Studia Germanica Posnaniensia
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Suffering to be alive. Crisis of Masculinity in Michael Kleeberg\u27s novella Barfuß
Die Identität einer Person lässt sich seit Langem nicht als vorgeschriebene stabile Einheit beschreiben (Zima 2010: 372), sondern in ständigen Konfrontationen mit zahlreichen Alteritäten, in Bewegung und sogar in Gefahr des Zerfallens geraten. Besonders auffällig ist diese mit dem männlich-psychischen Zustand und der Männlichkeitsvorstellung in Verbindung zu setzen, die einerseits viel von der alten, ethischen Orientierung geprägt sind, andererseits eine enorme Veränderung erleben. In dem vorliegenden Artikel wird eine „unmoralische Erzählung“ – Michael Kleebergs Barfuß – untersucht, in der alle postmodernen Elemente Validierung finden, ergänzt durch den Einbruch des Chaos in den Alltag und ein performatives, karnevaleskes Spiel des Protagonisten. Die sexuelle Mitte und körperlichen Elemente (z. B. Flagellation und Dominanz) bestimmen den Diskurs der Er- zählung und erinnern an die Risiken, denen die Männlichkeit als erzählende oder erlebende Instanz ausgesetzt ist. Die Analyse ist von der übergeordneten Frage danach geleitet, wie die Erfahrung des Transitorischen bzw. die Ablehnung männlicher Identität durch die Grenzüberschreitungen (körper- lich, geschlechtlich, wie auch erzählerisch) dargestellt wird.For a long time, a person’s identity cannot be described as a prescribed stable unit (Zima 2010: 372), but in constant confrontation with numerous alterities, in motion, and even in danger of disintegration. The question of identity is particularly conspicuous regarding the male psychological state and concept of masculinity, which on the one hand are marked by the traditional ethical orien- tation, but on the other hand, also experience enormous change. This article focuses on “immoral narrative” – Michael Kleeberg’s novella Barfuß, where all postmodern elements find validation, complemented by a performative and carnivalesque play of the main character and the incursion of chaos into everyday life. The sexual midway and somatic elements (e. g., flagellation and dominance) determine the discourse of the narrative, which recalls the risks to which masculinity is exposed as a narrative or experiential entity. The analysis is guided by the overarching question, how are the transitional experience and the rejection of male identity through border crossings (bodily, sexually, and narratively) represented
René Pollesch’s discourse-theatre: Body – Sex – Economy
Die Inszenierungen des Gegenwartsautors und -Regisseurs René Pollesch behandeln gängige Diskurse, hegemoniale Strukturen und deren Auswirkungen auf einzelne Individuen. Im Kontext des neoliberalen Kapitalismus korreliert auch sein Diskurstheater mit den repräsentativen Praktiken, herrschenden Normen und Heteronormativität, mit den prekären Arbeitsverhältnissen und der problematischen Körperlichkeit, indem diese eng aneinander gekoppelten Kategorien als Kon- struktionen herausgestellt und destabilisiert werden. Darin bestehen die besonderen Möglichkeiten des Gegenwartstheaters – Antwort auf die Frage, was es noch kann.The performances of contemporary playwright and director René Pollesch deal with the current discourses, hegemonic structures and their impact on individuals. His discourse-theatre also correlates with representational practices, prevailing standards and heterosexual normativity in the context of the neoliberal capitalism, by exposing these closely interrelated categories as constructions and destabilizing them. These are the specific possibilities of contemporary theatre – the answer to the question, what it still can do
Inscribing discourse on bodies or bodies in discourses? Body and physicality in Hans Christoph buch’s story Hottentotten-venus (2011)
Dieser Beitrag untersucht das Verhältnis zwischen Diskurs und Körper/Körperlichkeit. Die These des Autors und der Autorin ist, dass dieses Verhältnis ein zweifaches ist: Zum einen kann der Körper in einen Diskurs eingeschrieben werden und zum anderen kann er als Oberfläche für die Einschreibung eines oder mehrerer Diskurse dienen.This paper examines the relationship between discourse and the body/corporality. The authors assume that this relationship is twofold: On the one hand the body can be inscribed inside a discourse and the other hand it can serve as a surface for the inscription of one or more discourse
Evocations of the Corporeal in Audioplays. On Audioplays by Carl Gundolf, Friederike Mayröcker and Bodo Hell, and by Wolfgang Müller
Der Beitrag weist nach, dass die in der Hörspielproduktion der 2000er Jahre zunehmend artikulierte Selbst- und Medienreflexion eine auch politisch relevante Sensibilisierung für Phänomene nach sich zieht, die außerhalb der Medienspezifik des Hörspiels liegen. So nimmt sich Carl Gundolfs Der Stimmkäfig. Das Spiel vom Hören Gehörloser der Problematik an, wie akustische Wahrnehmungen von Gehörlosen ausgerechnet in einem aufs Engste mit dem Hörsinn verbundenen Medium vermittelt werden können. Bodo Hells und Friederike Mayröckers „dreifaltiges Hörstück“ entfaltet das säkularisierte Motiv des Stimmenhörens und weitet es auf die gegenständliche, technische Umgebung synästhetisch aus. In Wolfgang Müllers Séance Vocibus Avium wird schließlich nach den Grenzen und der Verantwortung der wissenschaftlichen Diskursivierung gefragt, indem die naturhistorische Rekonstruktionsarbeit nicht nur als illusorisch, sondern auch als physisch gewalttätig demaskiert wird.The paper demonstrates that the self-reflection and media reflection increasingly articulated in radio play production in the 2000s entail a politically relevant sensitisation to phenomena that lie outside the media specificity of radio plays. Thus, Carl Gundolf’s Der Stimmkäfig. Das Spiel vom Hören Gehörloser addresses the problem of how acoustic perceptions of the deaf can be conveyed in a medium that is closely connected to the sense of hearing. Bodo Hell and Friederike Mayröcker’s ‘dreifaltiges Hörstück’ unfolds the secularised motif of hearing voices and extends it synaesthetically to the technical environment of objects. Finally, Wolfgang Müller’s Séance Vocibus Avium proves an inquiry into the limits and responsibility of scientific discursivisation by unmasking the historical reconstruction in the realm of nature not only as illusory but also as physically violen
Obsolete masculinity. Series aesthetic learning on gender-coded body images in the novel adaptation Babylon Berlin
Mit dem Erstarken des feministischen Diskurses um weibliche Normativität ging auch eine Neuperspektivierung auf Maskulinität und konstruierte Männlichkeitsideale einher. Jene Neuausrichtung, so lautet die These des Beitrags, wird in den letzten Jahren insbesondere von Fernsehserien des Quality-TV aufgegriffen. Am Beispiel der Fernsehserie Babylon Berlin wird gezeigt, dass televisuelle Serialität diesen gesellschaftlichen Diskurs mit besonderer Sensibilität aushandelt und Möglichkeitsräume eröffnet, Mythen um ideale Männlichkeit zu dekonstruieren. Die sich in den Analysen deutlich abzeichnende Interferenz zwischen formaler Erzählstruktur und Überformung vergeschlechtlichten Weltwissens macht die Fernsehserie als Bildungsgegenstand für den Deutschunterricht produktiv, sodass der Aufsatz mit unterrichtsmodellierenden Überlegungen endet, die die Aushandlung gesellschaftlicher Diskurse mittels literarästhetischer Bildung fruchtbar zu machen und eine kritisch-operationale Rezeption zu ermöglichen suchen.The increased momentum of feminist discourse revolving around female normativity was accompanied by a new perspective on masculinity and the ideals by which it is constructed. The thesis of the article is that this new orientation has been taken up in recent years, especially by so called quality TV series. Taking the series Babylon Berlin as an example, it is shown that televisual seriality approaches this social discourse with particular sensitivity and thereby allows the deconstruction of myths surrounding ideal masculinity. The interference between formal narrative structure and the transformation of gendered common knowledge – that is clearly pointed out in the analysis – qualifies the television series as an educational object for teaching German. Therefore, the essay ends with explicit suggestions for the use in the classroom with the purpose of negotiating social discourses through literary-aesthetic education and to enable a critical-operational reception
Shame of the future. Transhumanist-erotic dystopias, observed on/with E.T.A. Hoffmann, Sacher-Masoch, Günther Anders – up to the Pet Shop Boys and beyond
Die Einschränkungen des menschlichen Körpers, die auch unter dem Gesichtspunkt der sexuellen Attraktivität und Funktionsfähigkeit bestehen, resultieren in Scham. Scham ist aber nicht nur das Resultat einer Imperfektion, die im aufgezwungenen Vergleich mit einem Modell idealer Körperlichkeit entsteht, sie kann zum Erreichen der Standards antreiben, aber auch zu deren wie immer gearterer ÜberschreitungThe limitations of the human body, also under the perspective of sexual attraction and function, and the reflection on them result in shame. Shame however is not only the result of imperfection in comparison to a model of ideal physicality forced on someone, it can be a promotor both of achieving a status that seems to grant a shameless existence but also of whatever potential transgression of those standards
Embodiments of Power(lessness). The Physical between Ressource and Vulnerability in Juli Zeh\u27s Work
Juli Zeh setzt sich in ihren dystopisch anmutenden Romanen Spieltrieb (2004), Corpus Delicti. Ein Prozess (2009) und Leere Herzen (2017) kritisch mit postmodernen Verfahren politischer Machtausübung auseinander. Kontrolle und Disziplinierung richten sich auf den partiell unverfügbaren und daher verachteten (menschlichen) Körper im Sinne einer „Austreibung des Anderen“ (Han 2016). Das Physisch-Materielle erscheint einerseits als Zielobjekt, andererseits aber auch als Antagonist rationaler Systeme und totalitärer Staatlichkeit.: Featuring dystopian elements, Juli Zeh’s novels Spieltrieb (2004), Corpus Delicti. Ein Prozess (2009) and Leere Herzen (2017) critically examine postmodern practices of political power. In particular, it is the (human) body, partially unavailable and therefore despised, at which practices of control and discipline are aimed. Following the logic of the “expulsion of the Other” (Han 2016), the physico-material thus becomes not only the target object, but also the antagonist of rational sys- tems and totalitarian governmentality
Deconstruction of beauty norms, norm bodies and body images. Elisabeth Steinkellner\u27s Papierklavier (2020)
Der Beitrag untersucht den Jugendroman Papierklavier (2020) von Elisabeth Steinkellner. Zum einen wird die Ebene der histoire betrachtet, um zu zeigen, welche thematischen Konstellationen sich um den Körper entspinnen. Zum anderen sind diese inhaltlichen Aspekte jedoch auch mit der Ebene des discours verbunden, wenn Körpernormen und -bilder reflektiert werden. In der Analyse wird unter Rückgriff auf die neueren Ansätze zu Age (Benner & Ullmann 2019), Queerness (Kraß 2003 und Intersektionalität (Benner 2016; Walgenbach 2012) das spannungsvolle Zusammenspiel von Form und Inhalt analysiert.The following article is dedicated to the Austrian youth novel Papierklavier (2020) by Elisabeth Steinkellner. On the level of histoire, further thematic constellations of conflict intertwine with the specific form, which incorporate current feminist discourses to reflect body norms and im- ages. The following analysis draws on recent approaches to age (Benner & Ullmann 2019), queerness (Kraß 2003) and intersectionality (Benner 2016; Walgenbach 2012) to analyse this tense interplay of form and content
„Ein Mädchen aus Püree“. Self-image, Body and Corporeality in Stefanie de Velascos Youth Novel Kein Teil der Welt
Im Zentrum stehen die Körpergestaltung und die inneren und äußeren Konflikte der „Menschen aus der Wahrheit“, wie sich die Zeugen Jehovas in Stefanie de Velascos Jugendroman Kein Teil der Welt selbst bezeichnen. Fokus wird auf den Emanzipationsprozess der jugendlichen Figuren in einer Gemeinschaft gerichtet, in der eine strenge Kontrolle auf die Mitglieder ausgeübt wird – nicht zuletzt was Körper, Sexualität und äußere Erscheinungsbilder betrifft – und nicht viel Handlungs- spielraum für die persönliche Identitätsfindung oder einen individuellen Stil bleibt. Dem gegenüber stehen Selbstbild und Körperlichkeit bei den „Weltmenschen“, die der Glaubensgemeinschaft nicht angehören. Des Weiteren wird erläutert, was mit der äußeren und körperlichen Gestaltung der Figuren geschieht, wenn sie die Grenze zwischen diesen beiden Welten überschreiten
Unheimliches Mauthausen. Zu Lydia Haiders Romanen
Lydia Haider ist eine junge Autorin, die zwei Tendenzen der österreichischen Literatur miteinander verbindet. Sie setzt sich kritisch mit der österreichischen Provinz auseinander – wobei auch die Sprachkritik eine relevante Rolle spielt – und sie versucht, die Vergangenheitsbewältigung an spezifisch österreichische Themen zu koppeln. Der Artikel analysiert zwei Romane von Haider: kongregation und rotten. Im Vordergrund der beiden Werke steht die Verdrängung der NS-Verbrechen in den das Konzentrationslager Mauthausen umliegenden Dörfern. Gefragt wird sowohl nach der oben angesprochenen ‚Tradition‘ der kritischen Heimatliteratur, in die sich Haider einschreibt, sowie nach ästhetischen Lösungen, die sie vorschlägt.Lydia Haider, is a young Austrian writer, whose work is in line with two tendencies characteristic for Austrian Literature. Haider describes Austrian province from a position of critical distance, focusing on the critique of language and attempts to thematize the lack of reckoning with national socialist past in specific Austrian contexts. The article analyses two novels by Haider: congregation and rotten. The novels foreground the discussion on the denial of the Nazi crimes on the lands surrounding Mauthausen Concentration Camp. The main question posed in the article is whether Haider could be called a inheritor of the critical “Heimatliteratur”. It is also important to investigate whether the young author offers new aesthetic solutions, adequate for contemporary perspective from which we can view the unsettled Nazi past.Lydia Haider, is a young Austrian writer, whose work is in line with two tendencies characteristic for Austrian Literature. Haider describes Austrian province from a position of critical distance, focusing on the critique of language and attempts to thematize the lack of reckoning with national socialist past in specific Austrian contexts. The article analyses two novels by Haider: congregation and rotten. The novels foreground the discussion on the denial of the Nazi crimes on the lands surrounding Mauthausen Concentration Camp. The main question posed in the article is whether Haider could be called a inheritor of the critical “Heimatliteratur”. It is also important to investigate whether the young author offers new aesthetic solutions, adequate for contemporary perspective from which we can view the unsettled Nazi past