merz Zeitschrift für Medienpädagogik
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Zumbach, Jörg (2021). Digitales Lehren und Lernen. Stuttgart: W. Kohlhammer. 144 S., 26,00 €.
Im Zuge der Pandemie haben digitale Lehr- und Lernprozesse entscheidend an Bedeutung für die Schulpraxis gewonnen. In ‚Digitales Lehren und Lernen‘ zeigt Jörg Zumbach auf, wie erfolgreiches Lehren und Lernen mit digitalen Medien gestaltet werden kann und gibt einen Überblick über Chancen und Grenzen verschiedener digitaler Lehr- und Lernformen. Als wesentliche Eigenschaften digitaler Medien stellt der Autor Interaktivität und Adaptivität in den Mittelpunkt, die das Lehren und Lernen interessant machen und sie von analogen Medien abgrenzen. Anhand der menschlichen Informationsverarbeitung zeigt er auf, wie multimediales Lernen gestaltet werden kann. Dazu wird genauer auf das Lernen mit Simulationen und Game-based Learning eingegangen, sowie auf kooperative und hybride Lernformen. Abschließend werden Augmented Reality und Virtual Reality in den Blick genommen und ihr Potenzial für neue Lernerfahrungen analysiert.
Jedes der Kapitel bringt aktuelle mediendidaktische und lernpsychologische Erkenntnisse auf den Punkt. Vor allem das dritte Kapitel zur Informationsverarbeitung ist stark an theoretischen Ansätzen und Modellen orientiert, während in den weiteren Kapiteln einige praxisnahe Beispiele Orientierung bieten. Lehrende finden hier einen umfassenden forschungsbasierten Überblick über die Einsatzmöglichkeiten digitaler Medien im Unterricht
Realität im Film. Starke Dokumentarfilme auf der Berlinale 2022
Nach der zweigeteilten Veranstaltung im Jahr 2021 wurde das internationale Filmfestival dieses Jahr unter strikten Pandemie-Bestimmungen wieder zusammengeführt und in physischer Präsenz mit den Filmemacher*innen vor Ort ausgerichtet. In der Sektion Generation entstand dabei mit Filmen rund um viel Bewegung, Musik und Begegnung ein Gegenprogramm zu inneren und äußeren Pandemie-Einschränkungen, gerade für die jungen Menschen. Dabei zeigte sich auch die Vielfalt und erzählerische Stärke des Dokumentarfilms: So blickt der portugiesische Film ‚Juunt Pastaza entsari‘ (‚Waters of Pastaza’) in die Lebenswelt der Kinder in einem Amazonas-Grenz-Gebiet. Die Bilder und Beobachtung entwickeln einen assoziativen Sog und einen Rhythmus, der die Zuschauer*innen schleichend in seinen Bann zieht und mit sich trägt, gleichsam wie auf dem allgegenwärtigen Wasser im Film. Mit dem niederländischen Film ‚Shabu‘ begegnet das Publikum einer klassischen Helden-Reise, die sich wie ein Spielfilm-Plot auftut und einen emotionalen Zugang zur Geschichte des 14-jährigen Jugendlichen Shabu bietet. ‚Allons enfants‘ (‚Rookies‘) aus Frankreich wiederum nähert sich mit investigativem Blick einer Idee und der daraus resultierenden Modellschule, sowie der Gefühlswelt und den Befindlichkeiten der jugendlichen Protagonist*innen.
‚ALLONS ENFANTS’ (ROOKIES) VON THIERRY DEMAIZIÈRE UND ALBAN TEURLAI
„Keine guten Noten – kein Tanz“ – das ist die Grundlage, die der Lehrer den Schüler*innen gleich zu Beginn in der neuen Schule mitgibt. In der Schule im Pariser Stadtzentrum ist Hip Hop für die aufgenommenen Schüler*innen eine wichtige Disziplin, in der sie mit Training auf Wettbewerbe hin leistungsorientiert herausgefordert werden. Dennoch ist Tanz hier auch als Weg gedacht, ein problematisches Umfeld und familiäre Belastungen zu bewältigen, das Lernen ernst zu nehmen, und Bildung und Zukunftschancen zu erhalten. Hip Hop ist für viele der einzige Weg, sich und alles was in ihrer Welt passiert auszudrücken, wo ihnen sonst die Worte fehlen. In Gesprächen teilen die Jugendlichen nach und nach ihre Geschichten mit, zum Beispiel die Erkenntnis, dass es eine Welt ohne ständig präsente, offensichtliche Gewalt gibt – und das einfach nur jenseits des eigenen Stadtviertels, obwohl noch immer in der gleichen Stadt. Die beeindruckte Verwunderung bei manchen Jugendlichen über den Unterschied zwischen dem, was sie erlebt haben und alternativen Lebensrealitäten regt das Hinterfragen der eigenen Erfahrungen an. Auch stark verwurzelte kulturelle Routinen, die Identifikation über Sprachgewohnheiten, über äußere Erscheinung und ethnische Zugehörigkeit werden durch das – gemeinsame – Tanzen plötzlich einfach nur eine Wahrnehmung, die nicht unbedingt eine Reaktion nach sich ziehen muss. Die Noten sind in der Schule immer noch wichtig, aber es findet ein Paradigmenwechsel statt, was den Weg zu einer guten Leistung angeht.
Thierry Demaizière arbeitete als Auslandskorrespondent für das französische Radio RTL weltweit in Krisengebieten. Alban Teurlai war über zehn Jahre als selbstständiger Editor tätig. 2009 gründeten sie die Produktionsfirma Falabracks und realisieren seither Dokumentarfilme. ‚Allons enfants‘ lief als Eröffnungsfilm in Generation 14plus der diesjährigen Berlinale.
‚JUUNT PASTAZA ENTSARI‘ (‚WATERS OF PASTAZA’) VON INÊS T: ALVES
Der Film begleitet Kinder in einer kleinen Dorfgemeinde, die zu den Achuar-Gemeinden im Regenwald des Amazonas gehört. Hier, in Grenznähe zwischen Ecuador und Peru, blickt das Publikum mit ihnen und durch sie in eine Parallelwelt zu den Erwachsenen. Die Kinder sind hier unter sich und ihre Lebenswelt beinhaltet unaufgeregt Abläufe des täglichen Lebens und der Haushaltsorganisation ebenso wie Schlamm-Fußball während einer Regenphase. Über lange Zeit gehen die Kinder ihren täglichen Arbeiten nach, in der zum Spielen neben selbstgestalteten Spielsachen genauso auch das Holz sammeln, Fischen, Backen, Töpfern und Obst Ernten gehört. Wasser ist ein Bestandteil der Arbeit, der Lebensgrundlage, beinahe der Wohnungseinrichtung. Die Behausung und das Werkzeug, alles ist sehr einfach, und dass es Strom gibt, wissen Zuschauende nur, weil hier und da auch mal ein Smartphone sichtbar wird, das für Hintergrundmusik sorgt oder für ein Spiel genutzt wird. Es sind so gut wie nie Erwachsene zu sehen – erst am Schluss gibt es eine Szene, in der Erwachsene eine Rolle spielen. Doch das wirkt beinahe wie ein Unfall, und wird so zu einer Umkehrung der Lebenswelten. Wenn die Gruppe der Erwachsenen ein frisch aus Holz gefertigtes Boot durch den dichten Regenwald schiebt und zerrt, auf dem Weg zum Fluss-Ufer, dabei lacht und ruft, sind die Gesichter jung und alt zugleich. So entsteht ein fast meditativer Einblick in eine ganz eigene Welt, tief geprägt von der Landschaft und dem Wasser des Amazonas Gebietes.
Inês T. Alves entwickelt Filmworkshops für verschiedene Altersgruppen und experimentiert mit dem portugiesischen Kino-Kollektiv Movimento mit Community-basierter Filmkultur. ‚Juunt Pastaza entsari‘ ist ihr Langfilmdebüt und lief in Generation kplus der diesjährigen Berlinale.
‚SHABU‘ VON SHAMIRA RAPHAËLA
Der niederländisch-karibische Shabu ist 14 Jahre alt und lebt in einem der berüchtigtsten Stadtviertel im Süden Rotterdams, im ‚The Paperclip’. Er träumt davon, Musiker zu werden und auf der Bühne zu stehen, inklusive viel Geld und einem schnellen Auto. In seiner Unbedarftheit hat er eine Dummheit gemacht und damit die wichtigste Frau in seinem Leben verärgert, seine geliebte Großmutter. Er muss wieder gutmachen, dass er ihr Auto auf einer Spritztour zu Schrott gefahren hat, während sie auf Verwandten-Besuch in Surinam ist. Die Erwachsenen waschen ihm gründlich den Kopf, machen ihm klar, dass er nun Schulden zurückzuzahlen hat und im Sommer Geld verdienen muss. Wenn sich der fröhliche Shabu mit Percussions-Rhythmen auf allen zur Verfügung stehenden Oberflächen durch seine Tagträume musiziert, ist die Sehnsucht, sich in der heißen Sommerzeit treiben zu lassen und jede Verantwortung zu vergessen, spürbar. Shabu merkt aber, dass es mit einer einfachen Entschuldigung nicht getan ist, als seine Großmutter nicht mehr täglich mit ihm spricht. Mit seiner Musik und der Unterstützung im Viertel will er ein sommerliches Konzert ausrichten, dessen Erlös seine Großmutter erhalten soll. An der Schwelle zwischen Kind und Heranwachsendem erinnert Shabu selbst das Publikum daran, hinter den ersten Eindruck zu schauen, wenn er seinen Freunden beschreibt, dass er aufgrund des Körperbaus immer älter wahrgenommen wird, obwohl er erst 14 Jahre alt ist. Und so erlebt seine Umgebung ihn entweder fröhlich und überschwänglich oder aber verhalten, beinahe distanziert. Dazwischen kämpft er mit der Umsetzung seines Plans, der Dynamik von Beziehungen, insbesondere zu seiner Freundin und zu seinem besten Freund, sowie der Auseinandersetzung mit der eigenen Musik. Erst in einem Schlüsselmoment ist zu erkennen, wie sehr es hinter dem ruhigen Äußeren arbeitet und das Kind und der junge Erwachsene in ihm ihren Weg suchen. Als seine zurück gekehrte Großmutter überraschend wieder vor ihm steht, bricht Shabu in Tränen aus, rennt zu ihr und schluchzt in ihren Armen mit den Worten „Es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid!“.
Das Konzert ist ein Erfolg – für den geplanten Zweck ebenso, wie für Shabus Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und seiner Großmutter zu zeigen, wieviel ihm ihre Liebe bedeutet. Eine klassische Helden-Reise, die aus dem Leben gegriffen ist.
Regisseurin Shamira Raphaëla studierte an der ArtEZ Academy of Art & Design in Arnheim. Neben ihrer Arbeit als Filmemacherin ist sie für das Kurzfilmprogramm des Internationalen Film Festivals Rotterdam verantwortlich und Mitbegründerin der Initiative framing of us. Shabu erhielt eine Lobende Erwähnung der Jury und lief in Generation kplus der diesjährigen Berlinale
Mediale Stimmentwürfe
Erbe, Marcus/Riffi, Aycha/Zielinski, Wolfgang (Hrsg.) (2022). Mediale Stimmentwürfe. Perspectives of Media Voice Designs. München: kopaed. 199 S., 16,80 €.
‚Künstliche Stimmen‘ sind in unserer heutigen Zeit längst alltäglich: ob das Navi, Smartsystems wie Alexa, Siri, Cortana und Co, oder auch Voice-Filter in den gängigen Social-Media-Plattformen. Computergenerierte Stimmen sind nicht mehr nur Inhalt der Science-Fiction. Das Forschungsprojekt ‚Kulturelle Implikationen medial konstruierter Stimmen‘ des Grimme-Forschungskollegs an der Universität zu Köln hat ganz unterschiedliche mediale Stimmentwürfe unter theoretischen, medienpraktischen und kulturübergreifenden Aspekten in den Blick genommen. Für das Projekt sind Vertreter*innen aus der Musik-, Theater- und Filmwissenschaft, der Computerlinguistik und dem Voice-Design sowie Rundfunkredakteur*innen, Medienautor*innen, Schauspieler*innen und Kommunikationsberater*innen zusammengekommen. In der Publikation ‚Mediale Stimmentwürfe – Perspectives of Media Voice Design‘ nehmen die Autor*innen ganz unterschiedliche Phänomene und Facetten medialer Stimmentwürfe in den Blick und durchleuchten, welche Sozialvorstellungen diesen innewohnen. Die interdisziplinäre Perspektive wird erweitert durch einen internationalen Blick auf das Thema. So betrachten Dumisani und Kundai Moyo aus Südafrika etwa die Radio-Stimme als wichtiges und ausdauerndes Instrument der Macht in Afrika. Die brasilianischen Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Kurator*innen Lílian Campesato und Fernando Iazzetta werfen einen Blick auf Beispiele aus der bildenden Kunst, der Popmusik und des Geisterglaubens, anhand derer sie das Zusammenspiel von Hervorbringung, Repräsentation, Wahrnehmung und Bewertung stimmlicher Laute beschreiben. Die Vielfalt spiegelt wider, dass der Forschungszweig der Voice Studies global aufgestellt ist. Aus diesem Grund sind auch oben genannte und weitere Beiträge des Sammelbands in englischer Originalsprache.
Gegliedert ist der Band in vier Themengebiete. Oben genannter Beitrag von Campesato und Iazzetta bildet gemeinsam mit einem Artikel der Musikwissenschaftlerin Katherine Meizel zu den soziokulturellen Faktoren, die es beim Einsatz aktueller Stimmtechnologien mitzudenken gilt, eine Einführung in die heutige Stimmforschung. Anschließend widmet sich ein Kapitel künstlichen Stimmen, wobei sowohl der technische Aspekt der Erzeugung künstlicher Stimmen als auch sprachwissenschaftliche Perspektiven auf das Phänomen der Konzeption von Geschlechteridentität künstlicher Stimmen abgebildet werden. Bei Christine Bauer und Johanna Devaney geht es um die ‚Vergeschlechtlichung‘ künstlicher Stimmen und inwiefern dies mit der speziellen Funktion der Stimme in einem gegebenen Kontext zusammenhängt. Sie betrachten dabei auch, inwiefern bei ‚Stimme‘ über die binäre Betrachtung von Gender hinausgegangen werden kann und wie etwa eine genderneutrale künstliche Stimme in Sprachassistenten klingen könnte. Komplettiert wird das Kapitel von zwei Interviews mit Praktikerinnen aus der Voice-Branche; der Computerlinguistin Laura Dreessen, die an der Entwicklung intuitiv handhabbarer Assistenzsysteme arbeitet, und Stefanie Ray, die als Autorin im Auftrag von Amazon an der Persönlichkeit der deutschsprachigen Alexa mitgewirkt hat. Im daran anschließenden Teil ‚Künstlerische Stimmen‘ werden vokale Praktiken im Film, in der Popmusik und im Gegenwartstheater behandelt. Hier wird auf das Artifizielle audiotechnisch fixierter Stimmen und frühe Synchronisationsverfahren im Film ebenso eingegangen wie auf die Möglichkeiten und Auswirkungen der Stimmveränderung in der Musik oder den Wandel der Stimme im Theater durch die Mediatisierung. Die drei Beiträge zeigen, wie die Künste mit ‚Stimme‘ arbeiten und nehmen auf unterschiedliche Weise Entwicklungen in den Blick. So führt die Kinematografin Oksana Bulgakowa etwa die ersten nachträglichen Vertonungen von Stummfilmen an und geht auf die Diskussion um die Konstruiertheit filmischer Stimmen ein und betrachtet anschließend nordamerikanische, russische, französische und deutsche Produktionen, in denen gespaltene Persönlichkeiten durch die Trennung von Stimme und Körper künstlerisch umgesetzt wurden. Nach der Betrachtung mehrheitlich neuerer Medientechnologien in den vorangegangenen Beiträgen, schließt das Buch mit einem Blick auf das traditionelle und gleichsam beständige auditive Medium Radio. In ‚Radio-Stimmen‘ wird diese unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet, wobei auch auf die Effekte digitaler Werkzeuge auf den Rundfunk eingegangen wird.
Der Sammelband gibt spannende Einblicke in das Themenfeld der medialen Stimmen und führt viele gesellschaftlichen Diskurse, etwa zur Vermenschlichung der Technik, in den Raum. So geht es ebenso um Geschlechterstereotype wie um Betrugsmaschen und Fake News durch Audio-Klone. Eine Betrachtung Kate Bushs 80er-Jahre-Sound, der mit den damaligen technischen Möglichkeiten gespielt hat, steht hier neben den technologischen Innovationen, die es ermöglichen, dass Computer mithilfe künstlicher Intelligenz menschliche Stimmen klonen können. Die technischen Errungenschaften werden ebenso in den Blick genommen wie die historische Entwicklung medialer Stimmen: von der nachträglichen Vertonung von Stummfilmen bis hin zu vokalen Designs in Applikationen und Betriebssystemen. Die Perspektiven sind vielseitig und zeigen auf, wie omnipräsent künstliche Stimmen sind. Der Band ist in der ‚Schriftenreihe zur digitalen Gesellschaft NRW‛ erschienen
#29 – Sprache in den Medien Teil 2: Dr. Georg Materna zu Framing
Vergleichbare Ereignisse können durch mediale Darstellung unterschiedlich bebildert, unterschiedlich beschrieben werden, wodurch verschiedene Bewertungen in die mediale Darstellung miteinfließen können. Das Phänomen nennt sich ‚Framing‘ – und das ist grundsätzlich weder negativ noch positiv zu bewerten. Dr. Georg Materna erklärt im Interview mit Kati Struckmeyer, was ‚Framing‘ genau ist, warum es ganz nützlich ist, aber wann es auch problematisch werden kann. Er ist Ethnologe, Kommunikations-, Medien- und Religionswissenschaftler und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am JFF – Institut für Medienpädagogik.
Spannende Lektüre:
Kübra Gümüsay: Sprache und Sein
Robert M. Entman: Framing: Toward Clarification of a Fractured Paradigm
Porismita Borah: Comparing Visual Framing in Newspapers: Hurricane Katrina versus Tsunami
RISE – Jugendkulturelle Antworten auf islamistischen Extremismu
Gegenrede funktioniert – unter Umständen
Gegenrede bzw. Counterspeech kann die Häufigkeit von rassistischer Hassrede reduzieren – zumindest unter bestimmten Voraussetzungen. Forscher*innen der Technischen Hochschule Zürich haben dazu eine Studie auf Twitter durchgeführt. Wer Gegenrede nutzt, muss dazu empathisch argumentieren, also zum Beispiel darauf hinweisen, wie sich Menschen fühlen, die rassistisch oder anders diskriminierend angegriffen werden.
Hassrede, die für die betroffenen Personen weitreichende Folgen haben kann, ist nach wie vor ein prägendes Phänomen in Sozialen Medien. Eine Methode, dagegen vorzugehen, ist die sogenannte Gegenrede, deren Ziel es ist, Hass zu entkräften und zu zeigen, dass er nur geringen Rückhalt in der Gesellschaft hat.
Bisher konnte in Studien nur der Zusammenhang zwischen mehr Gegenrede und dem Rückgang von Hassrede hergestellt werden, die Kausalität blieb aber unbewiesen. Diese Forschungslücke wurde nun gefüllt. Dabei stellte sich in drei Versuchen mit unterschiedlichen Arten der Gegenrede die auf Empathie mit den Opfern beruhende als die erfolgreichste heraus. In den vier Wochen nach dem Versuch verfassten Nutzer*innen, die damit konfrontiert wurden, circa 44 Prozent weniger Hass-Tweets als die der Kontrollgruppe. Außerdem löschten sie ihre vorherigen Hass-Tweets circa acht Prozent häufiger.
Für die Studie wurde das Verhalten von 1350 Twitter Nutzer*innen analysiert.
https://doi/10.1073/pnas.211631011
Elternzusammenarbeit zu Medienerziehung neu denken: Einblicke in die Methode des Praxiserkundungsprojekts
Im Beitrag wird die Methode des ‚Praxiserkundungsprojekts‘ dargestellt, die es ermöglicht, neue Formate der Kommunikation und des Austauschs zwischen pädagogischen Fachkräften und Eltern zum Thema Medien zu erproben. Das vom Goethe-Institut stammende Konzept wird bereits erfolgreich in der Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften eingesetzt und wurde im Rahmen des Projekts ‚Medienerziehung im Dialog von Kita und Familie‘ (Stiftung Digitale Chancen/Stiftung Ravensburger Verlag) erstmals auf den frühpädagogischen Bereich übertragen. Des Weiteren werden Erkenntnisse präsentiert, die in den Projektkitas durch die Anwendung dieser Methode gewonnen wurden
Jugendliche und die Aneignung politischer Information auf TikTok
Kein anderes Social-Media-Angebot hat in den letzten zwei, drei Jahren so stark in der Lebenswelt junger Menschen hinzugewonnen wie TikTok. Zwar stehen bei der eher rezeptiven Nutzung Spaß und Unterhaltung klar im Vordergrund, für nicht wenige Heranwachsende hat die Mikro-Video-App jedoch auch eine zunehmende Bedeutung für die Aneignung politischer Information
Ein Hecht an der Angel
Greg war vollkommen erschöpft. Acht Stunden war sein Tag schon lang, und es warteten immer noch zwei Aufgaben auf ihn. Jetzt durfte er auf keinen Fall aufgeben.
Vor Greg lag ein riesiger Berg Holz, der kaminfertig gemacht werden musste. Greg nahm das erste Stück Holz und platzierte es mittig auf dem Hackklotz. Er griff zur Spaltaxt. Beide Hände umfassten das Ende des Stiels. Ein gutes und vertrautes Gefühl. Gekonnt holte er über den Kopf aus. Die Axt sauste Richtung Hackklotz. Mit nur einem Schlag schaffte es Greg, das Holz zu spalten. Es war zwar immer und immer der gleiche Ablauf, aber die langjährige Übung zahlte sich aus. Inzwischen war er ein Meister der Spaltkunst. Dennoch war Greg so müde, dass er sich am liebsten Schlafen gelegt hätte. Glücklicherweise hatte er in seinem Rucksack noch ein paar Kräuter, die ihm neue Kraft verliehen. Ein sanfter Schauer lief durch seinen Körper als er sich bewusst machte, dass sich die Aufgabe morgen wiederholen würde. Jetzt war er aber erst einmal dankbar und stolz auf sein geschafftes Werk.
Der Moment der Freude dauerte nicht lange. Die Sonne stand schon tief und er hatte für seine Freund*innen noch kein Abendessen organisiert. Er schnappte sich seine Angelrute und lief zum See. Schnell erreichte er seine Lieblingsstelle. Normalerweise bissen die Fische wie verrückt, doch in der letzten Zeit war es wie verhext. Als hätte jemand den See verzaubert. Doch heute hatte Greg neue Köder dabei.
Keine Maden, kein Mais, keine Mistwürmer. Er hatte von anderen Waldbewohner*innen gehört, mit einem Blinker könnte man super Hechte fangen. Der war zwar teuer, aber dann musste die bessere Holzaxt eben warten. Für den Fischfang war er heute jedenfalls bestens vorbereitet. Er holte gekonnt mit der Rute aus, der Köder flog durch die Luft, genau an die gewünschte Stelle. Mit kurzen Rutenschlägen bewegte Greg seinen Köder. Am Westufer versank die Sonne bereits langsam am Horizont. Noch hatte er keinen Erfolg. Aber er war ja geduldig. Und irgendwann musste seine Pechsträhne ja reißen.
Plötzlich ertönte eine laute Stimme hinter ihm: „Alexander, sitzt du schon wieder an deiner Spielkonsole? Warst du heute endlich bei der Agentur für Arbeit? Hast du den Einkauf erledigt? Hast du Ralf und Rita schon vom Kindergeburtstag abgeholt?“ Alexander zuckte zusammen, seine Schultern sackten nach unten. Er fühlte sich ertappt und schuldig. Er legte sein Headset ab und schaltete den Computer aus. Greg war verschwunden. Alexander stand allein im Wohnzimmer. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Seine Arbeitslosigkeit hatte er ausgeblendet. Zum Einkaufen war ohnehin kein Geld da. Und Greg hatte noch keinen Fisch gefangen, die Kinder hatten dafür vermutlich zu viel Kuchen gegessen. Wie sollte er den heutigen Tag noch retten? Vielleicht wird morgen besser. Bestimmt wird Greg dann alle anstehenden Aufgaben lösen. Und ganz sicher einen Hecht fangen
Stichwort: Poppy Playtime
In dem Survival-Horror-Videospiel Poppy Playtime, einer Hetzjagd durch eine leere Spielzeugfabrik, verteilt die Hauptfigur Huggy Wuggy tödliche Umarmungen. Das im Herbst 2021 für Microsoft Windows veröffentlichte erste Kapitel wurde auf Anhieb zum Erfolg, Versionen für Android und iOS wurden dieses Jahr nachgereicht. Ebenso das zweite Kapitel. Das Spiel richtet sich an Erwachsene, doch mittlerweile kennen selbst kleine Kinder Huggy Wuggy. Für sie ist das Spiel jedoch völlig ungeeignet, auch in der Rolle als Zuschauer*innen. Durch Let‘s-Play-Videos wurde das Aushängeschild des Spiels, eine blaue Figur, die einem Plüschtier ähnelt, über die Gamingszene hinaus bekannt. Auch auf TikTok, Instagram und vor allem YouTube kursieren Videoausschnitte. Huggy Wuggy sieht auf den ersten Blick sogar niedlich aus, verschreckt dann aber durch seine spitzen Zähne und fiesen Absichten. Er jagt, ohne Erbarmen.
Eine offizielle Altersfreigabe für Poppy Playtime gibt es nicht, weil es gestreamt wird. Es ist ein Spiel ohne Blut, Gewalt und ‚groteske Todesfälle‘. Trotzdem können die Bilder bei Kindern zu Angstzuständen führen. Teilweise werden Bilder, Handlungen und Spiele in (Grund-)Schulen weiterverbreitet. Auch YouTuber*innen geben vor, von dem blauen Plüschtier mit gruseliger Visage bedroht und entführt zu werden. Besonders jungen Kindern fällt es oft sehr schwer zu durchschauen, dass es sich um fiktive Geschichten handelt. Die Spielzeugfigur wirkt schlicht beängstigend und kann Kinder sogar nachhaltig sehr verstören. Bereits Anfang des Jahres wurde mehrfach auf das Grusel-Plüschtier hingewiesen, dennoch ist es als Merchandise-Produkt überall zu finden – auf Jahrmärkten, in Kinderzimmern, auf Pausenhöfen; in einigen Kindergärten und Schulen ist dessen Mitnahme bereits verboten worden