Journal für Psychoanalyse (Psychoanalytisches Seminar Zürich - PSZ)
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Fremd im Eigenen – Hemmungen in der Arbeit mit Gewalterfahrenen: Gewalterfahrung, Zeiterleben, Fremdheit, Zeugenschaft
Gewalt ist allgegenwärtig. Nicht nur die Nachrichten berichten täglich davon, vielmehr leben Zeugen von Gewalt in Form von Ausgrenzung, Folter, Rassismus, behördlicher Willkür, Massenmorden usw. unter uns. Dennoch gibt es eine grosse Hemmung, sich mit den Menschen, die Gewalt erfahren haben, auseinander-zusetzen. Ein Grund dafür sind schwer erträgliche Gegenübertragungen als Reaktion auf chaotische Phänomene, da die innerpsychische Ordnung auf vielfältige Weise zerstört ist. Geordnetes Zeiterleben geht in Teilen verloren und das Grundvertrauen in sich und den Anderen wird angegriffen. Der immer auch in der psychoanalytischen Situation enthaltene Bruch, das Gegenüber als stets fremd er leben zu müssen, verweist uns auch auf das Fremde in uns. Die Gewalt radikalisiert dieses Erleben, lässt unmöglich erscheinen, den Anderen zu verstehen. Stammt das Gegenüber auch noch aus einem anderen Kulturkreis, ist er uns buchstäblich fremd. Es muss die Spannung zwischen widersprüchlichen Weltanschauungen ausgehalten werden, ohne einem Ordnungssystem den Vorzug zu geben. Für die therapeutische Arbeit ist es wesentlich, diese neutrale Position einzuhalten, um als Zeuge für das Erleben des Patienten zur Verfügung zu stehen. Wir illustrieren dies unter Einbezug der interkulturellen Perspektive durch die Beschäftigung mit dem Roman «Rückkehr nach Haifa» von Ghassan Kanafãni, der Untersuchung eines fremden Krankheitsverständnisses (am Beispiel Kambodscha) und einem Fallbeispiel eines südafrikanischen Mannes
Emanzipatorische Psychoanalyse damals und heute: Gedanken zu Paul Parins kritischer Glosse von 1978: Warum die Psychoanalytiker so ungern zu brennenden Zeitproblemen Stellung nehmen. Eine ethnologische Betrachtung
Paul Parin befasst sich 1978 mit der Forderung der Redaktion der Psyche nach mehr psychoanalytischen Kommentaren zu aktuellen Fragen, und stellt fest, Psychoanalytiker seien «abstinent oder apathisch»2, «nehmen ungern zu brennenden Zeitproblemen Stellung», kurz, sie vernachlässigen ihre kulturkritische Aufgabe. Wenn ich vierzig Jahre nach deren Publikation seine «ethnologische Betrachtung» psychoanalytisch kommentiere, so geschieht dies aus der Gegenwart, in der die Parinsche Haltung in einem Teil des Psychoanalytischen Seminars Zürich (PSZ) noch stark spürbar ist. Sein Desiderat der Kulturkritik ist nach wie vor unbestritten. Deshalb verbinde ich die Anfrage der Journalredaktion einer Replik auf Parins Glosse mit der kontrovers diskutierten Frage nach der Funktion einer psychoanalytischen Institution und der Bedeutung verschiedener Theorien
Psychosozial 41 (2018) Nr. 154 Heft IV Schwerpunkthema: Nachträglichkeit und Neubeginn, hg. von Brigitte Boothe und Marie-Luise Hermann
Maria Teresa Diez Grieser und Roland Müller: Mentalisieren mit Kindern und Jugendlichen Hrsg. von Ulrich Schultz-Venrath (Klett-Cotta, Stuttgart, 2018)
Enthemmte Männer: Psychoanalytisch-sozialpsychologische Überlegungen zur Freudschen Massenpsychologie und zum Antifeminismus in der «Neuen» Rechten
In Freuds Massenpsychologie nimmt – anschließend an Le Bon – die Idee, dass der_die Einzelne in der Masse «enthemmt» werde, eine zentrale Rol le ein. In diesem Beitrag wird dieser Figur genauer nachgegangen. Anhand einerseits des Nationalismus/Rassismus, andererseits des Antifeminismus der ‹Neuen› Rechten soll gezeigt werden, dass in sozialen Krisensituationen stark werdende «lärmende» Massenbewegungen stets an «stumme» Massenprozesse andocken, die in vorherrschende Sozialisationsprozesse eingelagert sind. Das enthemmende Moment der Massenbewegungen muss im Zusammenhang mit diesen gesellschaftlich hergestellten Dispositionen heraus verstanden werden können. Der Beitrag spürt der Entstehung von «Nationalgefühlen» ebenso nach wie der Entstehung einer männlichen Geschlechtsidentität unter Bedingungen männlicher Vorherrschaft und zeigt, dass in beide schon paranoide Wahrnehmungsstrukturen eingeschrieben sind, deren destruktives Potenzial sich in der «lärmenden» Massen bewegung entladen kann. Der aktuell grassierende Antifeminismus oder Antigenderismus wird als aus dieser Disposition heraus entstehende, aggressive Reaktion auf gesellschaftliche Transformationsprozesse gelesen, welche bestehende Formen männlicher Vorherrschaft ins Wanken zu bringen drohen
(Ent-)Hemmung bei Lacan
Lacan, oft verschrien als bis ins Absurde hinein intellektualisierend, kann nachgerade als Theoretiker des Affekts aufgefasst werden. Seine unorthodoxe Weiterführung von Freuds Dreifaltigkeit «Hemmung–Symptom– Angst» entwickelt zunächst ein um sechs weitere Haltungen erweitertes Diagnoseschema, das Patienten anhand typischer Angstvermeidungsmuster einschätzt. Hemmung bedeutet dabei motorischer, aber auch emotionaler Stillstand und hat am wenigsten Witz. Lacan korrigiert, dass die zu Freuds Zeitalter Gehemmten heute eher die «Verhinderten» seien, die «begehren, nicht zu können». Später behauptet er, dass Hemmung auftrete, wenn Bildhaftes zu sehr den Ablauf von Assoziationsketten störe. Heute ist Lacan vor allem mit der Bestimmung des Zeitgeistes als auferlegtem (und damit gehemmtem) Genuss aktuell. Immer wieder wird er von Kulturphilosophen als Stichwortgeber aufgerufen, wo sie nachvollziehen möchten, warum das Zeitalter des Gottestodes bzw. der Befreiung von Tabus paradoxerweise mit noch mehr ÜberIchStrenge einhergeht. Lacan ist eher skeptisch, was Möglichkeiten einer wahrhaft befreienden Enthemmung angeht
Die enthemmte Serie: Überlegungen zu Hemmung und Enthemmung am Beispiel von Game of Thrones.
Zeitgenössische TV-Serien loten zunehmend die Grenzen des Darstellbaren aus und überschreiten diese, was das Zeigen von gewaltvollen Szenen angeht. Besonders die erfolgreiche Fantasy-Serie Game of Thrones (im Weiteren: GoT) ist hier zu nennen, die wir in dem vorliegenden Beitrag unter dem Blickwinkel von Hemmung und Enthemmung betrachten wollen. Dafür untersuchen wir diese Begriffe zunächst in der Freudschen Verwendung, wo wir Hemmung einerseits im Kontext des Über-Ichs, im Sekundärprozess als Hemmung des Primärprozesses, und schließlich in der Kultur als Ergebnis eines Triebverzichts finden. Diese Freudschen Überlegungen wollen wir nutzen, um die Rezeption von GoT zu verstehen. Dabei folgen wir der Annahme, dass sich in medialen Produkten immer auch das Sag- und Zeigbare einer Gesellschaft spiegelt und sich somit Aussagen über deren Verfasstheit ableiten lassen. Eine psychoanalytische Untersuchung ausgewählter Episoden, bei der den Irritationen und freien Einfällen der Rezipierenden gefolgt wird, verdeutlicht, dass GoT gesellschaftlich virulente Gefühle inszeniert, damit aber auch greifbar und bearbeitbar macht. So wird den Zuschauenden ein Gefühl eines Mangels an Sicherheit vermittelt, das sich als Spiegelung eines in den westlichen Industriegesellschaften verbreiteten Lebensgefühls seit 9/11 verstehen lässt. Des Weiteren werden Bedingungen zum moralischen Handeln und ethischen Empfinden und dabei auch die Rolle und Bedeutung der Familie hinterfragt. Bei den Zuschauenden führt die Rezeption zu einer interpassiven Verschränkung von (abgewehrten) lustvollen und unlustvollen Aspekten angesichts der äußeren und inhaltlichen Grausamkeit
Dialektik der radikalen Enthemmung und autonomen Hemmung: Kulturgeschichtliche Gedankensplitter von Freud und seinen Schülern über den Kyniker Diogenes und den Marquis de Sade bis zu Michel Foucault und Robert Pfaller
Sigmund Freuds Arbeiten brechen inhaltlich wie sprachlich Hemmungen auf, reflektieren aber auch den Umstand, dass enthemmte Triebe Kultur und Zivilisation gefährden. Die Freud-Schüler Otto Gross und Wilhelm Reich suchen Auswege, um die Sexualität nicht unter das Joch der Sublimierung beugen zu müssen. Inwieweit und auf welche Weise das ungehemmte Ausleben von Sexualität ohne zerstörerische Nebeneffekte möglich sei, gehört zu den grossen Fragen der «sexuellen Revolution» der sechziger Jahre