GenderOpen - Repositorium für die Geschlechterforschung
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SOZIALISATION UND GESCHLECHT – STRITTIGE POSITIONEN
Ansätze der sozial- und kulturwissenschaftlichen Geschlechterforschung stehen in der Kritik,
die „biologische Natur“ des Menschen nicht zu berücksichtigen. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang von Fragen der Geschlechtersozialisation und angrenzender pädagogischer Felder. Gegen grundlegende Einsichten der Geschlechterforschung werden deshalb neurowissenschaftliche
Forschungsbefunde und evolutionspsychologische Annahmen angeführt und als Nachweis dafür geltend gemacht, dass Geschlechterunterschiede stabil und biologisch begründet seien. Im vorliegenden
Beitrag wird zunächst an Perspektiven der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung angeknüpft.
Anschließend werden ausgewählte Befunde und Diskussionen der Neurowissenschaften und Evolutionspsychologie analysiert. Im Ausblick wird am Beispiel von Geschlecht dargelegt, warum eine Integration von biologischer Forschung und sozialwissenschaftlicher Sozialisationsforschung problematisch ist
,Wahre‘ türkische Männlichkeit – Die (Re)Produktion von hegemonialer Männlichkeit und traditionellen Geschlechterrollen durch das türkische Militär
In der Türkei besteht für jeden gesunden, männlichen Bürger zwischen 20 und 41 Jahren die Wehrpflicht. Homosexuelle Männer können sich allerdings um einen sogenannten „Rotten Report“ und damit um eine Befreiung von der Wehrpflicht bewerben. Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit der Frage, wie das türkische Militär hegemoniale Männlichkeit und traditionelle Geschlechterrollen durch die Prozeduren der ‚Rotten Reports‘ (re)produziert. Dafür werden Theorien der militärischen Sozialisation (Kliche 2004), der hegemonialen Männlichkeit (Connell 1995) und der Gender-Performativität (Butler 1990) angewendet. Um einen ‚Rotten Report‘ zu erhalten, müssen sich die männlichen Bewerber erniedrigenden Untersuchungen unterziehen. Die Prozedur der ,Rotten Reports‘ führt dazu, dass die Bewerber sich bemühen, ihre Genderperformanz an das Bild des ,verweiblichten‘ homosexuellen Mannes anzupassen, um in den Augen des Militärs als homosexuell und folglich als ,Gefahr‘ und ,ungeeignet‘ für den Militärdienst eingestuft zu werden. Durch diesen Ausschluss von Homosexuellen aus dem Militärdienst produziert das Militär hegemoniale Männlichkeit. Diese Genderperformanz trägt wiederum zur Aufrechterhaltung der traditionellen Geschlechterrollen bei. Auf der Grundlage einer Literaturanalyse von Primär- und Sekundärquellen, darunter wissenschaftlichen Texte, die auf Interviews mit Betroffenen basieren, Befragungen, Artikel und Blogs von türkischen LGBTI-Organisationen, wird die Frage empirisch beantwortet
Große Ziele, kluges Handeln, erkämpfte Erfolge: Stadt- und Regionalplanung als Handlungsfeld kommunaler Frauen- und Gleichstellungsbeauftragter
Gender-Specific Differences in Patients With Chronic Tinnitus—Baseline Characteristics and Treatment Effects
Whilst some studies have identified gender-specific differences, there is no consensus about gender-specific determinants for prevalence rates or concomitant symptoms of chronic tinnitus such as depression or anxiety. However, gender-associated differences in psychological response profiles and coping strategies may differentially affect tinnitus chronification and treatment success rates. Thus, understanding gender-associated differences may facilitate a more detailed identification of symptom profiles, heighten treatment response rates, and help to create access for vulnerable populations that are potentially less visible in clinical settings. Our research questions are: RQ1: how do male and female tinnitus patients differ regarding tinnitus-related distress, depression severity, and treatment response, RQ2: to what extent are answers to questionnaires administered at baseline associated with gender, and RQ3: which baseline questionnaire items are associated with tinnitus distress, depression, and treatment response, while relating to one gender only? In this work, we present a data analysis workflow to investigate gender-specific differences in N = 1,628 patients with chronic tinnitus (828 female, 800male) who completed a 7-daymultimodal treatment encompassing cognitive behavioral therapy (CBT), physiotherapy, auditory attention training, and information counseling components. For this purpose, we extracted 181 variables from 7 self-report questionnaires on socio-demographics, tinnitus-related distress, tinnitus frequency, loudness, localization, and quality as well as physical and mental health status. Our workflow comprises (i) training machine learning models, (ii) a comprehensive evaluation including hyperparameter optimization, and (iii) post-learning steps to identify predictive variables. We found that female patients reported higher levels of tinnitus-related distress, depression and response to treatment (RQ1). Female patients indicated higher levels of tension, stress, and psychological coping strategies rates. By contrast, male patients reported higher levels of bodily pain associated with chronic tinnitus whilst judging their overall health as better (RQ2). Variables measuring depression, sleep problems, tinnitus frequency, and loudness were associated with tinnitus-related distress in both genders and indicators of mental health and subjective stress were found to be associated with depression in both genders (RQ3). Our results suggest that gender-associated differences in symptomatology and treatment response profiles suggest clinical and conceptual needs for differential diagnostics, case conceptualization and treatment pathways
Der gefährliche Geist der ‚Bevölkerung‘ in der Klimadebatte
In der Klimadebatte ist derzeit ein neomalthusianischer Reflex zu beobachten: Der Klimawandel wird über statistische Berechnungen in Zusammenhang mit einer wachsenden Weltbevölkerung gebracht, und Strategien der Geburtenkontrolle werden nahegelegt. Der Text diskutiert diese gefährliche Entwicklung kritisch: Untote Geister eines Denkens in der Kategorie ‚Bevölkerung‘ werden wiederbelebt, die untrennbar mit ihrer kolonialrassistischen und sozialdarwinistischen Geschichte verwickelt sind. Zunächst werden die Argumentationslinien sehr unterschiedlicher Akteur*innen rekonstruiert, die sich auf diese Rationalität einlassen: ein ökologischer Mainstream, der Bevölkerung als schädlichen ‚Faktor‘ berechnet, die extreme Rechte, für die biopolitische Argumentationsmuster eine Andockstelle an den Klimadiskurs darstellen, und feministische und klimaaktivistische Aufrufe zum ‚Gebärstreik‘. Daraufhin werden drei Dimensionen in diesen Argumentationslinien unterschieden: die abstrakte statistische Konstruktion eines Zuviels an menschlicher Bevölkerung, die historisch tief verwurzelte Zuschreibung dieses Zuviels an die ‚Anderen‘, sowie totalitäre Planungsvisionen einer global zu managenden ‚Fertilität‘. Im Schlussteil plädiert die Autorin aus einer Perspektive reproduktiver Gerechtigkeit für ein radikales Zurückweisen dieser Verknüpfung von Bevölkerung und Klimawandel
Inklusion und Intersektionalität in institutionellen Bildungskontexten
Das Intersektionalitätskonzept wird im akademischen Feld hinsichtlich der Frage nach sozialer Ungleichheit, Macht und Herrschaft mittlerweile breit diskutiert. Dieser Beitrag wird den Fragen nachgehen, ob bzw. wie bekannt das Konzept im Feld der Praxis Sozialer Arbeit ist, wie Praktiker*innen das Konzept im Hinblick auf ihren professionellen Alltag beurteilen und welche Weiterentwicklungen aus ihrer Sicht notwendig wären. Grundlage bildet die Diskussion mit verschiedenen Praxiseinrichtungen der Ostschweiz, welche ich im Zeitraum eines Jahres aufsuchte, um das Konzept vorzustellen und zu diskutieren. Es zeigte sich, dass Intersektionalität als Begriff und Konzept nicht bekannt ist, eine Fokussierung von Mehrfachdiskriminierungen aber sehr wohl praktiziert wird. Als macht- und herrschaftskritisches Analyseinstrument löste der Intersektionalitätsansatz in mehrerer Hinsicht Aha-Erlebnisse bei den Praktiker*innen aus und wurde vor allem für die kritische Selbstreflexion sowie für die Ent-Individualisierungsarbeit von Adressat*innen sehr geschätzt. Weiterentwicklungsbedarf wurde hinsichtlich handlungsbezogener Konsequenzen formuliert
Magie, Neuer Materialismus und zeitgenössische Kunst
Die relationale Onto-Epistemologie des Neuen Materialismus bietet dem Magischen ein zeitgemäßes
Refugium. Sie kann wie das magische Denken als transformatorische diagrammatische Praxis einer
alternativen Wahrnehmung von und Partizipation in der Wirklichkeit verstanden werden, die auch als
wirksamer Gegenzauber gegen hegemoniale Wissensstrukturen und dualistische - gerade auch ge-
schlechtlich bestimmte - Herrschaftsformen fungiert. Der Aufsatz zeigt anhand aktueller
künstlerischer Arbeiten von Mariechen Danz und Lea Porsager, wie in der zeitgenössischen Kunst
diese Nähe zwischen neomaterialistischem und magischem (widerständigem) Denken evident wird
und sich nicht zuletzt im Motiv des (magischen) Diagramms manifestiert. Er schlägt darüber hinaus
einen Bogen zu Gloria Anzaldúas' Borderland-Theorie und zeigt, wie sich die erwähnte transformato-
rische diagrammatische Praxis des Neuen Materialismus, des magischen Denkens oder Anzaldúas'
mestiza-Bewusstseins um Körper im Werden dreht - Körper, die durch ihre Grenzüberschreitungen
als Inbegriff vielfältiger Potenzialitäten zu deuten sind.
The relational Onto-Epistemology of New Materialism provides a contemporary refuge for the magi-
cal. Like magical thinking, it can be considered a transformative diagrammatic practice of an
alternative perception of and participation in reality, which might also function as a counterspell
against hegemonic knowledge structures and dualistic - especially gendered - forms of power. In
analyzing current artistic works by Mariechen Danz and Lea Porsager, the article shows how the af-
finity between neomaterialistic and magical (resistant) thinking becomes evident and manifests itself
not least in the motif of the (magical) diagram. Furthermore, the text draws a line to Gloria Anzaldúas'
Borderland Theory and shows how the above-mentioned transformative diagrammatic practice of
New Materialism, magical thinking or Anzaldúas' mestiza-consciousness revolves around bodies in
the state of becoming - bodies which are to be construed as incarnations of manifold potentialities
due to their border crossings
Wert und Herrschaft. Feministische Perspektiven auf die erzählte und nicht erzählte Geschichte der Wertbildung
Während Fragen der Wertbildung meist als ökonomische behandelt werden, wird in diesem Beitrag der Prozess der Wertbildung politisch und ökonomisch verstanden. Ein Prozess, der von Herrschaft geprägt und doppelseitig ist: Bewertung ist mit Entwertung ebenso verbunden wie die Eingrenzung der Einen mit der Ausgrenzung der Anderen. Diesen Mechanismus nennen wir „Externalisierung als Prinzip“. Die politik- und wirtschaftswissenschaftliche Konstruktion des externalisierenden Prinzips und die Herrschaftsformen seiner auch gewaltsamen Durchsetzung werden ideen- und theoriegeschichtlich bearbeitet. Feministische Analysen der klassischen Vertragstheorien und der Politischen Ökonomie zeigen: Die bürgerliche Gesellschaft und ihre Ökonomie werden durch Trennungen geprägt. Das wertvolle Dazugehörige ist angewiesen auf das als wertlos Ausgegrenzte. Es wird deutlich, dass die Geschichte mit der klassischen politischen und ökonomischen Theorie nicht zu Ende ist, sondern dass bis heute herrschaftsförmige Be- und Entwertungen als Mittel zur Krisenbewältigung eingesetzt werden