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Preface
Globale Gesundheit ist ein Bereich der Lehre, Forschung und Praxis, der prioritär auf die Verbesserung von Gesundheit mit gleichem Zugang für alle Menschen weltweit zielt. Es ist bemerkenswert, dass vielfach die menschliche Gesundheit ausschließlich als Domäne der Medizin betrachtet wird, obwohl das psychische und physische Wohlbefinden unserer Mitmenschen zuallererst von Bildungsstand, Lebensstil, Entfaltungsmöglichkeiten und der Umwelt abhängt, und weniger von einem teuren Krankenversorgungsystem. So liegt z. B. Deutschland mit einem der teuersten Gesundheitssysteme der Welt in der Lebenserwartung seiner Bevölkerung auf einem bescheidenen Platz 24. Auch die verheerende COVID-19-Pandemie brachte hohe SARS-CoV2-bedingte Krankheitslasten und Todeszahlen in Ländern mit sehr leistungsfähigen Krankenversorgungsystemen. Wir als Leopoldina nutzen daher die Gelegenheit, das breite Themenspektrum der Globalen Gesundheit wissenschaftlich beispielhaft darzulegen und zu diskutieren. Die Krankenversorgung steht bei dieser Tagung entsprechend nicht im Mittelpunkt.Global health is the area of study, research and practice that places a priority on improving health with equal access to everyone worldwide. Interestingly, human health is often seen as the exclusive domain of medicine, even though the mental and physical well-being of our fellow human beings depends first and foremost on education, lifestyle, opportunities for personal growth and the environment, rather than on a costly healthcare system. Germany, for example, has one of the most expensive healthcare systems in the world, however it ranks a modest 24th in life expectancy. And during the devastating COVID-19 pandemic, countries with very efficient healthcare systems also experienced a high burden of disease and high death rates in connection with SARS-CoV2. The Leopoldina is therefore taking the opportunity to scientifically present and discuss a broad range of global health topics in an exemplary way. Accordingly, the focus of the conference will not be on health care
Künstliche Intelligenz: Perspektiven auf epistemische, praktische und historiographische Herausforderungen
Die „Künstliche Intelligenz“ (KI) verspricht, eine Vielzahl von genuin menschlichen Tätig- und Fähigkeiten ins Digitale zu überführen und zu automatisieren. Damit verändern sich technisches Zugriffsvermögen auf die Welt und die Handlungsfähigkeit in der Welt in unabsehbarer Weise. Neben dem Verlust von traditionellen Arbeitsplätzen und Tätigkeitsfeldern entstehen neue Chancen für innovative Perspektiven des Arbeitens und Lebens. Die Wissenschaften, nicht nur die computeraffinen Naturwissenschaften, sondern auch die Geistes- und Sozialwissenschaften, aber auch die Politik werden von der transformativen Kraft der KI in ihren vielfältigen Formen und Zugangsweisen verändert und müssen auf die damit verbundenen Herausforderungen reagieren. Der Band zeigt aus verschiedenen Blickwinkeln die historische Entwicklung der KI (insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland), den aktuellen Stand von Technik und Einsatz sowie vermeintlich absehbare zukünftige Tendenzen dieser Schlüsseltechnologie
Maßnahmen zur Erholung und Wiederherstellung des Ozeans und seiner Biodiversität: [Arbeitsübersetzung]
Diese Stellungnahme wurde von den Nationalen Akademien der Wissenschaften der G7-Staaten unter Federführung des Science Council of Japan zur Beratung des G7-Prozesses im Jahr 2023 erarbeitet. Der Ozean ist das Gesamtsystem der zusammenhängenden Salzwassermasse und bedeckt ungefähr 70 % der Erdoberfläche. Die biologische Vielfalt im Ozean besteht aus komplexen Systemen. Die Erforschung ihrer Mechanismen, einschließlich der Langzeitperspektive der Evolution ist entscheidend, um die Auswirkungen menschlicher Eingriffe in das Ökosystem Ozean und seine Biodiversität zu verstehen. Daher sei es wichtig, gemeinsame langfristige Anstrengungen zu fördern, zum Beispiel den Ausbau internationaler Datenbanken und Beobachtungsnetze sowie die Ausbildung entsprechender Fachleute
Protestantischer Atheismus?: Ernst Haeckels Monismus zwischen Wissenschaft und Machtpolitik
In der heutigen Rezeption wird Haeckel immer wieder, unter Berufung auf seine Beschäftigung mit Darwin, als Wegbereiter einer modernen Naturwissenschaft in Deutschland eingeordnet. In diesem Zusammenhang steht vor allem Haeckels Gegnerschaft gegen die Kirchen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der Monismus erscheint so als eine naturwissenschaftliche Antwort auf das Christentum, das ihm schon zeitgenössisch den in der DDR massiv rezipierten Vorwurf des Atheismus eingebracht hatte. Daneben ist aber wenig untersucht worden, wie Haeckel konkret sein Konzept im Kontext (konfessions-)politischer und philosophischer Debatten um 1900 verortete. Dass eine monistische Naturwissenschaft bei Haeckel konsequent in eine neue monistische Religion führen müsse, ist von den Rezipientinnen und Rezipienten entweder nur am Rande oder als reiner Ausdruck eines „Zeitgeistes“ um 1900 gedeutet worden. Der Beitrag untersucht, wie sich Haeckel zur Absicherung der Objektivität seines naturwissenschaftlichen Monismus explizit auf die protestantische Tradition bezieht, die in seiner Wissenschaft zu sich selbst gekommen sei. Eine wichtige Rolle spielt hier Haeckels Umgang mit der Morallehre Immanuel Kants, die Haeckel als Grundlage eines spiritistischen Aberglaubens apostrophierte, der die akademische Elite Deutschlands in die Arme der römisch-katholischen Kirche und damit letztlich zum Umsturz aller staatlichen Verhältnisse führe („Großmächte des Mystizismus“). Gerade auch vor diesem Hintergrund ordnete Haeckel seine Lehre als protestantisch ein, um gegen philosophische Gegner deren politische Rechtmäßigkeit und wissenschaftliche Objektivität zu verteidigen.Contemporary research on Haeckel’s monism stresses his main role as a pioneer in the field of modern natural sciences in Germany mentioning his efforts for spreading Darwin’s theory. In this context, scholars focus on his opponency against the churches. Thus, Haeckel’s concept appears as a counterargument against Christianity in general. In the following, different opponents accused Haeckel of being atheist which was heavily brought up in the GDR research. But Haeckel’s involvement in political and religious debates around 1900 has not been a main topic in these discussions. That in Haeckel’s point of view a consistent use of monism has to lead to a new monist religion was only read as a manifestation of a “Zeitgeist”. In this article Haeckel’s dealing with a “protestant tradition” to secure the scientific objectivity of his monism will be examined which now appears to be the true resumption of Protestantism. Crucial is Haeckel’s reception of Kant’s moral philosophy that is characterized as a groundwork for spiritualism and superstition. Furthermore, Haeckel’s main argument is that because of Kant’s doctrine of postulates the whole German academic elite will be caught by the roman-catholic church to overthrow all political structures of the Kaiserreich. For that reason monism appears as the only political option in natural sciences
Warsaw Communiqué on Climate Change in Europe
Die Wissenschaftler, die an der ersten europäischen Klimakonferenz teilnahmen und 45 europäische Länder vertraten, sind sich einig, dass evidenzbasierte wissenschaftliche Beratung die Grundlage für politische und persönliche Entscheidungen zur Klimaneutralität bilden sollte, und dass Wissenschaftler sich stärker dafür einsetzen sollten, das Verständnis ihrer Mitbürger hinsichtlich Klimawandel zu schärfen. Wirksame Maßnahmen für Klimaneutralität beinhalten tiefgreifende Veränderungen in den meisten Bereichen der Wirtschaft, des Energiesystems, der internationalen Märkte und des globalen Kooperationssystems. Diese Maßnahmen sollten Strategien zur Eindämmung des, beziehungsweise zur Anpassung an den Klimawandel harmonisieren, und transnationale, nationale und regionale Interessengegensätze auflösen. Die regionale Ausprägung des Klimawandels und das Verhältnis global-lokal sollten stärker in den Mittelpunkt gerückt werden. Weder Wissenschaft noch Politik, noch kollektives zivilgesellschaftliches Handeln, noch Bildung, noch öffentliche oder private Investitionen allein sind ausreichend. Das Zeitfenster für die Erreichung der Ziele des Pariser Abkommens schließt sich, und das lässt nur wenige realistische Optionen offen. Die wichtigste Empfehlung ist die Beschleunigung von Klimaschutzmaßnahmen im Einklang mit dem Pariser Abkommen bei gleichzeitiger Umsetzung von Anpassungsmaßnahmen. Regulierungs- und Finanzinstrumente wie die CO2-Bepreisung sollten genutzt werden, um die Klimaneutralität zu fördern. Dazu gehören auch Anreize für die Öffnung gegenüber grünen Technologien, für eine rigorose Reduzierung der Treibhausgasemissionen und für die Bekämpfung der Umweltverschmutzung und der Zersetzung von Ökosystemen, insbesondere der Abholzung und des Verlusts der biologischen Vielfalt. Europa und Zentralasien sollten das eigene Potenzial zur Bewältigung des Klimawandels besser nutzen: erneuerbare Energien, Konnektivität, Marktwirtschaft, Menschen, Wissen und Innovationen.The scientists participating in the inaugural European Climate Conference, representing 45 European countries, acknowledge that evidence-based scientific advice should be the basis for political and personal decisions for climate neutrality, and that scientists should engage more to increase climate change literacy of their fellow citizens. Effective actions for climate neutrality mean deep transformations of most aspects of the economy, the energy system, international markets, and the global cooperation framework. These measures should harmonise mitigation and adaptation strategies, and resolve transnational, national and regional trade-offs. Regional climate change and the global-local relationship should be more in the focus. Neither science, nor politics, nor collective civil action, nor education, nor public or private investments alone are enough. The window of opportunity for reaching the Paris Agreement goal is closing, and this leaves very few realistic options open. The primary recommendation is to accelerate mitigation measures aligned with the Paris framework, while simultaneously deploying adaption measures. Regulation and financial instruments, such as CO2 pricing, should be used to stimulate climate neutrality. This also includes incentives for openness toward green technologies, for rigorous reduction of greenhouse gas emissions, and for counteracting environmental pollution and ecosystem degradation, especially deforestation and biodiversity loss. Europe and Central Asia should make better use of their inherent potential to manage climate change: renewables, connectivity, market economy, people, knowledge, and innovations
Partnering for Excellence - Partnering for Science: Joint Statement
Diese Stellungnahme wurde von der 7. Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz des Berlin Prozesses für den Westlichen Balkan verabschiedet. Die Konferenz fand vom 18. – 20. September 2023 in Tirana (Albanien) statt und wurde gemeinsam von der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Akademie der Wissenschaften Albaniens ausgerichtet. Es handelt sich um das siebte jährliche Treffen der Stakeholder aus dem Bildungs-, Wissenschafts- und Innovationssystemen der 16 Staaten des Berlin Prozesses und der Europäischen Kommission. Unter dem Titel „Partnerschaft für Exzellenz – Partnerschaft für Europa“ widmete sich die 7. Gemeinsame Wissenschaftskonferenz des Berlin Prozesses drei zentralen Themen: 1. Bewertung der Fortschritte der Hochschul-, Forschungs- und Innovationsgemeinschaften der Länder des Balkans und Südosteuropas auf dem Weg zur Integration in den Rahmenprogrammen der Europäischen Union, 2. Schaffung von Exzellenz in den Balkanländern durch sinnvolle Instrumente und Allianzen, und 3. Entwicklung von maßgeschneiderten Mobilitätsprogrammen für Studierende, Forschende und Fachkräfte, einschließlich der (Wieder-)Herstellung von Verbindungen zwischen der akademischen Diaspora und ihren Herkunftsländern.This statement was adopted by the 7th Berlin Process Joint Science Conference. The meeting was held on 18 – 20 September 2023 in Tirana (Albania) and was organised jointly by the German National Academy of Sciences Leopoldina and the Academy of Sciences of Albania. It is the seventh annual conference of stakeholders of the science, education, research and innovation pillar of the Berlin Process for the Western Balkans, involving 16 countries and the European Commission. The 7th Berlin Process Joint Science Conference, titled “Partnering for Excellence – Partnering for Europe”, focused on three key topics: 1. Assessing progress of Balkan and Southeast European higher education, research and innovation communities towards integration in European Union frameworks, 2. Creating excellence in the Balkans through wise instruments and alliances, and 3. Developing customised mobility schemes for students, researchers and professionals, including (re-)connecting the academic diasporas to their countries of origin
Verlässliches Expertenwissen für die Hochschulpolitik?: Aktuelle Befunde zur bibliometrischen Forschungsevaluation in Europa
am Beispiel der bibliometrischen Evaluation von Forschungsleistungen. Gegenstand der Analyse ist die bisherige Verwendung und Institutionalisierung bibliometrischer Methoden in der Hochschulevaluation am Beispiel der Niederlande und Italiens. Die Auswahl dieser beiden Länder basiert auf einer umfangreichen Meta-Analyse der bibliometrischen Evaluationspraxis in Europa im Zeitraum 2005 –2019. Wir argumentieren, dass diese beiden Länder entgegengesetzte Pole darstellen, was die Möglichkeiten einer verlässlichen Konstruktion von Expertenwissen angeht. Der Fall der Niederlande (Strategy Evaluation Protocol) lässt sich als ein Modell eines bibliometrischen Professionalismus charakterisieren, das die Autonomie der Universitäten stärkt und im Laufe der Zeit zu einer hohen Akzeptanz bibliometrischer Indikatoren in den betroffenen akademischen Disziplinen beigetragen hat. Demgegenüber stellt der Fall Italiens (Valutazione della Qualità della Ricerca) ein zentralisiertes, bürokratisches Modell dar, das zwar akademische Eliten kooptiert, dessen Methoden und Ergebnisse jedoch von Bibliometrikerinnen und Bibliometrikern stark angegriffen wurden. Der Beitrag wendet die professionssoziologische Theorie von Andrew Abbott auf das Feld der Evaluativen Bibliometrie an, um die Unterschiede zwischen beiden Ländern zu analysieren.This paper examines practices of generating reliable evidence for decision-making using the example of bibliometric research assessment. We analyze how bibliometric methods have been implemented in the national evaluations of higher education institutions in the Netherlands and Italy. The selection of these two countries is based on a comprehensive meta-evaluation of bibliometric assessment practices in Europe in the period 2005 –2019. We argue that these two countries represent opposite poles with regard to possible approaches for the construction of reliable expert knowledge. The case of the Netherlands (Strategy Evaluation Protocol) can be characterized as a model of bibliometric professionalism that has had an enhancing effect on university autonomy and has over time led to broad acceptance of bibliometric indicators among academic disciplines. In contrast, the case of Italy (Valutazione della Qualità della Ricerca) represents a centralistic bureaucratic model that, while coopting elites from academic disciplines, has met with harsh methodological criticism from bibliometric experts. We apply Andrew Abbott’s sociology of professions to the field of evaluative bibliometrics in order to analyze the differences between the two country cases