merz Zeitschrift für Medienpädagogik
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#89 - Medien, Wahrheit und Wahrhaftigkeit | Fachredaktionstalk
In unserer krisengeprägten Zeit wächst das Bedürfnis nach Orientierung, auch und gerade in den Medien. Der Diskurs um Wahrheit und Wahrhaftigkeit trägt zur Meinungs- und Demokratiebildung bei. Welche Rolle die Medienpädagogik dabei spielt, vor welchen Herausforderungen der Journalismus gerade steht und, dass der Kampf gegen Desinformation und die Gefährdung der Demokratie nur im Kollektiv gelingen kann, darüber sprechen wir mit Dr. Dagmar Hoffmann, Professorin an der Universität Siegen, und Rebecca Wienhold, Koordinatorin eines Berliner Medienkompetenzzentrums.
Hier geht\u27s zur neuen Ausgab
Stichwort: Vibe Coding
Vibe Coding bezeichnet einen Ansatz der Softwareentwicklung, bei dem Entwickler*innen KI-gestützte Sprachmodelle wie GPT nutzen. Die KI erstellt Code allein über natürliche Sprachbefehle. Statt jeden Schritt selbst zu programmieren, können Nutzer*innen Ideen, Aufgaben oder Anforderungen in Textform formulieren, die KI setzt diese automatisch in Code um. So entstehen kleine Programme, Web-Tools oder kreative Experimente, ohne, dass dafür formale Programmierkenntnisse nötig sind. Besonders bei schnellen Projekten übernimmt die KI die technischen Details und beschleunigt den Entwicklungsprozess spürbar.
Der automatisch erzeugte Code ist jedoch nicht fehlerfrei. Sicherheitslücken, ineffiziente Lösungen oder unerwartetes Verhalten können auftreten. Außerdem hängt die Praxis stark von der Leistungsfähigkeit der KI-Modelle und der Verfügbarkeit kommerzieller Anbieter ab. Menschliche Kontrolle bleibt daher unverzichtbar, um Qualität und Funktionalität der Ergebnisse sicherzustellen. Vibe Coding verschiebt den Fokus vom bloßen Schreiben von Code hin zur Ideenformulierung, konzeptionellen Umsetzung und strategischen Planung. Lernende können erleben, wie digitale Werkzeuge funktionieren, ohne jedes Detail selbst zu beherrschen. Gleichzeitig lässt sich nachvollziehen, welche Entscheidungen die KI trifft. In Kontexten wie interaktiven Tools, kreativen Projekten oder Spiele-Entwürfen eröffnet Vibe Coding neue Möglichkeiten für Experimente, schnelle Entwicklungen und innovative Ansätze. Der Ansatz knüpft an Praktiken der Making-Kultur und offene Lern- und Tüftelräume an, in denen Projekte sich stetig weiterentwickeln. Und es wird deutlich, dass KI nicht neutral ist und Fragen zu Verantwortung, Qualitätssicherung und Abhängigkeit von Anbietern aufwirft.
Für die Medienpädagogik bietet Vibe Coding wertvolle Anknüpfungspunkte. Lernende können digitale Systeme nachvollziehen, ausprobieren und einen reflektierten Umgang mit KI-gestützten Werkzeugen entwickeln. Dabei blockieren technische Details die ersten Schritte nicht. Auf diese Weise wird Programmieren nicht nur als technische Aufgabe erlebbar, sondern auch als kreativer, experimenteller Prozess, der zum kritischen Denken anregt
Deepfakes erkennen und reflektieren
Deepfakes können faszinierend, aber auch gefährlich sein. In Deep Fake. Deep Impact. zeigt die Initiative klicksafe, dass Medieninhalte oft zweckentfremdet und mit KI manipuliert oder gar vollständig neu gestaltet werden – sei es ein Video von Politiker*innen in unangemessenen Kontexten oder die täuschend echte Stimme einer Person in einem nie geführten Interview. Speziell im politischen Kontext wird mit Sorge auf diese Entwicklung geschaut. Denn falsche Informationen können sich auf Wahlentscheidungen der Bürger*innen auswirken und die gesellschaftliche Stabilität ins Wanken bringen.
Soziale Medien bieten eine Bühne für Deepfakes, die sich schnell verbreiten und fatale Folgen haben können. Umso wichtiger ist, sie zu erkennen und die dahinterliegenden Motive zu verstehen. Junge Menschen, die viel auf YouTube oder TikTok unterwegs sind, kommen häufig mit solchen Inhalten in Kontakt.
Mit Deep Fake. Deep Impact. sollen Heranwachsende im kritischen und verantwortungsvollen Umgang mit Deepfakes gestärkt werden. In verständlicher Sprache und mit bunten, teils comicartigen Grafiken wird beschrieben, was Deepfakes sind, wie sie entstehen, welche Formen es gibt und wann sie sinnvoll oder gefährlich sind. Anschließend folgen Tipps, wie Heranwachsende mit manipulierten Medieninhalten umgehen können, und Informationen über die aktuelle Rechtslage in der EU. Die zweite Hälfte des Werks bietet eine Übersicht von Projekten, nutzbare Arbeitsmaterialien sowie weiterführende Links.
https://klicksafe.d
Vergessen und Erinnern 4.0: Digitale Transformation des Gedächtnisses in Theorie und Praxis - Editorial
Unter dem Schlagwort Digital Memory sind in den vergangenen Jahren vielfältige digitale und interaktive Ansätze der Erinnerungskultur entstanden und erprobt worden. Digitale Medien und Tools dienen der Dokumentation und Kontextualisierung von Ereignissen, eröffnen Anlässe zur Information, schaffen Räume für Dialog und Austausch und ermöglichen individuelles wie kollektives Erinnern. Durch spezifische kommunikative und interaktiv-ästhetische Vermittlungsweisen ergänzen und erweitern sie bestehende Ansätze der Erinnerungskultur. Das Paradigma der Oral History verändert sich, und digitale Formen der Erinnerungsarbeit gewinnen an Bedeutung, wenn Zeitzeug*innen nicht mehr selbst berichten können.
Diskurse über Erinnerungskultur überschneiden sich mit Themen wie Medienkompetenz, Information oder Partizipation in der digitalen Welt. Digital Memory ist ein interdisziplinäres Forschungs- und Praxisfeld, in dem Historiker*innen, (Medien-)Pädagog*innen und Mediengestalter*innen wirken.
In der vorliegenden Ausgabe werden aus verschiedenen Perspektiven digitale Ansätze der Erinnerungskultur reflektiert, mit einem Schwerpunkt auf der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur.
Zu den Beiträgen
Der Historiker Steffen Jost, der seit Jahren zu digitaler Erinnerungskultur forscht, analysiert die wachsende Bedeutung Sozialer Medien in der Vermittlung des Nationalsozialismus. Er zeigt, wie YouTube, Instagram oder TikTok klassische Formate wie Unterricht oder Gedenkstättenarbeit nicht nur ergänzen, sondern zunehmend prägen. Jost beschreibt die Entwicklung von frühen Websites und CD-ROMs über digitale Lernplattformen bis hin zu aktuellen TikTok- und Instagram-Projekten. Sein Schlüsselkonzept ist die ‚era of the creator‘: eine Phase, in der nicht mehr Institutionen, sondern einzelne Akteur*innen und Influencer*innen maßgeblich bestimmen, wie Geschichte erzählt wird. Diese Entwicklung eröffnet Chancen der Reichweitensteigerung, birgt jedoch Risiken: fehlende Quellenkritik, unzureichendes Community-Management und die Gefahr oberflächlicher Narration. Beispiele wie Eva Stories oder ichbinsophiescholl zeigen, dass digitale Erinnerung große Reichweite erzielt, gleichzeitig aber pädagogische Reflexion erfordert. Jost macht deutlich, dass sich Institutionen stärker den Logiken digitaler Plattformen stellen müssen, wenn sie relevant bleiben wollen. Sein Beitrag sensibilisiert für die wachsende Rolle von Algorithmen, Kurzformaten und personalisierten Erzählweisen in der Vermittlung des Holocaust und fordert ein Zusammenspiel von Reichweite, Verantwortung und pädagogischem Anspruch, um digitale Erinnerungskultur nachhaltig zu gestalten.
Der Historiker Dr. Maximilian Strnad, der bei Public History München die Bereiche Nationalsozialismus, jüdische Geschichte und Digital Memory leitet, richtet den Blick auf die Rolle individueller Schicksale. Er erinnert daran, dass Überlebende nach 1945 lange ignoriert wurden und erst durch Initiativen von unten ins Zentrum rückten. Heute prägen Biografien von NS-Verfolgten die Vermittlungsarbeit – von Stolpersteinen bis zu digitalen Projekten. Strnad beschreibt, wie Angehörige weltweit nach Spuren suchen und digitale Plattformen das erleichtern. Er zeigt Chancen und Grenzen: Zahlreiche Gedenkbücher und Datenbanken wachsen, doch ihre Vernetzung ist begrenzt und ihre Nutzung oft fragmentarisch. Projekte wie #everynamecounts oder lokale Initiativen verdeutlichen das Potenzial, während Lücken in Dokumentation und Kontextualisierung bestehen. Strnad betont zudem die Bedeutung von Originaldokumenten als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Digitale Zugänglichkeit erhöht Authentizität, verhindert Fälschungen und erweitert den Kreis der Beteiligten. Sein Beitrag macht deutlich, dass Zugänglichkeit und Auffindbarkeit digitaler Quellen maßgeblich bestimmen, welche Geschichten erinnert werden – und dass Erinnerung ohne digitale Anbindung bald kaum noch vermittelbar ist.
Tausende Fotos auf Smartphones, unzählige Mails in Outlook – die Digitalisierung prägt unser Erinnern. Welche Folgen hat dies für Individuen, Gruppen und Kollektive – und welche Konsequenzen ergeben sich für die medienpädagogische Arbeit? Der Soziologe Oliver Dimbath liefert eine Analyse der Gedächtnisdigitalisierung auf sozialen Ebenen. Seit Ebbinghaus ist die Psychologie eine zentrale Bezugsdisziplin, doch auch die Soziologie betont den sozialen Charakter des Gedächtnisses: Inhalte hängen von sozialen Positionen ab. Empirisch zeigte dies Coenen-Huther (1994/2002) am Beispiel geschlechtsspezifischer Erinnerungsweisen in Familien. Dimbath entwickelt die These, dass diese soziale Erinnerungsmatrix zunehmend von Algorithmen durchdrungen wird – besonders bei der Selektion erinnerungswürdiger Ereignisse. Die Marktmacht großer Anbieter könnte so zu „alternativen Vergangenheiten“ führen. Sein Modell individuellen, sozialen und kollektiven Gedächtnisses verdeutlicht: Erinnerungen sind hochselektiv, konstruiert und in lebensweltliche Sozialisation eingebettet. Schriftlichkeit markierte eine erste Disruption; die Digitalisierung sprengt nun die Grenzen der Tradierbarkeit – textuell wie visuell. KI ermöglicht probabilistische Vergangenheitsrekonstruktionen, mühelos kuratiert, doch potenziell unzuverlässig und politisch missbrauchbar. Damit liefert Dimbath wichtige Impulse für päda-gogische wie politische Reflexion.
Die Journalistin und Content-Creatorin Susanne Siegert (@keine.erinnerungskultur) reflektiert im Gespräch mit Swenja Wütscher ihre Praxis digitaler Gedenkarbeit. Ausgehend von eigenen Recherchen zum KZ-Außenlager Mühldorfer Hart entwickelte sie ein niedrigschwelliges, visuell geprägtes Format, das komplexe Inhalte für unterschiedliche Zielgruppen aufbereitet. Während sie auf Instagram vor allem ältere Menschen anspricht, erreicht sie auf TikTok Jugendliche, die dort erstmals mit NS-Geschichte in Kontakt kommen. Siegert versteht Erinnerung nicht als passives Konsumieren, sondern als aktive Gedenkarbeit, die multiperspektivisch, kritisch und partizipativ sein muss. Sie macht Lücken sichtbar, etwa queere, migrantische oder postkoloniale Perspektiven, und betont Chancen digitaler Archive für Recherche und Vermittlung. Gleichzeitig reflektiert sie die Grenzen: Umgang mit Gewaltbildern, Hasskommentaren und algorithmischer Sichtbarkeit. Ihr Beitrag zeigt eindrucksvoll, wie Erinnerung auf Social Media neu gestaltet werden kann, ohne pädagogische Tiefe und Sensibilität zu verlieren.
Die historisch-politische Bildnerin Nathalie Jacobsen vom Max Mannheimer Studienzentrum, stellt im Gespräch mit Sebastian Ring die Visual Novel Max Mannheimer – ben jakov vor. Mit dem Spiel wird das Leben des Holocaustüberlebenden Max Mannheimer erzählt – von der Kindheit über Verfolgung und KZ-Haft bis zum späteren Wirken als Zeitzeuge. Mannheimer wird nicht auf seine Opferrolle reduziert, sondern sein gesamtes Leben wird erfahrbar. Gemeinsam mit Angehörigen, einer Illustratorin und Entwickler*innen wurde eine Form gefunden, die historische Genauigkeit, emotionale Zugänglichkeit und pädagogische Verantwortung verbindet. Gewalt wird durch Metaphern und visuelle Symbolik vermittelt, ohne voyeuristisch zu wirken. Jugendliche waren in die Entwicklung eingebunden, was Lesbarkeit und Interaktivität der App prägte. Jacobsen verdeutlicht, dass digitale Spiele als Lernorte funktionieren können, wenn historische Präzision, künstlerische Gestaltung und pädagogische Reflexion ausgewogen kombiniert werden.
Der Politikwissenschaftler Martin Noweck, langjährig am Medienzentrum München des JFF tätig, blickt essayistisch auf zwei Jahrzehnte medienpädagogischer Erinnerungsarbeit zurück. Anhand eigener Erfahrungen als Kameramann und Projektleiter zeigt er, wie erinnerungskulturelle Projekte gemeinsam mit Jugendlichen erzählt, tradiert und inszeniert werden. Er reflektiert Spannungsfelder zwischen Authentizität, Technik und Inszenierung sowie den unvermeidlichen Wandel durch den Verlust von Zeitzeug*innen. Partizipative Projekte wie Erinnerungszeichen oder #LastSeen verdeutlichen, wie mediale Formate Erinnerung sichtbar machen und Jugendliche aktiv einbeziehen. Noweck betont die Bedeutung neuer Technologien – von 360-Grad-Video bis KI – warnt aber vor hohen Kosten und Überforderung. Seine Reflexionen zeigen, dass Erinnerung in subjektiven Erzählungen, medialen Formen und gesellschaftlichen Aushandlungen ständig neu konstituiert wird, und dass Jugendliche aktiv eingezogen werden müssen, damit Erinnerung lebendig, kritisch und zukunftsorientiert bleibt.
Einen besonderen roten Faden bilden die Abbildungen des Projekts Erinnerungszeichen des Stadtarchiv München (heute: Public History München). Mit Tafeln und Stelen erinnert es an Menschen, die zwischen 1933 und 1945 Opfer der NS-Verfolgung wurden. Die Zeichen machen Biografien sichtbar und geben den oftmals vergessenen Opfern symbolisch einen Platz in der Stadtgesellschaft. Im Titelthema dieser Ausgabe begleiten die Bilder die Beiträge und schlagen so eine Brücke zwischen lokalen Erinnerungsorten, digitaler Erinnerungskultur und der Frage nach Formen des Sichtbarmachens.
Fazit und Ausblick: Digitale Erinnerungskultur im Spannungsfeld
Die Beiträge eröffnen unterschiedliche, aber komplementäre Perspektiven auf digitale Erinnerungskultur. Gemeinsam ist ihnen die Überzeugung, dass Erinnerung heute nicht mehr allein durch Institutionen getragen wird, sondern vielfältige Akteur*innen, Plattformen und Medien beteiligt sind. Jost und Siegert rücken Social Media ins Zentrum: Während Jost den Strukturwandel theoretisch als ‚era of the creator‘ fasst, beschreibt Siegert praktisch, wie digitale Gedenkarbeit auf TikTok und Instagram funktioniert. Strnad und Noweck betonen die Bedeutung individueller Biografien und lokaler Initiativen, wobei Strnad die Potenziale digitaler Datenbanken hervorhebt und Noweck auf medienpädagogische Projekterfahrungen verweist. Jacobsen zeigt mit der Visual Novel, wie Spiele junge Menschen emotional erreichen können, ohne historische Genauigkeit zu vernachlässigen. Dimbath liefert eine theoretische Rahmung, die verdeutlicht, wie digitale Technologien Erinnerung selbst verändern und alternative Vergangenheiten produzieren können. So spannt sich ein Bogen von konkreter Praxis über institutionelle Kontexte bis hin zu theoretischen Modellen, der die Vielfalt und Dynamik digitaler Erinnerungskultur sichtbar macht – von lokalen Erinnerungsorten wie Erinnerungszeichen bis zu Social-Media- und digitalen Plattformprojekten
Emotions and Media Literacy: To What Extent Are Emotions Considered in Theoretical Media Literacy Concepts? Eine retrospektive Analyse zum Stellenwert von Emotionen in Medienkompetenz-Konzepten vor Einführung des Web 2.0
Emotionen sind in sämtlichen Phasen der Medienrezeption relevant. Es kann daher vermutet werden, dass sie bei der Konzeptionierung von Medienkompetenz besondere Berücksichtigung erfahren. Eine retrospektive Analyse von vor Einführung des Web 2.0 publizierten Medienkompetenz-Konzepten offenbart, dass Bezüge zu Emotionen vorranging genutzt werden, den Bedarf an Medienkompetenzförderung zu begründen, bei Definition und Konzeptionierung hingegen zu wenig mitgedacht werden.
Emotions are relevant in all phases of media reception. It can be assumed that they receive particular consideration in the conceptualization of media literacy. A retrospective analysis of media literacy concepts published prior to the emergence of Web 2.0 reveals that references to emotions primarily served to justify the need for promoting media literacy, while receiving too little attention in its definition and conceptualization.Emotions are an important aspect regarding the design of media content and are also extremely relevant with regard to media usage and media-mediated communication. Against this background, the planned contribution examines the demands that should be placed on media literacy concepts to adequately account for the significance of emotions. Selected established media literacy concepts will be analyzed and compared regarding the integration of emotions. Furthermore, key foundational competencies will be discussed with regard to emotional processes and media usage. This focus will include the importance of mindfulness, self-determination, and individual coping styles
Unlearning Anti-Feminism on TikTok
Im Projekt Unlearning Anti-Feminism on TikTok wird das Phänomen untersucht, dass sich antifeministische Diskurse aus dem rechten Spektrum zunehmend in scheinbar harmlosen Lifestyle-Formaten auf TikTok verbreiten. Ziel des Projekts ist es, antifeministische Inhalte auf TikTok zu identifizieren, besser zu verstehen und einen reflektierten sowie handlungs-sicheren Umgang mit diesen zu fördern. In Kooperation zwischen dem Verein mediale pfade – Verein für Medienbildung e. V. und der Universität zu Köln wurde ein modular aufgebautes Bildungsprogramm entwickelt, das aus 13 Einheiten sowie zwei exemplarischen Workshops besteht. Die erarbeiteten Methoden umfassen sowohl die Analyse algorithmischer Strukturen als auch die Entwicklung und Produktion wirkungsvoller Gegennarrative. Es stehen nicht nur Inhalte, sondern auch die Mechanismen der Plattform selbst im Fokus. Jedes Modul wird detailliert vorgestellt und enthält zu Beginn Angaben zu Dauer, methodischem Zugang sowie zum Schwierigkeitsgrad. Themenschwerpunkte sind unter anderem ‚Gegenrede auf TikTok‘, ein spielerisches Format zur Erprobung von Strategien der digitalen Gegenrede, ‚Feministische Utopie vs. KI‘, eine kritische Auseinandersetzung mit KI-generierten Inhalten oder ‚Make Your Meme Come True‘, ein Modul zur Erstellung eigener Memes mit feministischen Botschaften. Die Projektergebnisse finden sich in offenen Bildungsmaterialien sowie in empirisch fundierten Handlungsempfehlungen für die politische Bildungsarbeit im digitalen Raum. Diese Materialien sind sowohl für den Einsatz in formalen Bildungskontexten wie Schule und Hochschule als auch in non-formalen Lernumgebungen für Vereine oder zivilgesellschaftliche Initiativen konzipiert. Sie sollen dazu beitragen, ein kritisches Bewusstsein sowie kompetente Handlungsstrategien im Umgang mit antifeministischen Inhalten und Diskursen auf Social Media zu fördern.
https://www.antiantifeminism.or
Fakten, Fiktion und Verantwortung im digitalen Zeitalter: Editorial
Das Motto des Safer Internet Day (SID) 2025 lautete ‚Keine Likes für Lügen: Erkenne Extremismus, Populismus und Deepfake!‘. Mit über 300 vielfältigen Aktionen hat der EU-weite Aktionstag die breite Bevölkerung für Desinformation und Verschwörungserzählungen sensibilisiert. Das Motto zeigt, wie wichtig es ist, vermeintlich eindeutige Begriffe im Rahmen eines Diskurses immer wieder zu definieren: Lügen hingen bei diesem Aktionstag eng mit demokratiegefährdenden Tendenzen wie Extremismus zusammen, sind aber nicht per se problematisch oder gefährlich. Wird eine Lüge in Form von Satire eingesetzt mit dem Ziel, gesellschaftliche Zustände anzuprangern oder als ‚Notlüge‘, um Menschenleben zu retten, verdient sie durchaus ein ‚Like‘.
Mit diesem Heft soll über die Voraussetzungen und Bedingungen informiert werden, die einen kritisch-rationalen Diskurs (Habermas, 1981) möglich machen können, für den wiederum Wahrheit und Wahrhaftigkeit zwei zentrale Geltungskriterien sind. In Zeiten, in denen jede*r von uns zum ‚Produser‘ geworden und die Menge an Wissen und Informationen angestiegen ist, wird die Bewertung, was davon wirklich ‚wahr‘ ist, herausfordernder. Wenngleich das Verdrehen von Wahrheit, das Vermischen von Wahrem und Unwahrem schon immer gängiges Prinzip war – nicht nur in Politik, Wirtschaft und bestimmten Medien, sondern auch im beruflichen und privaten Umfeld –, so nehmen Nachsicht und Verständnis gegenüber dieser kommunikativen Praxis in Krisenzeiten deutlich ab. Sie verunsichert in Zeiten, in denen sich viele Menschen nach Übersichtlichkeit und Vereinfachung, nach dem Authentischen sowie auch nach Autoritäten sehnen. Im schlimmsten Fall führt sie zum Vertrauensverlust in demokratische Systeme und Prozesse sowie Medieninstitutionen (u. a. Brodnig, 2024; Reuschenbach & Frenzel, 2024; Nassehi, 2015).
Im Zuge der Diskussion um „alternative Fakten“ (Kumkar, 2022), Desinformation und mittels KI generierter Deep Fakes stellt sich mehr und mehr die Frage: Wie gehen wir allgemein und in der Medienpädagogik mit Weltanschauungen und unterschiedlichen Interessen von mehr oder minder begründeten politischen Meinungen um, die sich kaum an ‚reinen‘ Fakten orientieren und nicht nur die öffentliche Debattenkultur, sondern auch den sozialen Zusammenhalt bedrohen?
Im Fokus der Auseinandersetzung steht dabei, welche Rolle medienpädagogische Forschung und Praxis hier einnehmen, und was sie jeweils leisten können, um a) demokratiegefährdenden Tendenzen Einhalt zu gebieten und b) Menschen zu befähigen, sich an der Wahrheitsfindung aktiv zu beteiligen und diese als politischen Mitgestaltungsauftrag zu verstehen. Insgesamt tangiert das Thema nicht nur medienphilosophische und demokratietheoretische, sondern auch medienethische und bildungspolitische Fragen:
Was bedeuten Wahrheit und Wahrhaftigkeit für unsere Demokratie und welche Rolle kann in diesem Kontext die Medienpädagogik einnehmen?
Welche Kriterien sollten für welche gesellschaftlichen Teilgebiete und insbesondere Medien(-umgebungen) bei der Realisierung von Wahrheitsansprüchen gelten?
Wie soll man umgehen mit der Wahrheit der anderen, der eigenen Wahrheit, der Negation von Wahrheit und dem gemeinsamen, oft mühsamen Ringen um Wahrheit?
Wie können Wahrheitsfindungsprozesse trotz Meinungspluralität so umgesetzt werden, dass sie im Sinne eines politischen Mitgestaltungsauftrags demokratiefördernd wirken? Was können die Medienpädagogik und benachbarte Disziplinen dazu beitragen?
Die Beiträge in diesem Heft widmen sich zunächst den Begrifflichkeiten und Grundlagen des Themas und geben weiterhin Einblicke in einen kritischen Journalismus sowie in die Praxis der Sozialen Arbeit. Außerdem werden Impulse aus der Praxis der politischen Arbeit sowie dem filmischen Bildungsbereich vorgestellt.
In seinem Einführungsartikel klärt Bernd Zywietz darüber auf, warum Wahrheit Schutzgut sowie Kampfbegriff ist, aber auch an seine Grenzen stößt, wenn es um die Grauzonen geht, in denen sich nicht so einfach zwischen ‚wahr‘ und ‚falsch‘ unterscheiden lässt. Er zeigt, dass Wahrhaftigkeit hier als Konzept zwar weiterhilft, aber ebenfalls limitiert ist.
Ein wichtiger Akteur, der Desinformation und demokratiegefährdenden Tendenzen mit Faktenchecks und Aufklärungsarbeit bekämpft, ist der Blog Volksverpetzer. Im Interview mit Thomas Laschyk, Gründer des Projekts, sprechen wir über den Wahrheits- und Neutralitätsbegriff im Journalismus sowie über den Einsatz und Missbrauch von KI in der Nachrichtenproduktion. Nicht zuletzt geht es auch um Fehlerkultur im Journalismus.
Johanna Sprenger betrachtet die Korrelation von Vertrauen und Desinformation. Sie erläutert, wie ein niedriges institutionelles und interpersonales Vertrauen den Zugang zu Fakten und die Akzeptanz von Desinformation beeinflusst, und stellt medienpädagogische Angebote vor, welche Handlungsoptionen für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zur Förderung von Wahrheitsfindungsprozessen und der Stärkung des Medienvertrauens geben.
Einen Blick über den medienpädagogischen Tellerrand wagt Julius Späte. Er erläutert, wie sich Soziale Arbeit als Nachbarprofession der Medienpädagogik der Frage stellt, welche Aufgaben ihr als Disziplin in einer von Desinformationen geprägten Gesellschaft zukommen und welchen Wert Wahrheit für sie in einer postfaktischen Zeit hat. Anhand des Konzepts der ‚digitalen Undinge‘ erläutert er, inwiefern Soziale Arbeit sich an einer besonderen Schnittstelle befindet, weil sie mit subjektiven Wirklichkeitskonstruktionen ihrer Adressat*innen arbeitet. Es wird deutlich, wie wichtig es für Sozialarbeitende ist, sich nicht nur mit dem eigenen Verständnis von Wahrheit auseinanderzusetzen, sondern auch Medienkompetenz zu entwickeln, um Menschen im Sinne ihres Auftrags unterstützen zu können.
Der Aspekt des Vertrauens spielt auch eine Rolle, wenn es darum geht, Jugendliche zu befähigen, mit verschiedenen Wahrheiten auf Plattformen umzugehen, die sie täglich als Nachrichtenquelle nutzen und auf denen sie Influencer*innen folgen, die ihnen vertraut vorkommen. Zwei exemplarische Projekte nehmen TikTok in den Fokus und versuchen junge Menschen für einen bewussten, kritischen Umgang mit der App zu sensibilisieren, ohne ihre Existenz grundsätzlich infrage zu stellen. Das CIA Spandau aus Berlin verfolgt mit seinem Projekt einen Pre-Bunking Ansatz, bei dem die Auseinandersetzung mit dem Algorithmus auf TikTok im Mittelpunkt steht. Die Methoden sollen Jugendliche vor dem Kontakt mit Inhalten auf der App vorbereiten, ohne die positiven Aspekte zu vernachlässigen. Im Rahmen des Projekts demo:create der Amadeu Antonio Stiftung wurde ein medienpädagogisches Action-Kit entwickelt, das methodische Impulse und ein TikTok-Glossar enthält. Der theoretische Unterbau dieses Projekts sind parasoziale Beziehungen sowie das Wissen um emotionale und faktenbasierte Wahrheit.
Auf welche Weise Medien gezielt Wirklichkeit inszenieren, dramatisieren und emotionalisieren, zeigt Sandra Nuy am Beispiel von Biopics. Im Beitrag wird die Frage gestellt, wie sich die Beziehung von Wahrheit und filmisch inszenierter Wahrhaftigkeit darstellt, und untersucht, welche Mittel Filmbiografien authentisch wirken lassen. Das Thema liefert einige Anregungen für die Praxis: Filme über Personen der Zeitgeschichte können Anlass sein, sich in medienpädagogischen Projekten mit der eigenen Biografie zu beschäftigen – und gegebenenfalls Parallelen zum eigenen Leben zu entdecken. Die Reflexion darüber kann, angemessen begleitet und in bestimmten Räumen eingesetzt, Potenzial zu empowermentorientiertem Arbeiten mit problem- und krisenbelasteten Heranwachsenden haben und verdeutlichen, dass auch berühmte Persönlichkeiten Herausforderungen in ihrem Leben haben können – so wie man selbst. Die Betrachtung von Authentizität in Filmen birgt Potenzial für Angebote, in denen es um die Darstellung von Echtheit geht. Die Auseinandersetzung mit der Selbstdarstellung von In-, Sinn- oder Greenfluencer*innen kann das kritische Infragestellen einer vermeintlichen Vertrautheit fördern, die Jugendliche oftmals im Zusammenhang mit ihren Idolen spüren.
Wir verfolgen aufmerksam, wie diese Debatte sich auf allen Ebenen verändert und entwickelt, und möchten mit diesem Heft mehr Wissen, mehr Klarheit, mehr Inspiration und mehr Perspektiven in den medienpädagogischen Diskurs um Wahrheit und Wahrhaftigkeit bringen. Wichtig ist uns vor allem, dass innerhalb des Diskurses nicht resigniert wird: Es ist eine unserer dringlichsten Aufgaben, ihn mitzugestalten.
TikTok: The Good, the Bad and the Ugly
KI-generierte Videos, die Wladimir Putin als muskulösen Bären, Olaf Scholz in einem rosa Ballettkleid oder Friedrich Merz als Wurm zeigen, lassen sich mit dem Begriff Desinformation schlecht erfassen. Die massiven Propaganda-Aktivitäten auf TikTok tarnen sich häufiger als Unterhaltung, denn als Nachricht: Propaganda-Kanäle publizieren vermeintliche Comedy-Videos. Vielfach fehlt jedoch sowohl Schüler*innen als auch Fachkräften das Vokabular, um problematische Inhalte auf Social Media zu benennen.
Das Ziel unserer Arbeit ist es, eine Alphabetisierung zu problematischem Content stattfinden zu lassen. Ein Ansatz dabei ist es, diedurchaus positiven (oder zumindest harmlosen) Inhalte zu betrachten, mit denen sich Jugendliche auf Social Media beschäftigen, undeinen Rahmen zu schaffen, der eng an ihre Lebensrealität anknüpft
Gute Kindheit in der Digitalität: Eine kritische Annäherung an ein ethisches Konzept des Digital Wellbeing
Im Zentrum des Beitrags steht die Frage nach dem digitalen Wohlbefinden und Wohlergehen von Kindern mit einem Fokus auf ihre sich entwickelnde Selbstbestimmung sowie das Spannungsfeld verschiedener Rechte. Ziel des Beitrags ist eine theoretische Auseinandersetzung mit Digital Wellbeing1 aus medien- und KI-ethischer Perspektive und unter besonderer Berücksichtigung der Herausforderungen und Potenziale, die sich durch KI für Kinder ergeben. Erarbeitet werden Konturen eines anwendungsorientierten Konzepts und erste Points to Consider für den weiteren Diskurs
Neue Leitlinien zum Schutz Minderjähriger im digitalen Raum
Um mehr Sicherheit, Privatsphäre und Schutz für Kinder und Jugendliche im digitalen Raum der EU zu gewährleisten, hat die Europäische Kommission etwa ein Jahr lang einen Leitlinienkatalog entwickelt. Dieser wurde am 14. Juli veröffentlicht und konkretisiert, wie Online-Plattformen die Vorgaben aus dem Digital Services Act (DSA) realisieren müssen.
Unter anderem soll es eine App zur Altersverifikation geben. Hierfür wurde ein Prototyp entwickelt, der datenschutzfreundlich und -sicher ist und zunächst in fünf EU-Ländern getestet werden soll. Die Verifizierungsapp stellt sicher, dass neu registrierte Nutzer*innen das von der jeweiligen Plattform festgelegte Mindestalter erreicht haben. Zusätzlich sind laut Leitlinien die Profile minderjähriger Personen von vornherein durch die Plattformen selbst auf privat zu setzen. So sollen potenziell unangemessene Kontaktaufnahmen unterbunden werden.
Um Cybermobbing auf Online-Plattformen entgegenzuwirken und vorzubeugen, wird es jungen Menschen künftig erleichtert, andere Nutzer*innen zu blockieren oder stummzuschalten. Auch können sie nur mit ihrer ausdrücklichen Zustimmung zu Gruppen hinzugefügt werden.
Was die Inhalte betrifft, sollen Kinder und Jugendliche die Möglichkeit haben, selbst über den für sie interessanten Content zu entscheiden. Wird ein bestimmter Medieninhalt abgelehnt, dürfen vergleichbare Angebote nicht wieder präsentiert werden. Damit wird die algorithmische Steuerung besser an die Bedürfnisse der Heranwachsenden angepasst.
Bezüglich der manipulativen Gestaltung von Online-Plattformen sind jene Elemente zu entfernen, die Kinder und Jugendliche potenziell unter Druck setzen, ständig online sein zu müssen. Hierzu zählen zum Beispiel die sogenannten Streaks beziehungsweise Flammen bei Snapchat.
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