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August Scholz in der DDR oder die verflochtene Geschichte eines Übersetzernachlasses
Die vorliegende empirische Studie rekonstruiert anhand von Primärquellen aus dem Archiv der Akademie der Künste in Berlin die Geschichte der 1968–69 geführten Verhandlungen zur Übernahme des Nachlasses des Russischübersetzers August Scholz (1857–1923). Die Verhandlungen führten die Erbin des Übersetzers Johanna Scholz-Jahn und die damalige Deutsche Akademie der Künste der DDR. Der Schwerpunkt liegt zum einen auf der diachronen Kon-textualisierung der Ereignisse und zum anderen auf der Rolle, die einzelne Akteure im Westen und der DDR mit ihren jeweiligen Interessen, Motiven und Einstellungen zur Translation dabei gespielt haben. Es wird aufgezeigt, dass man die Geschichte der Translation in der DDR als eine Verflechtungsgeschichte betrachten und erforschen kann
Volk und Welt: ein Verlag als Sprachinstitut
Der Text bietet zunächst einen Überblick über die breiten Tätigkeitsfelder dieses „Leitverlags für internationale Gegenwartsliteratur“ in der DDR mit seinen drei Westlektoraten und dem Lektorat für die Volksdemokratien. Er behandelt speziell die Reihen „Erkundungen“ sowie, das Phänomen der Interlinearübersetzung thematisierend, die weiße Reihe „internationale Lyrik“. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Sowjetunion-Lektorat und dem schwierigen Umgang mit Literatur aus den Sowjetrepubliken
Von der Pflicht des Nachdrucks in der DDR am Beispiel des Goldenen Fonds der Kinderliteratur
Ende der 1950er, Anfang der 60er Jahre begann in der DDR die Arbeit an den Goldenen Fonds der Literatur. Diese stellten ein Grundsortiment, eine Auflistung mit den empfohlenen Titeln dar, welche, nach bestimmten Kriterien sorgfältig durch zahlreiche Institutionen ausgewählt, stets für den Nachdruck zu berücksichtigen waren. Dabei enthielten diese Listen nicht nur deutschsprachige Literatur u. a. von Gegenwartsautoren, sondern auch Übersetzungen. Worum es sich bei dem Konzept des Goldenen Fonds handelt und wie dieses die Buchproduktion in der DDR beeinflusste, wird in diesem Beitrag anhand des Goldenen Fonds der Kinderliteratur veranschaulicht. Hierbei beziehe ich mich hauptsächlich auf die Übersetzungen sowjetischer Kinder- und Jugendliteratur des Kinderbuchverlags in der DDR (1949-1989), eines der Hauptmitwirkenden an dem Konzept und einer der führenden Verlage der Kinderbuchproduktion. Die Analyse des Goldenen Fonds der Kinderliteratur hilft dabei besser zu verstehen, welche sowjetischen Kinderbücher die Kinder mit der Sowjetunion und ihrer Kultur bekanntmachen sollten sowie welche übersetzten Kinderbücher maßstabsetzend für die Entwicklung der sozialistischen Kinderliteratur in der DDR waren und welche Rolle das Konzept eines Goldenen Fonds in der Geschichte des Übersetzens spielte
Sonderstatus SFRJ? Über Chancen zur Erschließung schöngeistiger Literatur aus dem sozialistischen Jugoslawien in der DDR
Der Text befasst sich mit Übersetzung und Rezeption von schöngeistiger Literatur aus der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. Nachgegangen wird der Frage, inwieweit die politischen Differenzen zwischen der DDR und der SFRJ bzw. der politische Sonderweg Jugoslawiens nach 1948 die kulturpolitischen Weichenstellungen in der DDR beeinflusst und damit letztlich auch auf das Übersetzungsgeschehen gewirkt haben. Zur Exemplifizierung der Erschließungsbemühungen der jugoslawischen literarischen Landschaften wird der Schwerpunkt der Untersuchung auf drei Aspekte bzw. Linien des Übersetzungs- und Rezeptionsprozesses gelegt: die übersetzte Literatur über den Zweiten Weltkrieg und antifaschistischen Widerstand, die herausgegebenen Prosaanthologien und deren Gewichtung sowie ein Einzelphänomen mit komplizierter Ausgangsposition und glücklichem Ausgang. Punktuell wird ein vergleichender Blick auf übersetzte literarische Texte in der alten Bundesrepublik gewagt. Wenigstens kurz werden mit Barbara Antkowiak und Werner Creutziger zwei äußerst verdienstvolle Akteure im Feld der Übersetzung gewürdigt, deren kulturelle Vermittlungsleistung noch einer ausführlichen Betrachtung bedarf. Der Text schließt mit einem Plädoyer für eine vergleichende Studie zur Präsenz von Literatur aus dem sozialistischen Jugoslawien auf dem ost- wie westdeutschen Buchmarkt bis 1989/90
Abstracts 14. Deutscher Slavistiktag
Der vorliegende Band versammelt die Abstracts der Beiträge des 14. Deutschen Slavistiktags, der vom 21. bis 24. September 2022 an der Ruhr-Universität Bochum stattfand
Immanenz und Transzendenz - Zur Konzeption des Volkes als Klangkörper
Der Aufsatz untersucht die Rezeptionsmöglichkeiten von Musik in totalitären Systemen, insbesondere im sowjetischen Kontext der 1920er und 1930er Jahre. Der Autor kritisiert die vorherrschende Annahme, dass Musik ausschließlich als Seelenkunst mit bewusstseinsverändernder Qualität betrachtet wird, und fordert eine differenzierte Analyse der Rezeption ideologischer Musik. Der Text gliedert sich in drei Teile: Zunächst wird die Rolle musikalischer Darbietungen in Masseninszenierungen von 1920 beleuchtet. Im zweiten Teil wird das Konzept der „synthetischen Kunst“ eingeführt, das die Massen als einen Klangkörper betrachtet, der durch akustische Reize geformt wird. Der abschließende Teil diskutiert die Begriffe Transzendenz und Immanenz als Rezeptionsmodi musikalischer Darbietungen.This essay examines the possibilities for the reception of music in totalitarian systems, particularly in the Soviet context of the 1920s and 1930s. The author criticises the prevailing assumption that music is viewed exclusively as an art form with consciousness-altering qualities and calls for a differentiated analysis of the reception of ideological music. The text is divided into three parts: First, it examines the role of musical performances in mass productions of 1920. The second part introduces the concept of ‘synthetic art,’ which views the masses as a sound body shaped by acoustic stimuli. The concluding part discusses the concepts of transcendence and immanence as modes of reception of musical performances
Von Puppen und Monstern: Körperbilder bei D.A. Prigov
Der Beitrag untersucht die Darstellung des Körpers in ausgewählten bildkünstlerischen Werken von D. A. Prigov und widmet sich dabei der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Körper und Archiv im derridaschen Verständnis. Den Überlegungen liegt ein Vergleich des Moskauer Konzeptualismus mit der russischen Performancekunst zugrunde, wobei beide als zwei grundlegend unterschiedliche Strömungen hinsichtlich ihrer Körperinszenierungen betrachtet werden.This article examines the representation of the body in selected visual artworks by D. A. Prigov, focusing on the question of the relationship between the body and the archive in Derrida's understanding. The considerations are based on a comparison of Moscow Conceptualism with Russian performance art, whereby both are regarded as two fundamentally different movements in terms of their staging of the body
Körper, Zeichen, Kommunikation: Grundlagentheoretische Überlegungen zu ihrem Verhältnis
Der Aufsatz untersucht die strukturelle Komplementarität zwischen den sensomotorischen Eigenschaften des Körpers und den funktionalen Merkmalen der Kommunikation. Ein zentrales Thema ist die Frage der Anschaulichkeit und Abstraktion in der Kommunikation, die auch in der künstlerischen Avantgarde relevant ist. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Materialität der Kommunikation, die oft vernachlässigt wird. Der Autor kritisiert die Vorstellung, dass Kommunikation lediglich ein transportierender Akt von Symbolen sei, und hebt hervor, dass Kommunikation immer auch ein körperliches Element beinhaltet. Inspiriert von Lacan und Barthes wird Kommunikation als ein Akt des Begehrens beschrieben, der mit Machtverhältnissen und der Dynamik von Herrschaft und Knechtschaft verbunden ist. Der Aufsatz schließt mit der Erkenntnis, dass Kommunikation persuasiv und suggestiv ist, da sie darauf abzielt, Einfluss auf das Bewusstsein des Rezipienten zu nehmen. Der Rezipient bleibt jedoch in gewisser Weise souverän, was erst später in der Theorie anerkannt wurde. Diese Einsicht ist entscheidend für das Verständnis der komplexen Dynamik zwischen Produzent und Rezipient in der Kommunikation.The essay examines the structural complementarity between the sensorimotor properties of the body and the functional characteristics of communication. A central theme is the question of vividness and abstraction in communication, which is also relevant in the artistic avant-garde. Another important point is the materiality of communication, which is often neglected. The author criticises the idea that communication is merely an act of transporting symbols and emphasises that communication always involves a physical element. Inspired by Lacan and Barthes, communication is described as an act of desire linked to power relations and the dynamics of domination and servitude. The essay concludes with the insight that communication is persuasive and suggestive, as it aims to influence the consciousness of the recipient. However, the recipient remains sovereign in a certain sense, which was only recognised later in theory. This insight is crucial for understanding the complex dynamics between producer and recipient in communication
Von der Sowjetideologie zur Perestrojka: Kulturologische Anmerkungen zur Problematik des Epochenwandels in Rußland
Der Aufsatz untersucht die tiefgreifenden Veränderungen im kulturellen Bewusstsein der Länder des ehemaligen Ostblocks nach dem Zusammenbruch des Sozialismus. In der post-sozialistischen Ära sehen sich Individuen einem neuen Zwang gegenüber: der Notwendigkeit, in einer komplexen und unübersichtlichen Erlebniswelt Entscheidungen zu treffen. Der Autor beschreibt, wie das binäre Diskurssystem, das die Gesellschaft prägte, aufgebrochen wurde und die Menschen in eine Phase der Identitätskrise und Orientierungslosigkeit stürzte. Der Autor hebt hervor, dass die Re-Mythisierung der Geschichte als Versuch verstanden werden kann, nationale und ethnische Identitäten neu zu definieren. Diese Mythen wurden oft in einem Kontext geschaffen, der das „Eigene“ über das „Fremde“ stellte. Zusammenfassend zeigt der Autor, dass der Zusammenbruch des Sozialismus nicht nur eine politische, sondern auch eine tiefgreifende kulturelle Transformation mit sich brachte, die neue Ansätze zur Identitätsbildung und Orientierung erforderte.The essay examines the profound changes in cultural consciousness in the countries of the former Eastern Bloc following the collapse of socialism. In the post-socialist era, individuals are confronted with a new form of pressure: the necessity of making decisions in a complex and confusing world of experiences. The author describes how the binary discourse system that once shaped society was dismantled, plunging people into a phase of identity crisis and disorientation. The author emphasizes that the re-mythologization of history can be understood as an attempt to redefine national and ethnic identities. These myths were often created in a context that prioritized the “self” over the “other.” In conclusion, the author shows that the collapse of socialism brought not only political upheaval but also a profound cultural transformation that required new approaches to identity formation and orientation