merz Zeitschrift für Medienpädagogik
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„Unauffällig, aber zentral für das rechte Netzwerk“: Das Framing rechtsextremer Influencer*innen auf Instagram
Auf der Social-Media-Plattform Instagram versuchen rechtsextreme Influencerinnen gezielt neue Mitglieder zu rekrutieren. Um mögliche Kommunikationsstrategien aufzudecken, werden in diesem Text drei Profile deutschsprachiger Influencerinnen am rechten Rand hinsichtlich ihres Werte- und visuellen Framings qualitativ analysiert
Alles mal aus dem Blickwinkel der Ästhetik
Babenhauserheide, Melanie/Krämer, Kalle/ Wolf, Benedikt (Hrsg.) (2022). Ästhetisierung von Kindheit und Jugend nach 1968. Interdisziplinäre Fallanalysen. Weinheim: Beltz Juventa. 215 S., 38,– €.
Die Proteste von 1968 stehen, so die Herausgebenden zu Beginn des Werks, für die Neuverortung von Hoch- und Populärkultur. Hinzu kommt ein gewachsenes Interesse an Kindheit und Jugend. Es folgen neun thematisch ungebundene Einzelbeiträge, anhand derer Konstellationen und Betrachtungen von Kindheit und Jugend gezeigt werden. Wie Windspiele in Kinderzimmern „deutet sich etwas an, was (noch) nicht ganz da ist; wir sehen erst richtig, wenn wir das, was nicht das ist, in das Bild, das wir uns machen, einbeziehen“. (S. 7). Ästhetische Artikulationen werden als unabgeschlossen und veränderlich gesehen. Damit geht es um Abbilder der Lebensphasen des Heranwachsens und deren Produktion und Reproduktion. Zwei Beiträge werden herausgegriffen: Krawall am Rande. Ulrike Meinhofs Fernsehspiel Bambule (1970) von Vojin Saša Vukadinović und Das Unbehagen als Jugendkultur von Dierck Wittenberg. Auswahlkriterium sind die politische Umbruchsituation der 1968er und das in der Jugendforschung durchgängige Thema der Jugendkultur. Das Manuskript zum halbdokumentarischen Fernsehspiel Bambule stammt von Ulrike Meinhof. Offengelegt wird der autoritäre Charakter von Institutionen der Erziehung und Verwahrung. Gezeigt werden Verhältnisse dieser Zeit: Im Fokus sind die Repressivität der Totalität, die Gewalt von Institutionen, Arrestzellen in Erziehungseinrichtungen, die Sexualität von Heranwachsenden und, weniger typisch, die besondere Rolle der Mädchen. Gesucht sind Chancen für eine ‚Gegenkultur‘. Aufgegriffen wird auch, für die damalige Zeit sehr untypisch, die Homosexualität Heranwachsender. Bambule brachte ausgeblendete Verhältnisse zum Ausdruck. Es begann die Zeit, neu über Sozialarbeit nachzudenken (S. 72 f.) und sich den Verhältnissen zu stellen. Der zweite Beitrag Das Unbehagen der Jugend kultur analysiert das Phänomen Punk mehr als 45 Jahre nach seinem Entstehen. Er ist „Ausdrucksform, Modeverweis und Musikstil, als Selbst- oder Fremdbezeichnung“ (S. 95). Die Vorstellungen aber gehen so weit auseinander wie die existierenden Subgenres unter dem Dach der Punkmusik. Punk ist Jugendkultur: „Wie andere Jugendkulturen auch, baut Punk auf einen gewissen Freiraum auf, den Jugendliche und junge Erwachsene beanspruchen können: Dass sie Möglichkeiten des kulturellen Ausdrucks und Konsums nutzen können, ohne bereits voll in die Arbeitswelt der Erwachsenen integriert zu sein. Den Gegensatz von Ich und Gesellschaft hat Punk in anderer Weise artikuliert als etwa vorher die Hippie-Bewegung.“ (S. 97). Ästhetik erlaubt Differenzen zu zeigen. Punk ist Inszenierung und damit mehr als eine Musikrichtung. Es geht um den Anspruch, „die Grenze zwischen Kunst und Gesellschaft aufzuheben oder zumindest zu beschädigen, und zwar von der Seite der Kunst her“. (S. 107) Kritik kann da nicht ‚eindeutig‘ sein. Unübersehbar ist das Buch vom Wunsch getragen, Ästhetisierung in großer Breite zu thematisieren. Dies steht einer Begriffsabgrenzung und -bestimmung entgegen. Der Band „richtet sein Interesse gleichermaßen auf Kindheit und Jugend und die konkreten Ästhetisierungen selbst“ (S. 7). Eigentlich kann da alles unter ‚konkreten Ästhetisierungen‘ subsumiert werden. Leider wird die mediale Durchformung von Kindheit und Jugend nicht berührt, sondern vorrangig als ästhetisches Phänomen begriffen. Antworten darauf, was Kinder- und Jugendalltag ist und war und wie sich diese Lebensphase Jugend verändert hat, gibt es jedoch nicht. Für Medienproduzierende ist das Buch dennoch zu empfehlen.
Ide, Martina (Hrsg.) (2022). Ästhetik digitaler Medien. Aktuelle Perspektiven. Bielefeld: transcript. 232 S., 60,00 €. Im Tagungsband werden verschiedene Aspekte von Ästhetik im Zusammenhang mit Medien diskutiert, schließlich ist Wahrnehmung stets „medial gebunden und erfolgt in der Regel in Wechselwirkung mit technologischen Entwicklungen neuer Medien“ (S. 7). Medien eröffnen mithin neue Formen der Wahrnehmung und Anschauung. Das Medium bringt selbst etwas Anschauung und wird bei McLuhan zur „Message“ (S. 8). Die Analyseperspektive fragt da- nach, „ob und inwiefern sich im Zeitalter der Digitalisierung Begriffe von der Definition des Ästhetischen wandeln“ (S. 8). Zu Recht wird einleitend gefragt, welche Bedeutung dem Bildhandeln im Zeitalter des Smartphones zukommt, denn bildbezogenes Medienhandeln wird umfassend erkennbar. Gelebt werden ästhetische Werturteile unter anderem, wenn sie durch Likes und Dislikes kodiert sind (S. 9). Bereits der Beitrag von Klaus Gereon Beukers als Geleitwort macht erkennbar, dass die Ästhetik digitaler Medien in einen kunstgeschichtlichen Kontext eingeordnet wird. Zugleich führt Beukers aus, dass Bildwerke eine ikonografische Tradition besitzen. Das digitale Kunstwerk allerdings erfordert seit dem Ende des 20. Jahrhunderts erneut eine Reflexion und Weiterentwicklung kunsthistorischer Zugangsweisen. Interessant ist, dass bereits der Buchtitel für den Eindruck steht, dass digitale Medien Wahrnehmung formen. Aufgegriffen werden hier zwei Beiträge zur Fotografie: Jenseits des Verstehens bildlicher Artikulationen in sozialen Medien von Nick Böhnke und ein Text von Iris Laner, der Ästhetik und Objektivität der Fotografie im Lichte der digitalen Wende behandelt. Böhme erinnert daran, dass „all das, was jenseits des Screens, all das, was jenseits des Bildausschnitts liegt, kaum mehr wahrgenommen“ (S. 31) wird. Die Screens bilden das „Gesichtsfeld“, an seinen Rändern werden „Schwellen der Unschärfe, die im Wandern des Blicks überwunden werden und eine neue Fokussierung ermöglichen, die ihrerseits wieder von Schwellen gerahmt ist und das Sehen zu einem uferlos ausgedehnten Vollzug und damit ein absolutes Erfassen des potentiell Sichtbaren unmöglich macht, umgrenzt der leuchtende Screen ein klar definiteres Bildfeld“ (S. 32). Das Zitat steht dafür, dass wir unsere Wahrnehmung per Gerät und App neu ordnen. Böhmes Fazit: Die Bildwürdigkeit wäre nicht mehr durch die „ästhetische Artikulation des Bildgegenstands motiviert“ (S. 54), ja die Bildwürdigkeit „des Banalen“ stehe ohnehin nicht in Frage. Die Social-Media-Ichs gründen weniger auf ästhetischer Artikulation, wohl aber auf bewusster Setzung. „Zwischen dem, was zu artikulieren versucht werden mag und dem, was sich zeigt, klafft eine nicht zu überbrückende Kluft: Zwei windschiefe Geraden, die sich im Bild des Chiasmus niemals kreuzen und dennoch nicht parallel zueinander verlaufen. So bleibt es nicht selten unentscheidbar, ob die Aufmerksamkeit auf das bloße Erscheinen oder die Erscheinung eines möglicherweise ästhetisch irrational artikulierten und zu Unrecht als banal aufgefassten Bildinhalts gelenkt werden soll” (S. 54). „Der Bezug muss seinen Ausgangspunkt im Anderen finden“ (S. 56). Und weiter sagt er: „auf Seiten der Produzenten bedarf es eines Bewusstseins für das Beziehungsgeflecht, in das sie gemeinsam mit den im Horizont ihres Erkennens je beschränkten Betrachtern verwoben sind“ (S. 55). Lahner diskutiert die Frage nach der Rolle der Fotografie. Sie ist längst kein Abbild, kein Dokument mehr, das zeigt, was ist. Was aber zeigt sie? Vor gut 180 Jahren stand das apparative Bildproduktionsverfahren für das „Produkt eines Apparats, der keine Stellung bezieht“ (S.57). Anders als die analoge Fotografie beruht jedoch die digitale Fotografie „nicht auf einem umfassend determinierenden Akt des Auslösens. Vielmehr bleibt der im digitalen Bild festgehaltene Referent offen für nachträgliche Bildgestaltungen, jedenfalls in viel größerem Ausmaß als in einer Nachbearbeitung analoger Bilder.“ (S. 67) Vorbei ist es mit der Unterscheidung objektiver Fotos und künstlerischer und gestalteter, arrangierter Bilder. Nicht nur technologisch setzt Digitalisierung neue Maßstäbe. Gesucht sind Thesen und Erläuterungen zum Verhältnis „zwischen dem fotografischen Ereignis – dem Referenten – und dem, was im Bild zur Erscheinung kommt“(S. 67). Es geht um das „Verhältnis zwischen Referenten und ‚wahrnehmendem Subjekt‘, medial vermittelt in Form des fotografischen Bildes“ (S. 74). Wie in der „analogen Fotografie ist die Ähnlichkeit durch die Produktionsbedingungen nicht gewährleistet“ (S. 74). Es gibt Spielräume für Bildbewusstsein als Differenzbewusstsein. Es geht um nachweisbare Spielräume bezüglich der Wahrnehmung und Deutung. Da drängt sich die Frage auf, ob es denn keine absehbaren Wirkungen digitaler Medien gibt. Im Zuge der Konkurrenz um Aufmerksamkeit werden mediengestützt textuale Mitteilungen durch Bilder verdrängt. Dies ist einer der Auslöser für die Zunahme von Bildern im digitalen Alltag, ein anderer sind die Interaktion und das Bedürfnis, sich in der Interaktion selbst zu zeigen und Dritte zur Interpretation zu veranlassen (GIFs, Mimes usw.). Im Buch geht es jedoch um Deutungen und nicht um Wirkungen, vermutlich wächst mit der zunehmenden kommerzialisierten Vereinnahmung der Subjekte das Bedürfnis nach Unbestimmtheit und Interpretationsspielraum
POV: Wie die Politik über unsere Zukunft entscheidet. Bearbeitung intergenerationaler Ambivalenz in jugendkulturell konturiertem ,Klimaprotest\u27 auf Tiktok
Auf der Basis heuristischer Überlegungen zu Generationalität als Dimension politischer Artikulation jugendkulturell konturierten Klimaprotests fokussiert der Beitrag relationale Aushandlungsprozesse von generationaler Verantwortung auf digitalen Plattformen. Entlang der rekonstruktiven Analyse eines TikTok-Videos von Fridays for Future wird die Komplexität der Kategorie Generation im Kontext digitaler Strukturierungen und jugendkultureller Praxen erörtert.Based on heuristic considerations of generationality as a dimension of political articulation of youth-culturally contoured climate protest, the article focuses on relational negotiation processes of generational responsibility on digital platforms. Along the reconstructive analysis of a TikTok video by Fridays for Future, the complexity of the category generation is discussed in the context of digital structurations and youth cultural practices
Doing Childhood, doing gender und doing future: Narrativ-performative Wiederaneignungspraxen junger Erwachsener mit sexualisierten Gewalterfahrungen in der Kindheit in digitalen Kommunikationsräumen
Ausgangspunkt sind historisch neue präfigurative Kommunikationskulturen von Netzwerkprotagonist*innen, welche selbst ihre Anliegen mit eigenen kreativen Formen des Sprechens intersubjektiv (her-)vorbringen. Deren digitale Kommunikationspraktiken rekonstruieren eigene Kindheitserfahrungen im Sinne eines doing childhood, doing gender und doing future. Kindheitserfahrungen konzeptualisieren wir als „soziale Wiederaneignungspraxis“ der eigenen Kindheitsgeschichte im Kontext von sexualisierter Gewalt.The starting point are historically new prefigurative communication cultures of digital network protagonists, since they themselves present their concerns intersubjectively using their own creative forms of speaking. These digital communication practices reconstruct childhood experiences in the sense of doing childhood, doing gender and doing future. We conceptualize childhood experiences as a “social reappropriation practice” of one’s own childhood story in the context of sexualized violence
"Ich fühlte mich so alleine damit, aber dein Video hat mir geholfen": Der Schwangerschaftsabbruch auf YouTube und TikTok
Wenn Jugendliche ungewollt schwanger werden, ist das für sie oft ein Schock. Nicht immer möchten sie sofort mit Eltern, Peers oder Lehrkräften darüber sprechen. Meist sind Soziale Medien die erste Anlaufstelle, wenn sie über einen möglichen Schwangerschaftsabbruch nachdenken. Doch welche Inhalte erwarten sie dort
Geschlechterbilder und Social Media zum Thema machen
Kinder und Jugendliche setzen sich unterschiedlich intensiv und auch unterschiedlich kritisch mit Geschlechterdarstellungen in den Sozialen Medien auseinander. Zum einen variiert ihr Wissen rund um Geschlecht und Social Media stark, zum anderen reflektieren sie nicht alle gleichermaßen mediale Bedingungen geschlechtlicher Inszenierungen. Das wurde im Rahmen von Online-Forschungswerkstätten deutlich, die mit 25 Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 16 Jahren durchgeführt wurden. Die Teilnehmenden machen Geschlecht an verschiedenen Bezugspunkten fest, wie beispielsweise an körperlichen Merkmalen, wenn sie Frauen eher als ,kurvig‘ beschreiben und Männern eher einen Körper in ,V-Form‘ zuordnen.
Auch Interessen spielen als Bezugspunkt von Geschlecht eine Rolle, wobei die Teilnehmenden dies widersprüchlich reflektieren. Während sie einerseits eine individuelle Freiheit von Einzelnen proklamieren und sich dafür aussprechen, jeder Mensch dürfe den individuellen Interessen unabhängig von normativen Erwartungen nachgehen, werden gleichzeitig durch die eigenen Erklärungsmuster stereotype Zuschreibungen zementiert, wenn sie etwa Kosmetik und Mode Frauen zuordnen. Insgesamt wird deutlich, dass Bilder von Frausein und vonMannsein eng gefasst werden und im Rahmen dieses binären Schemas wenig Spielraum für Einzelne besteht. Bei uneindeutig gelesenen Personen denken die Teilnehmenden wiederum eher über Veränderbarkeit nach, wobei sie eine Geschlechterbinarität dabei nicht infrage stellen. Im Gegenteil stehen uneindeutig gelesene Personen gleichsam als ,andere‘ neben den ,eigentlichen‘ Geschlechtern. Die Studie ist im Projekt GenderONline – Geschlechterbilder und Social Media zum Thema machen entstanden und steht kostenfrei zur Verfügung.
www.gender.jff.d
Standl, Bernhard (2022). Digitale Lehre nachhaltig gestalten. Münster/ New York: Waxmann. 267 S., 39,00 €.
Die Pandemie machte eine rasante Umstrukturierung auf digitale Lehrangebote nötig. Diese brachte neben vielen Schwierigkeiten auch zahlreiche Chancen für die nachhaltige Implementierung von Online-Lehrformaten im Bildungsbereich mit sich. Der Sammelband Digitale Lehre nachhaltig gestalten trägt unterschiedliche Ansätze und Konzepte zu digitalen Lehrformaten zusammen, welche auf Praxiserfahrungen deutschsprachiger Hochschulen und Schulen basieren und zum Teil während der Pandemie-Situation (weiter-)entwickelt wurden. Er ist in sechs Teile untergliedert, welche jeweils ein anderes Themengebiet in Augenschein nehmen.
Es werden zum Beispiel Voraussetzungen für die nachhaltige Implementierung der digitalen Lehre an Hochschulen diskutiert, sowie Herausforderungen und Chancen digitaler Lehrkonzepte dargestellt. Die Chancen der langfristigen digitalen Lehre zeigen sich in der Barrierefreiheit, der Flexibilität, der Zeitersparnis, sowie in der Selbstständigkeit. Herausforderungen stellen dabei je-doch vor allem der fehlende soziale Austausch und der mangelnde gemeinsame Diskurs dar. Es wird deutlich, dass Lehrende und Studierende auch nach der Pandemie Blended Learning als hybrides Lernformat bevorzugen; unter anderem Konzepte wie Learning Exprerience Designs, Quality-Online Learning, Learning Analytics, OER und KI-basierte Techniken. Auch Fragen der Inklusion, der Selbstbestimmtheit im Studium sowie technischer Voraussetzungen und Medienkompetenz der Lehrenden werden aufgegriffen.
Der Band greift die Sicht Studierender und Lehrender auf und basiert auf Praxiserfahrungen der vergangenen zwei Jahre. Er gibt einen umfassenden Einblick in digitale Kursformate, Lernangebote und Modelle, die während der Pandemie und darüber hinaus entwickelt wurden, um digitale Lehre nachhaltig in Bildungseinrichtungen zu implementieren. Das Buch spricht vor allem Lehrende und Forschende an, aber auch Lehramtsstudierende, die offen für neue Lehrformate und Anregungen für zukünftige Unterrichtsgestaltung sind
Lehren aus der Pandemie
Der Untertitel Lehren aus der Pandemie ist treffend gewählt. Der Rezensent hat selbst in Seminaren auf die Möglichkeiten von Online Teaching hingewiesen, um sich dann mit Einsetzen der Coronakrise selbst als Akteur und Nutzer dieser Technologie zu erleben. Krisen, wie die von Corona, zwingen dazu Vertrautes und Neues zu reflektieren. Das von Ralf Lankau herausgegebene Buch behandelt unter anderem Lehren und Lernen im digitalen Zeitalter, sowie digitalen Distanzunterricht als Beitrag sozialer Spaltung. Im Zentrum des Bandes steht die Reflexion, was Schulen und Gesellschaft aus der Pandemie lernen können. In den Einzelbeiträgen wird die Rolle von Medien im Schulsystem reflektiert und gefragt, inwieweit sich die Schule weiter für den Einsatz von Medien öffnen soll. Wäre der Übergang zu hybriden Formen des Unterrichts mit einem Wechsel von on- und offline strategisch günstiger als die Rückkehr zum vertrauten Unterricht im Klassenraum? Was meint off- und online hier bzw. deren systematische Kombination in Form von Hybridunterricht? Hybridunterricht bedeutet eine Hintereinanderreihung von „Präsenz -und Distanzphasen“, und er gilt „insbesondere Wirtschaftsvertretern als das Modell der Zukunft“ (S. 17). Was sind die Merkmale des Distanzunterrichts? „Lernplattformen, Lernprogramme und Learning Analytics, die im Zuge des digitalen Unterrichts im Homeschooling und danach eingesetzt werden, versprechen scheinbar objektivierte Ergebnisse. Und verhindern vermeintlich subjektive oder willkürliche Bewertungen durch die Lehrenden“ (S. 39). Faktisch fand Folgendes statt: Lernbeziehungen wurden modifiziert. Statt der Beziehung zwischen Schüler*innen und Lehrenden übernahmen Eltern die „Organisation der Lernzeit“ (S. 91). Online Teaching erfolgte gegebenenfalls qua fehlenden zeitlichen Vorlaufs als etwas, das an mehrstündig stattfindende Videokonferenzen erinnerte. „Erschwerend hinzu kommt die Isolation der einzelnen Schülerinnen und der Lehrperson“ (S. 39). Da Jugendliche auch ihre gesamte Freizeit digital verbracht haben, wurden in einschlägigen Studien extrem hohe Bildschirmzeiten ermittelt. Worum geht es wenn wir von der Schule sprechen? Es geht (1) um die Biografie von Kindern und Jugendlichen, (2) um die Schule als sozialen Ort des Austauschs, (3) um den Ausgleich von sozialen Unterschieden, (4) um Medien und deren Sideeffects bei der Wissensvermittlung, gestützt von Didaktik und gerahmt von Schulwirklichkeit. Jede Form der Mediennutzung bedarf einer sie stützenden Didaktik, das Nebeneinander von Präsenz- und Online-Unterricht hat das praktisch und unabweisbar erfahrbar gemacht. Didaktik und Lerninhalt dürfen dem Medieneinsatz nie nachrangig sein. In der Pandemie war das so, aber das war ja nicht intendiert. Biografien der Heranwachsenden sind aus der Sicht der Schule Lernbiografien und für die gilt der Grundsatz: erst real, dann analog und zuletzt digital (S. 18; S. 175 ff.). Notwendiger Weise ist die Schule Ort des sozialen Austauschs.Empirische Untersuchungen beleuchten den Lebensraum, weshalb Schüler*innen immer zuerst ansprechen, wen sie dort treffen und erst an zweiter Stelle, was sie alles lernen1. Der Entwicklungsprozess Heranwachsender muss also mitgedacht werden. Im Buch wird deshalb auf Piaget, Erikson und die Jugendforschung verwiesen. In der Krise war häufiger von Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen und mangelhafter Ausstattung an Computern, schnellem Internet, Druckern, Scannern und mehr die Rede. Darüber hinaus ging es um die Mühen eines Lernalltags in zu engen Wohnungen. Zudem fehlt in solchen Familien auch oft die Kompetenz, bei der Vermittlung des Lehrstoffs zu unterstützen. Es ist kein Zufall, dass in Problemsituationen Medien weiterhelfen sollen. Medien eröffnen prinzipiell die Chance zu neuen Spielräumen, zu selbstbestimmter, eigenmotivierter, problemlösender und vom eigenen Lerntempo bestimmter Aneignung. Dies jedoch verstärkt Ungleichheit, statt sie zu eliminieren. Wenn Ungleichheit sichtbar ist, soll die Schule ausgleichen. Und wie sieht die Zukunft aus? Medien werden künftig eine wachsende Rolle in der Bildung spielen. Edwin Hübner führt in seinem Beitrag in die Herausforderungen für eine Pädagogik im Zeitalter des Metaverse ein. Es gilt wach zu sein für Veränderungen durch neue Technologien. Kinder können damit vermutlich umgehen, dennoch brauchen sie die Auseinandersetzung mit der realen Welt. Gerade die Generation, die viel Zeit im Metaverse verbringen wird, braucht eine Pädagogik, die hilft, Kindheit und reale Welt damit zu verbinden. Was sind die Lehren aus der Pandemie? Gewünscht ist eine Transformation der Bildungseinrichtungen, es gibt eine gewisse Unzufriedenheit mit dem Stand der Schule, gefordert werden mehr Dynamik und mehr Spiegelung im Realen. Die Erfahrung einer weitreichenden Technisierung hat offengelegt, woran es mangelt, aber auch, dass es darauf zu achten gilt, dass Technik nicht zum Universalschlüssel aller Bildungsprozesse deklariert wird. Technik garantiert keine Teilhabe und keine Motivation. Studien belegen: nicht die technische Kodierung von Lerninhalten bestimmt die Nutzung von Medien, vielmehr geht es um eine „sinnvolle Einbindung in den sinnvoll strukturierten Präsenzunterricht und als Ergänzung in Selbstlernphasen“ (S. 215). Gelernt werden soll selbstbestimmt und selbstorganisiert, dazu braucht es Anleitung und Hilfestellung. Bildung bleibt absehbar an Menschen gebunden, ihr Kern ist Beziehungsarbeit, die als Dreieck von Pädagogik, Lehrperson und Unterricht zu denken ist.
1Wahler, Peter/Tully, Claus J./Preiß, Christine (2008). Jugendliche in neuen Lernwelten. Selbstorganisierte Bildung jenseits institutioneller Qualifizierung. Wiesbaden: Springer VS.
Lanka, Ralf (Hrsg.) (2023). Unterricht in Präsenz und Distanz. Lehren aus der Pandemie? Weinheim: Beltz Juventa. 232 S., 24,00 €
Nachrichten im Showformat: Deutschland 3000 – Die Woche mit Eva Schulz
Südwestrundfunk (2023). Deutschland 3000 - Die Woche mit Eva Schulz. Fernsehsendung, kostenfrei, ARD Mediathek.
„Hallo, das ist Deutschland 3000 und ich bin Eva Schulz. Unser Ziel ist, dass ihr nach der Sendung ein Stückchen schlauer seid, und vor allem, dass ihr euch besser ́ne eigene Meinung bilden könnt.“ So beginnt jeden Donnerstag die Sendung in der ARD Mediathek. Gastgeberin ist Journalistin und Podcasterin Eva Schulz, die jeweils mit zwei sehr gut informierten und vor allem meinungsstarken Gäst*innen Nachrichten der vergangenen Woche reflektiert. Ausführliche Recherchen, gute Fragen und teilweise ungewöhnliche Perspektiven sollen vor allem jüngere Zuschauer*innen erreichen und sie dabei unterstützen, sich in Zeiten von Polarisierung und Polemisierung eine fundierte eigene Meinung zu bilden.
So weit, so ambitioniert. Gleich in der ersten Sendung wartet Schulz mit zwei hochkarätigen Gäst*innen auf: Aline Abboud, Journalistin und Moderatorin, sowie Michel Abdollahi, Journalist und Entertainer. Die drei Themen, die vor Live-Publikum diskutiert und reflektiert werden, sind die Proteste im Iran, die Oscars für Im Westen nichts Neues sowie die deutsche Waffengesetzgebung. Jedem Thema sind ungefähr zehn Minuten vorbehalten. Drei Nachrichten für eine Woche – da stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien diese ausgewählt werden. Vor allem die iranischen Proteste geraten medial gerade etwas in den Hintergrund. Schulz und ihre Gäst*innen diskutieren deshalb unter anderem, wie wichtig es ist, bestimmte Nachrichten immer wieder in den Scheinwerfer zu holen, und welche Verantwortung Journalist*innen hierbei zukommt. Abboud und Abdollahi diskutieren nicht nur aus ihrer journalistischen Warte heraus, sondern lassen auch ihre persönliche Perspektive – mit Wurzeln im Libanon bzw. im Iran – einfließen. Dementsprechend wird die Diskussion auch emotional – teils berührend, teils aufbrausend, teils lustig.
Auch in den Folgesendungen schafft es Schulz, spannende Gäst*innen zu gewinnen, und eine gelungene Mischung aus Information, Diskussion und Unterhaltung zu bieten. Die Gäst*innen sind meist durch Fernsehen, Streaming oder Soziale Medien bekannt und sorgen für fundierte, abwechslungsreich präsentierte Informationen und Diskussionsbeiträge. Manchmal führt die Diskussion aktueller Themen auch zu grundsätzlichen Diskussionen. So diskutiert Schultz gemeinsam mit Ariana Baborie, Moderatorin und Podcasterin, und Hubertus Koch, Journalist und Filmemacher, in einer Sendung anhand der aktuell durchgeführten Streiks in Deutschland: „Sind Gewerkschaften noch sexy?“. Mit solchen Fragestellungen wird versucht, das Interesse junger Leute zu wecken – auch bei Themen, die jener Zielgruppe teilweise eher fremd oder angestaubt erscheinen. Mit Journalistin und Podcasterin Yasmine M’Barek und Autor und Journalist Friedemann Karig bekommen neben dem Streit in der Ampelkoalition sowie der Reichsbürger*innen-Problematik auch Themen wie Fußball und die Gästeliste der Met-Gala eine Bühne.
Insgesamt ist die Varianz bei Deutschland 3000 – die Woche mit Eva Schulz wirklich groß und dürfte viele junge (und natürlich auch ältere) Zuschauer*innen ansprechen. Abwechslungsreich sind zudem verschiedene Spiele, die im Laufe der Sendungen dazukommen. So müssen die Gäst*innen zum Beispiel schätzen, in welchem Bundesland es die meisten Reichsbürger*innen gibt, oder anhand von Twitter-Zitaten erraten, wer zuletzt aus welcher Redaktion oder von welcher Gäst*innenliste geflogen ist. Zusätzlich werden Videoumfragen in der Bevölkerung als auflockerndes Element eingespielt. Bei den Umfragen wird offensichtlich sehr darauf geachtet, eine große Bandbreite der Bevölkerung abzubilden, was (leider) immer noch nicht selbstverständlich für den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk ist. Auch der Look der Sendung ist zeitgemäß – Kameraführung, Beleuchtung, Bühnenbild –, alles ist auf ein junges Publikum und dessen Sehgewohnheiten ausrichtet. Denn gerade diese Zielgruppe ist momentan oft verunsichert von Falschnachrichten und hat das Vertrauen in die Medien teilweise verloren. Zu arbeiten wäre manchmal noch an einer einfacheren Sprache in der Sendung, um die Zielgruppe besser zu erreichen.
Zu wünschen wäre Deutschland 3000 nicht nur durchschlagender Erfolg in der Mediathek, sondern auch ein prominenter Platz im linearen Fernsehen. Das könnte ein wichtiger Schritt sein, um das jüngere Publikum nicht völlig daraus zu verlieren
#55 – (Kritische) Aktive Medienarbeit Teil 2: Der Fachredakteur*innentalk
Die Weiterentwicklung der Medientechnik und der damit verbundenen vielfältigen neuen Möglichkeiten wie kooperatives Zusammenarbeiten online, Ausweitung und -differenzierung von Social-Media-Angeboten oder die Möglichkeiten von KI werfen nicht nur neue gesellschaftliche und medienpädagogische Fragestellungen auf, sondern schaffen eigene Medienkulturen und Medienpraktiken, Jugendkulturelle Communitys, die sich der Logik Aktiver Medienarbeit zum Teil entziehen. Darüber hinaus sind Medien und Medienprodukte in anderen Bereichen wie politischer Bildung oder Kulturpädagogik ein fest verankerter Baustein geworden.
Die Fachredaktion des Ausgabe, Mareike Schemmerling, Klaus Lutz und Wolfgang Reißmann, spricht darüber, wie sich Ansätze der aktiven Arbeit mit Medien unter diesen Bedingungen verändern – und welche Herausforderungen sich daraus ergeben.
Hier geht\u27s zu unserer neuen Ausgabe 23/3 (Kritische) Aktive Medienarbeit