen werden, dass in der Schweiz einerseits verschiedene Jaina-Strömungen vertreten sind, welche in Indien keine gemeinsamen Rituale durchführen, und andererseits keine religiösen Spezialisten dauerhaft anwesend sind. The Jains in Switzerland increasingly organise religious meetings and celebrations. As a result, they constitute themselves as a distinct community that has undergone a process of community formation. Such a process always brings about a religious transformation, which becomes even more manifest if one considers the diaspora situation. This article focuses on the formation of a Jain community in Switzerland. By outlining results from an analysis of guided interviews with various Jain members, this article shall elucidate the ways in which a process of community formation manifests within the respondents on a qualitative basis. Moreover, it shall define the identity markers which the respondents refer to in the diaspora. Finally, this article will look at the actual religious transformations that are affected by this process. These questions are risen against the background of the fact that there are members of several Jain movements in Switzerland who would not perform common rituals in India together. Furthermore, it has to be borne in mind that there are no experts who are permanently present