merz Zeitschrift für Medienpädagogik
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#66 - Medienpädagogik und Queerness Folge 2: Noelle über die Repräsentation queerer Menschen in den Medien
In dieser besonderen Folge hört ihr ein ganz persönliches Gespräch mit Noelle, einem jungen queeren Mädchen, das sich intensiv mit seiner Identität auseinander setzt und seine individuelle Perspektive auf queere Menschen in den Medien darstellt.
Achtung, zum Ende werden psychische Probleme und Selbstverletzung thematisiert
Medien- & Technikutopien gesucht, die es wert sind: Editorial
Die Notwendigkeit utopischen Denkens
Utopien sind wichtig für den gesellschaftlichen Wandel. Sie lassen auf eine bessere Zukunft und die Überwindung gegenwärtiger Missstände hoffen. Sie motivieren Menschen, das aus ihrer Sicht Richtige zu tun und Weichen zu stellen; politisch-rechtlich, ökonomisch, medial-technisch oder in ihrer Alltags- und Beziehungswelt. Utopien haben das Potenzial, heterogene Gruppen zu einen, kollektive Fluchtpunkte zu stiften, Energien zu mobilisieren. Sie sind umso wichtiger in Zeiten, die von vielen als Dauer- und Polykrise erlebt werden. Utopien können der Ausbreitung von Resignation und Fatalismus entgegenwirken. Auch medienpädagogisches Handeln steht in einem engen Verhältnis zu utopischem Denken, wenn es Menschen Möglichkeitsräume eröffnet, Gesellschaft mitzugestalten und neu zu denken. Denn im Wissen um je aktuelle Macht- und Herrschaftskonstellationen ging und geht es handlungsorientierter Medienpädagogik darum, Medien(-technologie) für die Emanzipation aus medial wie nicht-medial produzierten Ungleichheitsverhältnissen in Gebrauch zu nehmen.
Mit diesem Heft möchten wir dazu anregen, Medien- und Technikutopien in den Mittelpunkt des Nachdenkens zu rücken – gerade in einer Zeit, in der Narrative medialer und technischer Eigenmacht und Determination (wieder) an Relevanz gewinnen und subjektive Handlungsspielräume geringer zu werden scheinen. Die Zukunft kommt aber nicht einfach über uns, sondern ist gestaltungsoffen und wird – heute – im Verbund von Mensch und Technik erschaffen. Wie wir uns mediale und technologische Zukünfte vorstellen, uns als Spezies und Subjekte selbst darin platzieren, was die Prinzipien, Orientierungen und Axiome für Technik- und Mediengestaltung sind, das entscheidet mit darüber, in welcher Gesellschaft wir und die nach uns Kommenden leben (werden). Welche idealen Welten sind es, die beflügeln und auf die wir zuarbeiten wollen? Welche mediale Zukunft ist es Wert, für sie zu streiten? Diese Fragen kann dieses Heft zwar nicht beantworten, sie jedoch hoffentlich anreißen und Denkanstöße geben.
Ist jede Utopie eine?
Utopien gibt es in zahlreichen Varianten – Sozial- und Gesellschaftsutopien, politische und religiöse Utopien oder Technikutopien; und in allen möglichen Ausdrucksformen: von Belletristik und politischer Literatur, über Kunst, Film, Games und Science-Fiction, bis hin zu Architektur und Wissenschaft. Leitmotiv der allermeisten utopischen Vorstellungen ist die Hoffnung auf ein künftig besseres Dasein, ein besseres Miteinander, bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen, eine bessere Gesellschaft. Worin dieses ‚besser‘ zu finden ist, darin besteht allerdings kein Konsens. Utopie und Dystopie sind deshalb oft Seiten dergleichen Medaille, je nachdem wer diese anschaut, und mit welchen Beurteilungsmaßstäben und Werten. Utopien sind nicht per se gut und am Gemeinwohl orientiert, sie können auch instrumentalisieren oder das Blendwerk für Macht- und Herrschaftsinteressen weniger sein. Auch „Retrotopien“ (Bauman, 2017) gelten manchen als wünschenswert – etwa Gesellschaften mit strikt vorgegebenen Geschlechterrollen oder Faschismus und Diktatur. Wirtschaft und Digitalunternehmen arbeiten ebenfalls mit Zukunftsvisionen, die die Verbreitung ihrer Produkte und Dienstleistungen erstrebenswert erscheinen lassen und Konsum mit Sinn aufladen sollen.
Auf der Suche nach einer tragfähigen Basis schlägt Friedrich Krotz einführend das Konzept der „konkreten Utopie“ von Ernst Bloch als Orientierungspunkt vor. Der oft als ‚Philosoph der Hoffnung‘ bezeichnete Bloch setzt dazu am Möglichen im Gegensatz zum Existierenden an und versteht unter einer konkreten Utopie ein auch in kleinen Schritten mögliches Handeln unter Zielvorstellungen, die sich an gesellschaftlichen Entwicklungen orientieren, Demokratie, Gemeinwohl im Sinn haben und dabei auch ökonomische und strukturelle Machtverhältnisse begrenzen wollen.
Spannungsreiche Kopplungen von Sozial- und Technikutopien
Blochs Konzept ist allgemein konzipiert und dem Bereich politischer und gesellschaftlicher Utopien zuzuordnen. Medienpädagogik kann hieran anknüpfen und stimmige Ideen für die Rolle von Medien entwickeln. Sie arbeitet dabei notwendig im Zwischenraum von Gesellschafts- und Technikutopie. Einerseits will sie als gesellschaftliche und soziale Utopie etwa zu einem besseren Zusammenleben, zu mehr Lebensglück und -sinn, zu Gerechtigkeit für alle, zu Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen und zu einer Gesellschaft beitragen, in der Kinder und Jugendliche mehr zu sagen haben und handlungsfähig werden. Andererseits sind Medien eng verknüpft mit Techno- bzw. Technikutopien (unter anderem Hartmann, 2024). Brechts (1932) Radiotheorie, auch frühe Internetutopien von egalitären virtuellen Gemeinschaften stehen für eine Verquickung von Sozial- und Technoutopien, in denen es um Demokratie und Selbstbestimmung der Menschen ging. Seit damals sind sozialutopische Narrative der Dezentralisierung, Demokratisierung, Egalisierung und Emanzipation im „digitalen Technikoptimismus“ (Dickel & Schrape, 2015) omnipräsent. Allerdings können nicht alle damit verbundenen Szenarien im Bloch‘schen Sinn als erstrebenswert gelten. Sozialutopien und Technikutopien mischen sich zwar häufig und schließen einander nicht aus, ihre Stoßrichtungen sind aber mitunter gegensätzlich. Mindestens drei kritische Überlegungen muss man berücksichtigen, wenn man nach ,guten‘ Utopien sucht, die für Medienpädagogik relevant sind:
Erstens stehen Technikutopien heute häufig in einem Nahverhältnis zu gesellschaftlichen Kontroll-, Planungs- und Steuerungsfantasien (selbst wenn sie ‚Gutes‘ wollen). Medientechnologie hat hierbei die Funktion, die Gesellschaft auf Basis umfänglicher Daten, ‚Wissen‘ und Infrastrukturen zu optimieren. Es ist nichts falsch an der Idee, Medientechnologie als Werkzeug zu nutzen, um ein gesellschaftliches Ziel zu erreichen. Reduktionistische Verkürzungen zeigen sich allerdings dort, wo das Ziel selbst nicht mehr Gegenstand demokratischer Verhandlung ist, und dort, wo abgeleitet aus der Funktionslogik von Biologie und Maschine sich ein behavioristisches Weltbild verselbstständigt. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist die Technikutopie des Physikers Tegmark zur Zukunft Künstlicher Intelligenz (Krotz, 2022, S. 405–411). In seiner Technikutopie ist die entstehende und selbstlernende KI so perfekt, dass sie alle Wünsche aller Menschen weltweit gleichzeitig erfüllt und die Idee einer Demokratie dabei einfach in Vergessenheit gerät. Das Ausblenden von Machtverhältnissen verwandelt diese Utopie in eine Dystopie.
Zweitens ist die kulturelle Bedeutung von Science-Fiction für die Kultivierung utopischer Vorstellungen und für die Frage, wozu Technik künftig genutzt werden kann und soll, nicht zu unterschätzen. Hier stellt sich dann vor allem die Frage nach der Gewichtung von Dystopie und Utopie. Das Reservoir an Vorstellungen, wie man mit Medien und Technik die Menschen einschränken, verletzen und kontrollieren kann, ist vermutlich präziser, größer und verbreiteter, als das Reservoir an Vorstellungen, wie Medien und Technik helfen, eine solidarische, gerechte, nachhaltige Gesellschaft zu schaffen. Andreas Rauscher skizziert im Interview die Entwicklung und aktuelle Tendenzen von Science-Fiction. Er verweist auf das Genre des Solar Punk als produktive, um Nachhaltigkeit bemühte Verquickung von Sozial- und Technikutopie und gibt Hinweise auf die Verarbeitung öko-feministischer Zukunftsvisionen. Science-Fiction liefert in ihren Verästelungen die ganze Bandbreite utopischen Denkens. Blicken wir jedoch auf die großen und erfolgreichen (Mainstream-)Produktionen, so stehen neben der grundlegenden Faszination für das technisch Machbare – zumindest im Medium Film – dystopische Szenarien im Zentrum, wenn es um künftige Gesellschaftsordnungen geht. Im Umkehrschluss bedeutet das: In Science-Fiction ist die Utopie nur Nische.
Drittens zeigt sich, dass Technikutopien häufig mit einseitigen und fragwürdigen Freiheitskonzeptionen einhergehen. Im Sinne kollektiver Steuerung tendieren sie entweder zur Unterordnung unter evidenz- und datenbasierte Normierungen, die mit den immer gleichen Leitnarrativen von mehr Sicherheit, Gesundheit, Lebenserleichterung, Effizienz usw. legitimiert und normalisiert werden (sollen), aber dabei den Menschen reduzieren. Oder sie propagieren – Stichwort „kalifornische Ideologie“ (Thiedeke, 2010) – hyper-individualistische, digital-anarchistische Freiheitsvorstellungen, die jede Regulierung und Eingriff als Anmaßung begreifen und so das Recht des Stärkeren und damit die gigantischen Digitalunternehmen, die Technik und ihre Entwicklungen in der Hand haben, unterstützen.
Felix Krell berichtet in seinem Beitrag aus seinem Dissertationsvorhaben zu Sozialer Virtueller Realität, also zu digitalen Umgebungen, die gemeinhin als Metaverses bezeichnet werden – wichtige Projektionsflächen gegenwärtiger Technikutopien. Auf Basis ethnografischer Daten zur Plattform VRChat beschäftigt er sich mit Aushandlungsprozessen innerhalb von Communitys, die hier ein alternatives Miteinander erproben. Sein Beitrag zeigt die Bandbreite von Freiheitsvorstellungen auf: die beinahe nostalgische Wiederbelebung des Versprechens des frühen WWW nach Selbstentfaltung und Egalität, die Sorge um die Vereinnahmung des VR-Sektors durch große Digitalunternehmen wie Meta, und auch wie Communitys in Eigenregie zurückfallen können in hierarchische und bisweilen autokratische Muster.
Utopie und Medienpädagogik
Sowohl an den produktiven Kopplungen als auch den Diskrepanzen zwischen Sozial- und Technikutopie kann Medienpädagogik ansetzen und sich selbst aktiv an der Konturierung und Ausgestaltung von Utopien beteiligen. Die Zukunftsforscher*innen Isabella Hermann und Rainer Zeichhardt skizzieren das Konzept eines Science-Fiction-Labors, das auf dem Ansatz der „Future Skills“ beruht. Die Modellierung in drei Projektphasen, veranschaulicht an einem Projekt zu künftigen Führungskompetenzen, lädt zur Nachahmung ein. Zugleich kann das Konzept in der Medienpädagogik weiter diskutiert und entwickelt werden. In seiner jetzigen Gestalt zielt es primär auf die Verhinderung toxischer Technikwelten und fokussiert dabei ethisches Verhalten. Zukunftskompetenzen erscheinen hier zuvorderst als individuelle Strategien der Anpassung. Die (dystopische) Entwicklung der Digitalisierung selbst wird implizit als gesetzt betrachtet.
Medienpädagogik kann und darf Utopien durchaus auch größer und holistischer denken. Katrin Hünemörder erhebt einen solchen erweiterten Anspruch und zeigt auf, wie Aktive Medienarbeit und Making-Ansätze dazu beitragen können, Entwürfe einer besseren Gesellschaft zu entwickeln und erfahrbar zu machen. Der Fokus liegt hierbei auf dem Prozess, der ausdrücklich die heterogenen Ausgangslagen und Blickwinkel der Teilnehmenden einschließt und auf der Suche nach einer gemeinsamen Wertebasis mit Kontroversen verbunden ist – nur so können Ideen und Vorstellungen entstehen, die Potenzial haben, von vielen Menschen angenommen und getragen zu werden. Wie medienpädagogische Projektarbeit konkret aussehen kann, veranschaulicht der Beitrag an Projektbeispielen. Von dem mit dem Dieter-Baacke-Preis ausgezeichneten medienpädagogischen Planspiel 2084 berichtet im Anschluss Stoyan Radoslavov. Das Planspiel startet, in Anlehnung an schon vorhandene Social-Scoring-Praktiken, mit einem dystopischen Zukunftsszenario. Im Verlauf regt es die Teilnehmenden jedoch an, die im Harmony Score implementierte Gesellschaftsordnung infrage zu stellen und Alternativen zu entwickeln.
Abschließend stellen Gudrun Marci-Boehncke und Matthias Rath ein Gedankenexperiment aus lern- und bildungstheoretischer Sicht vor. Sie gehen dabei davon aus, dass Lehren und Lernen nicht mehr nur als Aktivitäten von Menschen verstanden werden können, sondern auch Speziesübergreifend etwa technisch-humane und humanoide KIs als Subjekte berücksichtigt werden müssen. Der Beitrag wirft viele Grundsatzfragen auf und scheint uns insbesondere geeignet, um im Kontext utopischen Denkens das Für und Wider des Festhaltens bzw. des Aufweichens anthropologischer Kennzeichen zu diskutieren. Insofern macht es Sinn, diesen Beitrag als anregenden Entwurf einer Utopie zu lesen, deren Grundannahmen überprüft werden müssen, etwa die in dem Text angenommene Überwindung technischer Begrenzungen wie Bewusstseinsfähigkeit und Reduktion von Handeln auf Verhalten technisch-biologischer Kombinationen.
Die Themenbeiträge gehen unterschiedliche Wege und mobilisieren unterschiedliche Vorstellungen davon, was als Utopie oder Dystopie zu verstehen ist. Zur weiteren Präzisierung von Konzepten, Projekten und zur Besprechung von Technikutopien können Fragen wie diese helfen:
- Was wird jeweils als – nicht – wandel- und gestaltbar angesehen: Individuelles Handeln, kollektives Handeln, Technikentwicklung, Gesellschaftsentwicklung? Und wie werden etwaige Zwänge für die Menschen begründet?
- Wie und durch welche Mittel kommt eine Utopie zustande? Muss sich der Mensch gegen die Technik wehren oder sie nutzen, um gesellschaftlich dystopische Zustände zu überwinden? Ist das Soziale Korrektiv zur Technik, und wenn nein, was folgt daraus für das Leben der Menschen? Und wie muss man dieses Verhältnis verstehen?
- Welche Ideen von Freiheit, Selbstbestimmung und Verhandlung gesellschaftlicher und technologischer Rahmenbedingungen sind mit den Szenarien verknüpft und wie werden Zwänge etwa durch Macht oder Kapitalismus reduziert?
- Wie ‚konkret‘ sind die Utopien? Entstehen sie abstrakt und freischwebend, oder zeigen sie auf, wie die Menschen den Gesamtprozess beeinflussen und so Demokratie und Selbstbestimmung weiter entwickeln können
Eternal You – Vom Ende der Endlichkeit: beetsbrothers (2024). Eternal You. Vom Ende der Endlichkeit. Dokumentarfilm.
Frage: Kommt unsere Seele bald in den Datenhimmel? Antwort: 01001010 01100001 00001010 000010101 Schlagwörter wie ,Gläserner Mensch‘, ,Big Data‘ und ,Datenkraken‘ versichern uns beinahe floskelartig: „ Alles wird gespeichert und das Internet vergisst nicht!“ In der Dokumentation Eternal You – Vom Ende der Endlichkeit zeigen die Regisseure Hans Block und Moritz Riesewieck: Unsere digitalen Spuren verwischen nicht. Und die Art und Weise, wie wir uns aneinander erinnern, könnte sich durch die Nutzung digital gespeicherter Daten stark verändern. Im Zentrum des Films stehen Unternehmen, die digitale Daten von Verstorbenen nutzen, um aus ihnen Chatbots und 3-D Modelle zu schaffen, mit denen Angehörige nach dem Tod interagieren und so neue Erinnerungs- und Trauerrituale nutzen können. Etwas reißerisch firmiert dieser – unter anderem in den USA aufkommende Trend – unter dem Begriff ‚Todeskapitalismus‘. Zu Anfang ist eine Frau zu sehen, die mit einem verstorbenen Angehörigen chattet. Dieser schreibt ihr, dass er nun in der Hölle sei. Die Frau ist den Tränen nah, sie hat Angst um ihn. Tatsächlich handelt es sich nur um einen Chatroboter, der durch Auswertung der Textnachrichten die Ausdrucksweise des Verstorbenen als digitaler Avatar simuliert. Der Chatroboter wurde vom Unternehmen Project December programmiert. Tom Bailey, ein Mitgründer des Unternehmens, verlor vor einigen Jahren seine Freundin und kam über ihren Tod nicht hinweg. Daher wollte er sie mit einer Chatsimulation wieder zum Leben erwecken. Für die Entwickler*innen ist selbstverständlich, dass es sich bei der Anwendung um eine Illusion handelt. Der trauernden Frau, die Kundin beim Unternehmen ist, scheint das aber nicht klar zu sein. Sie atmet erst erleichtert auf, als sie vom Chatroboter gesagt bekommt, dass der Verstorbene nun aus der Hölle in den Himmel gekommen sei. Es äußert sich weiterhin die Psychologin und Soziologin Sherry Turkle zu diesem Geschäftsmodell und sagt, dass es durchaus vorstellbar wäre, dass neue Techniken als Trauerritual für Trost sorgen könnten. Die Religion verliere immer mehr die Funktion der Sinnstiftung. Digitale Rituale könnten in positiver Weise genutzt werden, wenn sie darauf ausgerichtet seien, dass Menschen es schaffen, loszulassen. Auch für die Digitale Erinnerungskultur beginnen derzeit einige Unternehmen, Produkte anzubieten, die tote Menschen mithilfe von Datensätzen aus ihren Lebzeiten wieder lebendig machen sollen. Es wird zum Beispiel der Unternehmer Justin Harrison interviewt, der sein Haus verkaufte und sein altes Leben aufgab, um mit You, Only Virtual einen Dienst zu entwickeln, der es ermöglichen soll, den Verstorbenen mit einer VR-Brille im digitalen Raum zu begegnen. Die Publizistin Sara M. Watson kritisiert, dass die gesammelten digitalen Brotkrümel nur eine sehr beschränkte Sicht auf einen Menschen bilden, und dass Menschen mehr sind als die Summe ihrer Klicks. Ein sehr aufwendiges und berührendes Trauerritual wurde im Rahmen einer koreanischen TV-Show produziert. Hierbei ging es darum, eine digitale Interaktion mit Verstorbenen zu inszenieren. So wurde in monatelanger Vorbereitung die Show Meeting You produziert, bei der ein totes Mädchen als 3-D Modell erstellt wurde. Dazu wurden Fotos und Stimmaufnahmen des Mädchens genutzt und andere Kinder gefilmt, um die Bewegungen möglichst realistisch zu animieren. Die Mutter der Verstorbenen hatte immer wieder von ihrer Tochter geträumt, da sie das Gefühl hatte, nicht gut mit ihr auseinandergegangen zu sein. Mit einer VR-Brille konnte sie ihr nun in einer virtuellen Welt begegnen und mit ihr sprechen. Sie selbst gab an, danach nicht mehr von schlechten Träumen verfolgt worden zu sein. Allerdings ist fraglich, ob es vertretbar ist, ein solch intimes und privates Treffen öffentlich zu inszenieren. Im Laufe der Dokumentation vollzieht sich ein Rundgang durch verschiedene Programme und Angebote, die das ‚Reden mit den Toten‘ ermöglichen sollen. Hierbei nehmen die Qualität und der Umfang an Funktionen der Programme zu. Wurde anfangs nur das Chatverhalten der Verstorbenen simuliert, werden später Anwendungen vorgestellt, die auch die Stimme und sogar den Körper im digitalen Raum auferstehen lassen sollen. Insgesamt wirken die gezeigten Unternehmensbeispiele technisch sehr fortschrittlich und funktionsfähig. Was einerseits beeindruckt, kann sich beim Zusehen teilweise in eine innere Abwehr gegen einen derartigen Einsatz von Technik oder gar eine Furcht vor diesen Produkten verändern. Gehen die Unternehmen zu weit? Sollten Menschen mit ihrem Verhältnis zum Tod oder gar dem Tod anderer ‚spielen‘? Erzeugen wir so unsterbliche digitale Wesen und verlernen eher, loszulassen? Durch die Darstellung immer ausgereifterer Technik wird ein Spannungsbogen erzeugt, der Technik immer mehr Macht zuschreibt. Allerdings fehlt eine Einordnung in den größeren Rahmen. Es bleibt weitgehend ungeklärt, wie groß die Industrie in dem Bereich mittlerweile ist oder wie viele Kund*innen es gibt. Das mag daran liegen, dass das Phänomen noch zu neu oder spezifisch ist. Jedoch erzeugt die Dokumentation eine fast unheimliche Stimmung, die sich aus einer Faszination und einem Unbehagen vor den neuen Möglichkeiten zusammensetzt. In Teilen wird so die nüchterne Betrachtung und sachliche Einordnung vernachlässigt. Dennoch ist Eternal You eine sehenswerte und spannende Dokumentation, die eine Vorahnung für unseren künftigen Umgang mit Trauer entwirft und weder ausschließlich technikoptimistisch noch technikpessimistisch daherkommt. Der Film kann ab 10.10.2024 in Streaming Diensten und ab 25.10.2024 auf DVD angesehen werden
Was auf die Ohren?! Kreativ und kritisch mit Hörmedien in der Medienpädagogik. Beiträge aus Forschung und Praxis: von Gross, Friederike & Röllecke, Renate (2024). Was auf die Ohren?! Kreativ und kritisch mit Hörmedien in der Medienpädagogik. Beiträge aus Forschung und Praxis. Prämierte Medienprojekte (Dieter Baake Preis Handbuch 19). München: kopaed. 168 S., 18 €.
Ob zu Hause, beim Auto- oder Bahnfahren, im Kinderzimmer oder im Haushalt – fast überall und jederzeit können Hörmedien genutzt werden. Dass Hörmedien die medialen Lebenswelten junger Menschen trotz vorwiegend audiovisuell-inspirierter Jugendmedienkulturen weiterhin prägen, zeigt die jüngste JIM-Studie, die auf die Beliebtheit von Podcasts verweist. Und doch rücken Hörmedien oft in den Hintergrund medienpädagogischer Betrachtung. Im Mittelpunkt des Handbuchs stehen Hörmedien und damit vor allem das Zuhören, Hören und Sich-selbst-Ausdrücken. Über drei Teile werden Hörmedien in einen medienpädagogischen Kontext eingeordnet. Die Beiträge des ersten Teils geben Anregungen zur theoretischen Reflexion und praktischen Umsetzung des Schwerpunktthemas in den Bereichen Medienbildung und -pädagogik. Es geht um die Fragen, inwiefern auditive Medien nur ‚Nebenbei-Medien‘ sind und wie sie aktiv und kreativ gestaltet werden können. Der zweite Teil präsentiert anhand von Interviews die Hörmedienprojekte der Dieter-Baacke-Preisträger*innen. Nachhaltigkeit, Langlebigkeit und Weiterentwicklung kennzeichnen alle fünf zusammengestellten Projekte, die in den vergangenen Jahren mit dem Dieter Baake Preis ausgezeichnet wurden. Im dritten Teil werden der Dieter Baacke Preis und seine Idee von Medienkompetenz grundlegend dargestellt. Im Band werden somit die Nutzungsgewohnheiten von jungen Menschen in der digital geprägten Gesellschaft beleuchtet und es wird fokussiert, wie sie sich im umfangreichen Angebot an Hörmedien orientieren können und was qualitätsvolle Hörmedien ausmacht. Zudem werden die besonderen Chancen und Risiken der Nutzung von Hörmedien thematisiert und wie Familien sowie Fachkräfte diesen begegnen können. Das 19. Handbuch zum Dieter Baacke Preis bringt so am Beispiel von Hörmedien näher, dass Teilhabe ein zentraler Bestandteil einer aktiven, partizipativen Medienpädagogik und Medienbildung ist, die an die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen anschließt. Durch die unterschiedlichen Impulse für Theorie und Praxis eignet sich das Werk sowohl für (medien-)pädagogische Fachkräfte als auch für Interessierte wie Eltern, die Einblicke in das Feld erhalten möchten
Kritisch detoxen? Digital Disconnection zwischen Medien, Bildung und kritischer Praxis
‚Digital Detox‘ und ‚Digital Disconnection‘ eröffnen einen Zugang zur gegenwärtigen Wahrnehmung des digitalen Wandels. Ihr Potenzial für politische Auseinandersetzungen an der Schnittstelle von Medien, Bildung und Kritik wurde bisher nicht systematisch bestimmt. Der Beitrag verfolgt daher das Ziel, den Diskurs über Disconnection zu ordnen und die Frage zu diskutieren, unter welchen Bedingungen es sich bei Disconnectionformen um kritische Praktiken handelt.‘Digital Detox’ and ‘Digital Disconnection’ provide insight into the current perception of digital culture. However, their potential for debates at the intersection of media, education, and critique has not yet been systematically investigated. Therefore, this article aims to systematize the discourse on digital disconnection and explore the conditions under which forms of disconnection can be regarded as critical practices
Leiborientiertes vireal-digitales Medienhandeln von Erwachsenen mit kindheitsbezogenen sexualisierten Gewalterfahrungen
Ausgangspunkt sind Menschen, die in ihrer Kindheit sexualisierte Gewalt erlebt haben, und ihre konkreten Wünsche nach virtuellen Räumen, in denen sie sich gemeinsam austauschen und begegnen können. Erfahrungen aus einem konkreten Forschungskontext mit der Zielgruppe zeigen, dass mittels Avatar-basierter Kommunikation schon bei der Gestaltung eines Avatars eine sofortige leiblich-performative Identifikation stattfindet. Dies gibt Anlass, klassische Konzeptionen des Medienbegriffs zu überdenken.The starting point are people who experienced sexualized violence in their childhood and their specific wishes of virtual spaces for meeting and exchange. Experiences from a specific research context with the target group reveal that avatar-based communication leads to immediate emotional and performative identification as soon as an avatar is created. This provides an opportunity to rethink traditional concepts of media
Repräsentation von Klima und Artenvielfalt im deutschen Fernsehen
Fernsehen ist mit Abstand das am häufigsten genutzte Medium, um sich über den Klimawandel zu informieren. Das hat eine Studie der MaLisa Stiftung in Zusammenarbeit mit den vier größten deutschen TV-Sendern ergeben. Fast die Hälfte aller Befragten (47 %) gab an, sich im Fernsehen über den Klimawandel zu informieren. Das unterstreicht die bedeutende Rolle des Mediums in der Berichterstattung, wenn es darum geht, zentrale Themen wie Klima- und Biodiversitätskrise informativ und verständlich zu präsentieren und Lösungsansätze aufzuzeigen. Die Befragten sehen das Thema bei den aktuell wichtigsten Problemen in Deutschland allerdings nur an fünfter Stelle; Energie und Versorgung oder auch der Krieg in der Ukraine erschienen ihnen zum Zeitpunkt der Untersuchung wichtiger.
Die Sendezeit im TV beträgt für das Thema Klimawandel nur 1,8 Prozent. Bei Biodiversität sind es sogar nur 0,2 Prozent. Laut der Studie wünschen sich 62 Prozent der Zuschauer*innen, dass der Klimawandel in Zukunft häufiger Thema ist. Die Unterrepräsentation führt dazu, dass fast 80 Prozent der Befragten ihre Kenntnisse als „mäßig“ bis „gar nicht vorhanden“ einschätzen. Weitere Aspekte, die in der Studie untersucht wurden, sind ‚Gender & Klima im TV‘ und ‚Extremwetter-Ereignisse‘. In einem abschließenden Ausblick wurden mögliche Praktiken, Perspektiven und Potenziale für die Zukunft der Medienberichterstattung vorgestellt.
An der qualitativen Gruppendiskussion nahmen 42 Personen teil, aus deren Angaben sich Rückschlüsse auf ihre TV-/ Mediennutzung und ihre Einstellung zum Klimawandel ableiten lassen. Zusätzlich fanden zwei quantitative Befragungen zum Thema Klimawandel und Biodiversität mit jeweils 1.445 und 1.125 Teilnehmenden statt. Die Studie wurde gemeinsam mit den TV-Sendern ARD, ZDF, ProSieben/Sat.1 und RTL Deutschland von der MaLisa Stiftung initiiert und gefördert
Online-Risiken und elterliche Medienerziehung - aus Sicht von 10- bis 14-jährigen
„Meine Eltern haben so eine App, damit können sie halt mein komplettes Handy kontrollieren“ – so ein Zitat aus der Monitoring-Studie ACT ON!. Der aktuelle Bericht, der sich mit der Sichtweise von 10- bis 14-Jährigen auf elterliche Medienerziehung und Online-Risiken befasst, gibt tiefe Einblicke in ihre Bedürfnisse und Anliegen.
Nicht wenige 10- bis 14-Jährige nutzen SocialMedia-Angebote, von deren Nutzung sie laut AGB ausgeschlossen sind. Doch welche Herausforderungen und Bedürfnisse bringt das mit sich? Insbesondere Kinder im Alter von 10 bis 12 Jahren sehen in ihren Eltern vor allem Gatekeeper-Funktionen bezüglich der Medienauswahl und der Kontrolle von Online-Zeiten. Die Ergebnisse zeigen, je plausibler Eltern Entscheidungen und Vereinbarungen begründen können und je besser sie ihre Kinder darin unterstützen, in ihnen einen Nutzen für sich zu erkennen, desto eher lassen die Kinder sich darauf ein.
Gleichzeitig zeigt sich eine gewisse Ambivalenz: Während viele Kinder eine verstärkte elterliche Einbindung begrüßen, fürchten andere eine zu strenge Kontrolle und bevorzugen es, unter dem Radar ihrer Eltern zu agieren. Das Vorhandensein von Parental-Control-Apps wird von einigen durchaus als Einschränkung empfunden, von anderen wiederum als sehr hilfreich angesehen. Diese unterschiedlichen Perspektiven unterstreichen die Komplexität der elterlichen Medienerziehung und die Herausforderung, eine Balance zwischen Überwachung und Freiheit zu finden.
Die Ergebnisse heben damit auch hervor, wie wichtig es ist, Eltern bei der Entwicklung von Medienkompetenz und einem angemessenen Umgang mit digitalen Medien zu unterstützen.
Für die Studie des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), wurden in den Jahren 2022 und 2023 mit insgesamt 18 Kleingruppen aus unterschiedlichen Bildungs- und Lebenskontexten qualitative Forschungsworkshops durchgeführt. Insgesamt nahmen 78 Kinder und Jugendliche daran teil.
https://act-on.jff.d
D21-Digital-Index 2023/24: Digitaler Wandel
Die Digitalisierung dringt immer stärker in verschiedene Lebensbereiche vor, doch nicht alle Bevölkerungsgruppen können gleichermaßen davon profitieren. Der D21-Digital-Index 2023/24 wirft einen Blick auf die Anpassungs- und Zukunftsfähigkeit der Digitalen Gesellschaft.
Ein zentrales Ergebnis ist die Erkenntnis, dass trotz des Fortschritts der Digitalisierung eine Skepsis gegenüber ihren Auswirkungen besteht. Schon jede*r Dritte nutzt KI-Dienste wie ChatGPT oder DeepL, jedoch fällt vielen der kompetente Umgang damit noch schwer.
Für die große Mehrheit der Bürger*innen ist Digitalisierung fester Bestandteil des eigenen Lebens. 49 Prozent gehören zur Digitalen Mitte, 35 Prozent zu den Digitalen Profis, 15 Prozent sind Digitale Vermeider*innen. Doch ein hohes Maß an Digitalität allein reicht nicht aus, um auch zukünftig zu den Gruppen der Gesellschaft zu zählen, die besonders vom technologischen Fortschritt profitieren können. So droht neben den Digitalen Vermeider*innen auch die Ablehnende Mitte perspektivisch den Anschluss zu verlieren.
Eine Mehrheit der Bürger*innen wünscht sich mehr Transparenz und Aufklärung, um nachhaltiger digital zu leben. Konkrete Maßnahmen wie ein gesetzliches Recht auf Reparatur digitaler Geräte oder Prämien für nachhaltiges digitales Verhalten werden besonders begrüßt. Die Ergebnisse verdeutlichen die Notwendigkeit einer verstärkten Zusammenarbeit aller Akteur*innen, um die Digitalisierung optimal für eine nachhaltige Zukunft zu nutzen.
Der D21-Digital-Index ist eine Studie der Initiative D21, wird durchgeführt von Kantar und gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. Die Studie vermittelt ein Lagebild zur digitalen Transformation.
https://initiatived21.d
Digitale Medien in der sozialen Praxis der Kindertageseinrichtung
In sozialwissenschaftlichen Diskursen um Digitalisierungsprozesse wird zunehmend die Einbettung digitaler Medien in soziale Prozesse und ihre Verschränkung mit kulturellen Ordnungen betont. Vor diesem Hintergrund wird im Beitrag gezeigt, wie Kinder und pädagogische Fachkräfte in unterschiedlichen pädagogischen Arrangements in der Kita mit digitalen Bilderbüchern umgehen und wie dies pädagogische Handlungen, Aufgaben und Rollen modifiziert