merz Zeitschrift für Medienpädagogik
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Instagram-Leitfaden für Eltern und Betreuer*innen von Jugendlichen
Privatsphäre verwalten, Stories mit ‚engen Freunden‘ teilen, Schutz vor unerwünschtem Kontakt: In einem neuen Leitfaden finden Eltern und Pädagog*innen Tipps, Erklärungen und Hilfestellungen für eine sichere Nutzung von Instagram.
Die Plattform steht häufig in der Kritik, da sie unrealistische Schönheitsideale fördern oder auch früh den Kontakt mit Cybergrooming oder Pornografie ermöglichen würde. Gleichzeitig ist Instagram seit Jahren sehr beliebt bei Jugendlichen als Inspirationsquelle, aber auch zur Unterhaltung oder als Kommunikationsdienst. Für Erwachsene wiederum ist es oft schwierig, über neue Entwicklungen auf dem Laufenden zu bleiben und einen Einblick in die digitalen Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen zu erhalten, ohne deren Privatsphäre zu verletzen. Hier setzt der neue Leitfaden an: Er enthält Anregungen und Gesprächsleitfäden rund um altersgerechte Mediennutzung sowie einfache Erklärungen zu allen wichtigen Einstellungsmöglichkeiten und Sicherheitsfunktionen auf Instagram. Eltern und Betreuer*innen erhalten wertvolle Unterstützung, um Kinder und Jugendliche zur sicheren Nutzung von Instagram anzuleiten.
Der Leitfaden kann auch von Heranwachsenden (mit Unterstützung) selbst genutzt werden. Screenshots unterstützen die genaue Erläuterung einzelner Schritte. Unter anderem wird so erklärt, wie Heranwachsende Kommentare und Direktnachrichten filtern können.
Entwickelt wurde der 55-seitige Leitfaden von Facebook in Zusammenarbeit mit Expert*innen der EU-Initiativen Saferinternet.at und klicksafe sowie dem Projekt Stop Hate Speech.
https://about.instagram.com/de-de/community/parent
Friend Controller: Ein Textadventure über Freundschaft
Es rauscht und flackert. Die Grafik ist verpixelt, Spielelemente sind verschwunden und Level komplett durcheinander. ‚Friend Controller‘ ist kaputt! Jetzt gilt es, das Spiel sofort zu reparieren, sonst löscht es sich selbst und die Avatare Issy und Bobbi sind für immer verschwunden. Damit das nicht geschieht, brauchen sie Hilfe. Issy und Bobbi kennen sich in ihrem Spiel gut aus, aber sie brauchen das Wissen der Spielenden über Freundschaft, um den ‚Friend Controller‘ zu retten. Die*der Spielende des Textadventure muss Rätsel lösen, Gedanken sortieren, Symbole sammeln und Puzzle zusammensetzen, um rechtzeitig die Level zu reparieren.
Das dialogbasierten Online-Spiel ist in Zusammenarbeit mit dem freien Kindertheaterkollektiv Show and Tell unter der Projektleitung von Julia Hart und der medienpädagogischen Begleitung von Christiane Schwinge entstanden und ist die Weitererzählung des Theaterstücks ‚Friend Simulator‘, das im September 2021 in Hamburg Premiere feierte. Es richtet sich an Kinder von 10 bis 12 Jahren und regt dazu an, über Freundschaft zu reflektieren. Genau wie sich die beteiligten Schüler*innen bei der Konzipierung des Games mit den wichtigsten Aspekten und der Definition von Freundschaft auseinandergesetzt haben, werden auch die Spieler*innen angeregt, intensiv darüber nachzudenken und sich auch darüber auszutauschen, was für sie selbst Freundschaft ausmacht. Was gehört zu Freundschaft dazu? Wie entsteht eine Freundschaft? In fünf Leveln werden verschiedene Themen rund um Freundschaft thematisiert.
Die*der Spielende wählt zunächst aus, ob ihr*ihm Issy oder Bobbi bei der Mission zur Seite stehen soll. Beide Avatare verfügen über coole Superkräfte. Nach Auswahl geht es damit los, Level 1 zu reparieren. Hier sind Freundschaftsbegriffe verloren gegangen. Um das Level zu retten, müssen diese Begriffe eingefangen werden, dabei haben sich einige irreführende Begriffe unter die richtigen gemischt. Wurden alle Freundschaftsbegriffe gefunden, gilt es, sie in der Freundschafts-Skala in die Reihenfolge zu bringen, was einem persönlich an Freundschaft wichtig ist. So landen etwa ‚Spaß haben‘ und ‚Etwas Schönes zusammen machen‘ weiter oben als ‚Beleidigen‘ oder ‚Nerven‘. Jedoch gibt es hier kein Richtig oder Falsch – es zählt allein, welche Freundschaftsbegriffe den Spielenden besonders wichtig sind. Dass hier sowohl positive als auch negative Begriffe auftauchen zeigt, dass in Freundschaften nicht immer alles toll ist. Weiter in Level 2 gilt es, einzuordnen, wie eine Freundschaft entsteht. So steht das Kennenlernen vor dem Anfreunden, bevor man schließlich zu besten Freund*innen wird. Wie und wo das am besten passiert und was beim Anfreunden besonders wichtig ist, entscheidet wieder die*der Spielende selbst. Auch hier gibt es verschiedene Antwortmöglichkeiten. Bobbi und Issy lernen durch die individuellen Antworten verschiedene Aspekte und Seiten von Freundschaft kennen. Und auch wenn den Spielenden in Level 3 besonders viele Freund*innen oder der gemeinsame Musikgeschmack besonders wichtig ist, führt Issys oder Bobbis Nachhaken, ob denn die Anzahl der Freund*innen oder die Gemeinsamkeiten so wichtig sind letztlich zur Lösung der Sicherheitsfragen, die das Level reparieren. Wurde ein Level erfolgreich gerettet, kann ein Move für einen Freundschafts-Check ausgesucht werden, ob High Five, Kreuzen der Füße, Verhaken der Finger ineinander… das coole Ergebnis des persönlichen Freundschafts-Checks gibt es nach Rettung des Spiels zu sehen.
Die Avatare Issy und Bobbi lernen das Konzept Freundschaft mithilfe der Spielenden kennen. Immer wieder haken sie mit neugierigen Fragen nach und hinterfragen Ansichten zu Freundschaft. Ist etwa ‚Sich aus Spaß ärgern‘ genauso wichtig in einer Freundschaft wie ‚füreinander da sein‘. Die Fragen der Avatare regen zum eigenen Nachdenken an. So eignet sich das Spiel zum Einsatz im Unterricht, um etwa bei Streit oder Spannungen in der Klassengemeinschaft über Freundschaft zu sprechen. Aber auch sonst lässt es sich gut einbinden, um das Thema Freundschaft zu behandeln. Außerdem kann auf Grundlage des Spiels weitergedacht werden, inwiefern in digitalen Spielen Freundschaften geknüpft und gepflegt werden können oder ob auch Avatare zu Freund*innen werden können. Auf der Website www.friend-controller.de finden sich für den Einsatz im Unterricht theater- und medienpädagogische Begleitmaterialien.
Schwinge, Christiane/Amet, Kemal/Hilmer, Alina/Wolff, Gidon (Entwickler*innen) (2022). Friend Controller. Online-Spiel, kostenlos. www.friend-controller.d
Nachgefragt: Warum tauchen Menschen mit Behinderungen in Filmen und Serien nach wie vor viel zu selten auf?
In deutschen TV-Filmen und Serien lassen sich deutliche Veränderungen beobachten. Ärztinnen oder Schulleiterinnen werden von dunkelhäutigen Schauspielerinnen verkörpert, Männer mit türkischen Namen sind nicht mehr automatisch auf Kriminelle, in vielen Serien gibt es homosexuelle Paare. Auch das Fernsehen ist also endlich in der Wirklichkeit angekommen und spiegelt das wahre Leben wider – mit einer Ausnahme: Menschen mit sichtbarer Behinderung sind genauso selten wie vor 20 Jahren schwarze Akademikerinnen. Hat die Film- und Fernsehbranche diese Gruppe vergessen? Tilmann P. Gangloff hat Expert*innen dazu befragt.
Laut Statistischem Bundesamt lag die Zahl der Schwerbehinderten in Filmen und Serien 2019 bei 9,5 Prozent. Nach einer Studie des Institut für Medienforschung der Universität Rostock 2021 sind sie im Fernsehen eindeutig unterrepräsentiert: Von den Akteur*innen der untersuchten Sendungen hatten lediglich 0,4 Prozent eine sichtbare schwere Behinderung.
Natürlich gibt es prominente Beispiele, die ein anderes Bild nahelegen, und das nicht nur aus Hollywood, wo solche Rollen gern mit Oscars gekrönt werden, etwa für Marlee Matlin als gehörlose Hauptdarstellerin in Gottes vergessene Kinder (1986) oder für Dustin Hoffman als Autist in Rain Man (1988). Im aktuellen TV-Programm tummeln sich unter anderem eine blinde Rechtsanwältin (Die Heiland, ARD), ein blinder Sonderermittler (Der Wien-Krimi, ARD) und ein Polizist im Rollstuhl (Die Toten von Salzburg, ZDF). Christine Urspruch genießt als kleinwüchsige Assistentin des Rechtsmediziners im Tatort aus Münster sogar Kultstatus.
Woran es jedoch noch mangelt, ist die selbstverständliche Integration, denn Figuren mit Behinderung werden in der Regel über ihre Einschränkungen definiert. Rühmliche Ausnahme ist der Tatort des RBB: In den Filmen spielt Tan Çağlar den Reviermitarbeiter für die Hintergrundrecherche. Der Schauspieler hat eine Rückenmarkserkrankung, er sitzt wirklich im Rollstuhl. Dabei agierten vor der Kamera „deutlich mehr Menschen mit Behinderung, als man glaubt“, sagt Drehbuchautor Benedikt Röskau (Contergan): „Viele Schauspieler sprechen darüber jedoch nicht, weil sie fürchten, nicht mehr besetzt zu werden.“
Auch Erwin Aljukic ist Rollstuhlfahrer. Er hat die Glasknochenkrankheit, aber fast 13 Jahre im einstigen ARD-Dauerbrenner Marienhof mitgewirkt. Er gehört zu den Unterstützern einer Initiative, die von Tina Thiele, Gründerin des Branchenportals Casting-Network, ins Leben gerufen worden ist: Cast me in soll zur Inklusion vor der Kamera beitragen. Aljukic ist Thiele sehr dankbar für ihre Pionierarbeit: „Bislang bin ich mir als Schauspieler mit Behinderung wie ein Einzelkämpfer vorgekommen, denn im Unterschied zu Mitgliedern anderer marginalisierter Gruppen konnte ich nie auf eine Initiative in der Art von #actout, Black Lives Matter oder Metoo verweisen. Erst wenn es eine derartige Bewegung gibt, die eine Sichtbarkeit der Betroffenen erzeugt, können sich die Sender nicht mehr rausreden.“
Die wollen das offenbar auch gar nicht. Ausgerechnet die RTL-Gruppe ist mit guten Beispiel vorangegangen: In der Komödie Weil wir Champions sind (Vox) spielt Wotan Wilke Möhring einen arroganten Basketball-Coach, der nicht ganz freiwillig ein geistig behindertes Team trainiert. Diese Rollen sind authentisch besetzt worden. Die besonderen Umstände der Dreharbeiten dürften die Kosten deutlich in die Höhe getrieben haben. Trotzdem, versichert Produzentin Nina Viktoria Philipp (Constantin), sei es kein Problem gewesen, die Geldgeber von dem Projekt zu überzeugen. Übereinstimmend betonen Senderverantwortliche, wie wichtig Vielfalt im Fernsehen sei, „denn Filme spiegeln und formen unser Bild der Gesellschaft“, formuliert es Christoph Pellander, Redaktionsleiter der ARD-Tochter Degeto, verantwortlich für die Donnerstagskrimis und Freitagsfilme im Ersten. Frank Zervos, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie I und Stellvertretender Programmdirektor, merkt an, dass die filmische Darstellung von Behinderungen eine sensible Angelegenheit sei: „Es sollen ja keine reinen Stereotype – hochbegabter Autist, musikalische Blinde et cetera – reproduziert werden.“
Nachholbedarf gibt es laut Alexander Bickel, Leiter des WDR-Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie, zudem in der Frage, wer solche Rollen übernehme. Dieser Aspekt taucht in den Gesprächen über das Thema früher oder später fast zwangsläufig auf. Produzentin Philipp war auch für die ersten beiden Heiland-Staffeln verantwortlich. Bei der Planung der Serie habe es eine enge Zusammenarbeit mit entsprechenden Verbänden gegeben, und natürlich sei gefragt worden, warum die Hauptfigur nicht von einer blinden Darstellerin gespielt werde. Philipps Antwort: „Die Schauspielerei ist ein Handwerk, ein Beruf, den man gelernt haben sollte. Selbstverständlich haben wir nach einer blinden Hauptdarstellerin gesucht, aber wir haben keine gefunden, die für diese Figur in Frage gekommen wäre.
Es sei umso wichtiger, sagt Erwin Aljukic, „dass Menschen mit Behinderung eine professionelle Ausbildung machen können, damit solche Verlegenheitslösungen in Zukunft nicht mehr nötig sind.“ Er fordert eine Diversitätsquote, damit endlich Bewegung in die Sache komme: „Ähnlich wie in Großbritannien sollte die Vergabe öffentlicher Gelder mit der Auflage verbunden sein, divers zu besetzen. Das wäre der Stein, der alles andere ins Rollen bringen würde.
Offene Kinder- und Jugendarbeit im Kontext der Mediatisierung: Digitale Jugendarbeit als konzeptionelle Antwort
Digitale Medien sind fest in den Alltag von Kindern und Jugendlichen integriert. Damit diese selbstbestimmt damit umgehen können, bedarf es entsprechender Medienkompetenz. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit kann hierbei als non-formaler Bildungsort einen entscheidenden Beitrag leisten, wenn sie sich entsprechend aufstellt. Im Folgenden wird eine konzeptionelle Skizze vorgestellt, welche als Handreichung zur Konzepterstellung genutzt werden kann
Rassismus und Kindheit
In diesem Artikel werden Kinder als aktive Akteur*innen an der Herstellung von Rassismus dargestellt und als von Rassismus Betroffene. Dazu werden überblicksartig Erkenntnisse aus der Forschung skizziert und es wird auf Forschungsdesiderate hingewiesen. Es wird argumentiert, dass ein interdisziplinärer Theoriedialog vonnöten ist, um die Forschungslücken auf das Erleben von Kindheit und Rassismus zu schließen. Auf Basis dieser Skizzierungen werden handlungsleitende Empfehlungen für die frühkindliche Bildungsarbeit formuliert, um Rassismus in Bildungsinstitutionen zu minimieren
Journalismus – Rassismus – Diversität: Repräsentation von People of Color und Diversität als Perspektive im Journalismus
Thema des Artikels ist das Verhältnis von Rassismus und Journalismus in Deutschland. Auf Grundlage bisheriger Forschungsarbeiten werden im Artikel rassistische mediale Repräsentationen aufgezeigt. Im Fokus der anschließenden Diskussion steht die Forderung nach mehr Diversität in der journalistischen Produktion. Kern der Argumentation sind strukturelle Veränderungen, die Raum für einen egalitären Diskurs zwischen diversen sozialen Perspektiven in der journalistischen Berichterstattung schaffen
#43 – Medien.Pädagogik und Rassismus.Kritik Teil 1: Josephine Apraku, Afrikawissenschaftler*in und Referent*in für intersektionale rassismuskritische Bildungsarbeit
Wir freuen uns, Josephine Apraku im Interview für unseren Podcast ‚mehr merz‘ begrüßen zu dürfen! Mit den Büchern ‚Kluft und Liebe. Warum soziale Ungleichheit uns in Beziehungen trennt und wie wir zueinanderfinden‘, ‚Rassismus geht uns alle an‘ und ‚Wie erkläre ich Kindern Rassismus?‘ liefert Josephine Apraku wichtige und tolle Impulse zur Auseinandersetzung mit den eigenen Denkmustern. In unserer Reihe ‚Medien.Pädagogik und Rassismus.Kritik‘ spricht unsere verantwortliche Redakteurin Kati Struckmeyer mit Josephine Apraku unter anderem über die Rolle der Medien in der Antirassismusarbeit.
Zu den Publikatione
Der pädagogisch-didaktische Makerspace: Durch kreative Projekte im Kunstunterricht für Technik begeistern
In diesem Beitrag wird der Frage nachgegangen, wie der Einsatz digitaler Tools im Kunstunterricht eine andere Perspektive der Mediennutzung eröffnen kann. Zum einen soll die Makerbewegung beleuchtet werden, deren Mindset kreative Prozesse begünstigt. Zum anderen soll der Fokus auf den kreativen Umgang mit digitalen Tools gerichtet werden, um auch nicht technikaffine Schüler*innen für Technik zu begeistern
Paus-Hasebrink, Ingrid/Sinner, Philip (2021). 15 Jahre Panelstudie zur (Medien-)Sozialisation. Wie leben die Kinder von damals heute als junge Erwachsene? Baden-Baden: Nomos. 318 S. 64,00 €. DOI: 10.5771/9783748927723.
Ingrid Paus-Hasebrink und Philip Sinner beleuchten in ‚15 Jahre Panelstudie zur (Medien)Sozialisation‘, welche Rolle Medien in der Übergangsphase von Jugend ins Erwachsenenleben spielen. Die Publikation schließt dabei an die vorherigen Bände an und zeigt auf, was aus den Kindern der (Medien-)Sozialisationsstudie in sozial benachteiligten Familien geworden ist. Damals, also zu Beginn der Panelstudie im Jahr 2005, waren die Kinder etwa fünf Jahre alt. Wie haben sich ihre sozio-ökonomischen und sozio-emotionalen Bedingungen entwickelt? Welche Themen beschäftigen sie aktuell? Welche Rolle weisen sie nun als junge Erwachsene Medien in ihrem Alltag zu? Erneut steht damit der im Kontext der Reihe wichtige Begriff der Sozialisation im Mittelpunkt, beleuchtet vor dem Hintergrund medialer Wandlungsprozesse auf Basis einer siebten, im Jahr 2020 durchgeführten Erhebungswelle. Theoretisch und methodisch baut der Band auf dem von Paus-Hasebrink konzipierten und im Laufe der Studie weiterentwickelten praxeologisch ausgerichteten Ansatz integrativer Mediensozialisationsforschung auf, in dessen Mittelpunkt die Frage nach dem subjektiven Sinn des (Medien-)Handelns von Individuen vor dem Hintergrund ihrer lebensweltlichen Kontexte steht.
Im Durchführungszeitraum der Langzeitstudie ist einiges passiert. Beispielweise wurde im Jahr 2005 das erste Video auf YouTube hochgeladen. Die Krisensituation um Migration und Flucht in den Jahren 2015 und 2016 hat – mit hoher medialer Aufmerksamkeit – zu starken Kontroversen geführt. Seit Anfang 2020 hält die Covid-19-Pandemie die Welt in Atem. Aus den Kindern von damals sind junge Erwachsene geworden. Ihre Handlungsoptionen, -entwürfe und -kompetenzen stehen nicht mehr in engem Zusammenhang mit der Lebensführung ihrer Familien bzw. Kernbeziehungsgruppen, in denen sie aufgewachsen sind. Die Neugier und Leidenschaft des Forscher*innenteams sind offenbar stets geblieben.
So bietet die Publikation ‚15 Jahre Panelstudie zur (Medien-)Sozialisation‘ abschließend und vielschichtig rückblickend abermals detaillierte, beeindruckende (und auch berührende) Einblicke in das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen aus prekären sozialen Lebensverhältnissen. Die gesamte Studie ist und bleibt ein Meilenstein
Nachgefragt: Maryanne Redpath, Leiterin Sektion Generation der Berlinale
Abschied von der Berlinale – mit einem 20-jährigen Jubiläum als Leiterin der Sektion Generation beendet Maryanne Redpath ihre Arbeit beim internationalen Filmfestival. Schon 1993 war sie das erste Mal bei der Berlinale tätig, seit 2002 dann als Leiterin des Kinder- und Jugendfilm-Segments. Das Aufgreifen der Lebenswelt junger Menschen über das Medium Film war schon immer ein Schwerpunkt ihrer Arbeit. Sie hat viele Entwicklungen der Sektion begleitet und Formate angestoßen, um das junge Publikum mit seinen Fragen und Interessen mitzunehmen.
merz Im letzten Jahr war die Berlinale pandemiebedingt zweigeteilt, ein Online-Teil zum gewohnten Zeitpunkt und im Sommer die Open Air Veranstaltungen vor Ort. Auch dieses Jahr musste das Festival mit herausfordernden äußeren Umständen umgehen. Wie hat das die Inhalte und Teilnahme im Bereich Generation beeinflusst?
Redpath 2021 waren es viel weniger Filme, wir haben die Kurzfilme aus Pandemie-Gründen ausgesetzt und circa 800 Langfilme gezeigt. Dieses Jahr sind es – mit den Kurzfilmen wieder dabei – insgesamt circa 2700 Einreichungen. Tatsächlich sind es im Vergleich zu 2020 und einem ‚normalen‘ Festival, sogar ein paar Hundert Einreichungen mehr. Natürlich war die Produktion von Filmen sehr stark eingeschränkt. Thematisch auffällig ist, dass es in sehr vielen der ausgewählten Filme um Bewegung und Tanz geht, und darum, sich mit Wörtern und Musik auszudrücken und einfach zusammen zu kommen. Es fühlt sich für die Zuschauer*innen gut an, Filme zu sehen, die einen lebendigen Geist haben, besonders für junge Menschen, die vielleicht noch stärker unter der Pandemie leiden. Gerade, wenn Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt ihre Schritte in den Prozessen des Aufwachsens nicht normal machen können, weil sie mit von Erwachsenen gemachten Regeln eingeschränkt werden, dann müssen sie vielfach Schritte überspringen. Dabei finden sie oft nicht die Worte, ob im Film oder in der Realität, um zu erklären, was mit ihnen und in ihrer Welt los ist. Das drückt sich oft in Musik und Bewegung aus. Und das wiederum verändert dann die Lesart solcher Filme.
merz Ist es also auch ein Angebot an die Kinder und Jugendlichen, über die Filme einen Umgang mit den vielen Pandemie-bedingten Ereignissen zu finden?
Redpath Es sind sehr vielfältige Filme, auch ganz viele dokumentarische Arbeiten, wo man sieht – die Protagonist*innen ringen mit Worten, um sich auszudrücken. Ihnen fehlen die Worte, aber sie spüren das. Man sieht, wie sie in diesen Filmen, die mal fiktiv, mal nicht fiktiv sind, andere Formen und Mittel suchen, um sich mitzuteilen. Es ist spannend, wie die jungen Leute auf diese Prozesse auf der Leinwand reagieren. Sie identifizieren sich mit dem, was sie sehen und bekommen dadurch Impulse, was ihnen auch in ihrem alltäglichen Leben helfen kann.
merz Gerade die gesellschaftlichen Auswirkungen sind für Heranwachsende einschneidende Erfahrungen während prägender Phasen des Aufwachsens – ist Filmkultur hier auch eine Möglichkeit des Verarbeitens?
Redpath Es ist auf jeden Fall ein Angebot bei der Berlinale. Es ist natürlich auf eine gewisse Weise auch gewagt, zu versuchen, mitten in einer Pandemie ein Festival anzubieten, das nicht virtuell ist, sondern für die Zuschauer*innen physisch in den Kinos stattfindet. Aber es ist für Erwachsene nicht anders als für Kinder und Jugendliche, diese Freude und den Genuss zu erleben, die man haben kann, wenn man zusammen kommt und gemeinsam ein gutes Filmerlebnis hat. Man ist nicht mehr so alleine in der Welt. Die Berlinale hat auch alle Anstrengungen unternommen, um die strengen Kontrollen, die Sicherheit und die Kontaktbeschränkungen einzuhalten. Wir glauben, dass es für die jungen Leute wichtig ist, bewegen uns hier im Grunde jedoch auf Neuland. Ich bin keine Politikerin und keine Medizinerin, ich bin Kulturmacherin, ich kann nur im Rahmen des Möglichen ein Angebot an die jungen Menschen machen. Darüber hinaus glaube ich, dass Kultur sehr wichtig ist, für alle Menschen, aber besonders für die jungen, für die es gerade ganz schön hart ist.
merz Braucht es überhaupt ein Festival in Krisen-Zeiten? Braucht es da Filme?
Redpath Das wird nicht für jede*n wichtig sein, aber wenn man zusammen in einem Kino einen Film ansieht, ist das ein gemeinschaftliches Erlebnis, bei dem man vielleicht auch mal die Herausforderungen und Probleme einer Pandemie für eineinhalb Stunden hinter sich lassen kann. Man lässt sich auf den Film ein; man kann sich mit sich selbst auf einer ganz anderen Ebene beschäftigen, je nachdem, was auf der Leinwand zu sehen ist, ob und wie man sich damit identifiziert. Bei einem offenen Ende kann man zum Beispiel weiterdenken und mit anderen diskutieren, und das machen die jungen Menschen auch gerne.
merz Sie haben zwei Jahrzehnte Generation geprägt, sind seit 2002 Leiterin der Sektion, aber auch insgesamt schon seit 1993 bei der Berlinale dabei – was hat sie so lange Zeit inspiriert?
Redpath Generation hat meine Leidenschaft für junge Menschen und für Kino zusammengebracht und das hat mich über die Jahre auch da gehalten. Ich habe viel Spielraum gehabt, mich und meine Kreativität zu entwickeln und viele tolle Begegnungen gehabt. Das war für mich so viele Jahre lang der perfekte Job – und ist es immer noch. Nun trete ich mit einem guten Gefühl zurück. Es kommen neue Generationen nach, mit sehr fähigen, guten Menschen, die das übernehmen können.
merz Wenn man so lange Gelegenheit hat, etwas intensiv begleiten zu können, welche Entwicklungen konnten Sie da beobachten?
Redpath Im Rahmen der Sektionsarbeit haben wir selbst sehr viel entwickelt, früher hieß es ja Kinderfilmfest. Dann haben wir mit 14+ einen neuen Wettbewerb dazu genommen und den Dachnamen umgewandelt in Generation. Das hat uns befreit, um mit jungen Menschen auf eine ganz andere Art über Filme zu sprechen. Dann sind die Entwicklungen auch Jahr für Jahr immer unterschiedlich, wir haben zum Beispiel kontinuierlich mehr Einreichungen bekommen. Bei den Einreichungen liegt die Frauenquote bei der Regie mittlerweile bei über 50 Prozent, das finde ich ermutigend. Inhaltlich gibt es jedes Jahr mehr Filme, die aktuelle Geschehnisse in der Welt spiegeln. Zum Beispiel haben wir dieses Jahr einen Dokumentarfilm, der in der Ukraine spielt: ‚Kinder und Krieg‘. Die Diskurse, die über all diese Dinge stattfinden, sind über die Jahre intensiver geworden. Es gibt so viele Bausteine und Anstöße, die Filme bieten können, gerade für ein junges Publikum, das sehr unterbewusst ist. Die Diskurse sind dann sehr gut, um vieles davon nach vorne, in die Wahrnehmung zu bringen. Das ist ein wichtiger Teil der Arbeit.
merz Was waren rückblickend die größten Herausforderungen in Ihrer Arbeit?
Redpath Auch die Herausforderungen waren immer im Fluss, für mich persönlich waren sie oft sehr anders, als für meine Mitarbeiter*innen, die Zuschauer*innen, Filmemacher*innen et cetera. Eine Herausforderung war es, zu lernen, mich zu artikulieren und in einer Klarheit zu beschreiben, dass es für mich nicht immer um Endprodukte geht. Das ist eine Herausforderung an sich – wir wohnen, arbeiten und leben in Deutschland in einer sehr produkt- und zielorientierten Gesellschaft. Ich komme aus Neuseeland und da sind Prozesse sehr wichtig und man weiß nicht immer, wie es ausgeht. Aber es gibt auch Erfahrungswerte aus herausfordernden Gesprächen, zum Beispiel darüber, dass wir zu harte Filme zeigen. Wir gehen an die Grenzen, auch über Grenzen, aber es sind nicht die jungen Menschen, die sich über harte Filme beschweren. Sie verlangen eher mehr Realität von uns und nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen.
merz Was sind Ihre Wünsche für die kommende Generation?
Redpath Ich wünsche ihnen, weiter spannende Filme zu sehen, den eigenen Platz im Leben zu finden, der ihnen gut tut; nicht aufzuhören, die erwachsenen Generationen herauszufordern, richtige Entscheidungen zu treffen. Ich wünsche mir von den Erwachsenen mehr Zuhören und Verständnis für die Perspektive der Kinder und Jugendlichen, man kann von Bewegungen wie ‚Fridays for Future´ lernen.
Das Interview führte Nicole Lohfink