merz Zeitschrift für Medienpädagogik
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Die 74. Berlinale
Ein kritischer Blick auf Kunst und Kultur muss generell erlaubt sein, vielleicht scheint er im Fall der 74. Berlinale sogar gefordert. Es war die letzte Berlinale des eher glücklos agierenden Leitungs-Duos Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. Bei allem Glanz, Glamour und filmisch Gezeigtem gab es nämlich durchaus viele Kritikpunkte, die erwähnt werden sollten. Beginnen wir mit der Wahl der Sponsor*innen. Da fällt der kritische Blick auf die Firma Uber, welche die Veranstaltung angeblich mit über einer halben Million Euro gesponsert hat. Der Fahrdienstvermittler Uber fördert aktuell in Berlin massiv Kultur, obwohl Uber mit dem häufig formulierten Vorwurf der Selbstausbeutung der Lizenznehmer*innen in der öffentlichen Kritik steht und damit möglicherweise im Widerstreit zur politischen Ausrichtung der Berlinale. Bei kritischer Betrachtung könnten all diese Sponsoring-Aktivitäten Ubers als Whitewashing-Versuch gewertet werden.
Der zweite Punkt, der schon im Vorfeld ein wenig für Ratlosigkeit sorgte, war der Umgang mit Einladungen von fünf AfD-Abgeordneten zur Eröffnungsgala der Berlinale. Zwar erfolgte die Verschickung der Einladungen nicht direkt über die Berlinale, aber etwas blauäugig mutet es schon an, Politiker*innen eine Einladung zu schicken, die sich für die Auflösung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkstruktur in Deutschland massiv einsetzen. Verwunderlich ist dies vor allem, wenn berücksichtigt wird, dass viele der gezeigten Produktionen und das Festival selbst ohne die Förderung und Unterstützung öffentlich-rechtlicher Sender nicht hätten realisiert werden können. Auf Druck vieler Kulturschaffender* entschied sich die Festivalleitung schließlich, die eingeladenen AfD-Politiker*innen wieder auszuladen. Der dritte Punkt bezieht sich auf die inhaltliche Ausrichtung des Programms, die sich bekanntlich ausdrücklich als politisch begreift. Und in der Tat wurden viele Filme gezeigt, die aktuelle Themen, wie den Ukraine-Krieg, die Situation in Israel und Palästina oder die politische Situation im Iran widerspiegeln. Dennoch hat man ein mulmiges Gefühl, dass mit dem Film Die Ermittlung des Regisseurs Rolf Peter Kahl eine sehr aktuelle deutsche Produktion über den ersten Auschwitz-Prozess in Frankfurt trotz intensiver Bemühungen des Filmteams leider nicht in das Programm genommen wurde. Gerade wegen des immer stärker werdenden Antisemitismus in Deutschland ist das bedauerlich und eine Teilnahme hätte dem Festival sicher einen positiven Impuls geben können.
Kommen wir nun zum vierten kritischen Punkt, dem der Preisverleihung. Juryentscheidungen sind sicher stets im Kern subjektiv, aber sie spiegeln auch immer ein wenig die Qualität der gezeigten Produktionen wider. Wenn ein kurzer, relativ schlichter und auch teilweise scharf kritisierter Dokumentarfilm wie Dahomey mit dem Goldenen Bären als bester Film ausgezeichnet wird, dann kann dies natürlich bedeuten, dass die anderen Produktionen weniger überzeugend waren oder aber, dass die Jury leider eine wenig kompetente Arbeit abgeliefert hat. Und tatsächlich bleiben viele der Entscheidungen unverständlich und vielleicht sogar problematisch. So kann der Preis für die ‚Beste Schauspielerische Leistung‘ für Sebastian Stan in dem Film A Different Man eigentlich nicht nachvollzogen werden, da es mit der Iranerin Lily Farhadpourin in My Favourite Cake oder mit Liv Lisa Fries in In Liebe, Eure Hilde oder auch mit Lars Eidinger in Sterben durchaus wesentlich ausdrucksstärkere Schauspieler*innen für eine Auszeichnung gegeben hätte. Zudem zeugt die Entscheidung für wenig Fingerspitzengefühl, denn der durch die Krankheit Neurofibromatose gezeichnete Schauspieler Adam Pearson sorgte mit einer fulminanten schauspielerischen Leistung in A Different Man für mehr Können als der dort prämierte Sebastian Stan. Der Silberne Bär für ‚Das Beste Drehbuch‘ wurde an den Film Sterben von Matthias Glasner vergeben. Dazu darf angemerkt werden, dass der Film zwar wirklich herausragend ist, allerdings gerade im Drehbuch durch unnötige Längen glänzt. Gänzlich unverständlich blieb der Preis der Jury für L’Empire des Franzosen Bruno Dumont, der mit einer missglückten, wenig unterhaltsamen und eher peinlichen Persiflage auf Science-Fiction Filme das Publikum und die Kritik langweilte. Allerdings verweist schon allein die Aufnahme eines Films wie L’Empire in das Wettbewerbsprogramm der Berlinale auf ein generelles Problem, denn Carlo Chatrian als künstlerischem Leiter gelang es beispielsweise nicht, den Science-Fiction Film Dune: Part Two des Kanadiers Dennis Villeneuve auf die Berlinale zu holen, was für mehr internationalen Glanz gesorgt hätte.
Der letzte Punkt ist leider gravierender als alle anderen. Während der Preisverleihung kam es zu antiisraelischen Äußerungen und Genozid-Vorwürfen an Israel, die unkommentiert blieben und vom Publikum beklatscht wurden. Der Terror der Hamas gegen Israel und auch gegen die eigene palästinensische Bevölkerung blieb, bis auf ein kurzes Eingangsstatement von Mariette Rissenbeek, bedauerlicherweise unerwähnt. Dies erinnert in trauriger Weise an Probleme während der Documenta im Jahr 2022, bei denen antisemitische Ressentiments unter dem Deckmantel künstlerischer Freiheit zunächst unwidersprochen blieben. Für die Berlinale als Ort des Austauschs bildeten die antiisraelischen Aktionen während der Preisverleihung leider den traurigen Tiefpunkt. Die überfordert und oberflächlich wirkende Moderatorin Hadnet Tesfai hätte durchaus die Möglichkeit gehabt, für eine entsprechende Einordnung der beklatschten Statements zu sorgen, aber das Programm wurde einfach weiter ‚abgespult‘. Ein Post unter dem Motto From the River to the Sea, ein paar Tage nach der Veranstaltung auf dem Instagram Account der Berlinale, wurde sofort gelöscht und hat jetzt ein juristisches Nachspiel. Fairerweise sollte ebenfalls erwähnt werden, dass die Berlinale während der gesamten Veranstaltung ein Tiny House am Potsdamer Platz zum Zweck der Verständigung angeboten hatte, um einen individuellen Dialog in der schwierigen Frage des Zusammenlebens der jüdischen und palästinensischen Bevölkerung zu ermöglichen.
Kurz und knapp: Es war ein gut besuchtes Festival mit einigen, wenigen filmischen Höhepunkten, dafür jedoch mit vielen Problemen. Es bleibt zu hoffen, dass die neue Leiterin der Berlinale, die gebürtige US-Amerikanerin Tricia Tuttle, eine glücklichere Hand bei der Auswahl der Filme, des Coachings der Moderator*innen und der Besetzung der Jury hat. Denn schließlich sollten interessante Filme, undogmatische Diskussionen und ein gleichberechtigter Austausch im Fokus der Berlinale stehen.
Einen Blick auf filmische Highlights der diesjährigen Berlinale geben Nicole Lohfink, Markus Achatz und Günther Anfang in den kommenden Beiträgen.
Michael Bloech ist Diplom Soziologe, Medienpädagoge und Autor verschiedener Fachpublikationen. Seine aktuellen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Film und Fotografie
Medienkompetenz: Ein Plastikwort?
Schulz, Nils Björn (2023): Kritik und Verantwortung. Irrwege der Digitalisierung und Perspektiven einer lebendigen Pädagogik. München: Claudius.
Die kritische Theorie hat die Medienpädagogik insbesondere in der machtkritischen Auseinandersetzung mit der Rolle der Massenmedien für die Herrschaftsordnung der Nachkriegszeit geprägt. Der zentrale Stellenwert der Medienkritik in diversen Medienkompetenzmodellen belegt die Bedeutung, die die ideologiekritischen Arbeiten der Frankfurter Schule für die Medienpädagogik haben. Es zeigt sich jedoch, dass die Disziplin und Profession der Medienpädagogik stets in einem ambivalenten Verhältnis zur kritischen Theorie standen. Ihr normativ-kulturpessimistischer Duktus und die Distanz zur pädagogischen Praxis stehen in einem spannungsvollen Verhältnis zum Subjektzentrismus der Medienpädagogik.
Nils B. Schulz nimmt die Fäden der kritischen Theorie in seinem Essay ‚Kritik und Verantwortung: Irrwege der Digitalisierung und Perspektiven einer lebendigen Pädagogik‘ auf und entwickelt einen macht- und ideologiekritischen Blick auf die Digitalisierung des Bildungssystems. Um den digitalen Wandel zu untersuchen, wendet sich Schulz – selbst Lehrer an einem Gymnasium – im Essay der Medienkritik der Frankfurter Schule zu.
Im ersten von fünf Kapiteln stellt Schulz die Frage, welche Rolle Medien bei der Konstitution von Welt- und Selbstverhältnissen im Schulunterricht haben. Er geht von der Prämisse aus, „dass junge Menschen in schulischen Lernsituationen Sachthemen am besten von älteren Menschen lernen – und zwar in leiblicher Präsenz“ (S. 19). In dieser Konstellation wird der Unterrichtsgegenstand in einer resonanten Beziehung zwischen Lehrkräften, Heranwachsenden und dem Gegenstand bearbeitet. Gerade in der produktiven und kritischen Auseinandersetzung mit Autoritäten und durch die Nicht-Anpassung könnten sich Individualität und Verantwortung bei Schüler*innen entwickeln. Den Digital Turn sieht Schulz als Teil eines umfassenden kulturellen Wandels, in dem die Leiblichkeit des Unterrichts verschwindet.
In den weiteren Kapiteln analysiert Schulz die Sprache, (digitale) Unterrichtspraktiken und den technologischen Wandel im Schulsystem. Durchaus provokant vergleicht er im zweiten Kapitel den Sprachstil der Digitalisierungsstrategie der Kultusministerkonferenz mit einer KI-gestützten Phrasenmaschine. Sprachlich produziere diese eine sich „über dreißig Seiten erstreckende Verkettung von Plastikwörtern“ (S. 41), die sich wolkiger Begriffe wie Individualisierung, Kollaboration und Innovation bedient. Im dritten Kapitel konzentriert sich Schulz auf den neoliberalen Wandel des Bildungssystems, der wesentlich durch junge und karriereorientierte Lehrkräfte vorangetrieben wird. Schulz kritisiert hier, dass die Datafizierung von Lehr- und Lernprozessen eng mit einer Ökonomisierung des Bildungssystems zusammenhängt. Zum einen werden datenbasierte Monitoring- und Evaluationssysteme etabliert, wodurch Schüler*innen zu selbstverwalteten Profil-Subjekten degradiert werden, die in eine technisch-funktionale, bildschirmvermittelte Beziehung zur Welt gestellt werden. Zum anderen schafft die Digitalindustrie mit der Entwicklung und Verbreitung von Bildungstechnologien Fakten in der Schule.
Angesichts der Machtposition der digitalen Ökonomie in der Schule und im Bildungssystem, den verarmten digitalen Weltbeziehungen und den Risiken, die mit der Nutzung digitaler Technologien einhergehen, fordert Schulz im vierten Kapitel Medienmündigkeit ein. Nach Schulz bedeutet das, „das notwendige technische Wissen zu besitzen, digitale Medien achtsam, selbstbestimmt, bewusst in kritischer Distanz und zeitsouverän zu nutzen, was eben auch einschließt, sie nicht zu nutzen“ (S. 105). Im fünften Kapitel entwirft Schulz schließlich die Grundzüge einer neoexistenzialistischen Pädagogik, in der es im Wesentlichen darum geht, eine resonante Beziehung zwischen Lehrkraft und Lerngegenstand herzustellen, Bildung als Krisenerfahrungen ernst zu nehmen und die Eigensinnigkeit von Schüler*innen und Verantwortung von Lehrkräften zu stärken. Ein solcher Unterricht nimmt auch kritisch die digitalen Transformationsprozesse in der Gesellschaft in den Blick.
Schulz zeigt, dass digitale Technologien machtvolle Instrumente zur Durchsetzung einer politisch-ökonomischen Agenda in der Schule sind. Dem Autor Fortschrittsverweigerung zu unterstellen, wird seinem Essay jedoch nicht gerecht. Vielmehr wird deutlich, dass die Gestaltung der Welt- und Selbstverhältnisse im digitalen Unterricht einem politökonomischen Paradigma unterworfen werden. In der Schule verändern sich nicht nur die technologischen Bedingungen der Lehr- und Lernsettings und die Kompetenzanforderungen. Deshalb ist es Schulz hoch anzurechnen, dass es ihm aus dem Bildungssystem heraus gelingt, die Machtverhältnisse in der digitalen Gesellschaft kritisch zu analysieren. Insofern ist sein Essay als Plädoyer dafür zu lesen, die Schule als gestaltbaren Raum für (Medien-)Bildungsprozesse von der Digitalindustrie zurückzuerobern.
Schulz zeigt, dass im digitalen Wandel der Schule ausgerechnet die Medienkompetenz – eines der Kernkonzepte der Medienpädagogik – ausgehöhlt und zu einem Plastikwort der politisch-ökonomischen Bildungsagenda wird. Das liegt auch daran, dass sich der medienpädagogische Diskurs über lange Zeit kritisch gegen allzu normative Positionen gestellt hat. Bei der Rückeroberung der Schule kann auch die Medienpädagogik einen Beitrag leisten, indem sie die Verantwortung für Medienkritik nicht lediglich als Kompetenzanforderung an Heranwachsende delegiert. Mit der kritischen Theorie der Frankfurter Schule kann sie sich ähnlich ideologiekritisch der digitalen Kolonialisierung der Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen zuwenden.
 
Mey, Stefan (2023). Der Kampf um das Internet. Wie Wikipedia, Mastodon und Co. die Tech-Giganten herausfordern. C. H. Beck. München. 236 S., 18,00€
Google, Amazon, Facebook, Microsoft und Apple gehören zu den bekanntesten IT-Konzernen, die in der heutigen Zeit weithin bekannt sind und deren Produkte weltweit täglich von Millionen von Menschen verwendet werden. Diese Tatsache verleiht den Unternehmen eine große digitale Macht, deren Auswirkungen wir als Nutzende zu spüren bekommen. Zu den größten Problemen zählt die Sammlung von Daten der Nutzenden, sowieso die teils hohen Kosten der Produkte aufgrund ihrer Markenpräsenz.
Da die Produkte und Plattformen – durch berufliche oder private Gründe – fester Bestandteil unseres Alltags sind, stellt man sich zurecht die Frage, ob es eine Alternative gibt?
Ja, die sogenannte "digitale Gegenwelt“ wie Stefan Mey sie in seinem Buch nennt. Darin stellt der IT-Journalist informativ geschriebene Porträts und Interviews von Protagonist*innen der digitalen Gegenwelt vor und zeigt deren Ziele, Strategien und Geschäftsmodelle. Hierzu gehören unter anderem die Online-Enzyklopädie Wikipedia, die Twitter-Alternative Maston, der Browser Firefox und der Messenger Signal. Sie wollen freie Inhalte, freie Plattformen, freie Programme und freie Betriebssysteme schaffen, die kostenlos und für jeden frei zugänglich sind. Mey erläutert in seiner Lektüre darüber hinaus, wie sich diese Organisationen strukturieren, wie die Projekte finanziert werden und welcher Umgang mit den Daten gepflegt wird. Im Ausblick appelliert der Autor an die Leserschaft: „Jede*r kann sich auf verschiedene Arten beteiligen.“ und er macht deutlich: „Eine andere digitale Welt ist nicht nur möglich. Sie ist schon lange da.“ Dieses Buch präsentiert uns bisher unbekannte Alternativen, die einen relevanten Einfluss auf unsere zukünftige technologische Nutzung haben kann.
Mey, Stefan (2023). Der Kampf um das Internet. Wie Wikipedia, Mastodon und Co. die Tech-Giganten herausfordern. C. H. Beck. München. 236 S., 18,00
Ich faste, also poste ich
Halte durch!“, „Bleib stark!“, „Vorsicht: Chips enthalten leider auch Zucker.“ „Hast du es schon mit Bananen-Avocado-Kakao-Creme versucht?“, „Nimm es doch nicht so ernst. Du darfst auch mal cheaten!“. Solche Nachrichten bekomme ich seit 29 Tagen. Jedes Jahr zwischen Fasching und Ostern verzichte ich auf eine Sache, die mir schwerfällt. Doch nur für mich selbst zu Fasten – das wäre mir zu öde. Ich liebe es, meine Erfahrungen mit anderen zu teilen! Deshalb poste ich mit der Bildunterschrift „Tag 1/46: …“ täglich ein neues (Beweis-)Foto in meinen WhatsApp-Status. Dieser selbst auferlegte Zwang motiviert mich enorm, am Fasten dranzubleiben. Gleichzeitig helfen mir die Statusbilder, den Prozess ein wenig zu reflektieren.
Dieses Jahr faste ich Süßigkeiten und verzichte weitgehend auf Zucker. Schon am ersten Tag berichte ich schockiert, dass sowohl mein Knusper-Bio-Müsli als auch meine Lieblings-Erdnusscreme Zucker enthalten. Was soll ich denn jetzt frühstücken? Prompt bekomme ich zahlreiche Empfehlungen zuckerfreier Frühstücksprodukte zugeschickt. Praktisch! Schon bald etabliere ich neue Essensroutinen und poste Bilder meiner zuckerfreien Lieblingsspeisen. Doch ganz ehrlich: wenn in der Büro-Küche köstlicher Kuchen bereitsteht oder die Kinder das erste Eis des Frühlings auf dem Marktplatz genießen fällt mir der Verzicht verdammt schwer. Auch das teile ich mit meiner kleinen WhatsApp-Community. Und ernte Mitgefühl und Durchhalteparolen. Besonders viel Aufmerksamkeit erhält ein Post, der mich als Naschkatze entlarvt: „Tag 24/46: Wenn das Einkaufen zur Challenge wird“ zeigt ein Foto des Schokoladen-Regals im Supermarkt. Aufgewachsen in einer Kleinstadt mit Schokoladenfabrik lag in unserer Küchenschublade stets Bruchschokolade in Quadraten bereit, zarter Schokoduft begleitete meinen Weg zur Schule. Wochenlang ohne Süßes auszukommen ist etwas völlig Neues für mich. Kein Wunder, dass mir ab und zu ein Ausrutscher passiert. „Tag 28/46: Aus Versehen Teig genascht.“ - auch das Foto der Rührschüssel landet in meinem Status.
Noch schwerer fiel mir mein Verzicht im letzten Jahr: Gegenstände fasten. Jeden Tag teilte ich ein Foto einer Sache, die ich verschenkt, verkauft oder entsorgt hatte. Das war vielleicht anstrengend. Ich hänge sehr an all meinen Dingen. Diese Fastenzeit hätte ich ohne das Posten sofort wieder aufgegeben. Aber auf die Fotos von der sortierten Küchenschublade, der entmüllten Zimmerecke und dem freien Platz im Badschrank erhielt ich viel Zuspruch und das hat mich enorm gestärkt. Einige machten sogar mit, schickten mir Fotos und Infos über ihren Fortschritt beim Ausmisten. Ich bin schon gespannt, welche Idee ich nächstes Jahr umsetzen werde. CO2, Plastik, Instagram, Online-Shopping – mir fällt da so einiges ein. Nur auf Messenger kann ich nicht verzichten – sonst fehlt mir der äußere Anreiz und der Rückhalt von Freund*innen und Familie
#64 – Kleinkinder und Medien Folge 4: Dr. Iren Schulz über Medienkompetenz als Lebenskompetenz
Dr. Iren Schulz ist selbständige Medienpädagogin und Kommunikationswissenschaftlerin, im eTeach-Netzwerk Thüringen und Mediencoach bei der Initiative Schau Hin! Was dein Kind mit Medien macht.
Im Interview sprechen wir mit ihr über ihre Erfahrungen mit Familien und Fachkräften und ihren Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen zum Thema Kleinkinder und Medien.
merz Ausgabe Kleinkinder und Medie
Desinformation im Kontext politischen Informationsverhaltens
Der Begriff ‚Desinformation‘ prägt zunehmend die öffentliche Diskussion. Er bezeichnet die gezielte Verschärfung gesellschaftlicher Spannungen und die Beeinflussung politischer sowie wirtschaftlicher Prozesse durch Falschinformation. Die Spanne reicht von völlig frei erfundenen Inhalten über absichtlich falsche Kontextualisierungen bestehender Inhalte bis hin zum bewussten Weglassen von Informationen. Inzwischen sind neben textuellen auch visuelle und audiovisuelle Inhalte von Desinformation betroffen, wie sogenannte Deepfakes, Verfahren zur Manipulation medialer Identitäten, mit denen Gesichter und Stimmen gefälscht werden können.
Vor dem Hintergrund ist Desinformation eine Gefahr für die Demokratie. Laut einer Studie der Landesanstalt für Medien NRW, die das Informationsverhalten und die Wahrnehmung von Desinformation im Kontext von Wahlen und Wahlkämpfen untersuchte, glauben viele Befragte, dass Desinformation die Demokratie bedrohe und die Meinungen in der Bevölkerung beeinflusse. Insbesondere Menschen unter 25 Jahren sind besorgt, selbst auf Desinformation hereinzufallen. Ältere Menschen, deren Wahrnehmung von Desinformation ebenfalls gestiegen ist, nutzen vor allem das Fernsehen, gefolgt von (gedruckten) Tageszeitungen, als Hauptquelle für Informationen bei Wahlen oder Wahlkämpfen. Digitale Nachrichtenangebote und Soziale Medien wie TikTok gewinnen besonders bei den Unter-25-Jährigen an Bedeutung, Medien wie Fernsehen, Radio und (gedruckte) Zeitungen verlieren an Relevanz. Altersunterschiede liegen auch im Umgang mit Desinformation. Jüngere Personen sind deutlich aktiver als ältere und nutzen Fact-Checking-Seiten und die Meldefunktion der Plattformen. Insbesondere die Über-59-Jährigen ergreifen kaum Maßnahmen im Umgang mit Desinformation.
Die Wahrnehmung von Wahlwerbung in Sozialen Medien bewegt sich etwa auf dem Niveau des Vorjahres, sei aber zunehmend schwieriger zu identifizieren, wenn nicht unmittelbar ein*e Politiker*in bzw. das Partei-Logo zu sehen ist. Insgesamt wünschen sich die Befragten mehr Maßnahmen, um gegen Desinformation im Netz vorzugehen, obgleich sich die geforderten Strategien je nach Altersgruppe unterscheiden.
Die Studie basiert auf einer Online-Befragung mit einem strukturierten Fragebogen im Juni 2023 und Mai 2024 von jeweils über 1.000 Internetnutzer*innen ab 14 Jahren.
https://medienanstalt-nrw.d
Wie blicken Erziehungsberechtigte auf KI im Bildungskontext?
Erziehungsberechtigte haben zu KI in der Arbeitswelt gemischte Gefühle: 89 Prozent blicken optimistisch auf die berufliche Zukunft ihrer Kinder. Gleichzeitig hat knapp ein Drittel Sorge, dass ihr Kind schlechtere Chancen auf einen guten Job in einer von KI geprägten Berufswelt hat. Dies zeigt eine repräsentative Online-Umfrage der forsa Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH im Auftrag der Körber-Stiftung. Diese erfasst jährlich die Perspektiven von Eltern im Kontext Bildung. Im Frühjahr 2024 wurden bundesweit 1007 Eltern von Kindern zwischen 12 und 18 Jahren befragt. Die Studie setzte ihren Fokus dieses Jahr auf die Perspektive von Erziehungsberechtigten auf die Rolle von KI für die Bildung und die berufliche Zukunft ihrer Kinder.
Hinsichtlich des Einsatzes von KI an Schulen sehen ungefähr die Hälfte der Erziehungsberechtigten sowohl Vor- als auch Nachteile: die Mehrheit gibt an, dass KI-Anwendungen zum Beispiel das Schummeln bei Prüfungen und Hausaufgaben erleichtert. Allerdings stimmt rund die Hälfte zu, dass KI-Anwendungen für eine zukunftsfähige Schule zwingend erforderlich sind. Rund die Hälfte aller Eltern spricht mit ihren Kindern zu Hause über KI. In welchem Umfang Kinder von ihren Erziehungsberechtigten bei der kritischen Auseinandersetzung mit KI unterstützt werden, scheint mit elterlichen Vorerfahrungen und ihrem Bildungsstand zusammenzuhängen. Bei Eltern mit höherem Bildungsabschluss ist der Anteil derjenigen, die schon KI-Anwendungen ausprobiert haben, höher als bei Menschen mit Hauptschul- oder Realschulabschluss.
Die Benachteiligung von Kindern aus bildungsbenachteiligten Strukturen zeichnet sich auch beim Diskurs hinsichtlich KI deutlich ab. Deshalb sind Schulen als Lern- und Experimentierraum essenziell, damit alle Kinder die Chance bekommen den Umgang mit KI zu erlernen. Trotz dessen gab nur gut ein Zehntel aller Erziehungsberechtigten an, dass an der Schule ihrer Kinder zum Zeitpunkt der Befragung mit KI-Anwendungen gearbeitet wurde.
https://koerber-stiftung.d
Science-Fiction ist immer auch ein Barometer für das, was in der Gesellschaft passiert: Im Gespräch mit Andreas Rauscher, Medienwissenschaftler
Im Interview erläutert der Medienwissenschaftler Andreas Rauscher die Relevanz von Science-Fiction für die Gesellschaft und die Zukunft und erklärt Science-Fiction Kategorien, Inhalte und Dramaturgien. Darüber hinaus geht es um alternative Zukünfte sowie die Rolle, die Science-Fiction in der Pädagogik spielen kann
Jugendstudie zu Digitaler Bildung
Rund 70 Prozent der Berufseinsteigenden fühlen sich nicht fit für die digitale Arbeitswelt. Zu diesem Ergebnis kommt die Vodafone Jugendstudie zu digitaler Bildung, die im März 2023 veröffentlicht wurde. Insgesamt blickt die junge Generation (14 bis 24 Jahre) positiv in die digitale Zukunft, unabhängig von der sozialen Herkunft. 69 Prozent erwarten, dass die Digitalisierung positive gesellschaftliche Entwicklungen anstößt, 79 Prozent sehen Vorteile für ihre persönliche Entwicklung. Als unverzichtbar für die Zukunft schätzen 79 Prozent der Befragten digitale Kompetenzen ein.
Doch so wichtig den jungen Menschen die digitale Zukunft und die dafür nötigen Kompetenzen auch sind, sie fühlen sich vom Bildungssystem nicht gut unterstützt und begleitet. So bewertet über die Hälfte der Schüler*innen die digitale Ausstattung an Schulen als unzureichend. Dabei wird den Schulen und Universitäten von der jungen Generation die Aufgabe zugeschrieben, berufsvorbereitende Fähigkeiten wie den Umgang mit digitalen Technologien (76 %) und eigenverantwortliche Organisation (60 %) zu vermitteln. Nur 54 Prozent haben Informatik als Schulfach, 44 Prozent berichten von frei verfügbaren Tablets oder Computern für alle Schüler*innen.
Immerhin fühlen junge Menschen sich laut Studie für den Umgang mit Falschnachrichten vorbereitet. 70 Prozent gehen sehr sicher oder sicher davon aus, diese zu erkennen. Allerdings fühlt sich knapp die Hälfte der Befragten (48 %) bei Datenschutzfragen im Internet eher unsicher. Für die Erhebung wurden von Infratest dimap im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland 2.069 deutschsprachige junge Menschen zwischen 14 und 24 Jahren (1.037 14- bis 19-Jährige und 1.032 20- bis 24-Jährige) in Privathaushalten in Deutschland befragt.
www.vodafone-stiftung.de/jugendstudie-kompetenzen-202
Minimalinvasive Medienpädagogik: Aktives Arbeiten mit Medien in der offenen Jugendarbeit
Wenn Medien und die Beschäftigung damit allgegenwärtig sind, wo beginnt (und endet) Medienpädagogik? Ab wann ‚verdient‘ die Beschäftigung mit Medien das Label Medienpädagogik? Gemeinsame Medien-Produktionsprozesse, also handlungsorientierte Medienarbeit oder Workshops zu Medienthemen sind eindeutig als Medienpädagogik erkennbar. Eine wertvolle Medienpädagogik-Praxis existiert jedoch auch jenseits klar definierter Projekt- oder Workshopsettings. Diese Art der ‚minimalinvasiven Medienpädagogik‘ ist unter anderem in der offenen Jugendarbeit zu Hause