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Grübeln in den Tiefen der Zeit: Zur Melancholie in Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht Die Mergelgrube (1844)
Der Beitrag liest Annette von Droste-Hülshoffs (1797–1848) Gedicht Die Mergelgrube (1844) als eine Wiederaufnahme des Melancholie-Gedichts unter neuen wissenshistorischen Voraussetzungen. Auf den Spuren einer Emotionsgeschichte geologischen bzw. paläontologischen Wissens wird gefragt, inwiefern sich die Funktionen der Inspiration, der Therapie und der Transzendenz, die Ludwig Völker dem Melancholie-Gedicht attestiert hat, auch in der Mergelgrube erkennen lassen. Dazu wird die These vertreten, dass die Melancholie in ihrer bipolaren Form das Gedicht als Ganzes strukturiert. Während der depressive Pol des melancholischen Leidens in der Trauer über den Verlust von ‚Vorwelten‘ ihren Ausdruck findet, ist der manisch-genialische Pol nicht nur die Voraussetzung dafür, dass das lyrische Ich Zugang zu bildlichen Vorstellungen von ‚Vorwelten‘ hat, sondern auch dafür, dass die sich der Melancholie erinnernde Poesie zum ausgezeichneten Medium wird, über den gesamten Erfahrungshorizont der erdhistorischen Situation um 1800 zu berichten. Schließlich wird auch das Verhältnis zwischen dem Schäfer und der Ich-Figur und der damit verbundenen Motivik von „Scherz und Ernst“ neu bestimmbar. Aus Gegensätzen werden Pole, die dem Gedicht seine besondere Dynamik verleihen, und Lesende deshalb immer wieder zu verführen vermögen, in diese Vorwelt-Grube hinabzusteigen.This article reads Annette von Droste-Hülshoff’s (179 –1848) poem The Marl Pit (1844) as a cultural re-description of the melancholy poem under new epistemic-historical conditions. Tracing the emotional history of geological and paleontological knowledge, it asks to what extent inspiration, therapy, and transcendence – the functions Ludwig Völker identified in the melancholy poem – play a role in The Marl Pit. The thesis is that melancholy of the bipolar type structures the poem in its entirety. While the depressive pole of melancholic suffering finds expression in the mourning of lost prehistoric worlds, the manic, genial pole is not only the pre-condition for the lyric subject’s imagination of these worlds, but also enables poetry, with the help of melancholy, to become an excellent medium for reporting on the full experience of the earth-historical situation at the beginning of the nineteenth century. Moreover, the analysis provides a new interpretation of the relationship between the shepherd and the speaker of the poem and thus the motif complex of ‘jest and gravity.’ Opposing figures become poles that give the poem its specific dynamics and allow it to continue to seduce readers to climb down into the pit of the prehistory
Theatrum anatomicum – Diorama – dioramatisches Theater: Medien, Metaphern und Szenographien des vorweltlichen Raumes
Sucht man nach einem Fluchtpunkt, auf den die rekonstruktive Gestaltung vorzeitlicher Welten im 19. Jahrhundert hinausläuft, so lässt sich dieser in einer dioramatischen und panoramatischen Ästhetik ausmachen, die sowohl Konzepte des Erzählens, Beschreibens und Imaginierens als auch das bildkünstlerische Darstellen und räumliche Zeigen prägt. Der Beitrag konzentriert sich auf die Entwicklung der sprachlichen Darstellung prähistorischer Welten von einer proto-ökologischen Perspektive in der deutschen Paläontologie des späten 18. Jahrhunderts bis zur Popularisierung im „Geologischen Diorama“ (Ralph O’Connor) während des 19. Jahrhunderts. In der Konzentration auf Medien, Metaphern und Szenographien, die im Rahmen wissenschaftlicher Rede und populärwissenschaftlicher Abhandlung Verwendung finden, soll jene historische theatrale Perspektive freigelegt werden, die es erlaubt, vorzeitliche Welten in ihrer bühnenhaften Künstlichkeit als epistemische Dinge zu betrachten. Im Mittelpunkt steht dabei die visuelle Kultur, narratologische Beobachtung und Raumforschung verbindende These, dass die Entwicklung in der Erschließung vorzeitlicher Welten vom erzählten Raum hin zur erzählten Raumwahrnehmung verläuft.Looking for a vanishing point to which the reconstructive design of prehistoric worlds in 19th century is tied to one can point out a dioramatic and panoramatic aesthetic, which structures concepts of narration, describing and imagining as well as concepts of presentation in pictorial arts and spatial showing. This article focusses on development of linguistic representations of the prehistoric worlds from early proto-ecological perspectives in late 18th century German palaeontology to popularization in the “Geological Diorama” (Ralph O’Connor) during the 19th century. Concentrating on media, metaphors and scenographies of scientific speech and popular science treatise, we aim at revealing a historical theatrical perspective that allows us to reflect primordial worlds in their stage-like artificiality as epistemic things. Visual culture, narratological observation and spatial research are combined within the thesis that the discovery of primordial worlds leads from narrated space to narrated perception of space
Naturrevolution und Massensterben zwischen Bibelexegese und Paläobiologie: Charles Bonnets Revolutionsbegriff und die Vorweltvorstellungen der Spätaufklärung
Vorstellungen einer weit zurückliegenden, vormenschlichen, andersartigen und untergegangenen Ur- oder Vorwelt werden gewöhnlich als ein im frühen 19. Jahrhundert auftretendes Phänomen identifiziert und mit der frühen Geologie und Paläontologie als modernen Wissenschaften in Verbindung gebracht. Der Beitrag untersucht die bestehenden Voraussetzungen eines solchen wissenschaftlichen und repräsentativen Verständnisses von Vorwelt und fragt nach Vorweltvorstellungen im europäischen Diskurs vor 1800. Die Analyse widmet sich dem Revolutionsbegriff als einem tragenden Element dieser Thematik, insofern das Vernichtungspotenzial gewaltsamer Erdumwälzungen und die damit einhergehende Hypothese eines Massenaussterbens in der Geschichte des Planeten als wichtigste Motive einer untergegangenen Ur- oder Vorwelt fungierten. Im Besonderen rückt eine naturphilosophische Theorie des Genfer Privatgelehrten Charles Bonnet (1720 –1793), der in Bezug auf die Naturgeschichte der Erde und der Lebewesen mehrere aufeinanderfolgende Zustände sowie eine Abfolge von gewaltsamen Revolutionen, Massensterben und Wiederbevölkerung der Welt annahm, als eines der frühesten Beispiele tiefenzeitlicher Vorweltvorstellung in den Blick. Durch Kontextualisierung dieser Hypothese wird, wenn nicht eine ideengenealogische Rekonstruktion, so zumindest eine motivische Nachverfolgung des Vorweltgedankens im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts möglich.Representations of a distant, prehuman, otherworldly and extinct primordial world, or foreworld, were usually found to have emerged in the early 19th century and were associated with early geology and palaeontology as modern sciences. This contribution explores the preconditions of such a scientific and representative understanding of foreworld and asks about notions of primordial world in the European discourse before 1800. The analysis focuses on the concept of revolution, a main element in this theme, since the destructive potential of violent earth upheavals and the associated hypothesis of mass extinction in the history of the globe acted as major motives for supporting a vanished primordial world. In particular, the Genevan scholar Charles Bonnet (1720 –1793) elaborated a theory of natural philosophy about several successive states in the natural history of the earth and living beings as well as about a succession of violent revolutions, mass extinctions and repopulation of the world, that draws attention as one of the earliest examples of a deep-time conception of the foreworld. By contextualising this hypothesis, it will be possible, if not to reconstruct its genealogy, then at least to retrace the motives of the concept of foreworld in the last third of the 18th century
Oscar Fraas’ unzeitgemäße Geschichte der Urwelt (1866): Vom Problem, Erdgeschichte und Menschheitsgeschichte zusammenzubringen
1866 veröffentlichte der am Königlichen Naturalien-Cabinet zu Stuttgart tätige Oscar Fraas Vor der Sündfluth! Eine Geschichte der Urwelt. Zu einem Zeitpunkt, an dem sich eine grundlegende Zäsur zwischen Ur- und Jetztwelt zwar noch in zahlreichen Erdgeschichten fand, gleichzeitig aber diese Zäsur durch Funde menschlicher Spuren in ,urweltlichen‘ Ablagerungsschichten zusehends in Frage gestellt wurde, griff Fraas auf das in der Geologie im Verschwinden begriffene Konzept der Sintflut zurück, um zwischen der Jetztwelt und der Urwelt eine Grenze einzuziehen und die Geschichte der letzteren zu erzählen. Um diesen unzeitgemäßen Rückgriff zu verstehen, zeichnet dieser Beitrag die Ideengeschichte des Sintflutdenkens nach und zeigt, wie Fraas an dieses anknüpft, während er es zugleich aktualisiert. Abschließend sucht er eine Antwort auf die Frage, ob Fraas’ Geschichte der Urwelt durch diesen Rückgriff selbst ein ‚vorsintflutliches‘, d. h. völlig veraltetes und ganz und gar unzeitgemäßes Unterfangen war, oder ob es in Anlehnung an Friedrich Nietzsche ‚unzeitgemäß‘ in dem Sinne war, als es zu Gunsten einer kommenden, nämlich der unseren, der anthropozänen Zeit wirkte, indem es Erdgeschichte und Menschheitsgeschichte zusammenzubringen suchte.In 1866, Oscar Fraas, who worked at the Königliches Naturalien-Cabinet in Stuttgart, published Vor der Sündfluth! Eine Geschichte der Urwelt. At a time when a fundamental break between the primeval world and the present world was still to be found in numerous earth histories, but at the same time this break was increasingly being called into question by the discovery of human traces in ‘primeval’ sedimentary deposits, Fraas falls back to the concept of the Deluge, which was in the process of disappearing in geology, in order to draw a line between the present world and the primeval world and to tell the story of the latter. In order to understand this untimely recourse, this paper traces the history of ideas of the Deluge and shows how Fraas ties in with it while at the same time updating it. Finally, it seeks an answer to the question of whether Fraas’ history of the primeval world was itself an ‘antediluvian’, i.e. completely outdated and utterly untimely, endeavour through this recourse, or whether, following Friedrich Nietzsche, it was ‘untimely’ in the sense that it worked in favour of a coming era, namely ours, the Anthropocene, by seeking to bring together earth history and human history
Ökonomische Anreize für die Entwicklung neuer antimikrobieller Wirkstoffe
Antibiotika spielen in der modernen Medizin eine herausragende Rolle – sowohl zur Behandlung akuter Infektionen als auch in der Infektionsprophylaxe, etwa im Fall bevorstehender Operationen. Doch die weltweite Zunahme antibiotikaresistenter Erreger macht viele gängige Medikamente unwirksam. Schon heute sterben weltweit jährlich über eine Million Menschen an den Folgen einer Infektion mit resistenten Keimen – allein in Deutschland rund 10.000. Trotz dieser besorgniserregenden Entwicklung wurden seit 1980 keine neuen Klassen an antimikrobiellen Medikamenten entwickelt, sondern hauptsächlich veränderte Varianten von bekannten Antibiotika. Grund sind u. a. ökonomische Hürden, die Forschung und Entwicklung bremsen. Vor diesem Hintergrund empfiehlt der dritte Leopoldina-Fokus „Ökonomische Anreize für die Entwicklung neuer antimikrobieller Wirkstoffe“ wirtschaftliche Anreize für die Entwicklung neuer Antibiotika und zeigt mögliche Wege der Umsetzung auf
Demografischen Wandel und Altern gestalten: Interdisziplinäre Impulse für einen ressortübergreifenden Ansatz
Der demografische Wandel ist eine der größten Herausforderungen, mit denen Deutschland konfrontiert ist. Die anhaltend niedrigen Geburtenraten, verbunden mit einer steigenden Lebenserwartung, führen zu einer starken Alterung der Gesellschaft. Daraus ergibt sich ein sehr großer Anpassungsbedarf in Pflege und Gesundheit, den sozialen Sicherungssystemen und auf dem Arbeitsmarkt. In den letzten Jahren wurde die Demografiepolitik innerhalb der Bundesregierung nur wenig koordiniert und gesteuert. Die Autorinnen und Autoren des Diskussionspapiers empfehlen, die Demografiepolitik als politisches Schwerpunktthema für die kommende Legislaturperiode zu verankern. Das Papier formuliert dafür konkrete Handlungsansätze
Videobotschaft anlässlich der Übergabe der Präsidentschaft der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina
Klimawandel und Wohlbefinden: [Arbeitsübersetzung]
Diese Stellungnahme wurde von den Nationalen Akademien der Wissenschaften der G20-Staaten unter Federführung der Academy of Sciences of South Africa (ASSAf) zur Beratung des Gipfeltreffens der Staats- und Regierungschefinnen und -chefs der G20 Staaten in Südafrika im Jahr 2025 erarbeitet. Der Klimawandel bleibt eine der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit und hat weitreichende Folgen für das Wohlergehen der Menschen und unseres Planeten. Er bedroht die Gesundheit, die Lebensgrundlagen und die Stabilität der Lebenserhaltungssysteme der Erde – insbesondere für Menschen in vulnerablen Situationen. Der Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) stützt seine Einschätzungen zum Klimawandel auf Durchschnittswerte von Jahrzehnten und mehreren Jahrzehnten und nicht auf Beobachtungen einzelner Jahre. Das Jahr 2024 wurde aufgrund der zunehmenden globalen Erwärmung zum wärmsten Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen erklärt. Seit dem Industriezeitalter sind eindeutige historische und anhaltende menschliche Aktivitäten die Hauptursachen für den Klimawandel und überwiegen bei weitem natürliche Phänomene wie Sonnenvariationen, vulkanische Aktivitäten, Ozeanzirkulationsmuster und natürliche Treibhausgasemissionen. Die Reaktion auf die Auswirkungen des Klimawandels erfordert dringende, wissenschaftlich fundierte Lösungen zur Eindämmung und Anpassung an den Klimawandel, die auf evidenzbasierten politischen Maßnahmen und globaler Zusammenarbeit beruhen. Der Klimawandel birgt zwar Risiken und Zielkonflikte, aber seine Bekämpfung schafft auch Chancen für Innovationen und bringt zahlreiche positive Nebeneffekte für die Gesundheit, die Ökosysteme und die Wirtschaft mit sich. Der Schwerpunkt von Science20 (S20) für 2025 auf Klimawandel und Wohlbefinden steht im Einklang mit dem G20-Thema Südafrikas: Solidarität, Gleichheit und Nachhaltigkeit. Diese Erklärung umreißt fünf Bereiche mit jeweils entsprechenden Empfehlungen