Hamburger Journal für Kulturanthropologie (HJK)
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Einleitung
Wie am Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie in Hamburg Alltagsforschung durchgeführt wird, um in einer von Dynamiken geprägten Welt wissenschaftliche Forschung zu betreiben und zukunftstaugliches Wissen zu produzieren, wird in diesem Band aus den verschiedenen Blickwinkeln von (heutigen und ehemaligen) Forscher*innen aller Qualifikationsstufen des Hamburgischen Instituts für Volkskunde/Kulturanthropologie vorgestellt. Sie berühren Fragen danach, welches Wissen gebraucht wird, welche Möglichkeiten der Wissensproduktion sich eröffnen und welche Perspektiven dazu entwickelt werden. Dabei wird das Potenzial der Alltagsforschung in den Fokus gerückt. Thematisiert wird aber auch, was empirisch arbeitende Kulturforscher*innen besonders ausrüstet, um heute und in Zukunft die Gesellschaft und ihren Alltag mitgestalten zu können. Die Beiträge werfen mannigfaltige Schlaglichter auf das Institut und geben einen Überblick über eine Bandbreite an Ansätzen und Zielen in Forschung, Lehre und Studium
Von Entomophobie zu Entomophagie: Insekten zwischen Ekel und Genuss
Ein Umdenken hinsichtlich des Nahrungskonsums ist unausweichlich. Speiseinsekten können als Nahrungsquelle zukünftig einen wichtigen Beitrag leisten. Diese Arbeit befasst sich mit dem Phänomen Ekel und beleuchtet die Verbindung zur Nahrung im Generellen und Insekten im Speziellen.
Engl.:
A change in paradigm regarding behaviour towards food consumption is inevitable. Food insects can play an important role as nutritional source in the future. Herein, the phenomenon of disgust in regard to food is discussed, focusing insects as an especially concise example
Studienschwerpunkt Medialität: Zur Spezifik empirisch-kulturwissenschaftlicher Medienforschung in Hamburg und darüber hinaus
Gertraud Koch befasst sich mit der zentralen Rolle, die Medien in der Konstruktion von Wirklichkeit haben. Sie argumentiert, dass ihre Berücksichtigung und die Erschließung ihrer Wirkung im Alltag in der Kulturforschung unausweichlich sind. Dazu führt sie in die Debatte um Medienforschung und disziplinäre Differenzen ein. Besonders hervorgehoben wird in dem Beitrag aber die Besonderheit der empirischen Kulturforschung, die Wirkung von Medien in der Alltagswelt zu erkunden und in größeren Sinnzusammenhängen zu kontextualisieren. Koch schließt mit einer Systematik des Medienbegriffs für die empirische Kulturanalyse, um die Breite der Anschlussmöglichkeiten für die wissenschaftliche Auseinandersetzung aufzuzeigen.
Gertraud Koch addresses the central role that media play in the construction of ‘reality’. She argues, that it is inevitable to consider them and their efficacy in cultural research. This point is supported by an introduction into the media research debate and differences in the way the various disciplines carry out research. A particular emphasis is put on the productive quality of empirical cultural research to contextualize media in the everyday world. Koch closes with a systematic definition of the term ‘media’ to illustrate its connectivity in the cultural sciences
Wie wollen wir studieren? Studentische Vision(en) für die Zukunft des Fachs
Studierende des Fachschaftsrats (FSR) berichten über ihre Arbeit an einem Video zu studentischer Erfahrung des Studiums am Institut. Sie erheben empirische Daten von Studierenden zu ihrer Perspektive auf das Institut und das Studium, zu ihren Erfahrungen und ihren Wünschen. Was der Beitrag weiterhin zeigt, ist die vielfältige Arbeit, die Studierende in der Vertretung der Studierendenschaft sowie als Studierende leisten.
Students from the student body council of the institute report on their work on a video, for which they have collected data from other students. The aim was to find out about their perspective on the institute and their studies, about their experiences and wishes. The article also gives an insight into the multi-facetted way, students involve themselves not only in the student council, but also in the active shaping of the institute as students
Food for Thought: Nahrungsgeschehen ethnographieren
Nahrung ist nicht nur ein Politikum ist, sondern auch Medium zum Kommunizieren. Im Mittelpunkt des Lehrforschungsprojekts »Food for Thought« standen Artefakte, Akteure, Institutionen und Netzwerke des ›Nahrungsgeschehens‹. Wir untersuchten soziale Praktiken und kulturelle Bedeutungen rund um Ernährung und Lebensmittel mit den Mitteln der Ethnographie, setzten uns mit den Verstrickungen individueller Konsumhandlungen und globaler Prozesse auseinander und wollten auch konfliktreiche gesellschaftliche Veränderungsprozesse besser verstehen.
Engl.:
Food and eating is a highly political issue and, simultaneously, a medium of communication. Within the student research project »Food for Thought«, we focused on food artefacts, actors, institutions, and networks of ›food events‹. We investigated social practices and cultural meanings around food and eating through ethnographic research, dealt with the entanglements of individual consumption and global processes and aimed at better understanding about conflictual processes in society that are centered around food
Think like a Designer – Act like an Anthropologist: Exchange between two Disciplines
Der Artikel hat zum Ziel die Mehrwerte eines interdisziplinären Austauschs zwischen kulturanthropologischen Forschungen und Designprozessen zu diskutieren. Diese sollen im Hinblick auf ihr Potential für neue Forschungsansätze diskutiert werden. Das Ziel ist, die zunehmende Komplexität sozialer und kultureller Forschungskontexte stärker zu berücksichtigen und ihre Anwendbarkeit im Hinblick auf eine stadtethnografische Designforschung kritisch zu reflektieren.
The article introduces various approaches, which discuss added values in an interdisciplinary exchange between cultural anthropology research and design processes. This is intended to generate potentials for new research approaches that take greater account of the increasing complexity of social and cultural research contexts and provide more open approached to new research contexts. The various approaches are reflected with regard to an example of an urban anthropological design project
Parteiisches Design
Jesko Fezer fordert eine politische Haltung des Designs ein. Der Grad und die Ausprägung des politischen Designs liegen dabei in der Verantwortung von Designer_innen. Es muss, so schreibt er, ein Bewusstsein über Ziele und Werte hergestellt werden, um den gegenwärtigen und bevorstehenden Transformationsprozessen etwas entgegen setzen zu können. Fezer plädiert für ein parteiisches Design, das sich positioniert, sich in den Konflikten verortet, keine Auseinandersetzungen scheut und Haltung in allen Spektren bezieht.
Jesko Fezer calls for a political attitude in design processes. The degree and form of political design lies in the hand of the designer. An awareness of goals and values must be created in order to be able to oppose the current and forthcoming transformation processes. Fezer pleads for design in a political sense: one that positions itself, locates itself in the conflicts, does not shy away from disputes and refers to attitudes in all spectra
Inquiries into Epistemologies and Ethics: Collaborative Knowledge Production in Cross-Generational Research
Die Kulturanthropologinnen Lina Franken, Lara Hansen, Samantha Lutz, Teresa Stumpf, Alejandra Tijerina García und Gertraud Koch erläutern die Produktivität des Zusammenspiels unterschiedlicher Wissenshorizonte und Kompetenzen in der Wissensproduktion im Rahmen von \u27Studios\u27. Das wichtigste Prinzip ist der Austausch über die Erkenntnisse und Vorgehensweisen; im Diskurs werden Ideen formuliert, weiterentwickelt und überprüft. Die Autor*innen führen einige konkrete, erfolgreiche Projekte des Instituts auf, in denen Studierende, Nachwuchswissenschaftler*innen und Hochschullehrer*innen gemeinsam Themen erarbeitet haben. Es wird deutlich, dass sich aus dem Gesprächsbedarf und den sich daraus entwickelnden Auseinandersetzungen eine Dynamik entwickelt. Sie zeigen, dass über die Multiperspektivität die Komplexität der Forschungsgegenstände Berücksichtigung findet.
Cultural anthropologists Lina Franken, Lara Hansen, Samantha Lutz, Teresa Stumpf, Alejandra Tijerina García and Gertraud Koch explain the efficacy of the combination of a variety of knowledge backgrounds and competences in the production of knowledge. The most important principle of the \u27Studios\u27 is the exchange of insights and procedures; ideas are being formulated, developed further and tested in discourse. The authors refer to several successful projects that have been carried out at the institute for which students, young researchers and senior researchers have concerted their input. It becomes clear that the need to communicate and the debates evolving from that develop a productive dynamism. The autors show that the multi-perspectivity and the complexity of the research objects are being addressed in these larger and heterogeneous research groups
Volxküchen als Reaktion auf ökologische und soziale Missstände: Alternative Ernährungspraktiken im urbanen Raum
Eine Volxküche (VoKü) ist eine aus den linkspolitischen Kreisen stammende Ernährungspraxis, deren Umsetzung auf kollektiver Selbstorganisation beruht. Dieser Artikel beschäftigt sich mit den sozialen und ökologischen Faktoren, die im physischen Raum enthalten sind sowie den intrinsischen Motivationen von verschiedenen Akteur_innen. Für empirische Resultate dienten Interviews und Feldforschungen in diversen VoKüs als Methoden.
Engl.:
This article deals with the solidarity kitchen, a collective, self-organized food practice, which has its roots in the left-wing political culture. The field studies are focused on the social and ecological elements contained in space and the motivation of its actors. I conducted interviews and participant observations in several solidarity kitchens of Hamburg
Ausstadtungsmöglichkeiten
In jeder Stadt gibt es sie, die vergessenen, unschönen und unbeliebten Orte. Folgende sechs Projekte beschäftigen sich mit der Thematik ›Design im öffentlichen Raum‹: Die mobile Tischkollektion ›City Rooming‹, der Outdoor Spiegel ›1. Wahl in Wahlplakataufstellerform‹ und auch das temporäre Baumbegrünungsprojekt ›Sommer im Winter‹. Sie alle laden zu einer kurzzeitigen Belebung jener unbeachteten städtischen Bereiche ein und ermöglichen, das alltägliche urbane Leben aus gänzlich anderen Perspektiven zu betrachten.
In every city you will come across forgotten, ugly and unpopular places from time to time. The following six projects are examples of felicitously executed urban design in public spaces: The table collection ›City Rooming‹, the outdoor mirror ›1.Wahl‹, and also the temporary urban greening ›Sommer im Winter‹. They all lend themselves for a temporary revival of those places and stimulate a rethink daily urban life in general