Publikationsserver der Leopoldina
Not a member yet
1046 research outputs found
Sort by
Klimaschutz und gesundheitliche Resilienz: [Arbeitsübersetzung]
Diese Stellungnahme wurde von den Nationalen Akademien der Wissenschaften der G7-Staaten unter Federführung der Royal Society of Canada zur Beratung des Gipfeltreffens der Staats- und Regierungschefinnen und -chefs der G7 Staaten in Kanada im Jahr 2025 erarbeitet. Angesichts der von den Vereinten Nationen als „Triple Planetary Crisis“ bezeichneten dreifachen globalen Krise, die Klimawandel, Verlust der biologischen Vielfalt und Umweltverschmutzung miteinander verknüpft, besteht dringender Handlungsbedarf. Die Nutzung der erheblichen gesundheitlichen Vorteile des Klimaschutzes bei gleichzeitiger Verstärkung der Anpassungsbemühungen kann die unmittelbaren und langfristigen Gesundheitsrisiken minimieren. Die Gesundheitssysteme stehen bereits heute vor großen Herausforderungen. Der Wandel hin zu nachhaltigeren, kohlenstoffarmen und klimaresistenten Gesundheitssystemen ist notwendig, um die doppelte Herausforderung zu bewältigen, den CO2-Fußabdruck von Gesundheitseinrichtungen, -produkten und -versorgungsketten zu verringern und gleichzeitig ihre Fähigkeit zu verbessern, sich auf die Auswirkungen des Klimawandels vorzubereiten, sich von ihnen zu erholen und sich an sie anzupassen
Strafe und Eid: Zwei Rechtsmetaphern in der frühgriechischen Naturphilosophie
In der frühgriechischen Naturphilosophie ist die Metapher vom „Naturgesetz“ noch nicht nachweisbar, wohl aber verwandte Rechtsmetaphern. Anaximander von Milet (1. Hälfte des 6. Jh. v. Chr.) illustriert den Kreislauf von Werden und Vergehen mit der Metapher von Schuld und Sühne: Ein jedes Seiende lädt mit seiner Entstehung eine Schuld gegenüber einem noch nicht Seienden auf sich, wofür es zu der Buße verurteilt wird, durch seinen Untergang Platz für das Werden jenes Anderen zu machen. Die für diese Metapher konstitutive Unterscheidung zwischen der sozialen Institution des Gerichtsprozesses und dem Naturgeschehen lässt sich bereits im homerischen Gleichnis nachweisen, so dass die Frage, ob Anaximander in seinem nur fragmentarisch erhaltenen Werk diese Unterscheidung expliziert hat, dahingestellt bleiben kann. – Ein Jahrhundert später beschreibt Empedokles von Agrigent (ca. 484 – 424 v. Chr.) den kosmischen Zyklus von Vereinigung und Trennung metaphorisch als einen Zusammenhang von Schuld und Sühne: Auf die Anerkennung dieses Zusammenhangs haben sich die göttlichen Mächte der Natur durch Eid verpflichtet. Zudem hat Empedokles seine Naturdarstellung mit einer mythologischen Spiegelerzählung eingeleitet, der zufolge sich die olympischen Götter durch Eid der Regel unterworfen haben, dass sie eine Blutschuld durch ein zehntausendjähriges Strafexil büßen müssen, während dessen sie durch eine Reihe von Inkarnationen in sterbliche Wesen gereinigt werden, um schließlich an die Tafel der Seligen zurückzukehren. Mithin hat Empedokles die eigentliche und die übertragene Verwendung der Rechtsbegriffe Eid, Schuld und Sühne ausdrücklich voneinander abgehoben.In early Greek natural philosophy, the metaphor of a “law of nature” is not yet attested, though related legal metaphors are. Anaximander of Miletus (first half of the 6th century BC) illustrates the cycle of coming-to-be and passing-away with the metaphor of guilt and punishment: every being incurs, by its coming-to-be, a guilt towards a being that does not yet exist. It is condemned to compensate for this guilt by its own passing-away, in order to make room for the other’s coming-to-be. The distinction that lies at the bottom of this metaphor – between the social institution of a lawsuit and the natural processes – can already be found in Homeric similes, so that we need not bother whether Anaximander, of whose work only a few fragments are extant, spelt out this distinction himself. – A century later, Empedocles of Acragas (ca. 484 – 424 BC) characterizes the cosmic cycle of unification and separation by means of a legal metaphor: the divine powers of nature have bound themselves, by oath, to uphold the cosmic cycle forever. Furthermore, he prefaces his account of nature with a myth that functions as a narrative mirror. The Olympic gods have submitted, by oath, to the rule that they must atone for any bloodguilt by means of an exile of ten-thousand years, during which they are purified by a series of incarnations into mortal beings, before they can return to the table of the blessed. Thus, Empedocles has explicitly distinguished between the literal and the metaphorical use of the legal concepts of oath, guilt, and punishment
‚Vorwelt‘, Paläobotanik und Atlantis: Mythos – Serialität – Evidenz
Der folgende Beitrag analysiert Darstellungsmodi von Fossilien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und verknüpft damit die Frage nach der Herstellung von Evidenzen in der Paläobotanik. Diese schriftlichen wie materiellen Verfahrensweisen transformierten einen Naturgegenstand in ein ‚wissenschaftliches Objekt‘. Der Aufsatz untersucht, warum und wie sich Paläontologen, insbesondere Franz Unger (1800 –1870) und Oswald Heer (1809 –1883), vom Atlantis-Mythos inspirieren ließen, nachdem sie eine Fülle von Materialien evidenzbasiert aufbereitet hatten. Nicht das Beweismaterial an sich, sondern die verfeinerten Darstellungsmodi werden in der Studie als sichere evidenzbasierte Voraussetzung verstanden, auf denen schließlich die Atlantis-Theorie aufbaut. Die Annahme einer vorweltlichen Landverbindung zwischen Europa und Amerika hatte zunächst eine attraktive Antwort auf Fragen zu Befunden geboten, die Ähnlichkeiten der Floren offenbart hatten, obwohl die Kontinente inzwischen voneinander getrennt waren. Das weitere Ringen um Akzeptanz der Atlantis-Theorie erfolgte in Form einer angeregten Kommunikation, bei deren Aushandlung jedoch ein ‚Wahrheitsgewissheitsverlust‘ zum Tragen kam. Vorträge, die sich als jeweils damals aktueller Ausdruck der Vorläufigkeit fassen ließen, wirkten als Türöffner für die dynamische Debatte. Evidenzgewinn infolge der verfeinerten Darstellungsweisen der Befunde wurde vom Evidenzverlust während der Debatte abgelöst; doch die Dynamik aller evidenzherstellenden Darstellungsweisen samt der Atlantis-Narration führte letztlich zur Vertiefung des Verständnisses der ‚Vorwelt‘.This article examines modes of fossil representation during the first half of the nineteenth century and links this analysis to the production of evidence in palaeobotany. These written and material procedures transformed the natural object into a ‘scientific object’. They were built on a structure of evidence that allowed for the formation of ‘appearance’ and ‘immediate insight’. The paper explores why and how paleobotanists – in particular Franz Unger (1800 –1870) and Oswald Heer (1809 –1883) – were inspired by the Atlantis myth, having processed a wealth of material in an evidence-based manner. Rather than the evidence per se, the contribution understands the refined modes of representation as a secure evidence-based premise on which the Atlantis theory relied. The assumption of a prehistoric land connection between Europe and the Americas initially offered an attractive answer to questions about findings that showed similarities in floras, even though the continents were now separated. The Atlantis theory was negotiated in a lively debate, which, however, also resulted in a ‘loss of certainty of truth’. Lectures that could be understood as an expression of the provisionality of the time opened the doors to a vibrant debate. The gain in evidence as a result of the refined ways of presenting the findings was replaced by the loss of evidence during the debate. However, the momentum of all evidence-generating modes of presentation, including the Atlantis narrative, ultimately led to a deeper understanding of the ‘prehistoric world’
Soziale Medien und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen
Die Nutzung sozialer Medien ist für einen Großteil der Kinder und Jugendlichen in Deutschland längst alltäglich. Viele von ihnen zeigen dabei ein riskantes, manche sogar ein suchtartiges Nutzungsverhalten. Zwar kann die Nutzung sozialer Medien durchaus positive Effekte für Heranwachsende haben – bei intensiver Nutzung können jedoch negative Auswirkungen auf das psychische, emotionale und soziale Wohlbefinden auftreten, wie Depressions- und Angstsymptome, Aufmerksamkeits- oder Schlafprobleme. Im Diskussionspapier „Soziale Medien und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ schlagen die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deshalb die Anwendung des Vorsorgeprinzips vor. In dem Papier geben sie Handlungsempfehlungen, um Kinder und Jugendliche vor negativen Folgen sozialer Medien zu schützen, beispielsweise durch altersabhängige Zugangs- und Funktionsbeschränkungen
Feldforschung und Silur: Eine Fallstudie zu Graptolithenfunden in der Oberlausitz/Sachsen um 1850
Mit dem enormen Zuwachs empirischer Daten aus der Feldforschung hatte nach 1800 nicht nur die geologische Karte als visualisierendes Medium fachspezifischen Wissens an Bedeutung gewonnen, sondern auch eine grundlegende Ablösung einstiger Interpretationsmuster der Fossilien stattgefunden. Die fundamentale Bedeutung bestimmter Fossilgruppen für relative Altersbestimmungen von Gesteinseinheiten führte in eine geologische Zeitskala, die ihre ersten hierarchischen Abschnitte erhielt, wie etwa 1839 mit dem auf Geländearbeiten im südöstlichen England zurückgehenden Silur. An diese Gegebenheiten anknüpfend steht der Erstnachweis für Silur in der Oberlausitz während einer auf Initiative der Naturforschenden Gesellschaft zu Görlitz (NfG) zwischen 1856 und 1857 ausgeführten geologischen Kartierung im Zentrum dieses Beitrags. Neben der Bedeutung dieses Silur-Erstnachweises als epistemischer Baustein für weitere kollektiv erarbeitete biostratigraphische Erkenntnisse werden Praktiken des Wissenstransfers um paläontologische Funde herausgestellt, die nicht nur Beschreibungen, sondern auch Abbildungen und Probematerialien verlangten. Zudem unterlag die wissenschaftliche Aussagekraft von Publikationen und Karten schlussendlich den Fertigkeiten der Lithographen, Xylographen und Buchdrucker. Abgesehen davon stellt der Beitrag die Rahmenbedingungen vor, innerhalb der das Agieren der Mitglieder der NfG mit dem Druck der kolorierten geologischen Karte sowie der mit 50 Abbildungen versehenen Beschreibung das Kartier-Projekt erfolgreich verwirklichte.With the increase in empirical data from field research after 1800, the geological map became more important as a visual medium for subject-specific knowledge. A fundamental detachment of previous patterns of interpretation of fossils took place also. The recognized importance of certain fossil groups for determining the relative age of rock units led to a geological time scale that received its first sections, such as the Silurian in 1839, that dates back to field work in southeastern England. Following on from that, the focus of this article is the first evidence of the Silurian in Upper Lusatia during a geological mapping carried out on the initiative of the Naturforschende Gesellschaft zu Görlitz (NfG) 1856 –1857. Highlighted are the importance of this Silur-proof for further biostratigraphic knowledge and the practices of knowledge transfer, which required not only descriptions, but also illustrations and sample materials. Moreover, the scientific informative value of publications and maps was ultimately subject to the skills of the lithographers, xylographers and printers. Apart from that, the article presents the framework conditions within which the NfG successfully realized the mapping project by printing the colored geological map and the description with 50 illustrations
Texturen der ‚Vorwelt‘: Darstellungsmuster und Wissensordnungen vom späten 18. bis zum späten 19. Jahrhundert
Im Anschluss an die Entdeckung der deep time in der geologischen Forschung des Aufklärungszeitalters entwickelt sich ein breites naturkundliches Interesse an ‚vorweltlichen‘, paläobiologischen Zeugnissen, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf Empirisierung, Systematisierung und bald auch Popularisierung drängt – und damit Fragen nach seiner visuellen Darstellbarkeit und textuellen Repräsentation aufwirft. Im Mittelpunkt des Bandes steht eine Vermessung des paläontologischen Diskurses, wobei die von Literatur- und Kulturwissenschaftlern hier vorgelegten Fallstudien und Einzeluntersuchungen an einer historischen Epistemologie geologischen Wissens arbeiten. ‚Texturen‘ (von lat. textus: ‚Gewebe‘), so die leitende Annahme, prägen nicht nur die (populär-)wissenschaftliche Argumentation der Texte; auch Muster des (Aus-)Grabens, Sammelns, Aufbereitens, Mikroskopierens, Bezeichnens, Rahmens, Sichtbarmachens, Ordnens, Ausstellens und Zeigens lassen sich als Gewebe verstehen, das in seiner Struktur das wissenschaftliche Objekt hervorbringt und die ihm zugesprochene Bedeutung entscheidend mitprägt