merz Zeitschrift für Medienpädagogik
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GADMO – Faktenchecks statt Desinformation
In den Medien begegnen uns regelmäßig Desinformationen. Vor allem bei aktuellen Geschehnissen wie dem Ukraine-Krieg oder der Pandemie fällt es manchen schwer, falsche Informationen von tatsächlichen Fakten zu unterscheiden. An dieser Stelle setzt die Beobachtungsstelle für digitale Medien an, welche die Faktenlage rund um aktuelle Themen klärt und falsche Informationen aus dem Weg räumt.
Am 1. November startete die Plattform German-Austrian Digital Media Observatory, kurz GADMO. Dahinter steht ein multidiszi-plinäres Netzwerk aus Wissenschaftler*innen, Journalist*innen und Medienschaffenden aus Deutschland und Österreich, die es sich zum Ziel gemacht haben, die Verbreitung regionaler Desinformationen zu bekämpfen. Das Observatorium ist das größte Faktencheck-Netzwerk im deutschsprachigen Raum und gehört zum European Digital Media Observatory, kurz EDMO.
Zu den Zielen der Beobachtungsstelle gehören das Erkennen und die wissenschaftliche Untersuchung von Desinformationen. Fakten werden überprüft, auf einer zentralen Plattform gesammelt und somit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dadurch soll die Medienkompetenz der Bürger*innen in Deutschland und Österreich gefördert werden. Auf der Plattform sind auch News und Veranstaltungen zum Thema Desinformationen im Netz zu finden. Außerdem werden regelmäßig Trainingsmodule angeboten, welche sich vor allem an Stakeholder und Forschende richten. Zudem finden Nutzende zahlreiche Publikationen auf der Plattform, die unter anderem falsche Informationen zum Ukraine-Krieg oder Covid-19-Impfungen aufklären und dabei Statistiken und Studien einbeziehen.
GADMO ist ein redaktionell unabhängiges Projekt, welches zunächst für 30 Monate angesetzt ist. Finanziert wird es unter anderem von der Europäischen Kommission. Für das Netzwerk haben sich die Agence France-Presse (AFP), die Deutsche Presse-Agentur (dpa), die Austria Presse Agentur (APA) sowie das Recherchenetzwerk Correctiv zusammengeschlossen. Koordiniert wird das Projekt von der Technischen Universität Dortmund.
www.edmo.e
Editorial: Medienpädagogik und politische Bildung: Gemeinsam gegen Polarisierung und Desinformation
Handlungsorientierte Medienpädagogik wurde von ihren Vertreter*innen immer auch als Teil politischer Bildungsarbeit verstanden. Ihre Ziele bestehen darin, Kinder und Jugendliche zur kritischen Reflexion medialer Inhalte zu befähigen und ihnen Wege aufzuzeigen, sich mithilfe von Medien selbst in die Gesellschaft einzubringen. Diese Ziele bleiben aktuell. Sie umzusetzen wird aber durch die tiefgreifende Mediatisierung unserer Gesellschaft vor neue Herausforderung gestellt. Dazu gehört auch der pädagogische Umgang mit Sozialen Medien. Dienstleister wie YouTube, Instagram oder Twitter sind in den letzten Jahren zu einem wichtigen Teil politischer Öffentlichkeiten geworden.
Kaum eine Krise wird in ihrer Dynamik nicht mit ihnen verbunden. Es geht um Desinformationskampagnen und Trollfabriken, um Radikalisierungsdynamiken oder extremistische Inhalte. Im Ergebnis richtet sich der Blick zunehmend auf die politischen Ränder. Es fühlt sich so an, als ob die Polarisierung der Gesellschaft immer mehr zunimmt. Dieses Thema wollen wir aufgreifen, denn es lässt sich an ihm zeigen, was politische Bildung und Medienpädagogik voneinander lernen und wie sie in Forschung und Praxis zusammenarbeiten können.
Damit bezieht sich diese Ausgabe auch auf das Positionspapier Politische Medienbildung der Landeszentralen und Bundeszentrale für politische Bildung. Die Fokussierung der politischen Bildung auf die Arbeit mit, über und durch Medien ist nicht neu, bekommt aber durch den Begriff ‚politische Medienbildung‘ eine erweiterte Dimension. Politische Bildung rückt damit eng an die handlungsorientierte Medienpädagogik, sucht möglicherweise den Schulterschluss. Wie die großen gesellschaftlichen Herausforderungen gemeinsam pädagogisch in den Blick genommen werden können, steht im Zentrum dieses Themenschwerpunkts.
Sabine Achour führt aus politikwissenschaftlicher Sicht in das Thema ein. Dafür setzt sie sich kritisch mit der Idee auseinander, dass die Gesellschaft durch Polarisierung in zwei Teile zerfallen könnte. Sie kann anhand von Daten zeigen, dass eine Zweiteilung für Deutschland aktuell nicht zu beobachten ist. Die große Mehrheit der Bevölkerung bekennt sich zur Demokratie. Problematische Einstellungen gibt es vor allem bei Bürger*innen im rechtsextremen Spektrum. Wichtig ist deswegen, politische Bildungsarbeit besonders in Bezug auf Zielgruppen zu stärken, die demokratische Werte verstärkt abzulehnen scheinen. Denn Erhebungen aus dem schulischen Kontext zeigen, dass dadurch demokratische Einstellungen und Teilhabe gefördert werden können.
Dass die politische Medienbildung in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielt, das betont Thomas Krüger im Gespräch mit Bernd Schorb. Ausdruck dafür ist das eingangs genannte Positionspapier der Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung. Schorb und Krüger sprechen darüber, was das für die Zusammenarbeit beider Professionen bedeutet und welche außerschulischen Zielgruppen für die politische Medienarbeit zunehmend wichtiger werden.
Über Krisen spricht auch Dagmar Hoffmann mit Klaus Hurrelmann, allerdings mit einem besonderen Blick auf ihre Auswirkungen auf die junge Generation. Die letzten Jahre waren geprägt von sich überlappenden Krisen: Klimakrise, Coronakrise, Krieg in der Ukraine. Hurrelmann zeichnet insgesamt ein mutmachendes Bild der Jugend, differenziert es aber so weit, dass für bestimmte Jugendliche besondere Unterstützungsbedarfe erkennbar sind. Er erläutert, wie Schule und Eltern hierauf reagieren können und welche Rolle medienpädagogische Ansätze dabei spielen. Stichwort medienpädagogische Ansätze: Über das Heft verteilt finden sich Steckbriefe von Praxisprojekten, die im Bereich politischer Medienbildung gegen Polarisierung arbeiten. Die Projekte setzen sich mit Diskriminierung durch Künstliche Intelligenz (KI and ME) oder Cybermobbing auseinander (Abenteuer mit Sam). Vorgestellt wird ein Planspiel, in dem filmische Reflexionen darüber entstehen, wie ‚das‘ politische System unser Zusammenleben prägt (Parlamensch). Auch werden mit Truthellers ... Trust me, if you can?! und Don’t stop motion zwei aktuelle Dieter Baacke-Preisträger-Projekte vorgestellt.
Was politische Bildungsarbeit gegen Polarisierung außerdem im Detail ausmacht, darüber gibt es in dieser Ausgabe zwei Beiträge: Silke Baer stellt fest, dass für die Arbeit zu kontroversen Themen der Zugang über lebensweltnahe Medienbeispiele immer wichtiger wird. Diese dienen zum Beispiel als Gesprächsanlässe für narrative Formate. Außerdem argumentiert Baer dafür, Techniken aus der Mediation für die pädagogische Arbeit zu sehr kontroversen Themen zu entlehnen. Diese können helfen, dass Fachkräfte auch in normativ sehr umkämpften Bereichen mehr Handlungssicherheit gewinnen. In eine ähnliche Richtung, stärker strukturell fokussiert, argumentieren Seyran Bostancı und Özgür Özvatan. Sie geben Einblicke in die Forschung zu den narrativen Strukturen gesellschaftspolitischer Debatten. Ihr Argument ist, dass postmigrantische Aushandlungsprozesse narrative Strukturen brauchen, die mit der klassischen Heroisierung und Romantisierung politischer Fragestellungen auf nationaler Ebene brechen. Das betrifft sowohl die von Politiker*innen entwickelten Problembeschreibungen als auch die mediale Berichterstattung. Demokratieförderlicher sind stattdessen politische Diskurse, die der Fehlbarkeit und Kontingenz politischer Entscheidungen gerecht werden und damit eher dem dynamischen Charakter gegenwärtiger Demokratien entsprechen.
Komplettiert wird die Ausgabe durch zwei medienpädagogische Beiträge: Dagmar Hoffmann widmet sich dem Umgang mit Algorithmen und Big Data. Sie beschreibt, wie der digitale Wandel den Alltag umgestaltet, ohne dass er von den Nutzer*innen selbst als massive Transformation wahrgenommen wird. Hoffmann stellt dar, wie die Konsequenzen und Problematiken des eigenen Medienhandelns vor allem auf der Subjektebene verhandelt und weniger als gesellschaftspolitische Aufgabenstellung verstanden werden. Hier anzusetzen ist eine wichtige Aufgabe politischer Medienbildung.
Georg Materna, dessen Beitrag ergänzend frei zugänglich auf merz-zeitschrift.de erscheint, geht ebenfalls auf alltägliches Medienhandeln ein. Er wirft einen Blick auf das Informationsverhalten Jugendlicher, für das Soziale Medien eine wichtige Rolle spielt. Er argumentiert, dass die medienpädagogischen Herausforderungen in Bezug auf das Informationsverhalten Jugendlicher weniger Filterblasen sind, sondern eher der Umgang mit der Diversität der Kanäle und Inhalte, die junge Menschen nutzen, um sich zu orientieren. Medienpädagogische Arbeit sollte deswegen verstärkt dazu arbeiten, Informationsroutinen und Kriterien zur Bewertung von Information bewusst zu machen und zu verhandeln
Steckbrief: PARLAMENSCH. Ein filmisches Planspiel zur Auseinandersetzung mit den Grundfragen einer demokratischen Gesellschaft
Zielgruppe junge Menschen von 16 bis 24 Jahren
Durchführende Institutionen JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis
Finanziers und Partner Bayerischer Jugendring (BJR), Bayerische Sparkassenstiftung, Kulturreferat der Landeshauptstadt München, Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales
Laufzeit 2019 bis 2022
Unsere Staatsform Demokratie ist ein spannendes und gleichzeitig verflochtenes und stellenweise unübersichtliches Konstrukt. Filme brauchen einen mitreisenden Plot, eine gute Story. Liegt hier vielleicht eine Symbiose vor? Von jungen Filmschaffenden und in medienpädagogischen Workshops wurde gemeinsam die Webvideoserie PARLAMENSCH geschaffen, innerhalb derer man die Demokratie seziert und reflektiert, aber auch gleichzeitig für das Publikum erlebbar macht: ein partizipatives Filmexperiment. Über 400 Jugendliche aus ganz Bayern arbeiten von Januar 2019 bis Sommer 2022 parallel und gemeinsam an einer Webvideoserie, die mittlerweile in einem 90-minütigen Langfilm mündete. PARLAMENSCH war von Beginn an auf allen Ebenen partizipativ konzeptioniert und organisiert. So trafen sich erstmals im Frühjahr 2019 acht jugendliche Filmemacher*innen aus der Region München, um das Szenario eines filmischen Planspiels zu erarbeiten. Es sollte dabei eine filmische Auseinandersetzung mit den Grundfragen der demokratischen Gesellschaft bei Jugendlichen initiiert werden. Vorgaben gab es nur wenige, das Planspiel sollte eine Kooperation von Filmgruppen aus ganz Bayern darstellen und möglichst in Eigenregie realisiert werden. Gemeinsam wurde sich auf eine dreiteilige Webserie, auf das Ausgangsszenario und auf den Titel PARLAMENSCH verständigt.
„Wenn du die Gesellschaft verändern könntest, was würdest du tun…?“. Die Antworten auf diese und weitere Fragen des Lebens in einem politischen System, welches einfache Bürger*innen zu Entscheider*innen werden lässt, gaben die jungen Filmschaffenden in Form von Episodenfilmen. Gerahmt und feingeschliffen lassen sich die Schicksale der Auserwählten nun in waschechter Webserienform unter www.parlamensch.de mitverfolgen. Zum einen waren junge Filmschaffende im Alter zwischen 16 und 24 Jahren am Projekt beteiligt, zum anderen wurden aber auch medienpädagogische Workshops zu diesem Themenspektrum durchgeführt.
PARLAMENSCH verstand sich von Anfang an als Projekt, das maßgeblich durch Jugendliche gestaltet wurde, koordiniert durch ein Team im JFF – Institut für Medienpädagogik in Kooperation mit dem Bayerischen Jugendring (BJR). So wurden bereits das Ausgangsszenario sowie die verschiedenen Hauptprotagonist*innen im Rahmen eines Kick-Off-Treffens von einem jugendlichen Team erdacht. Die inhaltliche Ausgestaltung ihrer Episoden stand den jugendlichen Filmgruppen völlig frei, auch bei der Postproduktion wurden nur wenige rahmengebende Vorgaben gemacht, die eine Montierbarkeit der Episoden zu einer Serie sicherstellten. Im Anschluss an die Premieren von Staffel I und Staffel II wurden die Filmgruppen eingeladen, um auf Basis dieser über das Szenario der folgenden Staffel zu diskutieren.
Wesentliches Ziel bei PARLAMENSCH ist es, mit möglichst vielen jugendlichen Akteur*innen an einer gemeinsamen filmischen Auseinandersetzung zum Thema Demokratie zu arbeiten. Unsere Demokratie und die damit verbundenen Machtprozesse sind stark durch Medien geprägt. Gerade durch das Ausgangsszenario werden die damit verbundenen, komplexen Zusammenhänge den beteiligten Jugendlichen deutlich. Zudem werden diese Verstrickungen innerhalb der einzelnen Episoden thematisiert.
Darüber hinaus fanden fünf stärker medienpädagogisch angeleitete Projekte in Aschaffenburg, Schweinfurt, Würzburg, Wörth und München statt. Hier wurde mit vielen Kooperationspartnern gearbeitet. Dazu gehörten die Medienfachberatung in der Oberpfalz und in Schwaben, dem Jugendkulturzentrum (JUKUZ) Aschaffenburg, der Staatliches Berufliches Schulzentrum Alfons Goppel Schweinfurt und das Medienzentrum Parabol Nürnberg. Bei allen Episoden dieser Gruppen wurden Protagonist*innen gewählt, die nah an der Lebenswelt der Jugendlichen sind. Jede einzelne Filmgruppe hat wiederum mit diversen Institutionen kooperiert, um die jeweiligen Episoden verfilmen zu können.
Im November 2022 wurde von einem jungen Cutter aus allen Episoden ein Langfilm geschnitten, der 2023 auf der Webseite bewundert werden kann. PARLAMENSCH kann als Modell dienen um mit vielen Jugendlichen gemeinsam an einem komplexen Thema zu arbeiten und damit die Vielschichtigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Das Prinzip Planspiel als Fundament für ein Drehbuch von vielen hat sich bei PARLAMENSCH sehr bewährt
Kinder und Jugendliche im Unmarked Space der Leitmedien? Precht, Richard David/Welzer, Harald (2022). Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist. Frankfurt a. M.: S. Fischer. 288 S., 22,00 €.
Precht, Richard David/ Welzer, Harald (2022). Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist. Frankfurt a. M.: S. Fischer. 288 S., 22,00 €.
Mit ihrer Veröffentlichung legen Richard David Precht und Harald Welzer ein populärwissenschaftliches Buch zur Bedeutung der Massenmedien für das politische Geschehen und die öffentliche Meinungsbildung in Deutschland vor. Damit wenden sie sich wichtigen kommunikationswissenschaftlichen Fragestellungen zu, welche die digitale Transformation der Leitmedien und ihre Funktion in der Demokratie betreffen. Die zwölf Kapitel bilden eine Dramaturgie von der Problembeschreibung über dessen Analyse bis hin zu Lösungsansätzen. Argumentativ beziehen sich Precht und Welzer auf Studien, Begriffe und Theorien der Kommunikationswissenschaft, Sozialwissenschaft und Sozialpsychologie. Die Verknüpfung dieser Quellen mit den Beobachtungen und Erfahrungen der Autoren sowie die Zuspitzung von Argumenten verweisen auf die Textform des Essays. Precht und Welzer eröffnen das Buch mit einer persönlichen Note: der Schilderung des medialen Theaters rund um den Offenen Brief an Olaf Scholz zum Krieg in der Ukraine, den die Autoren mitgezeichnet haben. Danach gehen sie analytischer vor. Sie arbeiten pointiert heraus, dass die Repräsentation von vielfältigen Meinungen konstitutiv für den öffentlichen Diskurs in einer liberalen Demokratie ist. Anhand der Berichterstattung über gesellschaftlich wichtige Themen problematisieren die Autoren eine wachsende Differenz zwischen der Meinungsvielfalt in der deutschen Gesellschaft und der veröffentlichten Meinung der Leitmedien. Sie konstatieren, dass die Leitmedien immer seltener die Meinungsvielfalt zu gesellschaftlich wichtigen Themen abbilden. Als ‚Unmarked Space‘ bezeichnen sie die wachsende Repräsentationslücke zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung.
Precht und Welzer beobachten, dass sich die Leitmedien zu politischen Akteuren entwickeln. Diese ‚amtierenden Medien‘ kolonialisieren das politische System, nehmen Einfluss auf die politische Willensbildung und nutzen die veröffentlichte Meinung als Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen. Das gelingt, weil sie sich in ihrer Berichterstattung in Krisenzeiten, die durch Unsicherheit und Ungewissheit gekennzeichnet sind, aneinander orientieren. In diesem ‚Cursor-Journalismus‘ konstruieren die amtierenden Medien eine Phantomwirklichkeit jenseits der Öffentlichen Meinung, die durch Aufregerthemen und einen polarisierten Diskurs bestimmt ist. ‚Direktmedien‘ wie Twitter spielen dabei eine zentrale Rolle. Hier sind Politik und Journalismus miteinander vernetzt, der Cursor wird von den amtierenden Medien gesetzt und die personalisierte Kommunikation führt zur Ent-sachlichung von Diskursen.
Die Thesen von Precht und Welzer sind nicht neu und halten einer wissenschaftlichen Überprüfung kaum stand. Es gelingt ihnen nicht, die vielfältige Landschaft der Bürger*innen- und Alternativmedien in den Blick zu nehmen, die in Form von Podcasts, YouTube-Videos und Blogs für viele Menschen alternative Deutungsangebote bereitstellen. Dennoch stellen die Autoren wichtige Fragen und bearbeiten diese populärwissenschaftlich. Die mediale Aufmerksamkeit, die das Buch im Spätsommer 2022 erlangte, hat kaum dazu beigetragen, dass diese wichtigen Fragen kritisch in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert wurden. Vielmehr standen die Akteur*innen der Leitmedien, der Politik und die Autoren selbst im Fokus. Dennoch: Precht und Welzer tragen eine Vielzahl von Beobachtungen zusammen, die durchaus geeignet sind, die Funktion der Leitmedien für den öffentlichen Diskurs zu problematisieren. Es ist jedoch nötig, sich – ganz im Sinne von Habermas – vernünftig mit ihren Thesen auseinander zu setzen.
Für die Medienpädagogik ergeben sich drei Anknüpfungspunkte. Erstens stellen Precht und Welzer Fragen, die das Verhältnis von Medien und Öffentlichkeit sowie politische Partizipation in der Demokratie betreffen. Diese Fragen tangieren den Kernbereich der Medienpädagogik: das gute Aufwachsen mit Medien und Medienkompetenz als Voraussetzung zur gesellschaftlichen Teilhabe. Daher sollte sich die Medienpädagogik intensiv mit solchen populärwissenschaftlichen Thesen auseinandersetzen und sich in das mediale Theater einbringen. Zweitens kann die Medienpädagogik auf der Ebene der Förderung eines kritisch-reflexiven Umgangs mit Medien ansetzen. Die Beobachtungen, die die Autoren machen, laden dazu ein, mit Kindern und Jugendlichen das Mediensystem zu analysieren und dessen Funktion zu reflektieren. Drittens sollte die Medienpädagogik die Repräsentation von Problemlagen und Meinungen junger Menschen in den Leitmedien stärker in den Blick nehmen. In den vielen Krisen der Gegenwart befinden sich junge Menschen und ihre riskanten Lebenslagen tatsächlich im Unmarked Space der Leit-medien. Kinder und Jugendliche müssen dort sichtbar sein, damit sie im öffentlichen Diskurs und in der Politik wahrgenommen werden
Sliwka, Anne/Klopsch, Britta (2022). Deeper Learning in der Schule. Pädagogik des digitalen Zeitalters. Weinheim: Beltz. 221 S., 19,95 €.
Sliwka, Anne/Klopsch, Britta (2022). Deeper Learning in der Schule. Pädagogik des digitalen Zeitalters. Weinheim: Beltz. 221 S., 19,95 €.
Die beschleunigten Digitalisierungsprozesse der letzten Jahre fordern neue Formen der Kommunikation und Wissensvermittlung wie auch zeitgemäße Konzepte für die Modernisierung und Weiterentwicklung von Unterricht und Lernen. Diese Erkenntnis nimmt das Buch als Anlass, um die Idee einer innovative Pädagogik des digitalen Zeitalters zu entwerfen. Anliegen ist es, ein Reformmodell zu präsentieren, welches sich den veränderten Anforderungen annimmt und den Blick für eine neue Lern- und Unterrichtskultur weitet.
Um herauszuarbeiten, warum der Wandel zum Deeper Learning an deutschen Schulen unbedingt angegangen werden sollte, stellen Sliwka und Klopsch unterschiedliche wissenschaftliche Argumente dar, die sich für eine Erneuerung von Schule und Unterricht aussprechen. Um diese zu untermauern, werden internationale Entwicklungen vorgestellt, die zeigen, dass eine Pädagogik im Sinne des Deeper Learnings neue Wege aufzeigen kann, um sich von konventionellen Lern- und Unterrichtsformaten zu lösen und Lernen partizipativer zu gestalten. Daran anschließend wird ein für das deutsche Schulwesen adaptiertes Modell vorgeschlagen, welches Hilfestellungen für die professionelle Planung, Gestaltung und Umsetzung der Methode liefert.
Im zweiten Teil wird erläutert, welche pädagogischen Zielsetzungen und Leitprinzipien Deeper Learning zugrunde liegen. Eine übersichtliche Darstellung des Aufbaus einer erfolgreichen Deeper-Learning-Unterrichtseinheit eranschaulicht eindrücklich, wie Schüler*innen gezielt unterstützt werden können, sich nicht als passive Rezipient*innen, sondern als aktiv Gestaltende ihres eigenen Lernens zu begreifen. Abgerundet wird das Buch durch eine tiefergehende Auseinandersetzung damit, was ein solcher Paradigmenwechsels für die Rolle Lehrender, ihr pädagogisches Handeln sowie ihre professionelle Entwicklung bedeutet. Ein Fahrplan bündelt wichtige Hinweise zur Realisierung des angestrebten Transformationsprozesses. Insgesamt bietet das Buch eine kompakte, anschauliche Darstellung eines innovativen Lehr- und Lernkonzepts, das auf eindrückliche Weise aufzeigt, wie Bildung zeitgemäß und zukunftsgerecht gestaltet werden kann. Dabei sind es vor allem die spannenden theoretischen Überlegungen und ermutigenden Praxisbeispiele, die allen pädagogisch Tätigen als Anregung dienen können, um sich mit einem vielversprechenden Konzept zur Neuausrichtung von Lehre und Lernen zu beschäftigen und neue Impulse in die Diskussion und pädagogische Arbeit einzubringen
Kinderrechtliche Potenziale der Digitalisierung
Wenn es um die Risiken der Mediennutzung Heranwachsender geht, wird in Diskussionen oft einseitig eine Schutzperspektive eingenommen. Zu wenig benannt und diskutiert werden die Bedeutung digitaler Technologien für Chancengerechtigkeit, (Demokratie-)Bildung, Mitbestimmung, Inklusion, Zugehörigkeit und Wohlbefinden, sowie für die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und die Stärkung von Resilienz. Das Deutsche Kinderhilfswerk (DHKW) hat daher im Februar ein Positionspapier veröffentlicht, das auf den Fachbeiträgen des Online-Dossiers ‚Teilhaben! Kinderrechtliche Potenziale der Digitalisierung‘ basiert.
Im Papier wird in elf Handlungsempfehlungen beschrieben, welche Potenziale durch das digitale Umfeld für die Umsetzung von Kinderrechten entstehen und welche Maßnahmen notwendig sind, damit diese umgesetzt werden können. Zuerst wird geklärt, was (digitale) Teilhabe von Kindern und Jugendlichen überhaupt ist. In den folgenden Handlungsempfehlungen geht es zum Beispiel um die partizipative Weiterentwicklung der digitalen Medien- und Spielelandschaft, um Meinungsäußerung im digitalen Umfeld, Kinder- und Jugendmedienschutz sowie inklusive Zu-gänge und altersgerechte Teilhabeoptionen. Die Empfehlungen sollen – analog zum Dossier – laufend erweitert und überarbeitet werden.
https://dossier.kinderrechte.de/unsere-handlungsempfehlunge
JIM-Studie 2022
Jugendliche gehen im dritten Pandemie-Jahr wieder mehr Freizeitaktivitäten außer Haus nach und sind weniger online. Das zeigt die aktuelle JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs). Da es im Jahr 2022 kaum noch Einschränkungen in der Freizeitgestaltung gab, trafen sich Jugendliche in ihrer Freizeit wieder vermehrt mit Freund*innen (2022 gaben 73 % an, mehrmals pro Woche etwas mit Freund*innen zu unternehmen, 2021 waren es 63 %). Auch die Teilnahme an Sportaktivitäten ist leicht gestiegen. 2022 gaben 59 Prozent der Jugendlichen an, mehrmals pro Woche Sport zu machen, während es 2021 noch 51 Prozent waren. Die ausbleibenden Einschränkungen wirken sich außerdem auf die täglich verbrachte Zeit im Internet aus: Diese ist nun wieder auf den Stand von vor der Pandemie gesunken (204 Minuten täglich).
Das Jahr 2022 brachte jedoch auch einige Herausforderungen für Heranwachsende mit sich. Dazu zählen vor allem der Ukraine-Krieg und der Klimawandel. Für diese Themen interessieren sich jeweils 78 Prozent der Jugendlichen. Die meisten Jugendlichen vertrauen bei der Informationsbeschaffung zu diesen Themen vor allem auf die Tagesschau (65 %), gefolgt von öffentlich-rechtlichen Radiosendern (58 %) und regionalen Tageszeitungen (52 %). Die neu aufkommenden Herausforderungen des Jahres scheinen bekannte Problematiken in den Hintergrund zu rücken: Das Interesse an der aktuellen Corona-Situation ist unter den Heranwachsenden zurückgegangen (2021 interessierten sich 67 % dafür, 2022 nur noch 49 %). Jedoch nimmt das Thema Diversity an Bedeutung zu. 2021 interessierten sich 41 Prozent der Jugendlichen für dieses Thema, 2022 bereits 48 Prozent.
Die Studie verdeutlicht, wie das aktuelle Zeitgeschehen sowohl Sorgen und Interessenschwerpunkte, als auch die Freizeitgestaltung Jugendlicher beeinflusst.
www.mpfs.de/studien/jim-studie/202
Stichwort: Lensa
Selfie-Avatare, gemalt von einer künstlichen Intelligenz. Eigentlich gibt es die App Lensa schon seit 2018, das neue Feature ‚Magic Avatars‘ lässt sie nun viral gehen: Nutzer*innen laden 10 bis 20 Selfies in die Anwendung, die daraufhin die eigenen Fotosnach verschiedenen Kunstwerken und -stilen aussehen lässt – von Ölgemälden über Animes bis hin zu futuristischen Kunstwerken. Der Service ist nicht kostenfrei. Nutzer*innen bezahlen mindestens vier Dollar, um in der Testversion ein Set von 50 KI-Selfies von sich zu generieren. Relativ teuer, wenn man bedenkt, dass die App ihre Datensätze gratis bezieht. Sie basiert auf Stable Diffusion, einem Open-Source-Bildergenerator.Besonders heikel wird es beim Urheberrecht und Datenschutz. Denn die KI muss mit gigantischen Datenmassen gefüttert werden; dies geschehe auch mit – teilweise privaten – Kunstwerken, Fotos, Grafiken, Comics, Zeichnungen und Animationen aus dem Netz. Das Problematische: Diese Bilder gehören der App nicht, die Urheber*innen erhalten keinerlei Gegenleistung, vielmehr noch haben sie der Nutzung nicht einmal zugestimmt. Dem Gebrauch zu widersprechen ist kaum möglich. Auch das Verständnis von Datenschutz scheint zweifelhaft: Unter anderem geben Nutzer*innen dem Unternehmen automatisch die Erlaubnis, die Bilder zu Werbezwecken zu nutzen, sobald sie ein Lensa-Foto in einem Sozialen Netzwerk hochladen. Darüber hinaus lassen Nutzer*innen-berichte vermuten, dass die App rassistische Stereotype reproduziert und Ableism unterstützt, indem beispielsweise die Haut von PoC heller gemacht wird oder Rollstühle von Fotos entfernt werden.Neu sind der Hype und die Kritik um KI-Bildgeneratoren zwar nicht, bislang war man nur auf Plattformen wie Midjourney, Dall-E und Stable Diffusion beschränkt – Lensa scheint sich in der breiten Masse durchzusetzen. Künstler*innen fürchten bereits um ihre Existenz, weil Kunst so für alle umsetz- und machbar ist. Die Technologie steht diesbezüglich wohlgemerkt noch am Anfang ihrer Entwicklung
Steckbrief: TruthTellers … trust me, if you can?! Ein skeptisches Projekt über die Kraft des Erzählens
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Verschwörungserzählungen hat die Gesellschaft gerade in der Pandemie stark beschäftigt. So hat auch der Bedarf an pädagogischen Angeboten zugenommen, die Jugendliche dazu befähigen, Quellen zu hinterfragen und Fakten zu checken. Um die Mechanismen und Charakteristika von Verschwörungserzählungen zu verstehen und erkennen zu können, reicht das Wissen zu Quellenkritik und Faktenchecks allein jedoch nicht aus. Vielmehr bedarf es einer ganzheitlichen Auseinandersetzung mit den dahinterstehenden Weltbildern und Narrativen, um für die Strategien der Verbreitung sensibilisiert werden zu können. Hier setzt das Projekt TruthTellers an. Das Projekt wurde initiiert vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis und gefördert von der mabb – Medienanstalt Berlin-Brandenburg.
Pädagogischer Ansatz: über Storytelling und mediale Stilmittel der Emotionalisierung
Woher wissen wir eigentlich, was die Wahrheit ist? In fünftägigen Modellworkshops haben sich 2021 drei Berliner Schulklassen der 8. und 9. Jahrgangsstufe in aufeinander abgestimmten Moduleinheiten mit den Themen Wahrheit, Erzählungen und Ideologien auseinandergesetzt. Die Teilnehmenden entwickelten im Projektverlauf selbst Verschwörungsgeschichten und bedienten sich dabei, unterstützt durch den Einsatz digitaler Tools, verschiedener Formen des Storytellings und medialer Stilmittel der Emotionalisierung. Darüber haben sie die Bedeutung von Narrativen und die Kraft des Erzählens selbstwirksam erfahren. Was steckt hinter den Geschichten? Wie erfinde ich eine Verschwörungserzählung? Welche Bausteine brauche ich dafür? Wie kann ich meine Geschichte besonders überzeugend und emotional erzählen? Wie kann ich mit medialen Stilmitteln Emotionen erzeugen und somit Menschen in ihrer Meinungsbildung beeinflussen? Was hat Geschichtenerzählen mit Verantwortung zu tun? Und welche Auswirkungen haben solche Geschichten auf unsere Gesellschaft? Diese und weitere zentrale Fragestellungen standen im Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit mit den Jugendlichen. Sie reflektierten gemeinsam darüber, welche bedeutende Rolle Erzählungen, Glaube und Gefühle spielen, um Menschen für das eigene Weltbild, ‚die eigene Wahrheit‘, zu überzeugen.
Materialien & Methodenpool
Zu Beginn der Projektwoche wurde das Thema Verschwörungserzählungen durch eine fiktive Rahmengeschichte eingeleitet. Es wurde bewusst darauf verzichtet auf bestehende Verschwörungserzählungen einzugehen, um nicht auf diese aufmerksam zu machen. Haben im Verlauf des Workshops Teilnehmende selbst einzelne Verschwörungserzählungen erwähnt, wurden diese kurz thematisiert, ohne den Fokus auf die Wiederlegung einzelner Aspekte zu legen. Im Anschluss diskutierten die Teilnehmenden über den Wahrheitsgehalt und erarbeiteten gemeinsam Mechanismen von Verschwörungserzählungen, die gleichzeitig wichtige Elemente für spannende Geschichten sind.
Anhand der Rahmengeschichte mit transparenten Quellenangaben stießen die Schüler*innen auf reale und gefälschte Inhalte. Neben aus dem Kontext gerissenen Nachrichten und Bildern, konnten sie auch Webseiten und Generatoren entdecken, mit welchen Fake People, Fake-Posts, -Tweets, -Chats oder reißerische Überschriften und SharePics generiert wurden. In einer ersten Framing-Übung erzeugten die Teilnehmenden eigene News und neue Zusammenhänge. Diese Übung lieferte auch den Einstieg, um über das Thema Verantwortung zu diskutieren. Mit Hilfe von Pen & Paper-Methoden, wie Charakterbogen und Raumsettings zur Entwicklung der eigenen Figuren und Welten, wurden die Basis für die eigene Geschichte gelegt. Einige Mechanismen von Verschwörungserzählungen, wie beispielsweise die Feindbild-Logiken wurden durch Methoden, wie Cui Bono, vertieft.
Nachdem die Teilnehmenden mit Hilfe von Verschwörungskarten ihre eigene Geschichte logisch zusammengesetzt haben („Es gibt keine Zufälle“), ging es im nächsten Schritt um die Emotionalisierung ihrer Verschwörung. Wie können sie die erfundene Geschichte so aufbereiten, dass sie andere Menschen aufwühlt? Welche Möglichkeiten haben sie, das Thema für alle Menschen relevant werden zu lassen? Wie kann man emotional aufgeladene Medieninhalte (Posts, Nachrichten, Videos, Sprachnachrichten, Bilder, News) framen oder selbst produzieren? Nachdem sich die Teilnehmenden mit verschiedenen Emotionen aus ihrer eigenen Lebenswelt auseinandergesetzt haben, bekamen sie noch Inputs unter anderem zu den Wirkungsweisen von (bewegten) Bildern, Rhetorik, Schrift und Symbolen. Zum Ende des Projekts wurden die Geschichten mit den emotionalisierten Beweisen als PowerPoint, Adobe Spark Video oder Twine Text-Adventure-Game vor der Klasse präsentiert. Die Inhalte und Beweise wurden hinterfragt, diskutiert und durch einen Glaubwürdigkeitstest bewertet. Dadurch gingen die Teilnehmenden in eine tiefere Reflexion über Auswirkungen und Verantwortung bei der Verbreitung solcher Geschichten. Sie riefen sich außerdem nochmal die Mechanismen und Gefahren von realen Verschwörungsgeschichten in Erinnerung und reflektierten über einen sinnvollen Umgang mit Verschwörungsgläubigen.
Aus den Modellworkshops sind pädagogische Methoden und Materialien entstanden, die für die Arbeit mit Jugendlichen kostenfrei genutzt werden können und auf www.truthtellers.de abrufbar sind
Ironische Smileys
Neulich meinte mein Lebenspartner als Reaktion auf eine Textnachricht von mir, dass man mir die Gen X anmerke. Und zwar daran, wie ich meine Smileys verwende. Ich zückte eine Augenbraue. Zum einen natürlich, weil ich nicht Gen X bin (1980! Erster Jahrgang der Millenials oder der Gen Y!). Zum anderen aber auch, weil ich nicht wusste, dass die Verwendung von Smileys generationenabhängig ist. Die jüngeren Generationen verwendeten Smileys jedenfalls ironisch, wurde ich kurz danach aufgeklärt.
Ironische Smileys? Da ich zu den Über-40-Jährigen gehöre, deren Schuhregal in erster Linie aus weißen Turnschuhen besteht, musste ich mir das natürlich sofort genauer ansehen. Außerdem: Ich liebe Ironie, ich finde das Leben ohne Ironie fast unerträglich. Leider versteht das nicht immer jede*r, aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen – Ironie ist für mich eine Bewältigungsstrategie, ohne die ich dieses Leben nur schwer auszuhalten finde.
Also, erster Versuch – ich schreibe etwas Lustiges und hänge statt des Tränen lachenden Smileys das vor Unglück heulende Smiley an. Leichtes Unwohlsein beim Abschicken der Nachricht. Meine Freundin antwortet direkt: „Haha, falscher Smiley, passiert mir auch manchmal!“. Offensichtlich Gen X. Kurz darauf, nächster Versuch. Ich probiere meine Begeisterung für etwas auszudrücken, indem ich das Totenkopf-Emoji hinzufüge. Kommt nicht gut an. Auch der Versuch, mein empathisches Bedauern für eine Sache mit einem freudig strahlenden Smiley auszudrücken, sorgt für Unverständnis. Ich diagnostiziere das Problem, dass mein Freundeskreis einfach zu alt für ironische Smileys ist. Außerdem werde ich selbst nicht warm mit der Umkehr der Smiley-Botschaften.
Aber wenn ich eines in 42 Jahren gelernt habe, dann, dass sich Trends irgendwann auch wieder umkehren. Genauso wie auf dieRückkehr der Hüftjeans (nooooo!), der Postkarte (yeahhhh!) oder des Händeschüttelns (uahhhh!) kann man also auch seelenruhig darauf warten, dass Smileys wieder das bedeuten, wonach sie aussehen. Oder einfach zu seinem Alter stehen und den eigenen, unschlagbaren Witz mit einem Tränen lachenden Smiley verstärken, sicher ist sicher. Das, habe ich gelesen, ist laut der britischen Forschungsagentur Perspectus Globus sowieso das Emoji, das generationenübergreifende Beliebtheit genießt und mit 45 Prozent das meist genutzte Emoji überhaupt ist (zumindest bei den Brit*innen). Ab und an werde ich trotzdem auch zukünftig einen ironischen Smiley verschicken, vielleicht an den Tagen, an denen ich ein neues graues Haar entdecke