suburban. zeitschrift für kritische stadtforschung
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Model projects for the common good – an anthropological look at cooperative urban development in Berlin: Review of Rebecca Wall / Ignacio Farías / Felix Marlow (2024): Zaudern ums Gemeinwohl. Produktive Missverständnisse in der kooperativen Stadtentwicklung. Hamburg: adocs.
Das Buch widmet sich zwei Modellprojekten, dem Haus der Statistik am Alexanderplatz in Berlin-Mitte und dem sogenannten Rathausblock in Berlin-Kreuzberg. Die zentrale Erkenntnis des Buches lautet, dass Missverständnisse eine wesentliche Rolle bei Kooperationen spielen und dass diese sich durchaus produktiv auf deren Verlauf auswirken können. Missverständnisse zwischen den Beteiligten sind nach Ansicht der Autor:innen sogar wichtig, um handlungsfähig zu sein, da sie den heterogenen Akteur:innen helfen können, unterschiedliche Sichtweisen zu überbrücken und trotz unterschiedlicher Interessen gemeinsame Ziele zu formulieren. Um dies zu erreichen, schlagen die Autor:innen das Zaudern als eine selbstreflexive Praxis vor. Damit leisten sie einen wertvollen Beitrag zur aktuellen Debatte um kooperative und gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung. The book is dedicated to two model projects, the Haus der Statistik (House of Statistics) on Alexanderplatz in Berlin-Mitte and the Rathausblock (Town Hall Block) in Berlin-Kreuzberg. The central finding of the book is that misunderstandings play an essential role in cooperations and can have a productive effect on their progress. According to the authors, misunderstandings between the parties involved are even important for enabling action, as they can help the heterogeneous actors to bridge different perspectives and formulate common goals despite different interests. To achieve this, the authors propose hesitating as a self-reflective practice. In doing so, they make a valuable contribution to the current debate on cooperative urban development oriented towards the common good
(In)Human Urbanity: Black Geographies of the planetary
Aktuelle Debatten um planetare Transformationsprozesse unterscheiden regelmäßig zwischen nicht-menschlichen und menschlichen Akteur_innen, ohne die Kategorie des Menschen in ihrer räumlich-diskursiven Konstruktion und Reproduktion zu hinterfragen. Wir argumentieren, dass Menschsein keine selbstverständliche Kategorie ist, sondern eine umkämpfte räumlich-diskursive Praxis. Inspiriert von den Black Geographies und dem antikolonialen Denken Sylvia Wynters leisten wir einen Beitrag zum Verständnis (un)menschlicher Urbanität, der die historisch wechselseitige Konstitution der europäischen Stadt sowie planetarer Diskurse des Menschseins ins Zentrum rückt. Dazu skizzieren wir die Geographien Schwarzer Menschen im deutschsprachigen Raum in ihren planetaren Zusammenhängen zwischen räumlich-diskursiven Konstruktionen des (Un)Menschlichen und Reproduktionen der rassifizierten Stadt. Inmitten dieser (un)menschlichen Urbanität verweisen wir gleichzeitig auf alternative Narrative und Praktiken des Menschseins. Da unsere Ergebnisse die anhaltende Marginalisierung Schwarzer Lebenswelten und Erfahrungen in der deutschsprachigen Stadtforschung belegen, verweisen wir auf die Notwendigkeit einer Intervention durch Schwarze Geographien.Current debates on planetary transformation processes regularly distinguish between non-human and human actors, without questioning the category of the human in its spatial-discursive construction and reproduction. We argue that being human is not a self-evident category, but a contested spatial-discursive practice. Inspired by Black Geographies and the anti-colonial thinking of Sylvia Wynter, we contribute to the understanding of (in)human urbanity that focuses on the historically reciprocal constitution of the European city and planetary discourses of humanness. To this end, we outline the geographies of Black people in German-speaking countries in their planetary contexts between spatial-discursive constructions of the (in)human and reproductions of the racialized city. In the midst of this (in)human urbanity, we simultaneously point to alternative narratives and practices of being human. As our findings demonstrate the persistent marginalization of Black lifeworlds and experiences in German-speaking urban research, we point to the need for intervention by Black geographies
Housing as a Practice of Resistance: Between Political Economy and Everyday Life: Review of Moritz Rinn (2023): Arbeit am Wohnen. Münster: Westfälisches Dampfboot.
Das Buch Arbeit am Wohnen von Moritz Rinn bietet einen differenzierten und engagierten Beitrag zur kritischen Stadt- und Wohnforschung. Es analysiert die Schwierigkeiten der Aneignung von Wohnraum als städtische Ressource und verankert diese in einer Perspektive from below. Rinn verfolgt dabei einen interaktionistischen Ansatz, der sich durch eine klare Hinwendung zu den alltäglichen Praxen und Aushandlungen der Bewohner_innen auszeichnet. Die Rezension würdigt Rinns Beitrag zur kritischen Stadtforschung und diskutiert sowohl methodische Stärken als auch offene Fragen hinsichtlich der Verbindung zwischen mikrosozialen Dynamiken und strukturellen Entwicklungen. Abschließend werden Anknüpfungspunkte für weiterführende Forschungen und politische Implikationen herausgearbeitet.Moritz Rinn’s Arbeit am Wohnen offers a nuanced and engaged contribution to critical urban and housing research. The book analyzes the challenges of appropriating housing as an urban resource and situates them within a from below perspective. Rinn employs an interactionist approach, focusing on the everyday practices and negotiations of residents. This review assesses Rinn’s contribution to critical urban studies, highlighting both methodological strengths and open questions concerning the connection between microsocial dynamics and structural developments. Finally, the review explores avenues for further research and political implications
Anti-authoritarian struggles for life : Review of International Research Group on Authoritarianism and Counter-Strategies / kollektiv orangotango (Hg.) (2024): Beyond Molotovs – A visual handbook of anti-authoritarian strategies. Bielefeld: transcript.
Die Rezension befasst sich mit dem englischsprachigen Handbuch „Beyond Molotov“, das einen facettenreichen Einblick in kreativ-künstlerische Widerstände rund um den Globus gibt. Dabei treffen in dem Band politisch-philosophische Debatten auf Protestkunst und verkörperte Räume des Affektiven und Emotionalen. Diese perspektivischen Verschränkungen ermöglichen es, von vielfältigen, kontextbasierten antiautoritären Gegenstrategien zu lernen, die sich konsequent gegen den Autoritarismus und seine lokal spezifischen Kontaminationen richten.This review focuses on the English-language handbook “Beyond Molotov”, which provides a multifaceted insight into creative and artistic movements of resistance around the globe. In this volume, political-philosophical debates meet protest art and embodied spaces of the affective and emotional. These intertwined perspectives make it possible to learn from diverse, context-based anti-authoritarian counter-strategies that are consistently directed against authoritarianism and its locally specific forms of contamination
Making law understandable? The folding map as a visual intervention of critical urban research in the context of housing loss
Wie lässt sich juristische Sprache übersetzen – für Menschen, die von Räumung betroffen sind, aber keine juristische Ausbildung haben? Dieser Beitrag nimmt das Spannungsverhältnis zwischen gerichtlicher Sprache, behördlicher Kommunikation und der Alltagssprache städtischer Marginalisierter in den Blick. Ausgehend von ethnographischer Feldforschung in Amtsgerichten und Gesprächen mit Mieter:innen und Aktivist:innen, analysieren wir Formen der Sprachlosigkeit im Kontext von Wohnungsverlust. Im Zentrum steht eine künstlerisch-gestalterische Intervention: eine gemeinsam mit der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle entwickelte Faltkarte, die juristische Verfahren zugänglich machen will. Der Beitrag versteht diese Faltkarte nicht als rein informatives Medium, sondern als eine politische Übersetzungsarbeit – an der Schnittstelle zwischen kritischer Stadtforschung, visuellem Aktivismus und rechtlicher Selbstermächtigung.How can legal language be translated – for people affected by eviction who have no legal training? This article explores the tension between juridical language, bureaucratic communication, and the everyday speech of marginalized urban populations. Drawing on ethnographic research in district courts and interviews with tenants and activists, we analyze experiences of voicelessness in the context of displacement. At the center of this inquiry is a collaborative design intervention: a German-language brochure developed together with students at the Burg Giebichenstein University of Art and Design. This map does not aim to merely inform, but to translate – visually and linguistically – legal procedures in a way that enables self-empowerment. We argue that such translation work constitutes a political practice at the intersection of critical urban research, visual activism, and institutional critique
Empty spaces: A critique of the urban inventory
Im hier vorliegenden Text wird das Verhältnis zwischen bebauten und leer stehenden städtischen Räumen neu gedacht. Aufbauend auf theoretischen Gedanken und Konzepten von Jacques Derrida wird dabei die starre Gegenüberstellung von „Leere“ und „Bebauung“ in ein dynamisches Bezugsgeflecht überführt, in dem eine jeweilige Anordnung von bestimmenden technologischen, sozialen und menschlichen Elementen als jeweilge Infrastrukturen wirkungsmächtig werden. Unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Medien und anhand dreier ausgesuchter Pariser Fallbeispiele veranschaulicht der Aufsatz diese Gedanken. Die durch den materiellen wie auch räumlichen Bezug auf Paris erzielte Konkretisierung beinhaltet dabei die Schaffung von „Natur-“ und „Kulturräumen“, die ihrerseits das Potenzial der hier versuchten Umdeutung von „Leere“ vermittels eines poststrukturellen Ansatzes exemplifizieren.This text presents an attempt to rethink the relationship between built-up and empty urban spaces. Building on theoretical thoughts and concepts coined by Jacques Derrida, the rigid juxtaposition of „emptiness“ and „built over land“ is transformed into a dynamic network of references in which a respective arrangement of determining technological, social and human elements becomes effective indifferent forms of infrastructure. With the help of various media and materialities and based on three selected case studies from the context of Paris, France, the essay attempts to illustrate the potential of such a reformulated approach to „vacancy“ in concrete terms
On right-wing settlers\u27 imaginaries of nature and the future: Comment on Johann Braun and Anke Schwarz „Regression als Aufbruch? Kritische Geographien rechter Zukunftsentwürfe“
Inspiriert von Forderungen, die Beziehung zwischen rechtsgerichteten politischen Philosophien und der Zukunft neu zu überdenken, untersucht dieser Beitrag anhand von Vignetten und Anekdoten aus der empirischen Arbeit über die Szene völkischer Siedler*innen in Deutschland, wie Zukunftsvorstellungen in völkischen Netzwerken konzipiert und umgesetzt werden. Der Beitrag beginnt mit einer Diskussion verschiedener Auffassungen von Fortschritt sowie des politischen Adjektivs progressiv, bevor er theoretische Literatur zu Faschismus und Zukunft diskutiert. Anschließend verwendet er die Figuren des Kindes, der Familie und der Utopie, um die Produktion ausgrenzender Zukunftsvorstellungen in der völkischen Rechten zu untersuchen und zu kritisieren.Inspired by calls to rethink the relationship between right-wing political philosophies and the future, this contribution uses vignettes and anecdotes from empirical work on the völkisch settler scene in Germany to examine how future imaginaries are being conceptualised and acted upon in völkisch networks. It begins with a discussion of different understandings of progress and the political adjective progressive, before discussing theoretical literature on fascism and the future. It then uses figures of the child, the family, and utopia to explore and critique the production of exclusionary conceptions of the future on the völkisch right
The favela as political challenge to our research work: Review of Stephan Lanz (2021): Das Regieren der Favela. Gewaltherrschaft, Populärkultur und soziale Kämpfe in den Peripherien von Rio de Janeiro. Bielefeld: transcript.
In diesem Beitrag wird Stephan Lanz’ facettenreiches Werk Das Regieren der Favela. Gewaltherrschaft, Populärkultur und soziale Kämpfe in den Peripherien von Rio de Janeiro besprochen. Es werden dabei die Struktur des Buches vorgestellt, die vielfältigen Einblicke, die das Buch in das Leben in Favelas ermöglicht, hervorgehoben sowie kritisch einige von Lanz’ Schussfolgerungen zu Fragen, was Favelas ausmacht und wie in ihnen regiert wird, reflektiert. Gleichzeitig wird betont, dass die urbane Peripherie in ihrer Komplexität für unsere Forschungsarbeit eine politische Herausforderung darstellt, der wir uns offen und selbstkritisch stellen sollten.This article discusses Stephan Lanz’s multifaceted work Das Regieren der Favela. Gewaltherrschaft, Populärkultur und soziale Kämpfe in den Peripherien von Rio de Janeiro. The structure of the book is presented, the diverse insights that the book provides into life in favelas are highlighted, and some of Lanz’s conclusions on questions of what constitutes favelas and how they are governed are critically reflected upon. Here it is emphasized that the urban periphery in its complexity represents a political challenge for our research work, which we should address openly and self-critically
Microsegregation and the intensification of negative segregation effects: Observations from the practice of neighborhood work
Dieses Essay, geschrieben aus der Perspektive von Stadtteilarbeiterinnen in einer Großwohnsiedlung am Berliner Stadtrand, beschreibt eine Ausdifferenzierung sozialer Segregationsmuster sowie damit verbundener Segregationseffekte. Gleichzeitig plädiert es für mehr Forschung und die theoretische Weiterentwicklung der Begriffe Hyper- beziehungsweise Mikrosegregation. Beschrieben wird eine spezifische Form sozialer Segregation, die durch eine sehr kleinräumige wohnräumliche Konzentration von sozial benachteiligten Haushalten gekennzeichnet ist. Bestehende empirische Daten zur sozialen Segregation erfassen nicht alle relevanten Dimensionen und spezifischen Bedarfe, auch greift der traditionelle Ansatz der Segregation zu kurz, um die besonderen Herausforderungen auf der Mikroebene zu erfassen. Zur Schließung dieser Forschungslücke und zum besseren Verstehen der komplexen Lebensrealitäten in segregierten Stadtteilen sollten qualitative Methoden und ethnographische Studien stärker in den Fokus rücken. Die beschriebenen Beobachtungen verdeutlichen zudem die Dringlichkeit eines umfassenden Ansatzes zur Beantwortung der Herausforderungen in segregierten Stadtteilen, um die Lebensqualität der dort lebenden Menschen zu erhöhen und die gesellschaftliche Kohäsion zu stärken.This essay, written from the perspective of neighborhood workers in a large housing estate on the outskirts of Berlin, describes a differentiation of social segregation patterns and associated segregation effects and argues for more research and the theoretical further development of the terms hyper- and microsegregation. A specific form of social segregation is described, which is characterized by a very small-scale residential concentration of socially disadvantaged households. Existing empirical data on social segregation do not capture all relevant dimensions to describe these new patterns of segregation. The traditional approach of segregation falls short of capturing the specific challenges at the micro level. In order to close this research gap, qualitative methods and ethnographic studies should be given greater focus. The observations described also illustrate the urgency of a comprehensive approach to address the challenges in segregated neighborhoods in order to increase the quality of life of the people living there
Segregation in primary schools and the production of inequality
In vielen deutschen Städten zeigt sich auf der Grundschulebene ein zum Teil gravierendes Ausmaß an Segregation. Dies ist problematisch, da insbesondere in der Grundschule zentrale Weichenstellungen für die soziale Mobilität und den sozialen Zusammenhalt erfolgen. Der vorliegende Beitrag untersucht am Beispiel einer Großstadt in NRW die Ursachen von Grundschulsegregation. Basierend auf einer Kombination quantitativer und qualitativer Daten zeigt die Analyse, wie räumliche, individuelle und institutionelle Faktoren sowie deren Wechselwirkungen zur Entstehung und Verstärkung von Schulsegregation beitragen, und verdeutlicht damit die Komplexität der Segregationsprozesse im Bildungssystem. Ein besseres Verständnis dieser Wechselwirkungen ist nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive unerlässlich, sondern auch, um Maßnahmen zur Linderung von Schulsegregation zielgerichtet einsetzen zu können.In many German cities, there is a serious degree of segregation at primary school level. This is problematic since primary schools are a key determinant of social mobility and social cohesion. This article examines the causes of primary school segregation in a large city in North Rhine-Westphalia. Based on a combination of quantitative and qualitative data, our findings show how spatial, individual, and institutional factors, as well as their interactions, contribute to the emergence and reinforcement of school segregation. This illustrates the complexity of segregation processes within the education system. A better understanding of these interactions is essential not only from a scientific perspective, but also to enable the implementation of targeted measures to alleviate school segregation