suburban. zeitschrift für kritische stadtforschung
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Ghettos on the Edge of the City? Social housing policy and social inequality in Colombia
Konfrontiert mit kontinuierlich wachsender Nachfrage nach preiswertem Wohnraum, begann die Regierung Kolumbiens in den 1980er Jahren mit einer neuen privatisierten Wohnungsbaupolitik, die Hauseigentümerschaft ermöglichen und fördern soll. Dazu wurden staatliche Subventionen und spezielle Hypotheken für die unteren Einkommensklassen geschaffen, sowie Preislimits und Steuerfreiabkommen für die privaten Baufirmen eingeführt. Besonders seit der Baukrise zu Beginn des Jahrtausends setzen private Konstruktionsfirmen auf den sozialen Wohnungsbau. Seitdem entstehen massenweise großflächige, standardisierte Wohnsiedlungen an den Rändern Bogotás. Bewohner_innen sind Niedrigverdiener_innen, die zuvor in informellen Siedlungen lebten. Für die staatlich subventionierten Hypotheken, mit denen sie sich einkaufen, müssen Käufer_innen ein festes Arbeitsverhältnis nachweisen, was die Hälfte der kolumbianischen Bevölkerung ausschließt. Basierend auf mit diversen Forschungsmethoden in neun verschiedenen Sozialwohnungsbaugebieten erhobenen Daten, analysieren wir in diesem Artikel die gegenwärtige Wohnungsbaupolitik Kolumbiens und ihre Folgen. Wir argumentieren, dass die neue Politik tatsächlich mehr Menschen Zugang zu Eigentumswohnungen verschafft. Gleichzeitig zeigen wir, dass ohne weiterreichende soziale Reformen die Gefahr besteht, dass sich die isoliert liegenden Wohnsiedlungen in urbane Ghettos verwandeln, die ihre Bewohner_innen weiterhin stigmatisieren. Zugang zu Bildung, Jobs, Kultur und anderen urbanen Ressourcen ist notwendig, um langfristige soziale Mobilität zu ermöglichen bzw. zu garantieren.Faced with a growing demand for affordable housing, in the 1980s the Colombian government embarked on a new, privatized housing policy designed to facilitate and promote homeownership. For this purpose, state subsidies and special mortgages for the lower income classes were created, as well as price limits and tax-exempt agreements for private construction companies. Especially since the economic crisis at the beginning of the millennium, private construction companies focus on social housing construction for profits. Since then, large-scale standardized housing estates have sprung up on the outskirts of Bogotá. Residents are low-income earners who previously lived in informal settlements. To access the state-subsidized mortgages, buyers must have permanent employment, which excludes half of the Colombian population. Based on multi-method collected research data in nine different social housing areas, in this article we analyze the current housing policy of Colombia and its consequences. We argue that the new policy actually gives more people access to condominiums. At the same time, we show that without further social reforms there is a risk that the isolated housing estates will turn into urban ghettos that continue to stigmatize their inhabitants. Access to education, jobs, culture and other urban resources is necessary to ensure long-term social mobility
Land Value Tax as a Supporting Tool of Urban Planning
Unser heutiges Bodenrecht verschafft den Grundstückseigentümern Einkommen und Vermögenswerte, die ihnen maßgeblich aufgrund der guten Lage, Infrastrukturausstattung oder Beschaffenheit des Grundstücks zufallen und für deren Höhe üblicherweise gesellschaftliche Leistungen verantwortlich sind. Aus dieser Situation erwächst eine Reihe stadtplanerischer Probleme, die beispielhaft erörtert werden und neben der Beeinflussung der Planung auch allokative Aspekte berühren. Als ein pragmatisches Mittel zur Unterstützung einer nachhaltigen Planung wird die Bodenwertsteuer diskutiert, die den unbebauten Boden ebenso stark wie den bebauten belastet und so einen Druck auf den Eigentümer ausübt, das Grundstück entsprechend der vorgesehenen Planung zu nutzen und die außerdem einen finanziellen Beitrag der von Entwicklungsmaßnahmen profitierenden Eigentümer einfordert.Our current way of dealing with land provides an income for the owners just due to the good location, infrastructure, and the qualitity of land. Responsible for the value in general are society’s efforts. From this point arise several planning and allocative problems and also a pecuniary motivation for influencing the planning authorities. A land value tax, which taxes the undeveloped plot of land as strong as the developed one, could be a pragmatic instrument to support sustainable planning. Hence it exercises soft pressure on the owners to use their land in the way the planning authorities intended. In addition it claims a financial share of the planning induced increase of value
Make it visible:: The Deadly Dimension of Right-Wing Violence in Public and Urban Spaces
Das Gedenken an Opfer rechter Gewalt ist umkämpft. Dennoch gelingt es immer mehr Initiativen bundesweit, durch lokalpolitische Bündnisse und in Zusammenarbeit mit Künstler*innen und Kommunalpolitiker*innen im öffentlichen Raum Orte der Erinnerung zu schaffen. In Koblenz und Hachenburg erinnern Initiativen auf unterschiedliche Weise an Todesopfer rechter und rassistischer Gewalt aus den 1990er Jahren. Die Gedenkorte, die hier entstanden sind, stehen beispielhafte für viele unterschiedliche Versuche, die tödliche Dimension von Rassismus und Rechtsextremismus im öffentlichen Raum sichtbar zu machen. Vielerorts gehören dazu auch lokalpolitische Auseinandersetzungen. Dies zeigt sich aktuell unter anderem beim Streit um den Standort eines Mahnmals für die Opfer der rassistischen Bombenanschläge des NSU in Köln zwischen den Überlebenden des NSU-Nagelbombenanschlags und der Initiative „Keupstraße ist überall“ auf der einen und der Stadt Köln und einer Investorengruppe auf der anderen Seite.There is an ongoing debate about the number and the commemoration of victims of right-wing violence. However, a number of initiatives have managed to initiate places of commemoration in the public sphere. Often, these initiatives have been collaborating with local politicians and artists. Initiatives in the cities of Koblenz and Hachenburg have successfully initiated places of commemoration for victims of right-wing and racist violence in the early 1990ies. These sites serve as examples for a number of other places which serve to make the deadly Dimension of right-wing violence and racism visible in the public sphere. Often times these Prozesses are highly controversial. One example for a controversy is the ongoing dispute in Cologne. Here, a commemorative site for the victims and survivors of the racist nail bombings of the National Socialist Underground is currently under way
Pro Rent-Gap-Theorie, contra habitualisierten Antikulturalismus: Kommentar zu Neil Smiths „Für eine Theorie der Gentrifizierung: ‚Zurück in die Stadt‘ als Bewegung des Kapitals, nicht der Menschen“ (2019 [1979])
Dieser Kommentar zu Neil Smiths klassischem Rent-Gap-Aufsatz argumentiert, dass Smiths ökonomischer Reduktionismus für die Gentrifizierungs- und allgemeiner die Stadtforschung in durchaus vorteilhafter, erkenntnisförderlicher Weise Übersichtlichkeit erzeugt hat – auch aus kulturwissenschaftlicher Sicht, denn auch Kulturwissenschaften benötigen kluge ökonomische Analysen und müssen die Welt nicht in jedem Fall „kulturell erklären“. Diese Übersichtlichkeit schafft zugleich klare Fronten zwischen „politisch-ökonomischen Radikalen“ und „kulturalistischen Liberalen“ in Wissenschaft, Zeitdiagnose, sozialen Bewegungen, wobei sich diese Frontlinien beim näheren Hinsehen als ausgesprochen zerklüftet erweisen und die strikte Unterscheidung von Ökonomie und Kultur allerlei politische und intellektuelle Probleme aufwirft. Der Beitrag warnt deshalb vor einem zur Geste gewordenen Antikulturalismus, der die konstitutive Rolle kultureller Prozesse für das Soziale, die je nach konjunkturalem Zusammenhang ganz unterschiedlich ausfallen kann und unterschiedliche Analysestile und -vokabulare erfordert, ableitungstheoretisch herunterspielt
City States or Barbarism? (Anti-)Urbanism, Demographics, and Municipal Perspectives
Der vorliegende Essay betrachtet den aktuellen Zulauf zu rechten Politikangeboten aus Sicht einer kritischen Stadtforschung. Mit Blick auf demographische Prozesse – insbesondere Binnenmigration – reflektiert er die These, dass rechte Ideen und Gruppierungen vor allem in ländlichen ‚abgehängten Gebieten‘ eine hohe Zustimmung finden, während als ‚kosmopolitisch‘ und ‚modernisierungsbefürwortend‘ beschriebene großstädtische Lebenswelten dafür weniger empfänglich seien. Unter Bezugnahme auf deutsche wie amerikanische Debatten wird dafür plädiert, die Verräumlichung politischer Einstellung stärker dynamisch und relational zu konzeptualisieren und ein Augenmerk auf kleinräumige Differenzierungen innerhalb von Städten und Regionen zu richten. Damit richtet sich der Blick auf das emanzipatorische Potential des Munizipalen als politischer Bezugsgröße jenseits des NationalstaatesThis essay examines the current popularity of right-wing politics from the perspective of critical urban studies. Focusing on demographic processes, particularly internal migration, it discusses the thesis that rightist ideas and groups enjoy higher approval in ‚left-behind‘ rural areas while finding less resonance among urban populations considered more ‚cosmopolitan‘ and approving of modernization. Considering both German and American debates, the text argues that the spatialization of political attitudes should be conceptualized in a more dynamic and relational manner, putting emphasis on small-scale differences within cities and regions. This points towards the emancipatory potential of the municipal as a level of political decision making beyond the nation state
The Reality of Alternative Facts: Kommentar zu Robert Feustels „Substanz und Supplement. Mit Rechten reden, zu Rechten forschen?“
Um die gegenwärtige gesellschaftliche Unterstützung rechter Bewegungen zu verstehen und Gegenstrategien zu entwickeln, muss die kritische Sozialforschung die Affinität bestimmter sozialer Gruppen zu diesen Bewegungen untersuchen. Um den dafür nötigen Einblick in die Zusammenhänge zwischen der gelebten Erfahrung der betreffenden sozialen Gruppen und der Praxis und Rhetorik der Rechten zu gewinnen, muss sie einen Zugang zu deren eigener Deutungs- und Handlungspraxis finden. Der Beitrag argumentiert deshalb, dass es im Sinne der rekonstruktiven Sozialforschung für die kritische Sozialforschung unvermeidbar ist ‚mit Rechten zu reden‘
Verwaltungsethnographie aus der Perspektive aktivistischer Forschung: Rezension zu Lisa Riedner (2018): Arbeit! Wohnen! Urbane Auseinandersetzungen um EU-Migration. Eine Untersuchung zwischen Wissenschaft und Aktivismus. Münster: edition assemblage, 2018.
Im Zuge der EU-Freizügigkeit sind Unionsbürger*innen territorial inkludiert, das heißt sie dürfen sich in Deutschland zur Arbeitssuche oder zum Arbeiten aufhalten. Sozial wurden sie jedoch – gerade auf Betreiben deutscher Städte – zunehmend ausgeschlossen: Sie erhalten kaum Sozialleistungen. An diesem Widerspruch, an dem sich die sozialen Kämpfe von Unionsbürger*innen um basale Rechte wie Wohnraum oder Arbeit entzünden, setzt die Ethnographie von Lisa Riedner an. Sie begleitete und unterstützte die Kämpfe für ihre Dissertation, indem sie in einem Münchner Workers Center mitarbeitete. Herausgekommen ist eine gelungene Verwaltungsethnographie aus der Perspektive des Aktivismus
Literatur über Städte mit anderen Augen sehen: Rezension zu Miles, Malcolm (2018): Cities and Literature. London/New York: Routledge.
In Cities and Literature gibt Malcom Miles einen umfassenden Überblick über die Wechselwirkungen zwischen Städten und Literatur. Dabei geht es vor allem um westliche Literatur der letzten 150-200 Jahre
Don’t worry, it’s just gentrification? Social and economic anxieties, fear of crime and displacement pressure in Düsseldorf’s train station district
Am Beispiel der Landeshauptstadt Düsseldorf untersucht der Beitrag, wie sich soziale Benachteiligung, Verdrängungsdruck und Kriminalität aus der Sicht der Bewohner_innen des Bahnhofsgebiets darstellen und welche Bedeutung allgemeinen sozialen und ökonomischen Ängsten im Hinblick auf diese Frage zukommt. Während die ökonomischen Ängste im gesamten Stadtgebiet relativ gleich verteilt sind, unterliegen die Bewohner_innen des sozial benachteiligten Bahnhofsgebiets zusätzlich dem Verdrängungsdruck, der durch die Folgen der baulichen Aufwertung und immobilienwirtschaftlichen Wertsteigerung entsteht. Die kommunale Verwaltung und die Bewohner_innen des übrigen Stadtgebiets nehmen das Bahnhofsumfeld als besonders kriminalitätsbelastet wahr, reagieren darauf mit Ordnungshandeln und fördern somit den weiteren sozialen und gewerblichen Aufwertungsprozess. Die für viele deutsche Bahnhofsgebiete typische Vermengung von allgemeinen und über das Wohnumfeld vermittelten Unsicherheiten und Konflikten bietet Instrumentalisierungspotenziale für politische Akteur_innen, die sich dieser Ängste annehmen, lokale Konkurrenzverhältnisse kulturalisieren und so eine soziale Spaltung der Stadtgesellschaft vorantreiben.Using the example of the state capital Düsseldorf, this article examines how social disadvantage, general social and economic anxieties, displacement pressure and crime are seen from the local residents’ perspective. While the economic anxieties are evenly distributed throughout the entire urban area, the residents of the socially disadvantaged station area are additionally subject to displacement pressure resulting from the consequences of the structural upgrading and increase in real estate value. Local authorities and residents of the rest of the urban area perceive the station environment as being particularly prone to crime, react with orderly actions and thus promote further social and commercial revaluation processes. The typical mix-up of uncertainties and conflicts in many German railway station areas offers instrumentalisation potential for political actors who address these fears, culturalise local competitive conditions and thus promote a social division of urban society