Kunstgeschichte (Open Peer Reviewed Journal, Universität Regensburg)
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Hinter dem Vorhang: Eine Vorzeichnung Johann Heinrich Rambergs für das Titelkupfer zu Goethes ‚Claudine von Villa Bella‘
Der Beitrag befasst sich mit einer 1827 datierten aquarellierten Zeichnung von Johann Heinrich Ramberg (1793‒1840), welche ohne Hinweis auf ihren ursprünglichen Entstehungskontext als Neuerwerbung in die Grafische Sammlung des Deutschen Historischen Museums gelangte. Der Beitrag verfolgt die Entstehung der Zeichnung, die inzwischen in Verbindung zu einem wenig bekannten frühen Schauspiel des jungen Goethe, ‚Claudine von Villa Bella‘ (1776), gesetzt werden konnte. Parallel werden auch andere Fragen thematisiert: die Rolle des Künstlers als Buchillustrator der Goethe-Zeit, seine Tätigkeit für die Bühne sowie der Einfluss der italienischen Reise und des römischen Karnevals sowohl auf das Schauspiel Goethes als auch auf die Darstellung Rambergs
Das Geheimnis der kunstliebenden Österreicherin Paula Risch. Die rätselhafte Herkunft des ‚doppelten Dix‘
Otto Dix ‚Selbstbildnis als Soldat‘ (Rückenansicht ‚Selbstbildnis mit Artilleriehelm‘, 1914) gehört zu den bedeutendsten Werken der Dix-Sammlung des Kunstmuseum Stuttgart. Die Provenienz war bis Juli 2021 nicht eindeutig geklärt, weshalb die Herkunftsgeschichte im Rahmen der Provenienzforschung erneut untersucht wurde. Dabei traten neue Erkenntnisse zutage, die belegen, dass Dix expressives Frühwerk von einer jungen kunstaffinen Sekretärin aus Österreich kam und in den Kunsthandel eingeliefert wurde. Diese erlebte die ‚wilden‘ 1920er Jahre in Berlin und hatte Kontakt zu Künstlern. Die junge Frau hieß Paula Risch (1897–1999) und kam aus dem damals kleinstädtischen Bregenz im österreichischen Vorarlberg. Sie entstammte einer Fotograf:innendynastie und war Mitarbeiterin im renommierten Maleratelier Birkle & Thomer in Berlin-Charlottenburg. Carl Birkle und Adolf Thomer waren Künstler, hatten beide eine Ausbildung als Dekorationsmaler und 1900 in Charlottenburg – damals noch eine eigenständige Stadt – ihren Malereibetrieb gegründet. Sie arbeiteten mit renommierten Architekten zusammen und machten sich einen Namen mit Wanddekorationen für Kirchen und Synagogen in Deutschland. Als Paula Risch das ‚Selbstbildnis als Soldat‘ in Bern 1970 versteigern ließ, war sie sich nicht sicher, ob es tatsächlich ein Selbstporträt war. In ihrem Tagebuch notierte sie: „Dix-Selbstporträt (?)“. Auch wusste sie nicht, dass sich auf der Rückseite ein zweites Bild befindet. Dabei hatte das Gemälde jahrzehntelang in ihrem Haus gehangen. Woher hatte sie das Bild
Die Kanzel der Dresdner Schlosskapelle von 1553. Ein in Neukirchen bei Chemnitz wiedergefundenes Prinzipalstück der Hofkunst unter Kurfürst Moritz von Sachsen?
Im Jahre 1737 wurde die protestantische Schlosskapelle im Dresdner Schloss aufgegeben. Ihre Ausstattung gelangte innerhalb weniger Tage in die nahegelegene Sophienkirche, die neue evangelische Hofkirche. Anders als geplant, wurde die Kanzel dort nicht eingebaut. Ihr Verbleib ist anhand der Akten nicht eindeutig zu klären. Viele Indizien lassen vermuten, dass die ehemalige Kanzel der Schlosskapelle in der Kirche von Neukirchen bei Chemnitz eine zweite Verwendung fand und in einen älteren Altar eingefügt wurde. Beobachtungen lassen die Kanzel als ungewöhnliches Werk der sächsischen Hofkunst wahrscheinlich werden; Befunde sprechen für die bau- und bildkünstlerisch aufwändig inszenierte Schlosskapelle als Ort ihrer ursprünglichen Bestimmung
Travailler les limites. Die Grenzen des frühneuzeitlichen Paris und die Entstehung des modernen Boulevards
Der Beitrag untersucht die frühneuzeitlichen Grenzen der Stadt Paris als liminale Räume. Dabei geht es vor allem um die Entstehung von Promenierzonen durch die Auflassung der Stadtbefestigung unter Ludwig XIV. Die dadurch geschaffenen Boulevards stellen ein zentrales, vielfach mythisiertes Element der Stadtgestalt der französischen Kapitale dar, in dem entgrenzte Dynamik und gouvernementale Kontrolle miteinander ringen
Europa im Fluss. Fotografische und künstlerische Blicke auf die Donau
In vielen fotografischen und künstlerischen Projekten löst sich die große Erzählung der Donau als Reisebegleiter auf und zerfällt zunehmend in – sich oft überschneidende und überlagernde – einzelne Bilder und Geschichten. Dieser Zerfallsprozess hat eine längere Geschichte, die sehr eng mit den politischen und gesellschaftlichen Narrativen zu tun hat, in die der Fluss eingebettet ist. Ich werde im Folgenden zeigen, dass diese diagnostizierte Auflösung der großen Donau-Erzählung eng mit den sich ändernden politisch-gesellschaftlichen Konjunkturen des Donauraums und des europäischen Kontinents verknüpft ist. Die künstlerischen Reflexionen über die Donau verweisen also auch auf größere Zusammenhänge. Unter anderem beschäftigen sie sich mit der Frage, wie die Bilder des Flusses mit einer gesamteuropäischen Metaphorik verbunden sind
Gekränkte Zuneigung. Publizistischer Italienboykott und kunstgeschichtliche Italiensehnsucht zur Zeit des Ersten Weltkriegs
Als Italien im Mai 1915 Österreich-Ungarn und seinen Verbündeten den Krieg erklärte, brach für die deutschsprachige Kunstgeschichte eine Welt zusammen. Dabei ging es nicht nur um den Fortbestand wissenschaftlicher Forschung in Italien, sondern auch um jene ideelle ‚Liebe‘ zur Kultur des Südens, die durch lange währende Italomanie zu einem Teil der eigenen Identität geworden war. Anhand von überwiegend wenig beachteten Quellen, die mehrheitlich den populären Medien und den Zeitungsfeuilletons entstammen, versuche ich diese Fachdebatten um die Zukunft der kunsthistorischen Italienforschung in die ressentimentgeladenen und nationalistischen Diskurse der Breitenpublizistik einzubetten, die nach 1915 in der Öffentlichkeit kursierten. Angestachelt durch literarische Aufrufe zum Boykott, wie sie in der populären Kultur- und Reisepublizistik formuliert wurden, artikulierte sich innerhalb der Disziplin ein trotziges Recht auf Besitznahme, das annexionistische Züge trug und dem nur sehr verhalten widersprochen wurde
Kunst als Erfahrung. Über den historischen Ort des ‚digitalen Museums‘
Der folgende Aufsatz bringt einige Begründungsstrategien für das ‚digitale Museum‘ in den Zusammenhang mit älteren Vorstellungen der Aufgaben einer Gedächtnisinstitution, die mit den Namen John Deweys und vor allem John Cotton Danas verbunden waren. Überwindung der Grenzen des Museums; Reproduktionspolitik; Vitalisierung; ‚community‘-Bildung: dies sind nur einige Gesichtspunkte der Idee eines ‚digitalen Museums‘. Der entscheidende Aspekt aber, der alle diese Zugangsweisen zusammenfasst, scheint in der Aktivierung des Besuchers zu liegen, der die Grunddisposition des Kontemplativen zu überlagern beginnt
Allegorical Nudity, Visual Disorder and Distraction in the French Renaissance. An Unnoticed Painting from the Sanssouci Picture Gallery
Der Täufling als Mörder. Eine neue Deutung von Caravaggios Gemälde ‚Das Martyrium des Apostels Matthäus‘ aus der Contarelli-Kapelle
Im Folgenden soll eine neue ikonografische Deutung des Gemäldes ‚Das Martyrium des Apostels Matthäus‘ erstellt werden, in der das Martyrium als Darstellungsproblem in den Blick gerät. Einer knappen Vorstellung der bisherigen Interpretationen folgt eine formale Beschreibung und Bestimmung des Mörders als der verborgenen ‚clavis interpretandi‘ des Bildes, die zu einer Neubewertung der sich ereignenden Handlung führt. Der Aspekt des Beitrags betrifft dabei weniger die Vorbilder des Malers als vielmehr seine implizite Kritik des katholischen Bilderkults und dessen Behandlung der Martyriums-Idee