PROKLA - Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft
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Settler Colonialism in Palestine
Dieser Artikel zeigt anhand von drei Aspekten auf, warum das Konzept Siedlerkolonialismus hilfreich ist, um den Konflikt im historischen Palästina zu verstehen. Erstens ist die siedlerkoloniale Mission des Zionismus in die Konstitution des Staates Israel eingeschrieben. Zweitens ist die israelische Siedlungs- und Besatzungspolitik im Westjordanland und Gaza seit fast 60 Jahren integraler Bestandteil eines großisraelischen Projekts, mit dem das palästinensische Selbstbestimmungsrecht unterminiert wird. Und drittens deutet die jüngste israelische Militäroperation »Eiserne Schwerter« auf die systematische Auslöschung palästinensischer Existenz in Gaza hin.This article draws on three aspects to show why the concept of settler colonialism adds to our understanding of the conflict in historical Palestine. First, the settler-colonial mission of Zionism is inscribed into the constitution of the state of Israel. Secondly, Israeli settlements and occupation of the West Bank and Gaza have been an integral part of materializing a vision of Greater Israel which undermines the Palestinian right to self-determination for almost 60 years. And thirdly, the recent Israeli military operation »Iron Swords« points to the systematic extinction of Palestinian existence in Gaza
Shipping Company Power from the Quay to the Rail? Privatization and Agency in the Port of Hamburg
Der Einstieg von MSC in die HHLA im Hamburger Hafen markiert eine neue Qualität der Hafenprivatisierung: Reedereien gewinnen strukturelle Kontrolle über Transportwege, Hinterlandlogistik und Arbeitsbeziehungen, während die staatliche Steuerungsfähigkeit abnimmt und Beschäftigte Machtressourcen zu verlieren drohen. In diesem Beitrag diskutieren wir aus Perspektive der Labour Geography und Arbeitssoziologie, wie sich diese Verschiebung auf Handlungsspielräume und Konfliktdynamiken von Hafenarbeiter*innen auswirkt und welche Fragen sie für deren kollektive Handlungsfähigkeit (Agency) im Zuge wachsender Privatisierung und Rationalisierung aufwirft.MSC buying into HHLA at the Port of Hamburg marks a new stage in the privatization of ports: shipping companies gain structural control over transport routes, hinterland logistics, and labor relations, while state regulatory capacity declines and workers risk losing power resources. In this article, we discuss from the perspectives of Labour Geography and the Sociology of Work how this shift affects the scope for action and conflict dynamics of dockworkers, and which questions it raises for their collective agency amid increasing privatization and rationalization
The Climate and the State: State Conceptions in the German Climate Justice Movement
Vor dem Hintergrund zunehmender staatlicher Repression und diskursiver Diskreditierung des Klimaaktivismus in Deutschland werden die Ergebnisse einer Grounded-Theory-Analyse zu den Staatsverständnissen der Gruppen Fridays for Future, Letzte Generation, Extinction Rebellion und Ende Gelände diskutiert. Dabei wird deutlich, dass die Gruppen weit davon entfernt sind, als »Staatsfeinde« (Der Spiegel) aufzutreten. Mit dem Konzept des Staatsverständnisses wird nicht nur ein neuer Fokus für die Untersuchung sozialer Bewegungen vorgeschlagen. Es wird auch deutlich, dass die staatliche Reaktion in keinem Verhältnis zum gewaltfreien Protest zumeist staatsüberzeugter Aktivist*innen steht.In the context of increasing state repression and discursive discreditation of climate activism in Germany, the results of a Grounded Theory analysis regarding the state conceptions of the groups Fridays for Future, Letzte Generation, Extinction Rebellion and Ende Gelände are discussed here. It becomes evident that the examined groups are by no means »enemies of the state« (Der Spiegel). The notion of state conception not only proposes a new focus for the study of social movements. It also shows that the state’s response bears no relation to the non-violent protest of activists who are for the most part deeply committed to the state
Remarks on the »AI Revolution«
Die gegenwärtige Diskussion über die sogenannte Künstliche Intelligenz (KI) ist von einer starken Rhetorik der »Revolution« geprägt. Mit der KI werden große Erwartungen verbunden. Aber wenig überraschend bezieht sich der erwartete revolutionäre Charakter weniger auf sozio-politische Umwälzungen, sondern steht eher in der Tradition der Geschichte sogenannter technischer Revolutionen. Eine solche Rhetorik ist allerdings typisch zumindest für die Einführung neuer Medientechnologien, zu denen man auch KI zählen muss. Um diese Rhetorik einzuordnen, werden zwei Ansätze aus der Medientheorie herangezogen.The current discussion about so-called Artificial Intelligence (AI) is characterized by a strong rhetoric of »revolution«. There are great expectations associated with AI, but not surprisingly, the expected revolutionary character refers less to socio-political upheaval than to the tradition of the history of so-called »technical revolutions«. However, such rhetoric is typical at least for the introduction of new media technologies, which AI must also be counted among. Two approaches from media theory are used to contextualize this rhetoric
Editorial: Democratic Planned Economy in the Age of Digitalisation and the Climate Crisis
Seit einigen Jahren erlebt die Debatte über demokratische (Wirtschafts-)Planung einen neuen Aufschwung. Das lange letzte Jahrzehnt war von einer globalen Finanzkrise, dem zunehmenden Bewusstsein für die Klimakatastrophe und der Covid-19-Pandemie geprägt, sodass das gegenwärtige Akkumulationsregime und nationalstaatlich unterschiedlich verfasste Regulationsweisen vielfach zur Disposition gestellt wurden. Dies führte zu unterschiedlichsten Suchbewegungen nach Alternativen, wie Postwachstumsökonomie, Green New Deal, Care-Ökonomie, Commoning und techno-futuristischen Utopien der Vollautomatisierung, die in den vergangenen Jahren in der PROKLA im Einzelnen immer wieder thematisiert wurden. Mittlerweile verdichten sich diese Suchbewegungen zu neuen Ansätzen und einer Debatte um die Frage, wie Wirtschaftsplanung eine Alternative zur marktbasierten Allokation darstellen könnte. Offen ist aber unter anderem, ob sie ein Korrektiv innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise sein soll oder darüber hinausweist beziehungsweise erst in einer postkapitalistischen Gesellschaft realisiert werden kann. Damit verbunden ist die Frage nach deren demokratischem Charakter. Ist Planwirtschaft das ökonomische Pendant zum »Verein freier Menschen« oder ist sie ein Mittel, um eine technisch optimierte Gesellschaft zu realisieren?The debate on democratic (economic) planning has been gaining momentum in recent years. The numerous crises of the last long decade have led to a wide variety of searches for alternatives. In the meantime, these search processes have intensified into new approaches and a debate on the question of how economic planning could represent an alternative to market-based allocation. However, one of the open questions is whether it should be a corrective within the capitalist mode of production or whether it points beyond it or can only be realised in a post-capitalist society. Linked to this is the question of its democratic character. Is a planned economy the economic counterpart to the »association of free people« or is it a means of realising a technically optimised society
The Mysterious Rise of the »Messiah« Milei: Argentina as an Experimental Laboratory for Libertarian Authoritarianism?
In dem Beitrag untersuchen wir den kometenhaften Aufstieg des argentinischen Präsidenten und libertären »Anarchokapitalisten« Javier Milei. Ausgehend von der Frage nach den Besonderheiten des weltweit »ersten libertären Präsidenten« zeichnen wir die sozioökonomischen wie auch die politischen und mentalitätsspezifischen Erfolgsbedingungen des Wahlerfolgs und der Charismatisierung Mileis nach. Zudem vergleichen wir Milei mit gegenwärtigen Trends der neuen, populistischen Rechten international und erörtern abschließend die Frage, inwiefern die Regierung Mileis möglicherweise zu einem internationalen Experimentierlabor des libertären Autoritarismus wird.This article examines the meteoric rise of the Argentinian president and libertarian »anarcho-capitalist« Javier Milei. Starting with the question of the special features of the world’s »first libertarian president«, we trace the socio-economic as well as the political and mentality-specific conditions for Milei’s electoral success and charismatisation. In addition, we examine facets of a comparison with current trends of the new, populist right international and discuss, finally, the question of the extent to which Milei’s government may become an international experimental laboratory for libertarian authoritarianism
What Future Do the Energy-Intensive Industries Have?
Die Stahl-, Chemie- und Zementindustrie sind die Industriezweige mit dem höchsten Energieverbrauch und den höchsten Treibhausgasemissionen in Deutschland. Sie geben an, in Zukunft klimaneutral produzieren zu wollen. Die Zahlen zeigen, dass in Deutschland nicht genügend grüner Strom und grüner Wasserstoff für eine dekarbonisierte Industrie produziert werden können. Mögliche Wasserstoffimporte sind technisch schwierig umsetzbar und teuer. Kostengünstiger Solar- und Windstrom aus Ländern des Globalen Südens könnte zu Produktionsverlagerungen führen. Im Beitrag wird demgegenüber auf einen Degrowth-Ansatz gesetzt, bei dem der ökologisch transformierte industrielle Kern im Land verbleibt.The steel, chemical and cement industries are the sectors with the highest energy consumption and greenhouse gas emissions in Germany. They state that they want to produce climate-neutrally in the future. Estimates show that Germany will not produce enough green electricity and green hydrogen for a decarbonised industry. Hydrogen imports are technically difficult and expensive. Cheap solar and wind power from countries in the Global South could also lead to production relocations. In contrast to this scenario, the article focuses on a degrowth approach in which the ecologically transformed industrial core remains within the country
Algorithms and Control: On the Limitations of »Algorithmic Management« as an Analytical Category
Die Forschung zu »Algorithmischem Management« (AM) in der Arbeitswelt hat wichtige Erkenntnisse über neue Kontrollformen und Herrschaftsmechanismen hervorgebracht. Dennoch sehen wir vier Defizite im politischen und wissenschaftlichen Diskurs um AM: eine begriffliche Unschärfe; die Gleichsetzung von AM mit unmittelbarer Kontrolle der Arbeitsleistung; ein algorithmenzentrierter Blick auf die Arbeitswelt und die Überschätzung algorithmischer Leistungsfähigkeit; sowie die Unterschätzung von Gestaltungspotenzialen im Kontext von AM. Anhand einer empirischen Fallstudie zu einem Essenslieferdienst plädieren wir für einen differenzierteren Blick auf AM, der diese Limitationen überwindet.Research on »Algorithmic Management« (AM) at the workplace has produced important insights into new forms of control and mechanisms of domination. Nevertheless, we see four deficits in the political and scientific discourse on AM: conceptual vagueness; the equation of AM with direct control of work performance; an algorithm-centered view of changes at the workplace and the overestimation of algorithmic performance; and the underestimation of the power of workers to shape AM. Analyzing the actual practices of AM at a case of a food delivery service, we argue for a more differentiated perspective that overcomes these shortcomings
Editorial
Das Thema Künstliche Intelligenz (KI) dominiert alle Debatten und der Einsatz von KI durchzieht alle Bereiche, von der Informatik bis zum Gartenbau. Diskutiert wird KI dabei sowohl als Heilsbringer als auch als Hochrisikotechnologie: Mal soll KI alle Probleme lösen, bis hin zur Klimakatastrophe, die der Energieverbrauch durch KI sogar noch verschärft; mal werden apokalyptische Szenarien aus der Science-Fiction befürchtet, bei der uns die Maschinen beherrschen könnten. In dieser umkämpften Ausgangslage geht die PROKLA der Frage nach, inwiefern die mit »Künstlicher Intelligenz« verknüpften technologischen Versprechen und Bedrohungsszenarien, die mit der Veröffentlichung von ChatGPT erneut entfacht sind, tatsächlich einen fassbaren Paradigmenwechsel darstellen oder ob der Mythos bereits abkühlt. Was sind die Hintergründe Künstlicher Intelligenz, was ihre realen Effekte und was ihre potenziellen Entwicklungen?The subject of artificial intelligence (AI) dominates all debates and the use of AI permeates all areas, from IT to horticulture. AI is discussed both as a saviour and as a high-risk technology: sometimes AI is supposed to solve all problems, right up to the climate catastrophe, which is even exacerbated by energy consumption through AI; sometimes apocalyptic scenarios from science fiction are feared, in which machines could dominate us. In this controversial situation, PROKLA explores the extent to which the technological promises and threat scenarios associated with »artificial intelligence«, which have been reignited by the publication of ChatGPT, actually represent a tangible paradigm shift or whether the myth is already cooling. What is the background to artificial intelligence, what are its real effects and what are its potential developments
From the Illusion of Ponderability to Imponderable Deliberation: A Critique of Solutionist Tendencies in the Democratic Planning Debate
Teile der neuen Planungsdebatte setzen demokratische und gesellschaftliche Prozesse vorschnell voraus und integrieren diese theoretisch nicht genügend. Exemplarisch wird zunächst Ulrike Herrmanns postkapitalistische Transformationstheorie für die Reduzierung der Demokratie auf Zustimmung zu staatlichen Regulierungen kritisiert. Zweitens werden in Daniel Saros‘ Planwirtschaftsmodell rationalistische Vorannahmen aufgezeigt, die Bedürfnisse als messbar und individualistisch misskonzipieren. Im Gegensatz zu solutionistischen Gedankenspielen bleibt der Aufbau sozialistischer Deliberationspraktiken und Institutionen eine unwägbare, aber notwendige Aufgabe.The current debate on economic planning prematurely assumes democratic and social processes and does not sufficiently integrate them theoretically. Firstly, Ulrike Herrmann’s post-capitalist transformation theory is criticised for reducing democracy to consent to state regulation. Secondly, the extent to which Daniel Saros’ planned economy exhibits rationalist assumptions that conceptualise needs as measurable and individualistic is discussed. In contrast to solutionist thinking, the construction of socialist deliberative practices and institutions remains an uncertain and necessary task