merz Zeitschrift für Medienpädagogik
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Virtuelle Welten als Chance – für eine lebensweltnahe Medienpädagogik: Wie Digital Streetwork und automatisierte Nutzungsdatenanalysen eine strategisch-autonome Mediennutzung fördern können
Dieser Beitrag begegnet den kommerziellen Machtstrukturen virtueller Handlungswelten mit einer lebensweltnahen Flexibilisierung medienpädagogischer Theorien und Arbeitsmethoden. Mit der Governance wird der Souveränitätsanspruch durch eine strategisch-autonome Digitalmediennutzung ergänzt. Zudem kann eine nutzungsbegleitende Medienpädagogik von digitalen Nutzungsdaten profitieren, wenn diese rechtlich abgesichert analysiert werden.This article suggests to meet the intransparent and commercial digital power structures of virtual worlds with a true-to-life flexibilization of media education theories and working methods. Governance theory supplements the vision of sovereignty with a strategic, autonomous media use(r). In addition, outreach approaches to media education can also benefit from usage data if gathered and analyzed legally
Stichwort: Digitalisierung im Koalitionsvertrag
Digitalisierung ist in aller Munde und gilt als Rocket Science der 2020er-Jahre. So verwundert es auch nicht, dass die neue Bundesregierung Digitalisierung als eine der zentralen Aufgaben bereits in der Präambel des Koalitionsvertrags benennt. Wie komplex die Herausforderungen in diesem Themenfeld sind, lässt sich allerdings erst mit einem genaueren Blick in ‚Mehr Fortschritt wagen. Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit‘ erahnen.
Auf 178 Seiten werden da die Leitplanken für die Ampelkoalition beschrieben. Digitalisierung ist ein Querschnittsthema, das kein eigenes Ressort erhält, also nicht mit der strukturellen und finanziellen Macht eines Bundesministeriums ausgestattet ist. Die FDP konnte sich hier mit ihrer Idee nicht durchsetzen. Insgesamt liegen die Koalitionspartner in einem breiten Spektrum, das zwar nicht als homogen, aber durchaus als gute gemeinsame Basis verstanden werden kann.
Erfreulich ist, dass sich das Bekenntnis zu Open Source als grundsätzliche Haltung durch alle Bereiche zieht. Auch der von der Vorgängerregierung ins Leben gerufene ‚Digitalpakt Schule‘ soll in verbesserter Form weitergeführt und ausgebaut werden. Hier liegt ein Schwerpunkt auf dem Abbau der Bürokratie, um zu gewährleisten, dass die Mittel schneller in den jeweiligen operativen Strukturen ankommen. Auch ist eine von Bund und Ländern gemeinsam getragene ‚Koordinierungsstelle Lehrkräftefortbildung‘ geplant. Unter dem Titel ‚Digitale Gesellschaft‘ sollen ein Fokus auf die Stärkung eines digitalen Ehrenamts gelegt, digitale Gewalt bekämpft und die Einrichtung einer Bundeszentrale für digitale Bildung geprüft werden. Auch zur Schnittmenge von Digitalisierung und Nachhaltigkeit findet sich einiges im Koalitionsvertrag.
Spannend bleibt die Frage, wie die Querschnittsaufgabe Digitalisierung effizient und durchsetzungsstark zwischen den einzelnen Ressorts koordiniert werden kann. Denn nur, wenn sich die Ampel nicht im Kleinklein zwischen den eigenen Strukturen verzettelt, kann der nächste Schritt in der Digitalisierung gelingen
Von Dr. Sommer zu Dr. TikTok: Sexuelle Gesundheitskommunikation mittels Online-Videoplattformen
Liebeskummer, Frust statt Lust, Kondom kaputt – derartige Probleme der sexuellen und reproduktiven Gesundheit sind gleichermaßen banal wie bedeutsam. Früher war Dr. Sommer hier ein wichtiger Ansprechpartner. Heute wenden sich Jugendliche und junge Erwachsene massenhaft an Dr. YouTube und an Dr. TikTok. Wie ist die sexuelle Gesundheitskommunikation mittels Online-Videoplattformen einzuschätzen? Antworten gibt eine aktuelle Analyse zu Verhütungsinformationen auf TikTok
Geschlechtsspezifische Gewalt in Zeiten der Digitalisierung
Gewalt gegen Frauen* findet auch im digitalen Raum statt. Ein prominentes Phänomen in diesem Zusammenhang ist Hassrede gegen Frauen* im Netz. Weniger öffentlich diskutiert wird digitale Gewalt im sozialen Nahraum zum Beispiel durch Stalking, Diffamierung, Drohungen, Veröffentlichung privater Video- und Bildaufnahmen bis hin zur Kontrolle im Alltag durch Spionageapps. Digitale Tools werden dabei für die Macht- und Gewaltausübung benutzt. In der vorliegenden Publikation werden Formen von und Interventionsstrategien gegen geschlechtsspezifische digitale Gewalt im sozialen Nahraum diskutiert, um dieser Leerstelle zu begegnen. Es werden dabei Beiträge aus Praxis und Forschung gebündelt. Unter den Praktiker*innen sind Frauen* aus den Bereichen Beratung, Fachanwaltschaft, Zeitschriftenredaktion und feministischer Aktivismus vertreten, während aus der Wissenschaft Forscher*innen aus der Politikwissenschaft, der Sozialen Arbeit, den Erziehungswissenschaften, Rechtswissenschaften, Gender Studies und den Ingenieurwissenschaften mitwirken.
AUFBAU
Im ersten Teil des Buches werden die Grundlagen der ‚Digitalisierung geschlechtsspezifischer Gewalt als Diskussionsgegenstand‘ erläutert. Herausgeberin Prasad geht darin auf die ‚Digitalisierung geschlechtsspezifischer Gewalt‘ ein, grenzt diese von anderen Phänomenen wie Online-Hatespeech ab und setzt sie in Bezug zu analoger geschlechtsspezifischer Gewalt. Lembke setzt den ‚Menschenrechtliche[n] Schutzrahmen für Betroffene von digitaler Gewalt‘ und seine Anwendung im Recht. Bauer und Hartmann befassen sich mit verschiedenen ‚Formen digitaler geschlechtsspezifischer Gewalt‘ und gehen detailliert auf Stalking, Belästigung, Diffamierung, Bedrohung, bildbasierte sexualisierte Gewalt und Hatespeech und deren Methoden bzw. Strategien ein.
‚Spezifika geschlechtsspezifischer Gewalt im digitalen Raum‘ werden im zweiten Teil näher beleuchtet. Bauer geht hier auf die ‚Funktionsprinzipien des Internets und ihre Risiken im Kontext digitaler geschlechtsspezifischer Gewalt‘ ein, wobei beispielhaft das „Fehlen von Hoheitsinstanzen, die Anonymität der Nutzer*innen, das Fehlen [… von] Zutrittsbarrieren sowie die Verbreitungsgeschwindigkeit von Informationen“ zu nennen wären, anhand derer Bauer „die Intensivierung von geschlechtsspezifischer digitaler Gewalt“ aufzeigt (S. 104). Strick und Wizorek befassen sich näher mit ‚Intersektionale[n] Machtverhältnisse[n] im Internet‘; dabei wird der Fokus auf die Potenziale sowie Gefahren und Eindimensionalitäten politischen Aktivismus‘ im Netz gelegt.
‚Rechtliche Handlungsoptionen bei digitaler Gewalt‘ werden im dritten Teil aufgezeigt. Ein großes Hindernis bei der Strafverfolgung ist die Anonymität. Dinig erläutert ‚Zivilrechtliche Interventionen bei digitaler Gewalt‘ als ergänzende Möglichkeiten im Umgang mit digitaler Gewalt, da diese derzeit immer häufiger eine Rolle spielten.
Der vierte Teil des Buches ist sehr praxisnah gestaltet. Von den Möglichkeiten des Missbrauchs von Software und vernetzter Geräte im sozialen Nahraum bis hin zum Internet der Dinge im Kontext digitaler Gewalt und ‚Stalkerware‘ werden dabei ganz unterschiedliche Felder beleuchtet sowie Strategien im Umgang mit Online-Hate Speech erläutert.
Der letzte Teil des Buches widmet sich mit praktisch anwendbaren Tipps der präventiven und interventiven digitalen Ersten Hilfe. Es wird zum Beispiel gezeigt, wie Datensicherheit und Privatsphäre smarter Alltagsgeräte mit oftmals einfachen Mitteln erhöht werden können.
SCHWERPUNKTE
Ein Schwerpunkt des Sammelbandes ist die rechtliche Aufarbeitung des Phänomens der digitalen Gewalt gegen Frauen. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf Aspekten der praktischen Arbeit mit (potenziell) Betroffenen digitaler Gewalt. Herausforderungen, die sich aus dem digitalen Wandel für die pädagogische Arbeit ergeben, sind längst nicht mehr nur für Medienpädagog*innen relevant. Die Lektüre des Bandes verdeutlicht, wie so oft bei neuen, medialen Phänomenen – es sind alte Themen im neuen Gewand. Deutlich wird das im Buch am Beispiel der feministischen Beratungsmethode, welche sich auch bei digitaler Gewalt anwenden lässt. In der Essenz geht es um bekannte Phänomene wie Stalking, Bedrohung, Kontrolle et cetera, welche oftmals dieselben Dynamiken aufweisen wie im nicht-digitalen Raum.
FAZIT
Der Sammelband gibt einen umfassenden Überblick zum Themenkomplex digitaler Gewalt im sozialen Nahraum, fokussiert in seinen Beispielen jedoch auf Frauen* und nicht auf andere geschlechtsspezifische Formen digitaler Gewalt. Im abschließenden Ausblick des Buches von Bauer, Hartmann und Prasad wird klar, dass mit fortschreitender Digitalisierung die Grenzen zwischen digitaler und nicht-digitaler Gewalt weiter verschwimmen werden und beides immer zusammen gedacht werden muss. Das Buch ist für alle Pädagog*innen relevant, die beratend tätig sind und/oder sich für feministische und digitale Themen interessieren.
Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, Nivedita Prasad (Hrsg.) (2021). Geschlechtsspezifische Gewalt in Zeiten der Digitalisierung. Formen und Interventionsstragien. Bielefeld: transcript Gender Studies. 332 S., 35,00 €
Digitale Kultur ergebnisoffen und partizipativ reflektieren
Raum und Gelegenheit, eigene Haltungen und Positionen in Bezug auf Soziale Medien entwickeln zu können – in einer Zeit, in der digitale Plattformen und Tools zum Alltag für eine Vielzahl von Menschen gehören, sollte dies kein bloßes Wunschdenken sein. Daher gewinnt in pädagogischen Kontexten die Thematisierung Sozialer Medien an Bedeutung. Social Media Labs sind eine spannende, weil niedrigschwellige Möglichkeit, digitale Nutzungspraktiken zu reflektieren. Wie sie sich effektiv einsetzen lassen, ist Thema der Publikation ‚Social Media Labs. Handlungsempfehlungen für einen partizipativen medienpädagogischen Zugang zu Sozialen Medien‘. Sie resultiert aus dem Forschungsprojekt ‚Onlinelabor für Digitale Kulturelle Bildung‘ an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, das sich von 2017 bis September 2021 mit der Erforschung von Ausdruckspraktiken in Sozialen Medien befasst hat.
Der Methode liegt ein Verständnis von (digitaler) Kultur als fortlaufender und performativer Prozess sozial geteilter Bedeutungszuschreibungen zugrunde. Soziale Medien wurden in diesem Zusammenhang als kultureller Bildungsraum definiert, der Möglichkeiten der Interaktion und Teilhabe sowie des ästhetischen Selbstausdrucks hervorbringt. Von besonderem Interesse war die Art und Weise, wie beispielsweise mit WhatsApp, Threema, YouTube, Pinterest, Facebook, Instagram oder TikTok umgegangen wird. Der Blick richtete sich auf das Individuum als Experte*in seiner digitalen Nutzungspraktiken, jedoch nicht im Modus Operandi des Vermittelns und Beibringens. Für die Projektdurchführung wurde nach einem Zugang gesucht, der es allen Teilnehmenden ermöglichte, über ihre persönlichen Erfahrungen und Standpunkte ins Gespräch zu kommen, diese gegenüberzustellen, zu diskutieren und dabei die individuelle Position zu verorten.
Entwickelt wurde die Methode der Social Media Labs als ergebnisoffene, partizipative Form des Forschens. Mit dem Begriff des Social Media Labs ist also keine räumliche Situation gemeint. Vielmehr umschreibt er den Prozess eines gegenseitigen Austauschs über individuelle Beobachtungen, Perspektiven und Ausdrucksformen. Betrachtungs- und Diskussionsgegenstand ist immer die Erfahrungswelt der Teilnehmenden; sie werden als Expert*innen ihrer Alltagspraktiken adressiert. So entstehen spannende Diskussionen auf Augenhöhe, die unter anderem Raum geben für das Gespräch über eine sich ständig in Bewegung befindende digitale Kultur.
Social Media Labs erlauben eine ganzheitliche und lebensweltliche Auseinandersetzung mit digitaler Kultur. Sie ermöglichen, über persönliche Erfahrungen und eigene Perspektiven zu sprechen und diese sinnhaft gegenüberzustellen. Dadurch wird es möglich, die Art und Weise, wie Soziale Medien genutzt werden, gemeinsam in den Blick zu nehmen, zu reflektieren und individuelle Ausdrucksformen in Einklang miteinander zu bringen. Social Media Labs haben deshalb das Potenzial, Menschen zu befähigen, „sich mit eigenen Haltungen und Perspektiven aktiv an der Gestaltung einer (digitalen) Zukunft zu beteiligen, die wir selbst noch nicht antizipieren können“ (S. 3). Trotzdem sei es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, welche Formen des Miteinanders erwünscht sind und wie digitale Zukunft gestaltet werden könnte.
Lesende der Handlungsempfehlungen erhalten spannende Einblicke, wie es innerhalb des Projekts gelingen konnte, die Vielfalt des alltäglichen Ausdrucks mittels Sozialer Medien sichtbar zu machen. Klar und nachvollziehbar werden die Anforderungen an das Setting und die Rahmenbedingungen sowie den dreigliedrigen Forschungszyklus partizipativ funktionierender medienpädagogischer Arbeit beschrieben. Ein Anliegen der Verfasser*innen war es, aufzuzeigen, wie ausgehend von dokumentarischen oder experimentellen Forschungsimpulsen lebendige Gruppendiskussionen angeregt und neue Forschungsimpulse generiert werden können. Dokumentarische Impulse haben zum Ziel, Alltagsphänomene in Sozialen Medien zu beschreiben. Experimentelle Forschungsimpulse wiederum eignen sich, wenn es darum gehen soll, Möglichkeitsräume zu entdecken.
Wesentlich für das Gelingen eines Social Media Labs ist eine wertschätzende Atmosphäre. Aber auch der Dokumentation eigener Erfahrungen kommt eine hohe Bedeutung zu. Gedanken oder Fragen, die sich in der Auseinandersetzung mit dem eingangs gestellten Forschungsimpuls ergeben, sollten ebenfalls dokumentiert werden. Die auf diese Weise gesammelten Beiträge können dann in einer Gruppendiskussion sinnhaft gegenübergestellt werden, um gemeinsam Unterschiede und/ oder Gemeinsamkeiten in den Blick zu nehmen, nach wiederkehrenden Mustern zu suchen oder neue/andere Perspektiven auf den mittels Forschungsimpuls definierten Gegenstand zu entwickeln. Ergeben sich in der Diskussion weitere Fragen, können diese wiederum Ausgangspunkt für neue Forschungsimpulse sein.
Die Handlungsempfehlungen stellen anhand von fünf dezidiert beschriebenen fiktiven Szenarien Einsatzmöglichkeiten in unterschiedlichen Kontexten vor: sei es im Unterricht, als Schulaktionstag, im Klassenmanagement oder als außerschulisches Angebot in einem Jugendtreff. Auch wer Social Media Labs außerhalb einer pädagogischen Institution anwenden möchte, wird fündig. Über einen QR-Code werden zudem während des Projekts erarbeitete Forschungsimpulse zugänglich gemacht, die für die eigene Arbeit genutzt werden können. Die beschriebenen Szenarien basieren auf Erfahrungen, die während des Projekts gesammelt wurden. Damit geben die Ausführungen wertvolle Impulse – nicht nur für Pädagog*innen.
Schröder, Christoph/Hintz, Helena/Berns, Wolfgang/Richter, Christoph/ Böhnke, Nick/Allert, Heidrun (2021). Social Media Labs. Handlungsempfehlungen für einen partizipativen medienpädagogischen Zugang zu Sozialen Medien. 31 S. Kostenlos verfügbar unter: https://macau.uni-kiel.de/receive/macau_mods_0000203
Soziale Arbeit im Digitalzeitalter. Eine Profession und ihre Theorien im Kontext digitaler Transformation
Alltägliches Leben und gesellschaftliche Prozesse finden permanent auch im Netz statt. Nicht erst seit Corona sind die Übergänge zwischen on- und offline fluide. Prozesse der Digitalisierung und Mediatisierung erfassen alle Lebensbereiche und Professionen – auch die Soziale Arbeit. Im vorliegenden Buch von Angelika Beranek wird herausgearbeitet, welche Bedeutung diese Entwicklung für zeitgenössische Theorien der Sozialen Arbeit hat. Dazu wurden drei Theorien ausgewählt: die Theorie der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession von Silvia Staub-Bernasconi und Werner Obrecht, die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit von Hans Thiersch und die Lebensbewältigungstheorie von Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer. Damit wird eine Lücke im Diskurs über den digitalen Wandel der Sozialen Arbeit geschlossen, welcher sich bis dahin vornehmlich mit der Frage beschäftigte, wie bisher analog angebotene Dienstleistungen digital gestaltet werden können, oder (meist problemorientiert) die Auswirkungen des digitalen Wandels und zunehmender Mediennutzung auf die Lebenswelt der Adressat*innen Sozialer Arbeit diskutiert.
Bereits Teil 1 ‚Digitalisierung und Gesellschaft‘ lässt erkennen, dass die Auseinandersetzung mit dem digitalen Wandel Sozialer Arbeit über diese beiden Ebenen hinaus geht und grundsätzlicher verankert ist. Anschaulich und mit vielfältigen konkreten Bezügen zur Sozialen Arbeit macht Beranek in Kapitel 2 die Digitalisierung als einen umfassenden Umbruchprozess greifbar. Dabei werden zentrale Begriffe wie Künstliche Intelligenz (KI), Big Data und Predictive Analytics geklärt und ihre Einsatzmöglichkeiten in der Sozialen Arbeit dargestellt. Besonders eindrücklich lädt der Abschnitt zu ‚Wissensbasierten Systemen‘ (S. 16 ff.) dazu ein, das eigene professionelle Selbstverständnis kritisch ins Verhältnis zu den beschriebenen Entwicklungen zu setzen. Daran anschließend werden in Kapitel 3 die gesellschaftlichen Auswirkungen der Digitalisierung anhand von Beispielen aus der Arbeitswelt, Globalisierung und Ökonomisierung skizziert.
Der zweite Teil analysiert die Verbindung der Digitalisierung mit den Theorien Sozialer Arbeit. Der Auftakt dieses Teils, die Auseinandersetzung mit aktuellen auf die Digitalisierung bezogenen Zeitdiagnosen und ihrer Bedeutung für die Soziale Arbeit (Kapitel 4), unterstreicht abermals die Stärke dieses Buchs: anschaulich, präzise und grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass die im Weiteren behandelten Theorien Sozialer Arbeit immer im Kontext ihrer gesellschaftlichen Entstehungsgeschichte betrachtet werden müssen und die darin enthaltenen Bezüge zu Gesellschaftstheorien oder Zeitdiagnosen vor dem Hintergrund einer Weiterentwicklung eben dieser gesehen werden sollten. Daran anschließend werden in den Kapiteln 5, 6 und 7 die drei bereits genannten Theorien betrachtet. Besonders in der Zusammenschau dieser Kapitel werden die vielfältigen Ebenen des digitalen Wandels der Sozialen Arbeit deutlich. In der Auseinandersetzung mit der Theorie der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession (Kapitel 5) wird beispielsweise die Frage virulent, welche Bedrohungen für die Menschenrechte sich aus automatischen Entscheidungsfindungssystemen ergeben und welchen Einfluss digitale Diagnoseprozesse auf Teilhabe, Informations- und Meinungsfreiheit und Schutz der Privatsphäre der Adressat*innen haben. Der Blick auf die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit (Kapitel 6) pointiert, wie Alltag und Alltäglichkeit durch Medien neu strukturiert werden. Die Analyse der Sozialen Arbeit als Hilfe zur Lebensbewältigung (Kapitel 7) zeigt insbesondere auf, dass sich in Bezug auf Handlungsaufforderungen neue Möglichkeiten eröffnen, aktiv zu werden. Medien können im Sinne der Aktiven Medienarbeit Teil von funktionalen Äquivalenten werden oder zur Milieubildung beitragen.
Das Buch zeigt beeindruckend präzise und anschaulich, dass die Theorien der Sozialen Arbeit nach wie vor ihre Berechtigung und Gültigkeit bewahren, jedoch unausweichlich immer im Kontext der Digitalisierung konkret ausdifferenziert werden müssen. Beraneks Arbeit bietet hierzu eine fundierte Grundlage.
Das Buch richtet sich an Akteur*innen der Sozialen Arbeit, die bereits Vorwissen in den behandelten Theorien der Sozialen Arbeit mitbringen. Die Grundlagen des digitalen Wandels werden im ersten Teil des Buches aufbereitet. Zum Buch gibt es einige Begleitvideos, die die Entstehungsgeschichte und die Inhalte noch einmal anders darstellen und auf dem YouTube-Kanal von Angelika Beranek zu finden sind: www.youtube.com/channel/UCn4IeKrf6Po6dCJ2I44YmhA
Beranek, Angelika (2021). Soziale Arbeit im Digitalzeitalter. Eine Profession und ihre Theorien im Kontext digitaler Transformation. Weinheim: Beltz Juventa. 174 S., 24,95 €
Aktuelle Studien rund um das Themenfeld ‚Gesundheit und Medien‘
Dieser ‚online exklusiv‘-Beitrag fasst diverse aktuelle Studien zusammen, die sich mit unterschiedlichen Facetten des Themenfeldes ‚Gesundheit und Medien‘ befassen
Deutungshoheit und Sprachschlachten: Sprache in den Medien. Editorial
Sei es das Gendersternchen, sei es die Flüchtlingsdebatte, sei es die Ökonomisierung weiter Bereiche der Gesellschaft: Die Medien transportieren ein Bündel von Vorstellungen, Bildern, Vorurteilen, Theorien in die Köpfe der Gesellschaftsmitglieder und tragen sie in unterschiedliche Diskurse und Diskursarenen. Obwohl die Visualität bzw. Ikonizität der Darstellungen in den öffentlichen Arenen auf dem Vormarsch ist, passiert der multisensorische Bedeutungstransport vornehmlich über Sprache. Die denunzierte Rede von der „Political Correctness“ (Degele 2020) ist hier ein, aber nicht das einzige wichtige Thema und es geht um Grundsätzliches: Wird von ‚Fremdbetreuung‘ im Umfeld der Kleinkindbetreuung gesprochen, werden andere Türen in unserem Bewusstsein aufgestoßen, als wenn wir von familienergänzender oder gar familienunterstützender institutioneller Betreuung sprechen. Ein ‚Konkubinat‘ mit seinem negativ konnotierten Bedeutungshorizont war noch in den 80er Jahren eine geläufige Bezeichnung für eine nichteheliche Lebensgemeinschaft, die heute semantisch ‚upgegraded‘ auch als ‚partnerschaftliche Verantwortungsgemeinschaft‘ läuft.
Die Beispiele sollen verdeutlichen: Sprache ist das Prädikat, welches immer wieder als das Merkmal genannt wird, welches den Menschen als solchen auszeichnet. Seit der antiken Rhetorik wird über die Wirkmächtigkeit dieses humanspezifischen Zeichensystems nachgedacht. Wenn auch unbestritten ist, dass die Medien über ihre je eigene Materialität und sonstigen Eigenschaften inhaltliche Botschaften mitformatieren, darf daher die sprachliche Formulierung nicht außen vor der medienwissenschaftlichen Debatte gelassen werden.
MÄCHTIGER EIGENSINN DER SPRACHE
Es gibt eine Reihe von Konstruktionsprinzipien der menschlichen Sprache, die in Wechselwirkung mit der auf Sozialität und Gegenseitigkeit hin angelegten Kognition des Menschen (Tomasello 2020) für die ‚Macht und Magie‘ sprachlicher Zeichen sorgen, wie unter anderem Schramm/Wüstenhagen (2015) auf der Basis einer breiten Forschungsliteratur rekonstruieren:
1) LAUTMALEREI UND KLANG DER SPRACHE LEGEN BESTIMMTE BEDEUTUNGEN NAHE
Eigentlich dürfte es einen solchen Zusammenhang gar nicht geben. Die klassisch-linguistische Theorie behauptet, dass der Klang der Worte völlig willkürlich, ohne Zusammenhang zur Wortbedeutung steht. Neuere Arbeiten und Positionen vor allem auch aus experimentiellen Arbeiten postulieren und weisen zumindest partiell nach, dass bestimmte Lautkonglomerate, sogenannte Phoneme, Bedeutungen von Worten mit festlegen. So wird behauptet, dass das I wie in Liebe, Paradies, Frieden gute Laune macht. Die Autorinnen sammeln dann Belege für die zumindest partielle Ikonizität: In der Sprache scheinen mehr ikonische Anteile zu stecken als bislang bekannt war: „Tatsächlich lassen sich in vielen Sprachen zumindest vereinzelt solche Zusammenhänge finden. Kleine Dinge etwa klingen erstaunlich oft auch klein. Als beliebte Beispiele dienen oft: ‚diminutive‘ oder ‚teeny-weeny‘ im Englischen, ‚klein‘ oder ‚winzig‘ im Deutschen, ‚mikros‘ im Griechischen oder ‚chico‘ im Spanischen. Schon die Wörter an sich scheinen dem Klang nach einen Hinweis auf die physische Eigenschaft der bezeichneten Sache zu geben. Alle diese Worte haben etwas gemeinsam: den i-Laut. Sie haben dies gemeinsam mit Spitznamen und anderen Verniedlichungsformen, die hierzulande häufig auf i enden, wie Hansi, Claudi oder Steffi, oder in Spanien auf ito/ita wie Señorita. So hat das schmale unscheinbare i offenbar erhebliche Ausdrucksstärke – weil es so gut als Signal für die kleinen Dinge fungiert.“ (Schramm/ Wüstenhagen 2015, S. 24). Umgekehrt verhält es sich dann mit Wörtern, die Großes indizieren. Diese beinhalten oftmals ein a oder o. Man denke an ‚grand‘ im Französischen, ‚makro‘ im Griechischen, und ‚groß‘ im Deutschen.
2) WORTE, KONZEPTE UND INSBESONDERE METAPHERN ‚SCHIEBEN‘ UNSER DENKEN IN BESTIMMTE RICHTUNGEN
Ein einziges Wort kann unser Urteil, Denken und Handeln signifikant beeinflussen, das zeigt die inzwischen umfängliche Forschung zu den Metaphern, also den Bedeutungsübertragungen von einer Quelle in ein Ziel: Elisabeth Wehling (2016), die hierzulande im Umfeld der Framingdebatte bekannt geworden ist, verdeutlicht die Wirkungskaskaden beim Wort- und insbesondere Metaphernverständnis: Um Worte zu begreifen, aktiviert das Gehirn große Wissensbestände – konkret motorische Schemata, Bewegungsabläufe, Emotionen, Gerüche und visuelle Eindrücke. Das tut es, um linguistischen Konzepten eine Bedeutung verleihen zu können. Bestimmte Worte bestimmen also nicht eine genau zugeschnittene Bedeutung, sondern einen mehr oder weniger großen Bedeutungsradius. Diese Macht der Metaphern wird in unterschiedlichen Forschungsrichtungen und von unterschiedlichen Autor*innen unterstrichen. Einer der renommiertesten unter ihnen ist George Lakoff, ein Linguist. Er geht sogar so weit zu sagen, dass Metaphern töten können. Dabei bezieht er sich auf die Rahmung der Regierung Bush nach dem 11. September 2001; zuerst wurde von Opfern gesprochen, dann von Verlusten – mit diesem Sprachwechsel wurde der Krieg gegen den Terror eingeläutet. Die Anschläge wurden vom Verbrechen zu einer Kriegshandlung, was dazu führt, dass die entsprechenden Gegenmittel eingesetzt wurden.
3) DIE REKURSIVE SYNTAX MENSCHLICHER SPRACHE ERMÖGLICHT MÄCHTIGE WEITERE SPRACHWERKZEUGE: NARRATIVE, GESCHICHTEN UND CO.
In einem fesselnden Sachbuch zum Thema ‚Wie Geschichten unser Leben bestimmen‘ zeigen El Ouassil/Karig (2021), dass die Möglichkeit, eine Rückbezüglichkeit innerhalb von Sätzen herzustellen, zum Beispiel durch Neben- oder Schachtelsätze, Grundlage dafür ist, dass wir entlang eines Zeitstrahls Ereignisse anordnen und wiederholen können. Grammatik ermöglicht es erst, zum einen die fiktiven Welten, die wir beim Lesen und Hören von Geschichten mental erschaffen, überhaupt zu entschlüsseln und auch selbstständig zu generieren. Syntax ermöglicht insbesondere den Ausdruck unseres linearen Zeitempfindens – also unserer Fähigkeit, chronologisch und in Kausalzusammenhängen zu denken. Im Gegensatz zu Tieren haben wir nicht nur eine Vorstellung davon, wie ein Zeitstrahl verläuft, sondern auch ein Konzept für zeitliche Koordination, für die ‚Wanns‘ auf diesem Zeitstrahl, sowie ein Gefühl für ein Davor und Danach. Unsere Kommunikation besteht in großen Teilen aus Aussagen darüber, wann Dinge passiert sind und/oder passieren werden.
Dieser kleine sprachwissenschaftliche Exkurs, der sicherlich noch um vielfältige Aspekte ergänzt werden könnte, zeigt, dass die Sprache eigensinnige Bedeutungsüberschüsse in sich trägt, die dann mit den Medienspezifika in eine Wechselwirkung treten. Besondere rhetorische Formeln und Sprachfiguren schmiegen sich organisch an bestimmte mediale Formate an, umgekehrt bilden neue Medien teilweise neue Sprachformen und -praktiken aus (Marx/ Weidacher 2020, S. 119 ff.): Es entstehen unter anderem neue Wörter und Abkürzungen, um die spezifische Temporalität des Mediums zu bedienen, hybride Kommunikationsformen zwischen mündlich und schriftlich und – besonders erwähnenswert: anders als es die Kulturkritik insinuiert, eine neue Form von Sprachsensibilität!
Vor dieser Folie haben wir einige ausgewählte Debattenbeiträge aus dem weitläufigen, noch systematischer und vor allem interdisziplinär zu beackernden Forschungsfeld versammelt: Den Anfang machen Andreas Lange und Nicole Svorc, die danach fragen, was eigentlich Familie ausmacht, wie Familie ‚hergestellt‘ wird? Sie stellen die These auf, dass Sprache hieran einen großen Anteil hat. Medien wiederum sind eine zentrale Quelle dafür, wie, also mit welcher Sprache und welchen (Sprach-)Bildern Familien sich ‚herstellen‘ und ihre familienbezogenen Wertvorstellungen entwickeln, beispielsweise, indem sie sich von medial diskutierten und mit bestimmten Begriffen konnotierten Familienbildern abgrenzen, sich diesen unterordnen oder zugehörig fühlen (wollen). Problematisch daran ist, dass die medial vermittelten Vorstellungen von Familie und ihre sprachliche Darstellung eine starke Komplexitätsreduktion bedeuten, die den vielfältigen Ausprägungen von Familie nicht gerecht wird, jedoch das Bild von Familie in der Gesellschaft beeinflusst. Vor diesem Hintergrund plädieren Lange und Svorc für eine „fürsorgliche Kommunikation“ in den Medien, durch die „Räume des Denkens und Handelns […] nicht beschränkt und eingeengt, sondern geöffnet werden“ (S. 22).
Kathrin Englert, Dagmar Hoffmann und David Waldecker nehmen sich der Frage an, ob eine gewissermaßen ‚wirkliche‘ sprachliche Interaktion mit Alexa und Co. möglich ist. Den vollmundigen Behauptungen der großen Techfirmen setzen sie die geballte Macht der theoretischen und empirischen Ressourcen der Forschung entgegen. Eine grundlegende Charakteristik der Interaktion ist dabei die großflächige Vermenschlichung, zumeist in Richtung weibliches Gattungsexemplar, die die Nutzenden vornehmen und den Sprachassistenzsystemen nicht zuletzt auch Persönlichkeitsmerkmale zuschreiben. In seinem eigenen Projekt geht das Siegener Team den subjektiven Zuschreibungen theorieanaloger Art nach, die die Menschen im alltäglichen Austausch mit Alexa und Co. entwickeln. Durchaus modifizieren demnach die Sprachsysteme den Interaktionshaushalt in vielerlei Hinsicht. Allerdings wird dieser Beitrag relativiert und es bilden sich durchaus unterschiedliche ‚Beziehungen‘ zu den Sprachgerätschaften heraus. Diese Beziehungen bedeuten auch zusätzliche Kommunikations- und Emotionsarbeit, die aber in mehr oder weniger unaufgeregtem Modus erbracht wird; schließlich sind die Geräte nicht essenziell für die alltägliche Lebensbewältigung, sondern, immerhin, ‚nice to have‘.
Auf der sprachlichen Ebene der Diskursaustragung lokalisiert Sebastian Zollner für die Gegenwart zahlreiche digitale invektive Konstellationen – womit die herabsetzende, entwürdigende Form von Kommentaren in Hate Speech, Verschwörungstheorien und Fake News gemeint ist. Als eine wichtige Maßnahme in diesem Zusammenhang gilt gemeinhin die Counter Speech, die Gegenrede. Der Autor zeigt auf der Basis linguistischer Überlegungen erstens die Vielschichtigkeit des Begriffs auf. Er macht unter anderem deutlich, dass die Gegenrede nicht zwingend von den Invektierten, also Betroffenen ausgehen muss, sondern es auch Fürsprache von Dritten geben kann – eine Einsicht, die nicht nur didaktisch, sondern auch zivilgesellschaftlich relevant ist. Zweitens breitet er den Fächer der Wissensbestände zu Counter Speech aus. Da ist zu nennen die sprachlich-kommunikative Realisierung in Praktiken, die auf etablierte Formeln zurückgreifen können und daher auch systematisch trainierbar sind. Ebenfalls weiterführend sind die Funktionen, die Counter Speech im Interaktionshaushalt von Gruppen, Organisationen und Gesellschaften einnehmen kann: Von der Positionierungs- über Irritationsarbeit bis hin zur Empathie und Verständnisarbeit reicht das Spektrum. Vor allem aber hat systematische, breit getragene Gegenrede das Potenzial zu verhindern, dass Vorurteile und Hassschablonen Teil des unhinterfragten, geteilten Alltagswissens, vulgo, des ‚gesunden Menschenverstandes‘ werden.
Drittens verweist Sebastian Zollner auf erfolgversprechende Möglichkeiten, sowohl in der außerschulischen Jugendarbeit, vor allem aber im Schulunterricht insbesondere sprachliche Mittel zu lehren, die einen kompetenten Umgang mit Hate Speech in der Lebenswelt der Schüler*innen ermöglichen. Guido Bröckling und Fabian Hellmuth schließlich setzen sich damit auseinander, welche Rolle Sprache in medienpädagogischen Projekten spielt. Eine Prämisse der aktiven Medienarbeit ist es, ihrer Zielgruppe, den Kindern und Jugendlichen, auf Augenhöhe zu begegnen, sich auf ihre Themen einzulassen und sie ernst zu nehmen. Das heißt auch, ihre Sprache zu akzeptieren und einen guten Weg der Kommunikation zu finden und dabei authentisch zu bleiben. In einem Kiez-Projekt in Neu-Kölln sollte mit Sprache gespielt und experimentiert werden – ‚spoken word poetry‘ sollte entstehen, wohl gewählte Worte, um sich kritisch zum Beispiel mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinanderzusetzen und dafür Medien kompetent in Gebrauch zu nehmen. Die Jugendlichen aber wollten ein Rap-Projekt. Ihre Idole, denen sie hier nacheiferten, sprechen eine Sprache, die diskriminierend, beleidigend und grammatikalisch falsch ist. Für die Medienpädagogen bestand die Herausforderung darin, ohne erhobenen Zeigefinger mit den Jugendlichen über die Aussagen ins Gespräch zu kommen und sie zu einem kritischen Blick und zum Austausch mit anderen zu motivieren. Rückblickend reflektieren sie, inwieweit ihnen das gelungen ist und was ein medienpädagogisches Projekt ausmacht.
Die Aufsätze illustrieren, dass und inwiefern es sich zukünftig lohnt, den feinen und komplexen Wechselwirkungen zwischen Sprache als eigensinnigem System, Sprache als sozialer Praktik auf der einen Seite und den unterschiedlichen ‚alten‘ und ‚neuen‘ Medien auf der anderen Seite näher unter die Lupe zu nehmen. Und das nicht nur in grundlagenwissenschaftlicher Manier, sondern mindestens ebenso intensiv in medienpädagogischer Hinsicht: im analytischen Sinne einer zu schulenden Dekodierungskompetenz für sprachliche Verführungen, Herabsetzungen und Diskriminierungen und in der Dimension der Gestaltungkompetenz als immer mitlaufende sprachliche Sensibilität bei der Produktion von Medieninhalten. Und auch hier ist Interdisziplinarität zu wünschen und produktiv. So könnten die Einsichten der kognitiven Medienlinguistik hierzu beigezogen werden. Bleibt zu hoffen, dass es in naher Zukunft zu intentional betriebenen, intensiven Verschränkungen medienwissenschaftlicher und sprachwissenschaftlicher Expertise kommt!
Dr. Susanne Eggert ist stellvertretende Leiterin der Abteilung Forschung am JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Familie und Medien, Medien in der Frühen Kindheit, Inklusion und Medien sowie Medienwandel und Bildung.
Dr. Andreas Lange ist Professor für Soziologie an der RWU Ravensburg-Weingarten an der dortigen Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Soziologien der Kindheit, Jugend und Familie, Medienwissenschaften sowie Zeitdiagnose
Serious Game ‚Spuren auf Papier‘ zu Euthanasie
Bereits seit den 1980er Jahren sind Medien ein wichtiges Mittel der Erinnerungsarbeit bei der Aufarbeitung des Nationalsozialismus‘. Von Dokumentationen über Spielfilme bis hin zu Apps und Games heute – es gibt vielfältige Angebote, die verschiedene Themen und Aspekte der NS-Zeit thematisieren, damit über die Generationen hinweg die Grausamkeit nicht vergessen wird und die Geschichte sich nicht wiederholt. Das Serious Game ‚Spuren auf Papier‘ des Gedenkkreises Wehnen e.V. setzt sich mit der Euthanasie, der systematischen Vernichtung von sogenannten ‚Kranken‘ in der NS-Zeit, auseinander. Dieses dunkle Thema wird am Beispiel der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Wehnen erzählt. Im von der Produktionsfirma Playing History produzierten Game durchlebt die*der Spielende das Geschehene anhand der Geschichte der fiktiven Figuren Anna und Josephine. Josephine erzählt anhand des Tagebuchs ihrer Schwester die tragische Geschichte der Familie, die schon beim Selbstmord des Vaters 1936 beginnt, der von den Nationalsozialisten aufgrund seiner Melancholie, die vermutlich auf Traumata aus dem Ersten Weltkrieg zurückzuführen war, als depressiv und damit als ‚erbkrank‘ eingestuft worden war. Damit wurde ihm nach der Gesundheitspolitik der Nazis seine Kriegsrente entzogen und der Familie somit ein großer Teil ihrer Lebensgrundlage. Anschließend beschreibt Josephine das Schicksal ihrer Schwester Anna, die ebenfalls unter der Diagnose ‚depressiv‘ in der Anstalt in Wehnen untergebracht war und dort letztendlich auf sehr fragliche Weise ‚verstirbt‘. Jedoch ist das Tagebuch zunächst leer. Die Geschichte muss erst ‚erspielt‘ werden.
In zehn Kapiteln erfährt die*der Spielende anhand von Tagebucheinträgen und Dokumenten, wie dem ärztlichen Befund, dem Einweisungsbericht und Auszügen aus der Krankenakte Annas von deren Schicksal. In Zeichnungen hat Anna ihre Gefühle und ihren Alltag in Wehnen festgehalten. In diesen Zeichnungen gilt es, Handlungen durchzuführen, etwa eine Person durch ein vernebeltes Labyrinth zu führen oder die Gitterstäbe vor einem Fenster zu verbiegen. Mit jeder Aktion werden neue Bruchstücke der Geschichte aufgedeckt. Dabei wird die Zwangssterilisation der ‚Kranken‘ in der Heil- und Pflegeanstalt ebenso thematisiert wie die schlimme Versorgungslage und das systematische Aushungern der Patient*innen während der Kriegsjahre. So tauchen etwa Zahlen und Rations-Zuweisungen auf, sowie ein Brief des Verwaltungsleiters der Anstalt Wehnen, Heinrich Siems, der sich in einem Schreiben an die Kreisbauernschaft 1942 seines Sparkurses rühmte. Durch seine Hungerpolitik starben zahlreiche überwiegend nicht arbeitsfähige Patient*innen. Die Dokumente um Annas persönliches Schicksal sind dabei alle Originalakten aus Wehnen nachempfunden, andere Dokumente, wie etwa der Brief, sind realhistorische Zeugnisse der Euthanasie. Die Geschichte Annas steht dabei exemplarisch für die Geschichte der Patient*innen in Wehnen und in anderen Heil- und Pflegeanstalten während der Zeit des Nationalsozialismus‘.
Angelegt ist das Serious Game zur Einbindung in den Schulunterricht. Das Spiel sowie ein dazugehöriges Handbuch, das ebenfalls kostenfrei auf der Website verfügbar ist, sind für eine Doppelstunde für Schulklassen ab der 9. Klasse konzipiert. Das Handbuch liefert zusätzlich zum Spiel Hintergrundinformationen zu den im Tagebuch angesprochenen Themen und verifiziert die Quellen und die Informationen darin. ‚Spuren auf Papier‘ bietet jedoch für alle Geschichtsinteressierten auch außerhalb des Schulkontexts durch das selbstständige Aufdecken und Nachforschen eine kurzweilige Geschichtslektion zu Euthanasie. Das sensible Thema der Krankenmorde wird dabei angemessen behandelt und trotz des Computerspiel-Charakters geht die Ernsthaftigkeit nicht verloren, sondern wird in behutsamer und pietätvoller Weise vermittelt.
Dieses Projekt wurde entwickelt im Rahmen von ‚dive in. Programm für digitale Interaktion‘ der Kulturstiftung des Bundes, gefördert durch das Rettungs- und Zukunftspaket der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) im Programm ‚NEUSTART KULTUR‘