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Tonia and her Children
Tonia Lechtman war eine polnische Jüdin, die
seit ihrer Jugend leidenschaftlich für den Kommunismus gekämpft hat und die von den wechselnden Regimen ihrer Zeit verfolgt, eingekerkert
und gefoltert wurde. Ihr österreichischer Mann hatte sich den internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg angeschlossen, war dafür später in Frankreich interniert und dann in Auschwitz ermordet worden. Tonia überlebte den
Krieg mit ihren zwei Kindern in Frankreich. Mithilfe eines US-Offiziers gelang es ihr 1946 zurück nach Polen zu gelangen. Dort jedoch wurde sie
erneut interniert und unter dem Vorwurf der Spionage schwer gefoltert. Während ihre Kinder
Werka und Marcel als Diskriminierte in staatlichen Anstalten aufwuchsen, verbrachte Tonia fast sechs Jahre in Isolationshaft. Im Zuge der
antisemitischen Welle im Polen der 1960er Jahre,
emigrierte Tonia schließlich 1968 nach Israel, wo
ihr wiederum ihre kommunistische Vergangenheit Schwierigkeiten machte. Werka ging damals mit ihr, Marcel zog nach Schweden. Nun sitzen die Geschwister gemeinsam mit dem Filmemacher Marcel Łozi ´nski an einem Tisch, die Kamera läuft. Zwischen ihnen die Verhörprotokolle aus den polnischen Archiven, in denen der Mutter Sätze in den Mund geschoben wurden, die keiner gesagt haben möchte. Marcel liest, die anderen hören zu. Für Werka sind die Akten nicht
neu, aber über Marcel bricht die verdrängte Vergangenheit wie eine Flutwelle herein
The Moon Goose Colony
Wo sind die Mondgänse geblieben, von denen der
englische Bischof Francis Godwin 1603 in seinem Buch „The Man in the Moone“ schreibt? Gibt es diese seltene Spezies heute noch? Kennen diese
Gänse noch ihre traditionellen Flugrouten zum
Mond, oder sind sie für immer auf der Erde gestrandet? Eine poetisch wissenschaftliche Abhandlung, in der Fakten, Imagination, Narration,
Mythos, Vergangenheit und Zukunft vermischt
werden
Women with Cows
Zwei Schwestern und das liebe Vieh: Britt und
Inger haben ihr ganzes Leben miteinander verbracht und mit einem Dutzend Kühe. Britt hat ihr
Leben diesen Vierbeinern gewidmet und denkt auch nicht daran, jetzt im stolzen Alter von 79
damit aufzuhören – trotz schwerer gesundheitlicher Probleme. Ihre Schwester Inger, gerade mal
ein Jahr jünger, sieht dagegen auch die Schattenseiten und die Beschwerlichkeit dieser Aufgabe.
Obwohl sie Kühe hasst, fährt sie, die – im Gegensatz zu Britt – ein Familienleben hat, vom nahegelegenen Dorf jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe hinaus zum Hof, um beim Melken zu helfen. Nach einem körperlichen Zusammenbruch
will sie das krude Farmerleben hinter sich lassen.
Jetzt ist guter Rat teuer, denn alleine ist der Hof
für Britt, die nach einem Zusammenstoß mit einer Kuh in jungen Jahren und schwerster, nicht
behandelter Rückendeformation sich selber
kaum noch vorwärts bewegen kann, nicht zu meistern. Aber Britt setzt alle Hebel in Bewegung, um den Hof zu retten. Mit charmanter Gerissenheit schafft sie es, sämtliche Helfer/innen
nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen. Doch dann
drohen die Behörden, den Hof zu schließen und der Zusammenhalt der beiden Schwestern ist gefragter denn je…
WOMEN WITH COWS vereint eine humorvollberührende Geschichte und großartige Protagonistinnen, die mit ihren spannungsgeladenen
Auseinandersetzungen ein Wechselbad der Gefühle auslösen. Zudem fängt der Film formal brilliant die schwedische Szenerie ein mit dem sensiblen Blick des Natur- und Landschaftsfotografen Peter Gerdehag, der die Kamera führt. Die
Einstellungen bilden mit der Tonebene stimmungsvolle Kompositionen, sodass die Bilder alleine schon Geschichten erzählen. Und so kann auch der Mikrokosmos einer im Vordergrund
durchs Bild ziehenden Schnecke ein Spiegelbild
der Protagonistin werden, die im Hintergrund
gekrümmt vorbeiläuft. Lässt der/die Zuschauer/
in sich einmal auf die verschrobenen Schwestern
und ihre Kabbeleien ein, kann er/sie sich deren
bewegendem Schicksal nicht mehr entziehen.
Und ganz nebenbei erzählt der Film über den privaten Werdegang der Schwestern hinaus etwas über die Zeit, in der sie aufgewachsen sind, das Leben auf dem Land, die Rolle der Frau – und der
(Un)Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen
The Sea [is still] Around Us
Rachel Carson ist tot, aber das Meer umgibt uns
weiterhin. Dieser kleine See ist eine traurige Erinnerung an das, was zu einem gewissen Grad
überall im Lande an Rücksichtslosigkeit, Kurzsichtigkeit und Arroganz passiert. Es ist unsere
Quelle der Schande in diesem, ‚unserem besonderen Moment der Zeit‘. (E.B. White, 1964)“ (Hope
Tucker
Revision
Ein Mähdrescher pflügt durch ein Maisfeld, der
Himmel ist blau. Als der Motor verstummt, sind die Gesänge der Vögel zu hören. Eine Stimme aus dem OFF erzählt: „Nadrense, Mecklenburg-Vorpommern. 29. Juni 1992. Zwei Erntearbeiter entdecken von ihrem Mähdrescher aus etwas im Getreide. Beim näheren Hinsehen erkennen sie die Körper zweier Menschen. Sie fahren Richtung
Dorf, um Hilfe zu holen. Hinter ihnen steht das Feld in Flammen.“ Ermittlungen ergeben, dass es
sich bei den Toten um rumänische Staatsbürger
handelt. Sie wurden bei dem Versuch, die EUAußengrenze zu überschreiten, von Jägern erschossen. Diese geben an, dass sie die Opfer in der
Unübersichtlichkeit des Getreidefeldes mit Wildschweinen verwechselt hätten. Vier Jahre später
beginnt der Prozess. Welcher der Jäger den tödlichen Schuss abgegeben hat, lässt sich nie beweisen. Das Urteil: Freispruch. dpa meldet: „Aus Rumänien ist niemand zur Urteilsverkündung angereist.“ Das war auch nicht möglich, denn ihre Familien wussten gar nicht, dass jemals ein Prozess stattgefunden hat. In den Akten stehen die Namen und Adressen von Grigore Velcu und Eudache Calderar. Filmemacher Philip Scheffner
besucht 2011 die Witwen und Kinder, die der Tod
der Ernährer in große Not gestürzt hat. So erfahren sie von dem Verfahren. Die nackten, verbrannten Leichen wurden damals ohne Erklärung in die Heimat überführt. Zum ersten Mal
nach 20 Jahren haben die Angehörigen, Freund/innen und Augenzeug/innen die Gelegenheit
ihre Version der Vorkommnisse zu berichten. Scheffner führt dabei keine herkömmlichen Befragungen durch. Er filmt seine Interviewpartner/innen – auch die zwei Erntearbeiter/innen
und einige der damals ermittelnden Beamt/innen –, während sie ihren eigenen Aussagen zuhören und gibt ihnen somit die Möglichkeit, sich
nachträglich zu korrigieren. Im Verlauf des Films
kann der Zuschauer ihre Erkenntnisprozesse
nachvollziehen. Mit REVISION wird ein juristisch
abgeschlossener Kriminalfall einer filmischen
Revision unterzogen, die Orte, Personen und Erinnerungen miteinander verknüpft und ein fragiles Geflecht aus Versionen und Perspektiven
einer „europäischen Geschichte“ ergibt. Der Film
rekonstruiert die Umstände, die 1992 – im Jahr
zahlreicher offen rassistischer Verbrechen wie
Rostock-Lichtenhagen, Mölln etc. – zum Tod zweier Männer auf einem Feld nahe der deutsch-polnischen Grenze führten. Mit zunehmend beklemmender Dichte webt Scheffner ein Netz aus
Landschaft und Erinnerung, Zeugenaussagen,
Akten und Ermittlungen
San Agustin – Low Tide in the Plastic Sea
Inmitten Europas größter Obst- und Gemüseanbaufläche, dem „Mar de Plastico”, liegt das andalusische Dorf San Agustin. 90 Prozent der Paprika, die in europäischen Supermärkten landen,
kommen aus dem sogenannten Plastikmeer. Aus
der medialen Berichterstattung sind die Bilder
der hektarweit von Plastikfolien überzogenen
Landschaft bekannt. Ebenso hier anknüpfende
Analysen global-wirtschaftlicher Problemlagen.
SAN AGUSTIN – EBBE IM PLASTIKMEER lässt jedoch exemplarisch die einheimischen Bäuerinnen und Bauern zu Wort kommen, die die Gewächshäuser aufgebaut haben und betreiben. Was ist ihre Perspektive auf die EU-subventionierten Entwicklungen in ihrer Region? Wie sieht ihre Wirklichkeit, ihr Alltag aus?
Eine Ernteperiode lang begleiten die drei jungen
Filmemacher/innen Gudrun Gruber, Alexander
Hick und Michael Schmitt die Vorkommnisse in
San Agustin. Dabei lernen wir den mürrischen
Junggesellen José Maria kennen, der zwischen all seinen Zucchini lieber ständig für sich wäre, als sich mit irgendeinem Menschen abgeben zu
müssen. Von der grundsätzlichen Unfähigkeit
der Politik ist er ebenso überzeugt, wie von der
medialen Propaganda gegen ihn und seine hart arbeitenden Nachbar/innen. Die Familie Crespo
versucht sich durch vielfältige Beschäftigungsfelder über Wasser zu halten. Sie bauen Gemüse an, züchten Schafe und hegen und pflegen ihren
eigenen gigantischen Kompostberg. All das ist nichts außergewöhnliches für Paco, der zusammen mit seiner Familie die kleine Kneipe im Dorf
betreibt. Bei ihm versammeln sich die Bauern, um über ihre Sorgen und Nöte zu sprechen.
In neun Kapiteln loten die drei Filmemacher/innen die verschiedensten Aspekte des andalusischen Dorfes mit ironischer Distanz aus – von
den Beschäftigungsbedingungen illegaler Einwander/innen bis hin zur „Gurkenkrise“. Geschickt werden Bilder von verrottenden Gemüsebergen mit denen der Partymeilen und Bettenburgen direkt nebenan montiert. Denn in der
Provinz Almería im Süden Spaniens paart sich der exorbitante Obst- und Gemüseanbau mit der
wild wuchernden Urlaubsindustrie. Ein treffendes Sinnbild für die dekadente Ignoranz gegenwärtiger Lebensstile.
SAN AGUSTIN ist eine beachtliche Nachwuchsarbeit, die einen bitter-süßen Einblick in eine Fülle sehr ernster Problematiken gibt. Der erfrischenden und subtilen Vermittlungsweise ist besonders zu wünschen, dass sie zum Nachdenken
anregt
Take #2
Zwei Frauen mit schulterlangem blonden Haar sitzen nebeneinander vor einer weißen Wand. Beide sind leicht geschminkt und tragen blaue Oberteile, sie schauen rechts an der Kamera vorbei. Die linke Frau, die die Ältere ist, trägt dicke goldene Ohrringe. Was verbindet die beiden? Marie beginnt: „Wenn ich mich in eine Rolle begebe, stelle ich mir vor, dass jedes Individuum einen
Kern hat, der denselben potentiellen Gefühlsreichtum besitzt.
Division
Das simple Zerreißen eines Blatt Papiers entwickelt durch Ablichten und wiederholte „Division“
und Vervielfachung ein pulsierendes Eigenleben. Der handwerkliche Akt verschwindet völlig
und an seine Stelle tritt eine paralysierende Bewegung, die ihr jähes Ende in der Rückbesinnung zum Ausgangsmaterial findet
Günter and Mutti
Lassila analysiert vor der Kamera zwei hölzerne
Topfuntersetzer, die die Aufschriften „Günter“
und „Mutti“ tragen. Sie durchspielt etwaige Lebensgeschichten dieser zwei Personen und ihre Beziehung zueinander.
Jenseits der ursprünglichen Rolle der gefundenen
Gegenstände untersucht die Künstlerin außerdem die Funktionalität dieser kitschigen Dekorationsgegenstände als Werke im Ausstellungskontext und nimmt so eine kritische Position zum „Ready-Made“ in der bildenden Kunst ein. Das Tragen einer Maske während der Untersuchung
ermöglicht ihr einen selbstbewussteren und freieren Umgang mit dem unbekannten Thema und gibt ihr zudem das Gefühl in ihrer Rolle ernst genommen zu werden
How the Work is Done
Die Vergangenheit spielt eine zentrale Rolle in
den Videos der jungen polnischen Künstlerin Agnieszka Polska. Sie durchforstet die Schatztruhe der modernen Kunstgeschichte und verwendet
historisches Material um Neues zu schaffen.
In dieser Ästhetik spielt ihr Idiom, Animation
kombiniert mit gefundenen Fotos und Videomaterial, das Dokumentationen gleicht, die Schlüsselrolle. Die Kameraführung eines Studios trifft
so auf Animationen in Slow-Motion, die wiederum in starkem Kontrast zu den DokumentationsFragmenten stehen. Die Stimme des Erzählers wird gleichzeitig von klimperndem Glas oder einer rhythmischen Triangel abgelöst. Dies unterstreicht die Wirkung der animierten und konstruierten Bilder und es wird eine kontemplative
Atmosphäre geschaffen. In ihrer Arbeit fasst die Künstlerin die Frage nach der Beziehung zwischen der Sehnsucht einer Vergangenheitskonstruktion und dem Akt des Archivierens ins Auge.
Besonders interessiert ist sie an der Rolle des Dokumentarfilms in diesem Kontext