GenderOpen - Repositorium für die Geschlechterforschung
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(Neu-)Politisierungen in feministischen New Materialisms: Elizabeth Grosz, Jane Bennett und Rosi Braidotti
Gender and Violence in Contexts of Migration and Displacement
Diese Sonderausgabe geht auf das Sommersymposium Reconsidering gender-based violence in the context of displacement and migration zurück, welches am 6. und 7. Juli 2017 an der Georg-August-Universität Göttingen stattfand.
In den folgenden Arbeitspapieren werden verschiedene Formen geschlechtsspezifischer Gewalt untersucht, wobei die Schwachstellen des Mainstream-Feminismus vermieden werden, welcher Stereotype von Opferidentität und Marginalisierung reproduziert. Stattdessen betonen die Autorinnen die Rolle der Macht in Bezug auf verschiedene Arten von geschlechtsspezifischer Gewalt und achten dabei auf die komplizierten Ungleichheiten, die das Leben der Opfer strukturieren. Die Autorinnen tragen zu einem intersektionellen und akteurfokussierten Verständnis von geschlechtsspezifischer Gewalt unter Bedingungen der Mobilität innerhalb oder außerhalb von Nationalstaaten bei
Indonesian Migrant Domestic Workers’ Appropriation of a National Ritual
This article takes into view negotiations over the behaviour of Hong Kong-based Indonesian domes-
tic workers as morally upright and respectable citizens. In collaboration with private agencies, the
Indonesian government has actively promoted the temporary outmigration of female workers into
low-waged and precarious employment arrangements as a strategy to combat unemployment and
generate remittances, foreign exchange and development. The Indonesian labour migration program
is, however, faced with the public’s anxieties and indignation over migrant domestic workers’ experi-
ences of gender-based violence abroad and concerns over national dignity. As pointed out by a num-
ber of feminist studies, “labor brokerage states” (Rodriguez 2010) meet the gendered contradictions
of their labour migration programmes with appeals to migrant domestic workers’ morality. This arti-
cle makes use of Judith Butler’s notion of “normative violence” (Butler 1999, 2004) to frame these
appeals as subtle forms of discipline that police and regulate Indonesian migrant domestic workers. It
addresses the strong role of female morality in defining which workers deserve protection and which
workers can adequately represent the Indonesian nation on the international stage. By taking the case
of Hong Kong-based Indonesian domestic workers’ self-organised and distinct enactment of a na-
tional ritual on Independence Day 2014, I discuss how they appropriate norms of national belonging
and how at the same time they challenge the subtle forms of violence inherent in moralising notions
of gendered “migrant citizenship” (Rodriguez 2010).
Dieser Artikel befasst sich mit den Verhandlungen über das Verhalten indonesischer Hausangestellter
in Hongkong als moralisch aufrechte und respektable Bürger_innen. In Zusammenarbeit mit privaten
Organisationen hat die indonesische Regierung aktiv die temporäre Abwanderung von Arbeitnehmer_innen in prekäre Beschäftigungsverhältnisse gefördert, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und Rücküberweisungen, Devisen und Entwicklung zu generieren. Das indonesische Arbeitsmigrationsprogramm ist jedoch mit den Ängsten und der Empörung der Öffentlichkeit über die geschlechtsspezifischen Gewalterfahrungen der Hausarbeiter_innen im Ausland und Bedenken hinsichtlich der nationalen Würde konfrontiert. Wie in einer Reihe von feministischen Studien festgestellt wurde, begegnen „Arbeitsvermittlungsländer“ (Rodriguez 2010) den geschlechtsspezifischen Widersprüchen ihrer Arbeitsmigrationsprogramme mit Appellen an die Moralität von Arbeitsmigrant_innen. Dieser Artikel verwendet Judith Butlers Begriff der „normativen Gewalt“ (Butler 1999, 2004), um diese Appelle als subtile Formen der Disziplinierung darzustellen, die indonesische Hausangestellte überwachen und regulieren. Er bespricht die ausgeprägte Rolle der weiblichen Moral bei der Definition, welche Arbeitnehmer_innen Schutz verdienen und welche Arbeitnehmer_innen die indonesische Nation auf internationaler Ebene angemessen vertreten können. Anhand eines selbstorganisierten und eigens konzeptualisierten Rituals von in Hongkong lebenden indonesischen Hausangestellten am Tag der Unabhängigkeit in 2014, diskutiere ich, wie sie sich die Normen der nationalen
Zugehörigkeit aneignen und gleichzeitig die subtilen Formen der Gewalt, welche moralisierenden Vorstellungen von geschlechtsspezifischer „migrantischer Staatsbürgerschaft“ (Rodriguez 2010) innewohnen, herausfordern
Das Politisierungsparadox. Warum der Rechtspopulismus nicht gegen Entpolitisierung und Ungleichheit hilft
Der Beitrag kritisiert die bei linken Autorinnen und Autoren beliebte These, der zufolge der Rechtspopulismus trotz seiner problematischen Züge den politischen Möglichkeitsraum erweitere, indem er einen entpolitisierten Liberalismus überwinde und soziale Ungleichheit wieder auf die Agenda setze. Die im Beitrag vertretene Gegenthese lautet, dass der Rechtspopulismus selbst konstitutiv eine spezifische Form der Entpolitisierung und der Naturalisierung von Ungleichheit darstellt. Eine wichtige Dimension dieser Naturalisierung von Ungleichheit stellen die gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse dar. Die Angriffe auf die Demokratisierung der Geschlechterverhältnisse durch den Rechtspopulismus sind keine zufälligen Verirrungen, die dem Phänomen äußerlich wären. Vielmehr offenbart gerade die antifeministische Obsession, dass es dem Rechtspopulismus nicht darum geht, gesellschaftliche Verhältnisse zu politisieren, sondern darum, sie in autoritärer Weise zu stabilisieren. Um den Doppelcharakter zu fassen, der darin liegt, dass der Populismus zwar quantitativ durchaus für eine Mobilisierung vormals politikverdrossener Milieus sorgt, qualitativ aber maßgeblich die Entpolitisierung des Zusammenlebens betreibt, wird der Begriff des Politisierungsparadoxes eingeführt
Modisches Handeln als Strategie der Veruneindeutigung? Eine kritische Diskursanalyse über ‚islamische Mode‘
Der Beitrag beschäftigt sich mit dem medialen Sprechen über vestimentäre Praktiken rund um ‚die islamische Mode‘. Mithilfe der Wiener Kritischen Diskursanalyse argumentiere ich dafür, dass eine postkoloniale Perspektive auf das Themenfeld von Mode und Geschlecht unabdingbar ist. So lässt sich durch die Analyse von deutschsprachigen Berichterstattungen, die durch Interviews mit Expertinnen und ethnografischen Beobachtungen flankiert wurden, die Janusköpfigkeit von modischen Handlungen aufzeigen: Einerseits besitzen modische Handlungen das Potenzial, fixierte Bedeutungen von vergeschlechtlichten und religiös konnotierten Kleidungsstücken zu veruneindeutigen, andererseits können sich in modischen Handlungen und im Sprechen über sie koloniale Blick- und Denkregime aktualisieren. Insbesondere das Stereotyp ‚der unterdrückten muslimischen Frau‘ wird immer wieder aufgerufen und dient in den Berichterstattungen dazu, ein ‚Gegenbild‘ zu konstruieren: die schöne, selbstbestimmte, kauffreudige Muslimin. Durch die referentielle Strategie der Synekdoche und Generalisierung wird dieses ‚Gegenbild‘ homogenisiert, exotisiert und gleichzeitig vereinnahmt
Rechtspopulismus und Geschlecht. Paradox und Leitmotiv
Der Artikel beschäftigt sich mit deutschen und europäischen rechtspopulistischen Vorstellungen von Geschlechterregimen. Aufgefunden wird dabei ein paradoxes Ineinandergreifen von traditionellen und modernen Elementen. Modernität entsteht durch eine auffällige Häufung weiblicher Führungspersönlichkeiten und durch einen abendländischen ‚Sexuellen Exzeptionalismus‘ gegenüber angenommener Rückständigkeit muslimischer Migrant_innen. Traditionalität wird verpackt in Sprachpolitiken wie eingeforderter Wertschätzung von ‚Vollzeitmutterschaft‘ oder Erzählungen von ‚freier Wahl‘. Eine demokratische Gleichheit der Geschlechter wird gefährdet durch ein Konzept ‚natürlicher‘ Unterschiede, das weiterhin auf geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung basiert
Feministische Herausforderungen an das Flüchtlingsrecht: von der zweiten zur dritten Welle
Der Beitrag wirft einen feministischen Blick auf das Flüchtlingsrecht. Der zunächst für den klassischen politischen – und männlichen – Dissidenten entworfene Flüchtlingsbegriff hat in den vergangenen Jahren eine tiefgreifende Transformation erfahren, die sich gut mit der zentralen These der zweiten Welle des Feminismus greifen lässt: Das Private ist politisch. Die Aufweichung zwischen öffentlichem und privatem Bereich führte zu einem grundlegenden Wandel, der es ermöglichte, dass bestimmte geschlechtsspezifische Verfolgungssituationen ebenfalls von der Definition erfasst werden können. Nach diesem großen Erfolg hat das feministische Engagement mit dem Flüchtlingsrecht aber stark nachgelassen. Der Beitrag arbeitet fortbestehende Herausforderungen heraus und zeigt auf, dass auch die dritte Welle des Feminismus wichtige Lehren zur Weiterentwicklung des Flüchtlingsrechts bereithält
Gender Construction in Experiment-Based Biology Lessons
Experimental investigations are an integral part of biology education because they demonstrate essential methods of obtaining knowledge in the natural sciences and generate high levels of learning activity. However, gender differences can arise during experimentation just as in other teaching situations. This article shows examples of social gender construction that may occur in experimental work. To this end, experimental group work was recorded on video and was assessed by the method of film image sequence analysis. The video segments revealed clearly distinguishable behavioral patterns used by the students to establish an identification as a girl or boy. For example, gender-related differences referred to preferring household appliances (girls) or technical instruments (boys) when experimenting, and acting in an attentive (girls) or attention seeking way (boys) during group work. The disadvantage of these patterns is that they may restrict the unfettered development of the personality and, among other things, make it difficult for girls to feel competitive in experimental sciences. In order to balance the situation, teachers must be able to notice these patterns and must know about strategies to broaden students’ behavioral range. Concrete proposals for such strategies being applicable in biology lessons but also in other subjects are given in the discussion of this article
„Aussehen ist nicht wichtig!“ – Zum Verhältnis von Körperbildern und Körperpraktiken bei der Herstellung von Geschlecht durch männliche und weibliche Jugendliche
In unserem Beitrag gehen wir der Frage nach, inwiefern Praxen der Herstellung von Geschlecht durch Jugendliche in Körperbildern sichtbar werden. Untersucht werden SchülerInnen der 7. Klasse an Hauptschulen und Gymnasien über ein methodisches Vorgehen, das als „Gruppenwerkprozess“ eine Erweiterung des Gruppendiskussionsverfahrens auf der visuellen Ebene durch die „Bilder-Collage“ und das „Gruppen-Selfie“ darstellt. Am Beispiel von zwei kontrastierenden Fällen können entsprechende Praxen über die dokumentarische Methode sichtbar gemacht werden
Körper und Widerstand im Roman „Vaca sagrada“ (1991) von Diamela Eltit
Im Roman „Vaca sagrada“ (1991) von Diamela Eltit, der während der chilenischen Transition veröffentlicht wurde, wird die Erfahrung sexualisierter Gewalt und politischer Repression unter der Diktatur aufgearbeitet. Gleichzeitig werden gesellschaftspolitische Herausforderungen der jungen chilenischen Demokratie angesprochen: Auch nach Ende der Militärdiktatur Augusto Pinochets bleibt nämlich der menschliche Körper Verdichtungsort von kulturellen, historisch und sozial gewachsenen Geschlechtervorstellungen, die zu Benachteiligungen von Menschen innerhalb der chilenischen Gesellschaft führen.
In „Vaca sagrada“ stellt Eltit die Konstruiertheit von Geschlecht heraus, indem sie die Menstruation, die innerhalb der christlich geprägten chilenischen Gesellschaft als kulturgeschichtliches Stigma des weiblichen Körpers verstanden wird, für ihre politische Botschaft fruchtbar macht. Über die Symbolik des Menstruationsblutes entfaltet der Roman eine subversive Ästhetik, die dem Konzept von Homogenisierung und Normierung der Gesellschaft unter der chilenischen Militärdiktatur gegenläufig ist und der es gelingt, als Intervention im Sinne Stuart Halls kulturelle Bedeutungen neu zu akzentuieren