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Hüte deine Seele! Die Fünf Sinne und ein Verhaltensgebot im Garten der Lüste von Hieronymus Bosch
Der Aufsatz schlägt vor, im Garten der Lüste von Hieronymus Bosch ein Rad der Sinne sowie ein "Verhaltensgebot" zu erkennen. Damit wäre das Bild als eine spielerische Sinnestheorie mit moralisch-didaktischer Geste zu verstehen.
In den Fruchthüllen unten links im Vordergrund der Mitteltafel, in denen Figuren essen, sich umarmen usw., ist ein 5-teiliges "Rad der Sinne" versteckt. Es ist kein "normaler" Sinnenkreis, sondern ein moralisch bewertetes Sünden-Sinnen-Rad. Von der Mitte aus, wo eine Ente pseudo-liturgisch einen Mann füttert (Geschmack) geht es nach links zum Griff zum Kinn mit angedeutetem Kuss und zum gestochenen Finger (Tastsinn). Dann weiter zur durchsichtigen Hülle. Die Kugeln am Stengel sind so gesehen von anatomischen Abbildungen der Augenkugel am Sehnerv abgeleitet (Sehsinn). Es folgt weiter im Uhrzeigersinn eine Kugel mit Fäulnisbewuchs und überreifen Früchten auf dem Wasser (Geruch). Die fünfte Station ist die Folge des Sinnenmissbrauchs bis hierher, das Nicht-Hören, in der bleichen Fruchtschale neben dem roten Zelt.
Es lässt sich zeigen, dass das Sinnen-Rad nicht klassisch nach der jeweiligen Reichweite der Sinnesleistungen, sondern nach religiösen Kriterien geordnet ist und den Missbrauch summiert. Zum Beispiel sind die beiden "untersten" Sinne Geschmacksinn und Tastsinn als die beiden größten und gleichsam als Basis angeordnet, und der verrufene Tastsinn wurde noch einmal ein Stück näher an die Betrachter gerückt. Wie Adam im Paradies Gott anschaut – das Vorbild christlichen Verhaltens "im Angesicht" Gottes – wird durch das Sehen des Mannes in der gläsernen Kugel (auf die Frau) persifliert.
Über die Indizien an den 5 Stationen hinaus liefert die Mitte, die Nabe, die Bestätigung für das Sinnenrad. Nach der vorherrschenden Sinnestheorie um 1500 wurden die äußeren Sinne angeleitet, kontrolliert, systematisiert von einem der inneren Sinne, meist vom sensus communis. Dieses Zentrum der Sinne ist hier der Muschel-Träger mit dem Paar darin. Die Meldungen der Sinne führen also zum – so wäre es zu imaginieren – kopulierenden Paar. Eine Seele, die ihre Sinne so missbraucht wie hier im Sinnenrad geschieht, kann nur so enden wie der Baummensch in der Hölle – was durch die parallelen Formen und Handlungen zwischen Muschelträger und Baummensch zum Ausdruck gebracht ist.
Das "Verhaltensgebot", das als isolierte Szene auch eine "Verstehensanweisung" für das gesamte Bild ist, wird durch drei Männer an der unteren Bildkante formuliert. Sofort fallen durch die Parallelchoreographie die Rückenbögen zweier der Männer auf. Sie sind ebenso gebeugt, wie der Bogen der Muschel des Muschelträgers und der Bogen des Eikörpers des Baummenschen verlaufen. Der aufrechte Mann zwischen ihnen dagegen nimmt die gleiche vorbildliche Haltung wie Adam ein. Diese Dreiergruppe wird als Gegensatz zwischen der recto intentio des mittleren Mannes und den anderen beiden als homo curvatus verstanden. Als curvatus verstanden Kirchenlehrer und Interpreten von Augustinus bis Luther den irdischen Menschen, der sich von den himmlischen Dingen abgewendet und den weltlich-sinnlich-irdischen zugewendet, "hingebeugt", habe.
Was bereits in ihren Körperhaltungen zum Ausdruck gebracht ist, bestätigt ihr "Essverhalten". Der aufrechte Mann hält eine sehr kleine Frucht in der Hand, die beiden anderen machen sich an riesigen Früchten zu schaffen. Die beiden gebeugten Männer schlagen ihre Zähne in die Objekte ihrer Begierde bzw. träumen davon, es zu tun – denn der vordere der Gebeugten hat nur noch Vertrocknetes zur Verfügung.
Das "Verhaltensgebot" der drei Männer gibt somit auch eine "Leseanweisung"’ für das gesamte Bild vor. Von den gebeugten Rücken zweier der Männer her, die in den Bögen des Muschelträgers und des Eis beim Baummenschen wiederkehren, ist es unmöglich, dass das Essen der Früchte im Bild neutral oder gar positiv bewertet ist.
Den Garten der Lüste in der skizzierten Weise zu lesen, legt weitreichende Konsequenzen für die Interpretation des Bildes nahe. Es ist alles andere als ein überfülltes Wimmelbild. Es öffnet sich viel detaillierter als bisher analysiert und auch in eine bisher nicht vermutete Richtung. Der Garten der Lüste erteilt ein konkret auf die Sinne gemünztes Verhaltensgebot, und zwar anhand einer spielerischen Sinnestheorie
Hybride Kunststrategien und ihre Bewertbarkeit. Eine methodenkritische Reflexion zu partizipativer Kunst und den Möglichkeiten, Grenzen, Voraussetzungen und Konsequenzen ihrer Auswertung und Beurteilung
Die von den einzelnen Fachdisziplinen ausgebildeten unifokalen Methoden reichen zur Beurteilung partizipativer Kunst nicht aus, da sie jeweils Einzelaspekte betrachten, aber der Ambivalenz sozialkünstlerischer Ansätze nicht gerecht werden. Damit ist die Grundproblematik der methodologischen Forschung zu beteiligungsbasierten hybriden Kunstprojekten skizziert: Da das Medium gesellschaftlicher Transformation bei partizipativer Kunst explizit künstlerisch ist oder zumindest so postuliert wird und eben nicht (nur) politisch, therapeutisch, pädagogisch, stellt sich die Frage, wie diese spezifisch künstlerische Qualität der eingesetzten Strategie, des Instrumentariums, des Settings und der Wirkung beurteilt werden kann
Die runden Wappentafeln der Zünfte und die Quadratur des (Wappen-) Kreises
Die Untersuchung des heraldischen Gestaltungsmittels des Wappenkreises versteht sich als Fortsetzung der erstmaligen Aufarbeitung des Objektbestandes der runden Wappentafeln der Zünfte, welche unter dem Titel "Zunftscheibe, Zunfttafel, Totentafel oder Meistertafel? Die runden Wappenschilde der Zünfte" im Tagungsband der internationalen Konferenz "Material Culture. Präsenz und Sichtbarkeit von Künstlern, Zünften und Bruderschaften in der Vormoderne" publiziert wird.
Somit wird hier hauptsächlich der Frage nach möglichen Vorbildern für das besondere Erscheinungsbild der runden Wappentafeln der Zünfte nachgegangen. Als Ergebnis dieser Untersuchung steht die bisher ausführlichste Darstellung der Genese des heraldischen Gestaltungsmittels des Wappenkreises und seiner Bedeutung, wie sie sich von der Mitte des 13. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts nachvollziehen lässt
Der Naumburger Welterbe-Antrag - ein wissenschaftliches Desaster. Förderverein Welterbe an Saale und Unstrut (Hrsg.): Macht. Glanz. Glaube. Auf dem Weg zum Welterbe. Eine Zeitreise in die hochmittelalterliche Herrschaftslandschaft um Naumburg. Wettin-Löbejün (Verlag Janos Stekovics) 2013. - [Rezension]
Die Rezension des Bandes ‚Macht. Glanz. Glaube’ - das ist die Publikumsversion des Naumburger Welterbeantrags aus der Feder derselben Autoren, die auch den offiziellen Antrag verfasst haben - erscheint zu einem Zeitpunkt (März 2017), als die Entscheidung über Annahme oder Ablehnung des Naumburger Zweitantrags wohl schon gefallen ist, aber noch der Veröffentlichung harrt.
Der Rezensent kennt diese Entscheidung nicht. Er fühlt sich aber aufgefordert, noch vor deren Publizierung zu einem Thema Stellung zu nehmen, über das er seit mehr als zehn Jahren wissenschaftlich arbeitet und publiziert. Unter diesen Publikationen befindet sich u.a. seine Dissertation aus dem Jahr 2009, eine Monographie zum Naumburger Stifterzyklus 2012 (Zweitauflage 2013), und auch eine Kritik am Icomos-Gutachten zum Naumburger Erstantrag, veröffentlicht 2015 hier auf ART-Dok.
Wie immer die Entscheidung von Icomos und der Unesco im Mai und Juli dieses Jahres (2017) zur Zweitversion des Naumburger Welterbeantrags ausfallen mag, sie wird richtig und falsch zugleich sein: richtig im Falle einer Annahme, was die Sache anlangt, falsch aber, was die wissenschaftliche Qualität des Antrags anlangt, und umgekehrt.
Im Folgenden geht es ausschließlich um eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme und Kritik der Beiträge in ‚Macht. Glanz. Glaube’, wobei der Rezensent gleichzeitig genügend Hinweise gibt, wie ein wissenschaftlich seriöser Antrag hätte ausfallen müssen, den die vorliegenden Beiträge des Bandes in Anspruch und Darstellung durchweg verfehlen
Envidiosos e ignorantes: iconografías polémicas del mundo artístico en época moderna (s. XVI–XVII)
Merians Insektenbuch: zum Umdruckexemplar der Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums
Das Germanische Nationalmuseum besitzt unter der Signatur gr.2° Kz MER 34/17 [S] eins der seltenen Umdruckexemplare von Maria Sibylla Merians Surinambuch, das unter seinem lateinischen Titel "Metamorphosis insectorum Surinamensium" in die Forschung eingeführt wurde. Innerhalb dieser Gruppe der Umdrucke zeichnet es sich nicht nur durch sein Großfolio-Format aus (73x50 cm). Es wurden außerdem alle Stechersignaturen beim Druck abgedeckt und sieben der insgesamt 60 Tafeln weisen händische Korrekturen an den Grafiken auf. Durch dieses Maßnahmenpaket kommen die Stiche dieses Exemplars den Aquarellen der Vorlage wieder erstaunlich nahe. Der Beitrag beschreibt die in Aquarellfarben gemalten Ergänzungen an Blättern, Stielen und Zweigen, die die Harmonie, die von Merians ursprünglichen Pflanzenkompositionen ausgeht, auch in der Druckausgabe erfahrbar werden lassen
Schlösser, Schlosskapellen und Patronatskirchen. Monumente der wettinischen Reformationsfürsten
Kooperationen im Kunstmarkt. Eine explorative Studie zu Galerienhäusern und -geländen in Deutschland
In einem hochkompetitiven Feld mit vielen Wettbewerbern können Galerien zur Behauptung und Stärkung der eigenen Position u.a. Netzwerkstrategien mit verschiedenen Variationen von Kooperationen einschlagen. Wie sind in diesem Themenkomplex Cluster zu verorten, bei denen sich Galerien in Gebäuden oder auf Geländen zusammenschließen? In einer explorativen Studie geht Nadine Oberste-Hetbleck gemeinsam mit Studierenden ihres Oberseminars dieser Frage nach