merz Zeitschrift für Medienpädagogik
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Schönhofer, Gerhard (2022). Ermächtigung durch Sichtbarkeit? Filmprojekte mit fluchterfahrenen Jugendlichen in Deutschland. Bielefeld: transcript. 352 S., 39,99 €.
In diesem Buch untersucht Gerhard Schönhofer, inwiefern partizipative Filmprojekte für fluchterfahrene Jugendliche tatsächlich deren Sichtbarkeit ermöglichen. Dabei hinterfragt der Autor kritisch, dass im Kontext solcher medienpädagogischer Workshop-Formate Sichtbarkeit mit Ermächtigung gleichgesetzt wird. Er zeigt anhand ethnografischer Methoden Spannungsfelder auf, die solche Bemühungen des ‚Eine-Stimme-Gebens‘ erzeugen können. Jedoch möchte er dabei nicht die Angebote diverser Initiativen und Akteur*innen als „fehlgeleitet, irrelevant oder gar überflüssig“ (S. 15) darstellen. Viel mehr geht es ihm darum, zu zeigen, welche Probleme bei Bemühungen zur Ermächtigung, Partizipation und Teilhabe entstehen können. Für Akteur*innen aus filmpraktischen Angeboten für Jugendliche mit Fluchterfahrung dient das Buch zur kritischen Auseinandersetzung mit medial konstruierten Blickregimen auf Migration. Es zeigt ferner auf, wie wichtig eine entsprechende Zielsetzung ist, damit nicht durch das Angebot per se ‚Othering‘ stattfindet. Welche Vorannahmen leitet die Akteur*innen, wenn sie ‚die anderen‘ sichtbarer machen und ihnen eine Stimme geben wollen? Dies ist eine von vielen Fragestellungen, mit denen sich Schönhofer auseinandersetzt. Der Ethnologe zeigt verschiedene Probleme und Gefahren von Filmprojekten mit Geflüchteten auf. Somit liefert die Publikation wichtige Anregungen nicht nur für die Konzeption entsprechender Projekte, sondern auch dazu, auf was es bei der Präsentation zu achten gilt
„Immer schön lächeln!“ – Whatsapp im Vorort
Kürbisse über Kürbisse. Kaum geht es auf Halloween zu, grinsen sie mir von überall her entgegen. Der Größe nach aufgereiht schmücken sie schon seit Wochen die heimischen Vorgärten und gammeln dem großen Tag entgegen. Allein auf dem Weg zur S-Bahn zähle ich 13 Stück. Im WhatsApp-Status überbieten sich meine Kontakte, wer die schönste Fratze geschnitzt hat. Manche posten sogar den Entstehungsprozess vom Aushöhlen bis zum Beleuchten – natürlich flankiert mit fröhlich lächelnden Kindern in perfekt aufgeräumten Wohnküchen. Nicht umsonst heißt diese Messenger-Funktion ‚Status‘. Ende Oktober dann der panische Hilferuf im Familienchat: „Wo gibt es noch Kürbisse?“. Auf dem Acker zum Selbstpflücken: nur noch matschige Reste. Im Supermarkt: alles ausverkauft. Beim Baumarkt: leider vergriffen. Im Nachbarort beim Großbauern gebe es noch welche, die rettende Info. Eine Diskussion entbrennt im Chat mit 257 Teilnehmer*innen: Ob es ethisch vertretbar sei, bei einem derartig dramatischen Kürbis-Mangel mehr als einen Kürbis pro Familie zu kaufen? Die Admins mahnen zur Besonnenheit „Kürbiskostüm, 1–3 Jahre, 5 €“ – schon wieder grinst mir digitales Gemüse entgegen.
Ach ja: Ich bin Admin von zwei der sechs örtlichen Flohmarkt-Gruppen und überprüfe täglich die Einhaltung der Gruppenregeln. Eine lautet „Crosspostings vermeiden!“. Taucht also dieses Angebot noch in anderen Gebrauchtwaren-Gruppen auf, schreibe ich die verkaufstüchtige Person freundlich an. Die Nachrichtenflut so gering wie möglich zu halten, lautet die Mission. Ping! Schon wieder lacht mich ein Kürbis an, dieses Mal in Muffinform. „Sollen wir einen Kuchenverkauf zu Halloween machen?“. Jetzt ist es der Elternbeirat-Gruppenchat des Kindergartens. Ein paar Tage später gebe ich freundlich lächelnd orange-schwarze Teigwunder an zahlungskräftige Familien weiter. Natürlich poste ich das Ganze auf Whats-App, damit alle an ihr Kleingeld denken. Und dann kommt der große Tag, der 31. Oktober. Nun wird im Familienchat gerätselt, welcher Ortsteil sich am besten für „Süßes oder Saures“ eignet. Es wird eine digitale Karte geteilt, in die sich alle eintragen können, die Trick-or-Treat-Besuch empfangen möchten. Im Süden heißt es, gebe es das „Horror-Haus“, da müsse man unbedingt hin. Mit Skeletten, Sound- und Lichtinstallationen, einem Friedhof und sogar einer Nebelmaschine. Das Haus liegt bei uns um die Ecke. Als ich um 19 Uhr ankomme, sehe ich das Haus vor lauter Schaulustigen nicht. Himmel, lesen die etwa alle den Familienchat mit? Ich jedenfalls stelle ein Foto unseres mittlerweile schief grinsenden, leicht verschimmelten Kürbiskunstwerks in meinen Status.Denn irgendwo habe ich gelesen, dass sich besonders Mütter mit dem Online-Teilen vom „perfekten“ Familienleben gegenseitig unter Druck setzen. Dem möchte ich als Vorort-Bewohnerin heute Mal etwas entgegensetzen
Digitale Souveränität und relationale Subjektivität: Neue Leitbilder für die Medienpädagogik? Editorial
Medienpädagogische Zielsetzungen und Menschenbilder sind stets Konjunkturen unterworfen und haben sich im Laufe der Zeit immer wieder gewandelt. Im Call for Papers für dieses Themenheft haben wir gefragt, ob wir heute wiederum an einem solchen Punkt stehen, und es angesichts von Datafizierung, algorithmischer Kultur und Künstlicher Intelligenz neuer, veränderter medienpädagogischer Leitbilder bedarf. Leitbilder können im klassischen Verständnis begriffen werden „als normierende Vorgriffe zur Steuerung der individuellen Lebensführung wie auch sozialer Prozesse” (Pongratz 2010 [1995], S. 165). Sie dienen im pädagogischen Kontext als gesellschaftlich legitimierte Blaupause zur „Verbesserung des Lebens“ (ebd.), beanspruchen insofern normative Gültigkeit und dienen als Bezugspunkt theoretischer und praktischer Debatten. Angesichts der Omnipräsenz digital-medialer Veränderungsprozesse scheint es angebracht, die vorherrschenden Setzungen kritisch zu beleuchten und auf ihre Aktualität zu prüfen.
Insbesondere haben wir im Rahmen des Calls dazu eingeladen, den Begriff der Souveränität (neu) auszubuchstabieren und zu hinterfragen, da sich entlang dieses Konzepts aktuell eine ebensolche medienpädagogische Leitbilddiskussion aufspannt. Dabei war unsere Intention eine doppelte: Einerseits wollten wir den aktuellen, maßgeblich ökonomisch und technologisch signierten Diskurs (z. B. bitkom 2019) um ‚Digitale Souveränität‘ medienpädagogisch betrachten und wenden. Andererseits wollten wir vor dem Hintergrund veränderter Mensch-Technik-Balancen mit dem Begriff der Souveränität verknüpfte Ideale wie Mündigkeit, Autonomie und Handlungsfreiheit befragen. Vereinfacht drückt sich in diesen Idealen die normativ erwünschte Fähigkeit sozialer Entitäten aus, durch Entscheidungen und Handlungen gestaltend Einfluss auf ihre Umwelten nehmen zu können, womit auch klassische pädagogische Ideale adressiert werden. Diese tradierte Souveränitätsfiktion, die demokratietheoretisch weiterhin der Idee von Bürgerschaft zugrunde liegt, wird sozialtheoretisch freilich seit langem als ‚naiv‘ angezweifelt: Von kritischer Theorie bis Poststrukturalismus wurde in unterschiedlicher Form dargelegt, inwiefern Handlungsfreiheit immer schon als bedingt und innerhalb von Machtgefügen betrachtet werden muss. Medienbezogen zeigt sich Souveränität heute zunehmend aber auch empirisch angezählt: angesichts der gewachsenen Konkurrenz technischer Systeme und Plattformen, die für uns entscheiden oder uns Empfehlungen geben, die qua strategischer Intransparenz Dystopien des Souveränitätsverlusts nähren; angesichts digitaler Medienökologien, die aktuelles Medienhandeln mit Mustern vergangenen Handelns in Verbindung setzen und denen Prognosen künftigen Handelns eingeschrieben sind; sowie durch mediale Komplexität, die verunsichert und einen Bedarf nach Kontingenzreduktion evoziert.
Wenngleich die Debatte um Zielrichtungen, Ideale und Menschenbilder nicht neu ist (siehe etwa merzWissenschaft 2017), so erscheint sie angesichts dieser Entwicklungen doch aktueller denn je. Sowohl im Hinblick auf die medienpädagogische Praxis als auch im Bereich der Forschung ergeben sich Herausforderungen, die eine (Neu-) Positionierung und ein Hinterfragen bestehender Prämissen erfordern. Insofern lässt sich diese Ausgabe der merzWissenschaft als Versuch verstehen, die laufenden Debatten aufzugreifen und fokussiert fortzuführen. Diese Einführung in das Themenheft ist insbesondere von einer Beobachtung geprägt, die wir aufgreifen und vertiefen möchten: In vielen der hier versammelten Beiträge spielen Semantiken des Relationalen eine Rolle, um die Herausforderungen gegenwärtiger Digitalmedien und Dateninfrastrukturen mit Blick auf Fragen der Souveränität adäquat zu beschreiben. Wie Neuberger in ihrem Beitrag treffend feststellt, berührt „der Diskurs um digitale Souveränität [...] auch die Frage nach dem Subjektbegriff in der Medienpädagogik, weil mit der Personzentrierung die Vorstellung mitgeführt wird, dass Subjekte Ursprung von Handlungen sind“. In dieser Einführung möchten wir nun skizzieren, welche Konzepte relationaler Subjektivität hierbei entworfen werden und inwiefern in den Beiträgen ein relational turn zur Geltung kommt, der seit einiger Zeit auch in anderen Disziplinen und Fachbereichen diskutiert wird1. Darüber hinaus wird es auch darum gehen, an welcher Stelle tradierte Subjektkonzepte zum Tragen kommen und in welcher Form auch hier die Frage nach relationalen Verhältnissen von zunehmender Bedeutung ist.
Vom schwachen zum starken zum relationalen Subjekt?
Als Disziplin, die sich mit Lern-, Bildungs-, Sozialisations- und Erziehungsprozessen befasst, kommt die Medienpädagogik nicht umhin, ihre ontologischen Vorannahmen ebenso wie ihre normativen Zielsetzungen zu reflektieren (Swertz et al. 2017; Trültzsch-Wijnen 2017). Seit den späten 1970er Jahren bildet die Vorstellung des „starken Subjekts“ (Taube et al. 2017; Wagner 2013) einen zentralen normativen Rahmen des medienpädagogischen Menschenbildes (Kammerl 2017). Das Doppeltheorem der kommunikativen Kompetenz (Baacke 1973) setzt eine empirische Souveränität der Subjekte voraus, verstanden als die ihnen gegebene Fähigkeit (medial) zu kommunizieren. Diese Fähigkeit wird mit dem normativen Erwartungshorizont verknüpft, die in ihren Grundlagen gegebene Kompetenz des Zeichengebrauchs im jeweils gegebenen kulturellen und gesellschaftlichen Kontext weiter auszubilden, entsprechend pädagogischer Zielsetzungen zu entfalten und zu fördern. Diese doppelte Klammer aus Befähigt-Sein und Befähigt-Werden ist zumindest für jenen Teil der Medienpädagogik, der sich als Handlungswissenschaft versteht, tief in das professionelle Selbstverständnis eingeschrieben (Schorb 2011).
Brüggen/Lauber/Schober erinnern in ihrem Artikel daran, dass diese Handlungsorientierung in den 1970er Jahren gegen den Mainstream der damaligen Bewahrpädagogik erkämpft wurde; nicht zuletzt in produktiver Wendung der bis dato dominanten, kulturpessimistischen Deutungen der Massenmedien als bloße Kulturindustrie und ohnmächtigen, schutzlosen Massenpublika. In den 1980er und 90er Jahren konnte sich die mit gewendetem Menschen- und Medienbild versehene handlungsorientierte Medienpädagogik zur sozialtheoretischen Avantgarde einer interaktionistischen Sozialisationsforschung zählen, die die ‚Agency‘ der Subjekte – nach Jahrzehnten strukturalistischer Dominanz – sichtbar machte. ‚Stark‘ waren diese Subjekte nicht, weil sie (mithilfe medienpädagogischer Intervention) alles konnten, wussten oder sich vollkommen frei von Handlungszwängen machen konnten, sondern weil ihnen theoretisch wie praktisch emanzipatorische Potenziale zugeschrieben wurden und weil der Glaube vorhanden war, durch individuelle wie kollektive Freisetzung von Gestaltungsmacht Veränderung zu bewirken, um zum Beispiel eine andere Öffentlichkeit herzustellen.
Das Ideal einer souveränen Lebensführung bedeutete demnach, auf Basis und in Anerkennung des Bestehenden, fähig zu sein, eigene Positionen zu entwickeln, sich mithilfe von Medien Gehör zu verschaffen, sich in Debatten einzuschalten, kulturell etablierte Formen der Mediennutzung und -aneignung in den eigenen Alltag zu integrieren, sie dabei ab-zuändern, kreativ umzuprägen. Deutlich wird jedoch, dass die Vorstellung vom starken Subjekt oft eine individualtheoretische Konnotation aufweist, die etwa in einer kantianischen Theorietradition steht und das Subjekt über die dualistische Abgrenzung gegenüber dem Objekt definiert (Künkler 2014). In der Tendenz wird das Subjekt dabei als „Individuen-Entität“ (Reckwitz 2012, S. 16) gefasst und gilt – je nach theoretischer Ausformung – beispielsweise aufgrund seiner Vernunftbegabung, seiner Körperlichkeit, seiner Reflexions- oder seiner Handlungsfähigkeit als generatives Zentrum von Sozialität.
Wenn vor diesem Hintergrund, im Sinne einer Neuorientierung des Leitbilds, nun Relationali-tät als Beschreibungskategorie betont wird, ist das begründungsbedürftig. Sowohl das ‚starke‘ als auch das ‚schwache Subjekt‘ sind nicht ohne das Beziehungsgeflecht zu denken, innerhalb dessen sie hervorgebracht werden. Aus unserer Sicht läuft daher die zu findende retrospektive Etikettierung tradierter medienpädagogischer Positionen als orientiert an rein monadisch-atomistischen Subjektverständnissen oder an Idealen vollständiger oder absoluter Souveränität fehl. Dennoch handelt es sich beim Plädoyer für einen stärkeren Relationalitätsbegriff um eine tatsächliche Verschiebung, um mehr als rhetorische Neuetikettierung. In der Kultur der Digitalität, so etwa Engel/ Mayweg/Carnap in ihrem Beitrag, sei Handlungsmächtigkeit „stets eine verteilte Mächtigkeit, sie findet als ‚Effekt‘ verschiedener Akteur*innen und Aktanten statt.“ Mit Leineweber/ Zulaica y Mugica gesprochen geht es um eine „nicht-naive Reaktualisierung des Begriffs der Souveränität”. Überblickend lässt sich ablesen, dass ein soziotechnisch informiertes Denken vielfach als besonders relevant erachtet wird. Eingearbeitet in das Subjektverständnis und die Vorstellung von Medienhandeln respektive Me-dienpraxis wird (metaphorisch und personifizierend gesprochen) die Figur eines Daten-Selbst, mit dem die Subjekte wissentlich oder unwissentlich beständig in Interaktion stehen (Schelhowe 2020; Cheney-Lippold 2019). Dieses Daten-Selbst präformiert und beeinflusst unsere Erfahrungsräume, unabhängig von den anderen sozialen und kulturellen Kontexten als Ebenen von Relationalität, die medienpädagogisch immer schon Beachtung fanden.
Bevor wir verschiedene Argumentationslinien skizzieren, die verdeutlichen, wie Relationalität und Subjektivität als relevante Bezugskategorien für Fragen der (digitalen) Souveränität in den Beiträgen aufscheinen, möchten wir eine historische Entwicklung sichtbar machen, die aus unserer Sicht Anhaltspunkte bietet, warum Relationalität als konzeptuelle Perspektive gerade jetzt paradigmatisch zu werden scheint. Unsere These ist hierbei, dass die technisch-medialen Umwälzungen und kultur- und sozialwissenschaftliche Re-Orientierungen bzgl. Subjektwerdung und humaner Handlungsmacht in der Gegenwart konvergieren. Anhaltende sozialtheoretische (Subjekt-)Kritik und faktische Technologisierung entfalten ihre persuasive Kraft also zusammen (Abb. 1). Besonders seit dem Aufkommen datenintensiver digitaler Plattformen erscheint es – nicht zuletzt aufgrund der opaken Konstitutivität von Mensch-Algorithmen-Verkettungen, wie Ernst in seinem Beitrag deutlich macht – zunehmend schwierig, unmittelbare Anknüpfungspunkte für medienpädagogisches Handeln zu finden, welches dem Idealbild des souveränen Subjekts anhängt (Eder et al. 2017). Medientechnologische Innovationen und zugehörige Prozesse, etwa der Datafizierung, sind damit ein wesentlicher Bestandteil der Bestimmung von Möglichkeiten und Grenzen pädagogischen Handelns. Im Zuge dessen scheint eine Infragestellung bewährter Subjektvorstellungen angebracht, welche implizit und teils auch explizit medienpädagogischen Diskussionen zugrunde liegen.
Gerade in jüngeren Ansätzen relationaler Subjektivität kommt eine Wende dergestalt zum Ausdruck, dass den Relationen ontologischen Vorrang gegenüber den Relata eingeräumt wird (Künkler 2014, S. 27). Dieser Denkansatz – der unter anderem auf die Arbeiten des Soziologen Norbert Elias (1970) rekurriert, sich aber auch in jüngeren Debatten um posthumanistische Ansätze (Braidotti 2015) oder neomaterialistische Positionen (Hoppe/ Lemke 2021) findet – geht also nicht a priori von Entitäten aus, die in einer bestimmten Art und Weise zueinander in Beziehung stehen, sondern dreht dieses Verhältnis um und betrachtet zuallererst die „Beziehungsweisen und Bezogenheiten“ (Krautz 2017). Diesen wird generative Kraft zugeschrieben, erst durch die spezifische Ausprägung der relationalen Verhältnisse werden Manifestationen möglich. Ein so verstandenes ‚relationales Subjekt‘ darf nicht als substanzialistische Entität missverstanden werden, sondern lässt sich vielmehr als unabschließbarer Formierungsprozess heterogener Verwoben-heiten und unterschiedlicher Bindungsqualitäten mit der Fähigkeit zur temporären Stabilisierung durch Wiederholung begreifen (Seyfert 2019, S. 107 ff.). Die Beiträge in dieser Ausgabe weisen hier in unterschiedliche Richtungen: Einerseits wird Relationalität im Anschluss an klassische Subjektkonzepte als etwas beschrieben, innerhalb dessen Subjekte sich handelnd bewegen und entwerfen. Andererseits entwickeln manche Autor*innen Konzepte ‚relationaler Subjekte‘, die sich – durchaus als Fortführung poststrukturalistischer Denklinien – deutlicher von traditionellen Vorstellungen des Subjekts lösen, indem sie Relationalität primär im Sinne einer Prozessontologie verstehen, sich von dualistischen und individualtheoretischen Ansätzen abgrenzen und wesentlich offensiver die Bedeutung hybrider Subjektivierungsweisen in den Vordergrund rücken.
Subjektivität, Digitalität und Souveränität: Drei Argumentationslinien
Mit den vorangegangenen Ausführungen wurde deutlich, dass für deskriptiv-analytisch wie für normativ ausgerichtete Fragen nach Souveränität die jeweils zugrunde gelegten Subjektverständnisse maßgeblich sind. In den Beiträgen sehen wir drei größere Argumentationslinien, die gemünzt auf konkrete Gegenstände durchaus ineinandergreifen. Die ersten beiden Argumentationslinien knüpfen dabei vielfach an bestehende medienpädagogische Orientierungen an, reagieren jedoch mit einer Verstärkung relationaler Sichtweisen auf die Diagnosen veränderter medialer Umwelten. Die dritte Argumentationslinie, noch eher im Status von Theorieentwürfen durchgespielt, nutzt die Diagnosen hingegen, um das Subjektverständnis selbst nachhaltig zu refigurieren.
Mitgestalten, stören, spielen: Handeln in relationalen Verhältnissen als Quelle der Unruhe
In der ersten Argumentationslinie steht der Anspruch, auch unter veränderten Spielregeln den Raum für Reflexion und Mitgestaltung möglichst weit offen zu halten, im Mittelpunkt. Im Grunde handelt es sich um die Verlängerung des medienpädagogischen Credos, Emanzipation und Mitbestimmung zu ermöglichen, und wo möglich, systemische Prädispositionen kreativ zu stören bzw. umzuarbeiten. Sich seiner Schwäche und digitalen Vulnerabilität bewusst, erschöpft sich das in relationalen Verhältnissen handelnde Subjekt auch unter der Bedingung permanenter Datafizierung und durchökonomisierter Medienumgebungen nicht in der Rolle passiv-aktiver Funktionserfüllung. Hier schimmert die „Sozialfigur des Hackers“ (Funken 2010) durch, zu deren Souveränitätsfiktion gehört, innerhalb datenbasierter Umwelten humane Agency und Gestaltungskraft zu bewahren. In diese Argumentationslinie fallen zum einen Positionen, die die Gemachtheit technischer Systeme betonen, zuvorderst also: ihre Gestaltung durch Menschen, und entsprechend stark machen, dass diese Systeme potenziell anders beschaffen sein könnten und sollten. Anstatt also Ohnmacht zu akzeptieren, wird das humane Momentum und die individuelle und kollektive Verantwortung, für eine andere Medien- und Datenwelt einzutreten, scharf gestellt. Im vorliegenden Heft argumentieren beispielsweise Raffel, Allert und Richter in diese Richtung. In Relektüre von Ansätzen aus der informatorischen Bildung sowie von Critical Data Literacy leiten sie eine umfassende „Mitgestaltungskompetenz“ ab. Hierbei betonen sie unter anderem die Bedeutung von Folgenabschätzungen, die „nicht-intentionale Effekte“ sowie die „strukturelle Unbeherrschbarkeit von Software auch für jene, die sie produzieren“ mitdenken.
Darüber hinaus wird diese Konzeption der Einbindung des Subjekts in relationale Verhältnisse auch nicht-technisch als reflexive und mitunter widerspenstige, unberechenbare Instanz diskutiert (siehe dazu auch merzWissenschaft 2021). Um in dieser Weise wirksam zu werden, braucht es allerdings Methoden, um die für digitale Medien und Infrastrukturen charakteristische Intransparenz und Opazität in Manifestationen zu überführen, welche für die Subjekte greifbar sind. „Digital doubles”, so Herzig/Sarjevski/Hielscher in Rekurs auf Bode und Kristensens Studie zur Quantified Self-Bewegung, sind nicht nur Werkzeuge von Vermarktung und Überwachung, sondern auch potenzielles „Element der reflexiven Auseinandersetzung mit dem Selbst“, das einen „kontinuierlichen Dialog“ zwischen dem „Ich und dem anderen Ich“ (der selbstbezogenen Daten, erfahrbar z. B. durch Visualisierung) ermögliche. Einige Beiträge in diesem Themenheft nehmen hierbei Anleihen aus der Ästhetiktheorie: Leineweber/Zulaica y Mugica werben auf Basis eines ästhetisch orientierten Verständnisses von Souveränität für eine Medienpädagogik, die hilft zu erkennen, dass das sozialtechnologische Versprechen, „die Welt durch Daten beherrschbar zu machen“ nicht mehr ist als eine „ästhetische Choreografie des Souveränen durch digitale Berechnungen“, deren Kern im Grunde an-ästhetisch ist, weil sie Reflexion, Reibung, Ungewissheit, Aushandeln, das Ringen um Begründung zum Erliegen bringt. Wiedel/Dietrich/ Knieper wiederum beziehen sich auf den Governance-Ansatz, um eine Vorstellung von „strategischer Autonomie“ zu etablieren. Aufgabe der Medienpädagogik sei es, Subjekte zu befähigen, bestehende „Handlungskorridore situativ zu erkennen und darin selbstbestimmt sowie wertgebunden eigene Handlungsentscheidungen zu treffen.
Regieren, verbünden, quervernetzen: Relationalität als politisches Konzept
In der zweiten Argumentationslinie steht Relationalität für ein Konzept politischen Handelns, wonach Souveränität nur (noch) im Zusammenspiel verschiedener Instanzen zu erreichen ist. Für die Medienpädagogik bedeutet das in erster Linie, neue Allianzen zu formen und bestehende zu intensivieren, wie das im Wechselspiel mit politischer Bildung, informatorischer Bildung sowie Medienrecht/-politik bereits getan wird. Auch hier geht es nicht zwingend darum, das Subjektverständnis der Medienpädagogik im Vergleich zu früheren Ansätzen gänzlich in Frage zu stellen. Vielmehr heben die Autor*innen hervor, dass traditionelle Vorstellungen von Medienkompetenz Gefahr laufen, das Individuum ebenso wie die Medienpädagogik mit Ansprüchen zu überfrachten, die beide nicht einlösen können; und umgekehrt Verantwortung, die bei anderen Instanzen liegt, an das Subjekt zu delegieren. In diesem, negativen Sinn beschreibt ‚di-gitale Souveränität‘ eine Subjektivierungsform, die im schlimmsten Fall vortäuscht, mit etwas Training und Qualifizierung wären die befürchteten Souveränitätsverluste schon irgendwie auszugleichen.
Dem wird ein (politisches) Verständnis von Relationalität gegenübergestellt, das verschiedene Ebenen durchkreuzt und mehrere Instanzen kombiniert. Herzig/Sarjevski/Hielscher etwa argumentieren, dass algorithmische Entscheidungssysteme Formen der Intransparenz beinhalten, die Subjekte mit noch so großer Anstrengung allein nicht überwinden können. Darauf aufbauend beschreiben sie ein relationales Instanzen-Gefüge mit drei Seiten, bestehend aus kompetenten Nutzer*innen (transparency by education), um Transparenz und Nachvollziehbarkeit bemühte Softwareunternehmen (transparency by design) sowie um politische und rechtliche Institutionen, die regulativ eingreifen (transparency by regulation). Diese Stoßrichtung relationaler Semantik schreibt hier im Grunde fort, was Medienpädagogik insbesondere im Bereich des Jugendmedienschutzes schon lange versucht: ein konzertiertes Zusammenspiel aus Kompetenz- und Bildungsarbeit auf individueller Ebene, Eigenverantwortung und Selbstorganisation auf Seiten der Medienanbieter*innen (FSK, FSF, USK usw.) sowie rechtliche Rahmen und Durchsetzungsorgane bei Verstößen. Waldecker wiederum hält in seinem Beitrag fest, dass es begriffliche Alternativen braucht, um die „Verstrickung in datenbezogene Ausbeutungsverhältnisse“ der Subjekte angemessen fassen zu können. In einer explorativen Studie zur Nutzung von Smart Speakern zeichnet sich in seinen Augen ab, dass das Konzept der Souverä-nität an Grenzen stößt, um die multiplen Abhängigkeiten angemessen erfassen und pädagogisch thematisieren zu können. Notwendig erscheint in diesem Sinne – um mit Wendt zu sprechen – „die Eigenlogik digitaler Strukturbildung zu reflektieren“, um so Möglichkeiten zu finden, der Tendenz digitaler „Hyperindividualisierung“ etwas entgegenzusetzen.
Subjektivieren, praxeologisieren, materialisieren: Relationale Subjektivität als sozialtheoretische Re-Orientierung
In der dritten Argumentationslinie steht die Figur des relationalen Subjekts für die Verschiebung sozialtheoretischer Prämissen. Hier mischt sich das lange Abarbeiten diverser kultur- und sozialwissenschaftlicher Strömungen am Erbe des idealistischen Subjekts der Aufklärungsphilosophie, mit den Zeitdiagnosen zu Digitalisierung, Technisierung und Mediatisierung. Für Riettiens etwa scheint es angesichts „einer postulierten Unhintergehbarkeit des Digitalen in der Gegenwart (...) geradezu produktiv, sich mit der Nicht-Souveränität auseinanderzusetzen, um die relationalen Bedingungen von subjektiver Handlungsfähigkeit in einer Kultur der Digitalität zu reflektieren.“ Engel/Mayweg/Carnap fragen nach angemessenen, postdigitalen Vorstellungen von Handlungsmächtigkeit „nach der Souveränität“. Hervorgehoben werden veränderte Mensch-Technik-Balancen, die die Frage nach Handlungsmacht (Agency) neu stellen. Digitale Medien treten hierbei nicht mehr bloß als Werkzeuge, Gebrauchsgegenstände oder Repräsentationen auf. Vielmehr sind sie als epistemische Akteure mitzudenken, die über eigene Modi, die Welt zu ‚erkennen‘, verfügen (Jörissen 2015). Korrespondierend dazu wird auf deutlich anders gelagerte Ansätze rekurriert, die – oft in Anlehnung an poststrukturalistische Positionen oder in jüngerer Zeit den material turn (Kalthoff et al. 2016) – von einer Dezentrierung des Subjekts ausgehen und eine relationale Position stark mach
#44 – Medien.Pädagogik und Rassismus.Kritik Teil 3: Der Fachredaktions-Talk
Auch zu unserem Heft ‚Medien.Pädagogik und Rassismus.Kritik – Impulse einer Auseinandersetzung‘ wollen wir natürlich die Fachredaktion des Hefts zu Wort kommen lassen: Mareike Schemmerling, Leiterin der Abteilung Praxis des JFF – Institut für Medienpädagogik, und Ana-Nzinga Weiß, Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Freien Universität Berlin. Eine starke Besetzung für ein starkes Heft, das die beiden Disziplinen der Heft-Verantwortlichen, Medienpädagogik und Kommunikationswissenschaft, toll vereint.
Das Heft zeigt zum einen auf, wie (Online-)Medien Rassismus repräsentieren und (re-)produzieren. Zum anderen wird darauf aufmerksam gemacht, wie (Online-)Medien für anti-rassistische Aufklärung und zum Empowerment rassifizierter Gruppen genutzt werden können.
Hier geht\u27s zu unserer neuen Ausgabe 22/5 Medien.Pädagogik und Rassismus.Kritik
Zwischen Suche, Sucht und Selbstoptimierung: Gesundheitsbezogene Herausforderungen für die Medienpädagogik. Editorial
Beim Thema Medien und Gesundheit denken viele sicherlich aktuell an die intensive Mediennutzung während der Covid-19-Pandemie. Ungesunde Ernährung, verzerrte Körperbilder, Handynacken, Mediensucht und Depressionen sind weitere Beispiele, die man mit dem Thema in Verbindung bringt. Schnell fällt auf, dass insbesondere die negativen Wirkungen auf die physische und psychische Gesundheit im Vordergrund stehen.
Auch die aktuelle Forschungslage verstärkt diesen Eindruck. So zeigen verschiedene Studien, dass sich die (notgedrungene) übermäßige Nutzung insbesondere in der ersten Phase der Pandemie vor allem auf die mentale Gesundheit negativ auswirkte. Vor diesem Hintergrund erscheint es für manche vermutlich nur folgerichtig, dass die chinesische Regierung Ende August 2021 anordnete, die Online-Computerspielzeit für Kinder und Jugendliche auf drei Stunden in der Woche (freitags und am Wochenende zwischen 20 und 21 Uhr) zu begrenzen (Kirchner 2021). Ungeachtet der staatlichen Übergriffigkeit und der mangelnden Sinnhaftigkeit der Maßnahme, zeigt sich an diesem Beispiel sehr deutlich, dass der Diskurs über Medien und Gesundheit primär auf Folgen einer übermäßigen Nutzung reduziert wird (vgl. auch Smahel et al. 2015). Auf der inhaltlichen Ebene stehen vor allem die Wirkung von Süßigkeitenwerbung oder von schlanken, zum Teil mit Photoshop bearbeiteten Bildern auf gesellschaftliche Schönheitsideale und das eigene Körperbild im Fokus.
Wenig Beachtung findet das Thema Gesundheit bislang im Kontext der allgemeinen Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen. Dabei ist es naheliegend und nachweisbar, dass Heranwachsende auch auf Medien zurückgreifen, um sich mit Fragen auseinanderzusetzen, die sie im Rahmen ihrer physischen und psychischen Entwicklung oder eines aktuellen Ereignisses wie der Covid-19-Pandemie beschäftigen. Die Forschungslage ist diesbezüglich zwar noch sehr dünn. Über die Sozialen Medien lässt sich jedoch schnell ein Eindruck darüber gewinnen, welche Gesundheitsthemen von besonderem Interesse sind und wie die Heranwachsenden digitale Medien nutzen, um sich dazu zu informieren, sich zu orientieren, sich zu vernetzen oder eigene gesundheitsbezogene Herausforderungen zu bewältigen.
Angesichts neuer Technologien, wie Gesundheits-Apps und Wearables, die gesundheitsbezogene Daten erfassen, stellen sich aber auch neue Fragen. Wie werden solche Angebote genutzt, wie wirken sich die Anwendungen auf gesundheitsbezogene Einstellungen und Verhaltensweisen aus und welche Risiken und unerwünschten Nebenwirkungen sind mitunter mit solchen Anwendungen verbunden? Seit Mitte 2020 gibt es Digitale Gesundheitsanwendungen (sogenannte DiGAs) auf Rezept (vgl. Krügerbrand/Haserück 2020), ein schier unüberschaubares Angebot an Tools, um die eigene Gesundheit zu optimieren. In den Sozialen Medien findet sich eine Reihe an Sinn- oder Healthfluencer*innen mit zum Teil beachtlicher Reichweite, die ihre Vorstellungen von einem gesunden Lifestyle verbreiten. Vermutlich hat sich keine Generation zuvor so intensiv mit unterschiedlichen Ernährungsformen, Fitnessprogrammen und Möglichkeiten der Selbstoptimierung befasst. Allerdings verweisen einige Studien auch darauf, dass die neuen digitalen Möglichkeiten das Gefühl von Stress verstärken können, der aus dem wahrgenommenen Selbstoptimierungsdruck oder dem Gefühl, nichts verpassen zu wollen, resultieren kann.
Aber in wessen Verantwortungsbereich liegt das Thema Medien und Gesundheit eigentlich? Kritische und warnende Stimmen kommen aktuell vor allem von Mediziner*innen, Psycholog*innen und Pädagog*innen, die in der Regel pauschal dafür plädieren, den Medienkonsum zu reduzieren. Die Gesundheitswissenschaftler*innen richten ihren Fokus besonders auf die Förderung von (digitaler) Gesundheitskompetenz, verstanden als die Fähigkeit, gesundheitsbezogene Informationen finden und einordnen zu können. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Akteur*innen, wie App-Entwickler*innen und Krankenkassen, die die digitalen Möglichkeiten für die Gesundheitsförderung und -versorgung ausloten. Sowohl die Kinder-Medien-Forschung als auch die Medienpädagogik haben sich bislang eher wenig mit dem Thema befasst. Nur vereinzelt finden sich Studien, die sich mit gesundheitsbezogenen Medieninhalten, gesundheitsrelevanten Fragen der Mediennutzung oder den medienbezogenen Möglichkeiten der Gesundheitsförderung beschäftigen. Auch unsere Suche nach medienpädagogischen Projekten mit Gesundheitsbezug brachte nur wenige Ergebnisse. Dabei kann gerade ein Themenzugang über die praktische Medienarbeit eine Alternative zu einem mahnenden ‚Esst mehr Gemüse‘-Gestus bieten. Hinweise auf aktuelle Projekte sind jederzeit willkommen. Im KMK-Strategie-Papier ‚Bildung in der digitalen Welt‘ (2017) wird der Schutz der Gesundheit im Kompetenzbereich 4 ‚Schützen und sicher agieren‘ aufgeführt, verbunden mit dem Ziel, Suchtgefahren zu vermeiden und sich selbst und andere vor möglichen Gefahren zu schützen sowie digitale Medien gesundheitsbewusst und für soziales Wohlergehen und Eingliederung zu nutzen. Was diese Zielsetzungen konkret und zum Beispiel für unterschiedliche Altersgruppen bedeuten können und wie sie sich erreichen lassen, bleibt relativ unklar und bedarf einer Ausdifferenzierung – am besten im Austausch und unter Beteiligung von Vertreter*innen der oben genannten Akteur*innengruppen.
Wir möchten mit der vorliegenden Ausgabe diesbezüglich ein erstes Angebot machen und zunächst die Vielfältigkeit des Themenfeldes aufzeigen sowie Forschungsbedarfe, aber vor allem auch medienpädagogische Schnittstellen identifizieren. Was wissen wir beispielsweise über die verschiedenen digitalen Gesundheitspraktiken von Heranwachsenden? Welche gesundheitsbezogenen Angebote und Informationen finden Jugendliche auf Plattformen wie TikTok? Was kennzeichnet eigentlich einen gesunden Medienumgang? Welche medienpädagogischen Praxisprojekte befassen sich mit gesundheitlichen Aspekten der Mediennutzung oder zielen auf einen gesunden Umgang mit Medien? Die versammelten Beiträge aus Forschung und Praxis geben erste Eindrücke, aber auch wertvolle Hinweise für weitere Diskussionen und notwendige (Forschungs-)Projekte. Überdies haben wir für dieses Heft diverse aktuelle Studien gesichtet, die sich mit unterschiedlichen Facetten dieses Themenfeldes befassen. Da diese nicht alle in die Printausgabe passen, kann diese Zusammenschau unter www.merz-zeitschrift.de/alle-ausgaben/details/2022-01-gesundheit-und-medien eingesehen werden
Digitaler Wandel in der Gesundheitsförderung: Interview mit Janine Sterner/Lennart Semmler, Highways to Health
Highways to Health (H2H) ist eine Plattform zu Potenzialen und Herausforderungen der Digitalisierung für die Gesundheitsförderung und Prävention. Von den Tücken der digitalen Arbeitswelt über digitale Gesundheitsanwendungen bis hin zu Liebe und Sex im Internet finden sich informative und fachlich hochwertige Blog-Texte und Podcasts. Betrieben wird die Plattform von der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e. V. (LVG & AFS). Janine Sterner und Lennart Semmler, Redaktionsmitglieder des Blogs, geben Auskunft zu Anliegen und Konzept des Blogs
Social Media Handbuch
In den letzten Jahren sind Bücher, Podcasts und Dokus, aber auch Veranstaltungen, Seminare und Workshops zu Social Media wie Pilze aus dem Boden geschossen. In der Medienwelt selbst wurden nicht nur neue Geschäftsmodelle und Unternehmensstrategien entwickelt, sondern auch spannende Diskussionen und Debatten zu Themen wie Datenschutz, Informationshoheit, Künstliche Intelligenz, Algorithmen und Co. angestoßen.
Das ‚Social Media Handbuch‘ greift Entwicklungen aber auch langfristige Trends der sich stetig wandelnden Medienlandschaft seit der Erstausgabe im Jahr 2010 kontinuierlich auf. Auch in der mittlerweile vierten Auflage haben die Herausgebenden Daniel Michelis (Professor an der Hochschule Anhalt mit Schwerpunkt ‚Digitale Kommunikation‘), Thomas Schildhauer (Inhaber der Universitätsprofessur ‚Electronic Business‘ mit Schwerpunkt Marketing an der Universität der Künste Berlin) und Stefan Stumpp (Professor für BWL an der Hochschule Anhalt) wieder diverse Beiträge unterschiedlicher Expert*innen aus medienwissenschaftlicher und wirtschaftlicher Praxis zusammengetragen. Gemäß dieser inhaltlichen Ausrichtung ist der Sammelband in drei Teile untergliedert, welche durch ein umfangreiches Stichwort- und Autor*innenverzeichnis abgerundet werden. Einführend klären Michelis und Stumpp im ersten Teil den Begriff Soziale Medien und schaffen damit eine Grundlage, um die Leser*innen an das Phänomen heranzuführen. Zur theoretischen Fundierung wird ein Drei-Ebenen-Modell vorgestellt, welches individuelle, technologische und sozioökonomische Auswirkungen Sozialer Medien in den Blick nimmt. Anschließend werden Konzepte und Ansätze zum Einsatz von Instagram, Facebook, Twitter, YouTube und Co. in einem strategischen Leitfaden zusammengefasst, der als Orientierungshilfe für die Nutzung und zielgerichtete Planung von Social-Media-Aktivitäten dienen soll.
Im zweiten Teil werden in 17 Kapiteln Gedankengänge, Theorien, Modelle und Methoden von hochrangigen Autor*innen, darunter Richard David Precht (‚Dystopie, Retropie und Utopie: Zukunftsvisionen für Soziale Medien‘), James Surowiecki (‚Die Weisheit der Vielen‘), Jeff Howe (‚Crowdsourcing‘), Malcolm Gladwell (‚Tipping Point‘) oder Chris Anderson (‚The Long Tail‘), in komprimierter Form vorgestellt. Die Aufsätze greifen dabei sowohl neue Technologien als auch Überlegungen zu aktuellen Trends und Entwicklungen der Medienlandschaft auf: die Rolle von Bots, das ‚Dark-Social‘, die zentrale Stellung von Algorithmen oder den Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz.
Abschließend werden im dritten Teil ausgewählte Anwendungsberichte aus der Praxis vorgestellt, die beweisen, wie die zuvor vorgestellten theoretischen Inhalte an konkreten Fällen angewendet werden können, um praktische Probleme zu lösen oder sich nachträglich mit diesen analytisch auseinanderzusetzen. Auch wenn dieses Kapitel im Vergleich zum Theorieteil etwas reduzierter ausfällt, können die dargestellten Anwendungsbeispiele zum Verständnis der Sozialen Medien und ihrer Konsequenzen für Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur beitragen.
Das Buch bietet einen umfassenden Überblick über Mechanismen und Funktionsweisen der Sozialen Medien und veranschaulicht diese anhand von spannenden Praxisbeispielen aus Wirtschaft und Wissenschaft. Die wohl größten Vorzüge dieses Sammelbands liegen im verständlichen Aufbau und der kompakten, aber präzisen Darstellung von Schlüsselwerken unterschiedlicher Autor*innen, welche den Leser*innen wesentliche Charakteristika und Besonderheiten des Internets aufzeigen. Auch wenn sich Anknüpfungspunkte für medienpädagogische Theorie und Praxis aufgrund der ökonomischen Ausrichtung einiger Beiträge erst beim zweiten Lesen offenbaren, bietet das Buch sowohl für Forschende, Dozierende als auch Studierende vielseitige Anregungen zur intensiven Beschäftigung mit einem der wichtigsten Phänomene des digitalen Zeitalters.
Stumpp, Stefan/Michelis, Daniel/Schildhauer, Thomas (Hrsg.) (2021). Social Media Handbuch. Theorien, Methoden, Modelle und Praxis. 4. aktualisierte und erweiterte Auflage. Baden-Baden: Nomos-Verlag. 402 S., 44,00€
Schröter, Felix (2021). Spiel | Figur: Theorie und Ästhetik der Computerspielfigur. Marburg: Schüren Verlag. 348 S., 34,00 €.
Was wäre die Gaming-Landschaft nur ohne Kultfiguren wie Super Mario, Link aus ‚The Legend of Zelda‘ oder Lara Croft als Aushängeschild? Die Popularität bestimmter Computerspiele lässt sich nicht zuletzt auf die Gestaltung ihrer Figuren zurückführen. Sie sind es, welche die Rezipient*innen an die virtuelle Spielwelt heranführen.
Umso erstaunlicher, dass trotz der sinn- und bedeutungskonstruierenden Funktion von Computerspielfiguren ihre systematische Erforschung bisher noch weitgehend vernachlässigt wurde. Felix Schröter setzt mit seiner Dissertation ‚Spiel | Figur: Theorie und Ästhetik der Computerspielfigur‘ an dieser Stelle an.
Im ersten Teil des Buches äußert sich der Autor zum Stand der derzeitigen Forschung, Darstellung, Ontologie, Rezeption und Analyse von Figuren in Computerspielen. Dafür nimmt er Figuren aus unterschiedlichen Perspektiven, als fiktive Wesen, Spielfiguren und Repräsentation der Spielenden, in den Blick. Aus den theoretischen Vorüberlegungen und Erkenntnissen des ersten Teils des Buches entwickelt Schröter schließlich eine Analyseheuristik, welche die Grundlage für die rezeptionsästhetische Untersuchung im zweiten Teil des Buches bildet.
In dieser beleuchtet der Autor anschließend figurenbezogene Darstellungs- und Rezeptionsweisen, um darauf aufbauend die Ästhetik spieler*innengesteuerter, computergesteuerter und Mitspieler*innen-gesteuerter Figuren umfassend und fundiert zu beschreiben. Anschließend nimmt Schröter drei ausgewählte 3D-Actionspiele (‚Journey‘, ‚Alien: Isolation‘ und ‚Destiny 2‘) in den Blick und arbeitet anhand dieser heraus, wie ästhetische Dimensionen der Figurengestaltung den Spielenden sowohl Erfahrungen von Subjektivität als auch emotionale Anteilnahme und soziale Eingebundenheit in das Spielgeschehen ermöglichen.
Das Buch füllt schließlich nicht nur eine eklatante Forschungslücke, sondern zeichnet ein eindrückliches Bild des Zusammenspiels von ludischen, narrativen und ästhetischen Gestaltungsmerkmalen und Wirkungsweisen von Computerspielfiguren. Der Autor schafft es, nicht nur wichtige Anknüpfungspunkte für weitere Forschungsarbeiten aufzudecken, sondern auch Grundlagenwissen für den Einstieg in die Spiele- und Figurenanalyse zu übermitteln. Nicht nur für Forschende, sondern auch für Lehrende und Lernende eine lohnenswerte Lektüre, welche nicht nur durch den fesselnden Schreibstil des Autors überzeugt, sondern auch zum Eintauchen in die vielschichtige Welt der Computerspielfiguren einlädt
#22 – Kinder- und Jugendmedienschutz mitmachen Teil 3: Elena Frense, Deutscher Kinderschutzbund, und Tina Drechsel, ACT ON! zu partizipativem Jugendmedienschutz
Wie funktioniert partizipativer Jugendmedienschutz in der Praxis? Das erfahren wir in dieser Podcast-Folge von unseren Interview-Gästinnen. Elena Frense arbeitet inzwischen beim Deutschen Kinderschutzbund und hat sich schon in ihrer Masterarbeit mit partizipativem Jugendmedienschutz auseinandergesetzt. Sie erzählt unserer Redakteurin Kati Struckmeyer von ihren Ansätzen, wie Kinder und Jugendliche den Medienschutz mitgestalten können. In der Praxis setzt das Projekt ACT ON! diese Ansätze schon erfolgreich um. Die Praxismodule mit Kindern- und Jugendlichen bauen auf Monitoring-Studien auf, in denen die jungen Nutzer*innen zu ihren Interessen und Bedarfen befragt wurden. Tina Drechsel stellt das Projekt und den Ansatz dahinter vor (ab. Min 23:00).
Hier haben wir für euch die Materialien von ACT ON! sowie den Link zu Elena Frenses Buch:
ACT ON!-Projektclip
Podcast-Interview zu Jugendschutzgesetz
Material Game ‚Influenc[AR]‘
Elena Frense: Partizipativer Jugendmedienschut
SIM Studie 2021
Die ältere Generation ab 60 Jahren spaltet sich beim Thema Mediennutzung. Zu diesem und weiteren Ergebnissen kommt die ‚SIM Studie 2021‘ (Senior*innen, Information, Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest, der Arbeitsgruppe Gerontologie der Katholischen Hochschule Freiburg und der Universität Heidelberg. Die Studie wurde erstmals durchgeführt und bildet als Querschnittsuntersuchung den aktuellen Medienumgang der älteren Generation unter gerontologischen Aspekten in Deutschland ab.
Zu den Ergebnissen der Studie gehört, dass 81 Prozent der Personen ab 60 Jahren zumindest selten online sind. Der Anteil der Menschen, die online gehen, sinkt deutlich mit steigendem Alter. Bei Personen ab 80 Jahren ist jede*r Zweite online, in der Altersgruppe ab 85 Jahren sind knapp zwei Drittel nicht oder zumindest nicht selbstständig digital unterwegs.
Die ältere Generation informiert sich bei tagesaktuellen Themen wie Corona bedingt durch ihre Sozialisation eher in klassischen Medien wie Fernsehen und Tageszeitung. Die Tageszeitung ist auch bei regionalen Themen die beliebteste Informationsquelle. Das Internet entwickelt sich aber zur Alternative bei der Suche nach Informationen und liegt bei allen abgefragten Themengebieten unter den Top 3 der relevanten Informationsquellen. Wenn es um die Recherche zu neuen Produkten oder persönlichen Problemen geht, ist das Internet bereits die Quelle der Wahl älterer Menschen. Trotz dieser Entwicklung gibt es weiterhin große Defizite und Unsicherheiten im Umgang mit digitalen Geräten. Nur etwa jede vierte Person attestiert sich gute oder sehr gute Kenntnisse im Umgang mit einem Computer bzw. Laptop oder dem Internet. Für die repräsentative Studie wurden im Frühjahr 2021 insgesamt 3.005 Personen ab 60 Jahren, ohne Altersgrenze nach oben, deutschlandweit telefonisch befragt.
https://www.mpfs.de/studien/sim-studie/2021