GenderOpen - Repositorium für die Geschlechterforschung
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Stillen als wissenschaftlicher Gegenstand. Epistemologische Überlegungen zur Untersuchung einer „natürlich sozialen Tatsache“ am Beispiel des medizinischen Diskurses
Im gesellschaftlichen Diskurs um das Stillen ist gegenwärtig, trotz fundierter sozialwissenschaftlicher Kritik, immer noch die Position als hegemonial zu bezeichnen, die das Stillen als die beste Form der Säuglingsernährung sieht. Um die Hintergründe für die Macht dieser Position besser verstehen zu können, befragt der Aufsatz medizinische Publikationen aus über einem Jahrhundert aus der wissenschaftstheoretischen Perspektive der französischen Epistemologie und zeichnet die sich darin zeigende Wissensordnung um das Stillen nach: Wie hat sich das Stillen als wissenschaftlicher Gegenstand infolge der Verwissenschaftlichung der Medizin konstituiert? Wie wurde er im Kontext moderner Dichotomien zwischen dem Natürlichen und dem Sozialen positioniert? Welche Hierarchien wurden damit bedient, stabilisiert oder unterlaufen? Zentral für die Argumentation sind drei Erkenntnishindernisse im Sinne Gaston Bachelards, die im Untersuchungszeitraum des 19. Jahrhunderts eine Verschiebung des Gegenstands Stillen von einer natürlichen zu einer „natürlich sozialen Tatsache“ erschwerten: die Hybridität der Medizin als Disziplin, die kumulative Praxis der medizinischen Forschung und ihr Fokus auf die Mutter-Kind-Dyade
Females in the Life Sciences Benefit Less from Their Integration into the Scientific Community
Female researchers remain underrepresented in higher academic ranks, even within female-dominated fields, such as the life sciences. The phenomenon is often attributed to women’s lower publication productivity. The current article explores gender differences with respect to integration into the scientific community, pursued tasks during the Ph.D. (e.g., teaching and research), and publication productivity in the life sciences. Moreover, it explores how these variables relate to the intention of pursuing an academic research career. Survey data with recent Ph.D. graduates from the life sciences in Germany (N = 736) were analyzed through descriptive and multivariate analysis. Females had fewer publications as lead author (1.4 vs. 1.9, p = 0.05). There were no differences in pursued tasks, perceived integration into the scientific community, and co-authorship. However, Ph.D. characteristics affected females and males differently. Only male Ph.D. graduates benefited from being integrated into their scientific community by an increase in lead author publications. In contrast to male Ph.D. graduates, women’s academic career intentions were significantly affected by their integration into the scientific community and co-authorship. Results suggest that women may benefit less from their integration into the scientific community and may ascribe more importance to networks for their career progress
The Social, Educational, and Market Scenario for nZEB in Europe
Nearly Zero Energy Buildings (nZEB) are a significant part of the energy efficiency strategy of the European Union. As buildings represent approximately 40% of the final energy use in Europe, the reduction of their energy demand is key for a sustainable future. This paper takes a qualitative approach and presents data about professional and market barriers, as well as the educational market in relation to the implementation of nZEB policies for new and retrofit buildings in 11 European countries. Different levels of policy enactments and market penetration are reported and are generally found to be more advanced in western and central European countries. Furthermore, gender equality is examined in the building sector in relation to nZEB and presents significant gaps, with a more balanced situation reported in southern Europe. The accreditation and targeted education of nZEB experts is still almost non-existent in the examined countries, and the need for training of building professionals is highlighted as a critical missing component of current policy. This research aims to be the first step towards the creation of educational material and programmes as a mean to accelerate the transition to nZEB
Frauen in der Informatik: Können sie mehr als sie denken? Eine Analyse geschlechtsspezifischer Erfolgserwartungen unter Informatikstudierenden
Obwohl ein Anstieg des Frauenanteils in den Informatikstudiengängen zu verzeichnen ist, gilt die IT-Branche nach wie vor als Männerdomäne. Der weibliche Anteil in deutschen IT-Abteilungen beträgt knapp 10 Prozent (Weitzel et al. 2017). Ein Grund für die mangelnde Präsenz der Frauen im IT-Bereich könnte die geringere Erfolgserwartung der Studentinnen im Studium sein. In diesem Beitrag wird untersucht, ob vorangegangene Schulleistungen sowie intrinsische Motivation für die Studiengangswahl, nämlich Begabung und Interesse für das Fach, die subjektive Einschätzung des Studienerfolgs von Informatikstudierenden beeinflussen. Obwohl Studentinnen sich im Vergleich zu ihren Kommilitonen in ihren durchschnittlichen Mathematikleistungen nicht signifikant unterscheiden und sie im Durchschnitt die bessere Abiturabschlussnote erzielen, unterschätzen sie sich in ihrem persönlichen Studienerfolg signifikant, insbesondere in stark techniklastigen Informatikstudiengängen. Ebenso können Studentinnen von einer hohen intrinsischen Motivation, hinsichtlich ihrer Erfolgseinschätzungen im Studium nicht profitieren. Die durchgeführte Analyse bezieht sich auf das Datenmaterial aus dem ESF-Forschungsprojekt „Alumnae Tracking“
Zeit-Nischen oder Familienzeit? Väter und der Umgang mit den Widersprüchen flexibler Arbeitsformen
Flexible Arbeitsmodelle gewinnen heute an Bedeutung – ebenso wie die Vorstellung einer „involvierten“ Vaterschaft. Hinsichtlich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie erweisen sich flexible Formen der Arbeit für Väter jedoch als ambivalent: Einerseits bieten sie Vätern neue Spielräume, andererseits stehen sie für problematische Trends der Arbeitsverdichtung, denen insbesondere Männer aufgrund traditioneller Arbeitsnormen ausgeliefert sind. Dieser Beitrag geht der Frage nach, wie Väter die Widersprüche flexibler Arbeitsmodelle im Kontext von Vereinbarkeitsansprüchen handhaben. Empirische Grundlage bilden problemzentrierte Interviews mit 32 Vätern aus familienfreundlichen Unternehmen und Verwaltungen der Schweiz. Die Resultate zeigen, dass flexible Arbeitsmodelle Vaterschaftspraxen nur auf symbolischer Ebene verändern, wenn sie von traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit und Familie begleitet sind. Erst verknüpft mit partnerschaftlich-egalitären Vorstellungen und unterstützt von einer Arbeitskultur, welche der Sorgeverantwortung von Vätern ausdrücklich Rechnung trägt, können flexible Arbeitsformen auch bei Vätern zu einem Mehr an Familienzeit im Sinne einer gleichberechtigt(er)en Teilhabe an der Kindererziehung führen
Trans* Vocality: lived experience, singing bodies, and joyful politics
In this article, we argue that with critical feminist materialisms, it is possible to develop what we have already learned so far from poststructural gender deconstructivism while also asking what can yet be learned from bodies, experience, and materiality. We continue to reject essentialist understandings of gender but maintain that there is a need to emphasize the material dimension of lived experiences. ‘Voice’ is ‘material relationality’ that has not yet received enough attention despite its centrality to political pursuits. In tracing the voice and its relation to materialisms, phenomenology, and poststructuralism, we frame ‘vocality’ as an embodied and lived phenomenon, developing a theoretical lens for the purpose of investigating the enactment of agency of trans* vocality. This phenomenological, materialist approach turns to the lived experiences of transgender and non-binary singers to both ground theory on gender and understand what is political about trans*vocality in singing. Using material from an ongoing research project, we seek to show how the constitution of singing subjects is political and, additionally, how through singing – a kind of ‘sensuous knowledge’ – trans* vocal expression can be a joyful resource for politicism and social change
Fallbeispiele aus der Lehrforschung
Gender Studies zu Natur-, Technik- und Planungswissenschaften weisen Asymmetrien be-züglich der fokussierten Forschungsschwerpunkte auf: Während die Situation von Frauen* in Ausbildung und Beruf im Zentrum steht, werden Forschungsergebnisse zu Fachkulturen, Epistemen und Artefakten nicht systematisch in Inhalte und Anwendungen der MINT-Fächer und Planungswissenschaften integriert. Das nachfolgend dargelegte Konzept ermöglicht es, Fallstudien zu diesen Forschungsperspektiven zu erarbeiten. Es wurde 2013-2016 an der Technischen Universität Berlin für das Studienprogramm Gender Pro MINT von mir entwickelt und umgesetzt. Die hier präsentierten Fallstudien sind als Abschlussarbeiten von Absol-vent_innen des Studienprogramms angefertigt worden und zeigen verschiedene Ansatz-punkte für transdisziplinäre, feministische Interventionen in die Geschlechterpolitiken von Fachkulturen, Epistemen und Artefakten der Natur-, Technik- und Planungswissenschaften für geschlechtergerechte Vielfalt auf
Ausschluss trotz Einschluss. Ungleiche Handlungsressourcen von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern
Frauen in der Politik sind nicht mehr die Ausnahme, aber noch längst nicht die Regel. Auch nach 100 Jahren Frauenwahlrecht dominieren unverändert Männer und ‚Männlichkeit‘ den politischen Raum. Gender bahnt sich in Gestalt von Geschlechternorm, Geschlechterordnung und Geschlechterstruktur (Pimminger 2012) unverändert Wege, Ausschlüsse für Frauen zu erzeugen. Politikerinnen unterliegen daher gegenwärtig einer paradoxen Situation gleichzeitiger Einschlüsse und Ausschlüsse. Der auf einer empirisch-analytischen Untersuchung basierende Beitrag geht diesen Einschlüssen und Ausschlüssen am Beispiel hauptamtlicher Bürgermeisterinnen nach, indem er die Verteilung von Handlungsressourcen auf Kandidatinnen (Wahlsituation) bzw. Bürgermeisterinnen (Regierungssituation) und auf ihre männlichen Amtskollegen miteinander vergleicht. Die Verteilung der Handlungsressourcen ergibt für die Kandidatinnen bzw. Bürgermeisterinnen nachteilige Ausgangslagen. Diese geringeren Chancen auf Erfolg können jedoch dem tatsächlichen Erfolg der Kandidatinnen bzw. Bürgermeisterinnen nichts anhaben. Damit wird den ‚männlichen‘ Standards, die der Verteilung der Handlungsressourcen zugrunde liegen, einmal mehr ihre Legitimationsgrundlage entzogen