Beiträge zur mediävistischen Erzählforschung (BmE)
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Clarifying and multiplying ambiguity in ›Do got der vater geschuff Adam und Eua‹
Der Beitrag beobachtet am Beispiel des spätmittelalterlichen Marienlebens ›Do got der vater geschuff Adam und Eua‹ welche Darstellungsmöglichkeiten durch einen Erzählmodus gewonnen werden können, der hier als ›kommentarisches‹ Erzählen gekennzeichnet wird. Er schlägt dazu ein systematisches Verständnis von Kommentar als Geste einer Unterscheidung vor, dass das Kommentarische vom Modus der Nachträglichkeit löst. Daran anschließend wird exemplarisch gezeigt, welche Darstellungsmöglichkeiten durch diese Geste gewonnen werden.Using the late medieval life of the virgin ›Do got der vater geschuff Adam und Eua‹ as an example, the article observes which representational possibilities can be gained through a narrative mode that is characterized as ›commentarial‹ narration. To this end, I propose a concept of commentary that detaches it from the idea of a belated, retrospective textual element and proposes a systematic understanding of commentary as a gesture of differentiation. Following on from this, some of the representational possibilities gained in implementing this gesture are described
Inner Mediterranean Sea and Outer Ocean. Maritime Spaces in ›Herzog Ernst‹ (B) and Homer’s ›Odyssey‹
In diesem Aufsatz werden mit dem Reiseteil des mittelhochdeutschen Versepos ›Herzog Ernst‹ (B) und Homers ›Odyssee‹ zwei Meerfahrten aus vormodernen Reiseerzählungen nebeneinandergestellt. Gegenstand der Untersuchung sind hierbei die Bewegungen der reisenden Figuren sowie ihre Begegnungen mit halb-vertrauten und fremden Gemeinschaften während der Seereise. Der Vergleich soll aufzeigen, dass in beiden Reiseschilderungen zwischen zwei disparaten Meeresräumen unterschieden werden kann, in denen die beiden Komplexe Vertrautheit, Sicherheit, Eindeutigkeit und Fremdheit, Unsicherheit, Uneindeutigkeit einander gegenübergestellt werden und deren Konzeption sich, so die These, an der (realgeographischen) Differenz des Mediterraneums und des äußeren Ozeans orientiert.This article juxtaposes two sea voyages from pre-modern travel narratives: the voyage section of the MHG verse epic ›Herzog Ernst‹ (B) and Homer’s ›Odyssey‹. The subject of the analysis are the movements of the travelling characters as well as their encounters with semi- and unfamiliar communities during their sea voyage. The comparison is intended to show that in both travel narratives two disparate maritime spaces can be distinguished, in which the two complexes of familiarity, certainty, unambiguity on the one hand and strangeness, uncertainty and ambiguity on the other are contrasted. Their conception is oriented towards the (real-geographical) difference between the Mediterranean Sea and the outer ocean
Maritime borders. The Beach as Place of Encounter and Precarious Evidence in Thirteenth-century Epic Texts (›Kudrun‹, ›Nibelungenlied‹, ›Tristan‹)
Der Beitrag widmet sich dem Strand in epischen Texten des 13. Jahrhunderts, um ihn in seinem narrativen Potenzial näher bestimmen zu können. Anhand der ›Kudrun‹ und Szenen aus dem ›Nibelungenlied‹ sowie dem ›Tristan‹ kann gezeigt werden, wie vom Strand als einem Ort krisenhafter Stagnation am Übergang von Meer und Land erzählt wird, an dem Verschiedenes in unbestimmter Mehrdeutigkeit zusammenkommt, ohne indes Eindeutigkeit zu erlangen. Indem Momente der Hybridisierung, Entdifferenzierung und Ambiguisierung nachvollzogen werden, kann der Strand als ein Ort der Begegnung wie prekären Evidenz bestimmt werden, der einerseits Möglichkeiten bietet, Fragen der höfischen Kultur aufzurufen, der andererseits zur Herstellung von Eindeutigkeit eine narrative Dynamik aber einfordert, die im Wechsel der Räume erst ihre Umsetzung findet.This article focuses on the beach in epic texts of the 13th century in order to determine its narrative potential in more detail. Using the example of ›Kudrun‹ as well as scenes from the ›Nibelungenlied‹ and from ›Tristan‹, it can be shown how the beach is narrated as a place of crisis-laden stagnation on the threshold between sea and land, where various things come together in indeterminate ambiguity without, however, achieving unambiguity. By tracing moments of hybridization, dedifferentiation and ambiguation, the beach can be described as a place of encounter and precarious evidence, which on the one hand offers opportunities to raise questions of courtly culture, but on the other requires a narrative dynamic to produce unambiguity, which only finds its realization in the change of spaces
The Open Punchline as a Trap: How the ›Drei listige Frauen A‹ Trick their Audience
Das Märe ›Drei listige Frauen A‹ erzählt zwei Geschichten parallel: Die erste, offensichtliche Geschichte handelt von drei Frauen, die auf mehr oder weniger gewitzte Weise ihre jeweiligen Ehemänner überlisten, um die belanglose Wette zu gewinnen, welche unter ihnen die Listigste wäre. Die zweite, verdeckte Geschichte handelt von einem mehr oder weniger leichtgläubigen Publikum, das sich von einem fragwürdigen Erzähler drei denkbar unwahrscheinliche Schwankhandlungen auftischen lässt. Das offene Ende der vordergründigen Erzählung – die unentschiedene Wette der drei Frauen, die dem Publikum anheim gegeben wird – fungiert als Scharnier zwischen beiden Lesarten, die aus einer einfachen Geschichte ein komplexes Spiel mit Wahrheit und Wahrscheinlichkeit machen.The Märe ›Drei listige Frauen A‹ tells two stories in parallel. The first, overt story is about three women who, more or less, outwit their respective husbands in order to win the petty bet as to which of them will be the most cunning. The second, hidden story is about a, more or less, gullible audience which allows a dubious narrator to serve them up three highly improbable hoaxes. The open ending of the ostensible story, namely the undecided bet between the three women, which is left to the audience to decide, acts as a hinge between the two readings, turning a simple story into a complex game with truth and probability
Transfinality: Coherence, Cohesion and Diegetic Substitution in the Manuscripts Berlin, mgo 1430 and Vienna, Cod. 2885
Dass dem Kontext in (kleinepischen) Sammelhandschriften eine besondere Valenz zukommt, ist bereits Gegenstand der Forschung. Der Beitrag konzentriert sich auf die Enden, die als Verbindungsglieder auch über die Grenzen des Einzeltextes hinausweisen und somit den finis überwinden können. Optionen einer solchen ›Transfinalität‹ in der Sammlung werden an den zwei Beispielen Berlin, SB, mgo 1430 und Wien, ÖNB, Cod. 2885 diskutiert: Marker thematischer Kohärenzstiftung, die zur Segmentierung und paradigmatischen Intensivierung beitragen; kohäsive Verfahren, die gerade durch paratextuelle Zusätze besondere Textdynamiken generieren; schließlich die Möglichkeit diegetischer Substitution, welche die Bedeutung der Rezeption für die Stiftung eines syntagmatischen Zusammenhangs herausstellt.The fact that context has a special valence in manuscripts which contain a number of short stories has already been the subject of research. This article focuses on the ends which, as connecting links, also point beyond the boundaries of the individual text and can thus transcend the finis. Possibilities for this ›transfinality‹ in the collection are discussed using the two examples of Berlin, SB, mgo 1430 and Vienna, ÖNB, Cod. 2885. These constitute markers of thematic coherence, which contribute to segmentation and paradigmatic intensification; and represent cohesive procedures, which generate particular textual dynamics precisely through paratextual additions. Last but not least, they represent the possibility of diegetic substitution, which emphasises the importance of reception for the establishment of a syntagmatic connection
Saying Goodbye to Causality: Linear Gender Justice and the Path to the End in ›Buhlschaft auf dem Baume‹
Nach einer Diskussion der wissenschaftstheoretischen Positionen von David Hume und John L. Mackie wird ›Kausalität‹ als literaturwissenschaftliche Kategorie verworfen: Kausalitätsattributionen zu Erzähltexten bleiben meist individuelle Spekulationen, da notwendige und hinreichende Bedingungen sowie die Regularitätsannahmen nicht verlässlich gefasst werden können. In der ›Buhlschaft‹ werden Kausalitätsannahmen der Figuren der Lächerlichkeit preisgegeben. Dennoch wird der Text stringent und auch in axiologischer Hinsicht plausibel zu einem Ende geführt, bei dem der finale Erfolg die Ehefrau für ihr Leid am Textbeginn entschädigt. Mit der Fiktion einer freiwilligen dauerhaften Affäre mit Petrus bestraft sie den Blinden für die Einschränkung ihrer körperlichen Selbstbestimmung und rächt die Qualen, die er ihr mit dem eisen halfter zugefügt hat.Following a discussion of David Hume’s and John L. Mackie’s theoretical positions, ›causality‹ is rejected as a literary category: attributions of causality to narrative texts usually remain individual speculations, not least since necessary and sufficient conditions, as well as the assumptions of regularity, cannot be reliably grasped. In ›Buhlschaft‹, the characters’ assumptions of causality are exposed to ridicule. Nevertheless, the text is led stringently, and also plausibly in axiological terms, to a conclusion in which the final success compensates the wife for her suffering at the beginning of the text. With the fiction of a voluntary, long-standing affair with St. Peter, she punishes the blind man for restricting her physical self-determination and avenges the torment he inflicted on her with the eisen halfter
The End of the Saints: Andreas Kurzmann’s ›Amicus und Amelius‹
In Andreas Kurzmanns ›Amicus und Amelius‹ soll – so die Selbstaussage des Textes – eine Legende von zwei Heiligen erzählt werden. Es wird von zwei Freunden berichtet, die einander wie Zwillinge gleichen, jede Freundschaftsprobe bestehen und am Ende des Textes miteinander sterben. Unüblich für legendarische Texte ist jedoch die Tatsache, dass die als ›heilig‹ bezeichneten Figuren bis zum Ende des Textes profan bleiben. Im Beitrag soll untersucht werden, inwiefern das von Beginn an prononcierte Ende der ›Legende‹ die voraussetzungsreichen generischen Rahmenbedingungen als flexibel inszeniert.In Andreas Kurzmann’s ›Amicus und Amelius‹, a legend of two saints is told. It tells the story of two friends who resemble each other like twins, pass every test of friendship and die together at the end of the text. What is unusual for legendary texts, however, is the fact that the figures described as ›saints‹ remain profane until the end of the text. This article will examine the extent to which the ending of the ›legend‹, which is emphasised from the outset, stages prerequisite generic framework conditions as flexible
The Quality of the End: On the Life of Form in the ›Halbe Birne‹
Die folgenden Überlegungen möchten auf die Frage hinaus, warum das Ganze kein Ende hat, das Ganze aber dennoch im Ende repräsentiert wird. Sie werden dazu zwischen Ende und Schluss unterscheiden und am Qualitätsproblem von Groß und Klein ansetzen. Das Große und das Kleine stehen dabei stellvertretend für jene Relation normativer Größen, über die sich der ästhetische Eindruck von Intensität ergibt, wenn sie zueinander in ein dynamisches Spannungsverhältnis gesetzt werden. Die These zu dieser Intensitätsrelation lautet: Sie kann zu einer technischen Betrachtung herausfordern, die den qualitativen Wert ihrer Dynamik gerade nicht mehr wahrzunehmen vermag. Durch die technische Auffassung fehlt dieser Relation dann paradoxerweise genau das, was sich der finalisierende Blick zuvor als Zielvorstellung erträumt hat. Wo die Intensität – metaphorisch gesprochen – lebendig erscheint, wo zwischen den Beziehungen von Groß und Klein der Eindruck eines lebendigen Ganzen entsteht, wird gerade anhand der sachlichen Auffassung von Größen deutlich, dass ein Blick für die Semantik des Wunsches blind wird, der einfach nur begehrlich ist. Ob mit der Unterscheidung von Wunsch und Begehren der Brückenschlag zu den Begriffen von Schluss und Ende gelingt, wird sich aufs Ganze gesehen zeigen müssen.The following considerations aim to answer the question of why the whole has no end, and yet why the whole is nevertheless represented in the end. The considerations will differentiate between the end and the conclusion, and start with a discussion about the problem of differentiating between long and short. The latter are representative of the relationship between normative quantities through which the aesthetic impression of intensity arises when they are placed in a dynamic relationship of tension to one another. The thesis on this relation of intensity is that it can challenge a technical view that is no longer able to perceive the qualitative value of its dynamics. Paradoxically, the technical view means that this relation lacks precisely that which the finalising gaze had previously dreamed of as a goal. Where intensity – metaphorically speaking – appears to be alive, and where the impression of a living whole arises between the relationships of long and short, it becomes clear precisely on the basis of the factual conception of sizes that a gaze, which is simply desirous, becomes blind to the semantics of desire. Whether the distinction between wish and desire succeeds in building a bridge to the concepts of conclusion and end remains to be seen
›wan du daz weist und des wilt nicht gelouben han‹. The Coast in the ›Reise des hl. Brandan‹ as a Space for Hybridity
Die Küste in der ›Reise des hl. Brandan‹ lässt sich als räumliche Metapher für das postkoloniale Konzept vom ›Third Space‹ begreifen. In dieser virtuellen Kontaktzone kultureller Hybridität kollidieren die konträren Positionen zweier ›Kulturen‹ – hier die (eigene) klerikale Schrifttradition (Brandan) und eine (andere) ›Kultur‹ der Augenzeugenschaft (neutrale Engel) –, ohne in Synthesen aufzugehen; auch eine nachhaltige Korrektur oder gar Tilgung der unterlegenen Position durch die mutmaßlich überlegene findet nicht statt. Der theologische Disput zwischen Brandan und den Engeln über die Frage, ob sie Gott vor dem Höllensturz tatsächlich von Angesicht zu Angesicht geschaut hätten, ist Auslöser für die Verunsicherung dogmatischer Gewissheiten auf klerikaler Seite, angestoßen durch die traditionssprengenden Behauptungen jener einst ›blinden‹ und nun missgestalteten Engel, die ebenso wenig als Sieger aus dem Disput hervorgehen wie der irische Mönch.The coast in the ›Reise des hl. Brandan‹ can be seen as a spatial metaphor for the post-colonial concept of the ›Third Space‹. In this virtual contact zone of cultural hybridity, the contrary positions of two ›cultures‹ collide – on the one side the (own) scriptural tradition of the clergy (Brendan), on the other a (different) ›culture‹ of eyewitness testimony (neutral angels) – without being synthesized; nor is there any lasting correction or even eradication of the inferior position by the supposedly superior one. The theological dispute between Brendan and the angels over the question of whether they had seen God face to face before the fall into hell is the catalyst for the unsettling of dogmatic certainties on the clerical side, triggered by the tradition-shattering assertions of those once ›blind‹ and now disfigured angels, who emerge from the dispute just as little victorious as the Irish monk