ZZF.docs - The repository of the ZZF (Center for Contemporary History Potsdam)
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„Das Ende der DDR ist nicht das Ende der Bilder.“ Eine Publikation zeigt bekannte und unbekannte Fotografien der späten DDR
Gäbe es einen Preis für den raffiniertesten Titel einer Ausstellung, der gekonnt Poesie und Metapher miteinander kombiniert, dann stünde „An den Rändern taumelt das Glück“ wohl auf der Shortlist. Der gleichlautende Begleitband zur Ausstellung überträgt diesen feinsinnigen Titel zudem in ein visuelles und haptisches Erlebnis. Ein Buch, dessen Gestaltung exzellent auf die abgebildeten Fotografien und Texte abgestimmt ist, das tatsächlich ein Glücksempfinden beim Betrachten, Blättern und Lesen auslösen kann. Einziger gestalterischer Wermutstropfen sind die in dem Falz versteckten kleinen Bildtitel, die das Auffinden der Informationen zu Ort, Zeit und Fotograf:in etwas erschweren
Ausstellung „Bizzare Normality“. Über das Leben im ukrainischen Lwiw zwischen Normalität und Krieg
Die zwischen April 2023 und April 2025 entstandene Fotoserie des Künstlers Hans Hugo Hoffmann untersucht die Ambiguität des Alltags von Künstler:innen und Kreativen in Lwiw in der Ukraine. Derzeit sind die Fotos im Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) ausgestellt. Die ZZF-Mitarbeiterin und Osteuropa-Historikerin Corinna Kuhr-Korolev sprach mit dem Fotografen über seine Motivation, für dieses Projekt in die Ukraine zu fahren, und darüber, was er außer den Fotos von dort für sich mitgenommen hat
Historische Parlamentarismusforschung
Die Historische Parlamentarismusforschung beschäftigt sich mit den modernen Repräsentativsystemen, die seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert entstanden sind. Der folgende Artikel wird in einem ersten Abschnitt Grundsätzliches wie Definition und Reichweite des modernen Parlamentarismus behandeln, während im zweiten Abschnitt wichtige Themen der historischen Parlamentarismusforschung vorgestellt werden
Customs and declarations: Research strategies for uncovering the hidden history of a black woman photographer
For this article, I would like to present the process of my becoming aware of the work of Charlotte Paige Carroll, an African American woman photographer active in Chicago during the 1920s-1940s. This period, notably marked by the Harlem Renaissance – a flourishing of African American art and culture – fostered a modern Black subjectivity known as the “New Negro”. More of an international movement of Black consciousness than a phenomenon that was limited to a particular geography, the Harlem Renaissance promoted a period of cultural growth, economic investment and political agency. It is within this context that Carroll, with her partner J.C. Schlink, owned and operated Electric Studio. Electric Studio’s photographs were published in nationally circulating newspapers and magazines, and aspects of Carroll’s life were chronicled in the Black media of the day, yet despite the significant contributions of Carroll or Electric Studio their extensive efforts do not appear in the chronicle of photography’s history. For numerous reasons this absence is a history in and of itself that necessitates careful consideration in both methodology and approach
Rezension: Lorenz, Nachbilder. Rostock-Lichtenhagen und die blinden Flecken der Erinnerung
Ein Mann im Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft, mit sichtbar eingenässter Jogginghose, den rechten Arm unzweideutig erhoben: Diese ikonische Fotografie ist eines der bekanntesten Bilder des rassistischen Pogroms in Rostock-Lichtenhagen, bei dem im August 1992 hunderte Gewalttäter über mehrere Tage Arbeitsmigrant:innen aus Vietnam und Asylsuchende im sogenannten Sonnenblumenhaus angriffen. Der Literaturwissenschaftler Matthias N. Lorenz verwendet die Aufnahme als Frontmotiv und Ausgangspunkt für seine Analyse der visuellen Erinnerung an die rechte Gewalt der deutschen Transformationszeit. Der schmale Band erscheint in der Reihe „Bildfäden“ des 2021 in Berlin gegründeten Schlaufen Verlags. Das Buch argumentiert zwar essayistisch zugespitzt, aber durchgehend wissenschaftlich und ist mit einem umfangreichen Fußnotenapparat ausgestattet
Zeugen eines Austauschs. Denkmäler Vadim Sidurs in Westdeutschland (1974–1993)
Dieser Beitrag untersucht anhand von drei Plastiken des sowjetischen nonkonformistischen Bildhauers Vadim Sidur (1924–1986), die zwischen 1974 und 1993 in der Bundesrepublik Deutschland und in West-Berlin als Denkmäler aufgestellt wurden, wie Sidurs Werke über den Eisernen Vorhang reisten. Mit Hilfe von Archivmaterial, Egodokumenten und Interviews werden die politischen und kulturellen Bedingungen der Aufstellung analysiert. Die Rezeption von Sidurs Arbeiten durch westdeutsche Atelierbesucher:innen in der UdSSR und an den Aufstellungsorten in der Bundesrepublik zeigt, wie diese Werke im Kontext von Diskussionen zu Nationalsozialismus, Holocaust-Gedenken und Kaltem Krieg interpretiert wurden. Sidurs Plastiken bewegten sich nicht nur physisch über geographische Grenzen hinweg, sondern erfuhren durch diesen Transfer auch einen Bedeutungswandel. Die Analyse eröffnet neue Perspektiven auf transnationale, inoffizielle Kulturbeziehungen während des Kalten Krieges und der frühen 1990er-Jahre. Zudem erinnert der Beitrag an einen in der Ukraine geborenen Künstler, dessen Auseinandersetzung mit Krieg und Gewalt heute neues Interesse findet.Based on three sculptures by the Soviet nonconformist sculptor Vadim Sidur (1924–1986), which were installed as monuments in the Federal Republic of Germany and in West Berlin between 1974 and 1993, this article examines how Sidur’s art travelled across the Iron Curtain. Drawing on archival materials, personal documents, and interviews, I analyse the political and cultural conditions surrounding their installation. The reception of Sidur’s works by West German visitors to his Moscow studio, as well as at their installation sites in the Federal Republic, reveals how they were interpreted in the context of discussions surrounding National Socialism, Holocaust memory and the Cold War. Sidur’s sculptures not only physically crossed geographical boundaries; their meaning was also transformed in different spatial and political contexts. This analysis opens new perspectives on transnational, unofficial cultural relations during the Cold War and the early 1990s. The article also highlights the work of a Ukrainian-born artist whose engagement with war and violence is currently receiving renewed interest
Imaginierte Kolonien im Treptower Park. Koloniale Ikonen auf Bildpostkarten zur Ersten Deutschen Kolonialausstellung 1896
Im Rahmen der Ersten Deutschen Kolonialausstellung 1896 sollten rund zwei Millionen Besucher:innen sowohl durch die Kulissen im Treptower Park als auch durch Abbildungen auf Werbemedien von der „kolonialen Sache“ überzeugt werden. Wie jedoch versuchte die Kunstanstalt, die in ihrer Rolle als Werbepartner den Zielen des Veranstalters verpflichtet war, für die „koloniale Sache“ und gleichzeitig für einen Besuch der Veranstaltung zu werben?
Auswahl und Zusammenstellung der einzelnen Motive waren die entscheidenden Faktoren. Sie hoben die Unterscheidungen zwischen der Repräsentation kolonialer Imaginationen und der Realität der Kolonialausstellung auf, indem die Kolonien über die Sujets der Bildpostkarten direkt in den Treptower Park versetzt wurden. Die Postkarten bildeten nicht nur die kunstvoll ausgestalteten Kulissen der Ausstellung ab, sie erschufen ein imaginiertes Idealbild der deutschen Kolonien. Die in der Ausstellung lediglich abstrakt zu greifende Veranschaulichung der Kolonialgebiete wurde in den Abbildungen zu einer scheinbar authentischen und geschlossenen Lebenswelt aufgewertet. Der vorliegende Text zeigt diese Verbildlichung eines „idealen“ Kolonialreichs am Beispiel einer Postkarte, auf der indigene Kulturgüter und -praktiken dargestellt und mit der „zivilisatorischen Mission“ an die Besucher:innen verknüpft wurden, weitere Kolonialgebiete zu erobern
Swiss-Chinese Entanglements. Historical and Anthropological Perspectives on Transnational Economic Collaborations
This article explores Swiss-Chinese economic entanglements since the 1970s. First, we show how China opened its economy to foreign direct investment (FDI), with Switzerland as a pioneer for Joint Ventures (JVs) in China (1970s–2000s). Second, we outline how Chinese technologies spread abroad, focusing on Chinese telecommunication companies in Switzerland (2000s–2020s). Representatives from the Swiss companies envisioned immense market opportunities in China. Their Chinese counterparts saw JVs as an opportunity to integrate into the world’s production system and acquire technological know-how as well as foreign currency. Building on and further developing this knowledge has enabled Chinese companies such as Huawei to become global market leaders. Technologies and investments are now making their way back to Europe, although not without contestation. In order to better understand Sino-Swiss and other global economic interactions, we need to creatively combine historical and ethnographic methods. This approach highlights the motivations and debates at both the giving and receiving ends, and how they change over time, thereby challenging one-sided narratives of Western and Chinese global capital flows and technology acquisitions.Dieser Aufsatz untersucht die schweizerisch-chinesischen Wirtschaftsverflechtungen seit den 1970er-Jahren. Erstens wird gezeigt, wie China seinen Markt für ausländische Direktinvestitionen (Foreign Direct Investment, FDI) öffnete und die Schweiz als Vorreiterin für Joint Ventures (JVs) in China agierte (1970er- bis 2000er-Jahre). Zweitens wird skizziert, wie sich chinesische Technologien im Ausland verbreiteten, mit einem Fokus auf chinesische Telekommunikationsunternehmen in der Schweiz (2000er- bis 2020er-Jahre). Die Vertreter der Schweizer Unternehmen versprachen sich in China einen immensen Absatzmarkt. Die chinesischen Unternehmen wiederum sahen in JVs eine Möglichkeit, sich in das globale Produktionssystem zu integrieren sowie technisches Know-how und Devisen zu erwerben. Der Aufbau und die Weiterentwicklung dieses Wissens ermöglichte es chinesischen Unternehmen wie Huawei, zu globalen Marktführern aufzusteigen. Technologien und Investitionen finden heute ihren Weg zurück nach Europa, jedoch nicht ohne Kontroversen. Um chinesisch-schweizerische und andere globale wirtschaftliche Interaktionen besser zu verstehen, ist es notwendig, historische und ethnographische Methoden kreativ zu kombinieren. Ein solcher Ansatz beleuchtet die Motivationen und Debatten auf beiden Seiten und zeigt, wie sich diese im Laufe der Zeit verändern. Gleichzeitig stellt er einseitige Narrative über westliche und chinesische globale Kapitalflüsse und Technologietransfers in Frage
Grenzgänger des Wissens. Zur Historizität und Aktualität von Hans Peter Duerrs »Traumzeit« (1978)
»Innerhalb kürzester Zeit wurden 150.000 Exemplare verkauft, so etwas kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.« Mit diesen Worten blickte der Ethnologe Hans Peter Duerr im Jahr 2009 auf sein Werk »Traumzeit« zurück, dessen Strahlkraft sich an den unzähligen Besprechungen in Fachzeitschriften und Feuilletons ablesen lässt. Der 1978 im linken, westdeutschen Syndikat Verlag publizierten Erstausgabe folgten in wenigen Jahren fünf weitere Auflagen. 1985 erschien eine Neuausgabe bei Suhrkamp, die ihrerseits stetig nachgedruckt wurde (zuletzt 2021 bzw. seither als Print on Demand), und zudem eine Übersetzung ins Englische. Auf dem Rücken des roten Suhrkamp-Bandes prangt der Tribut der Schweizer Zeitung »Die Weltwoche« an ein »mittlerweile berühmt gewordenes Kultbuch«. Während der Paratext die »Traumzeit« diskursiv in die luftigen Höhen eines wie auch immer definierten Kanons erhebt, tat der Bergsteiger Reinhold Messner dies 1979 ebenso performativ wie wörtlich, indem er das Buch in seinem Rucksack zusammen mit Werken von Platon und Tolstoi auf den K2 trug. Auch wenn Duerr partout keinen »Klassiker« geschrieben haben will, muss er sich heute das Etikett des »meist gelesenen Ethnologen der deutschen Nachkriegszeit« gefallen lassen. Kurz: Bei der »Traumzeit« handelte es sich, um die Wortschöpfung eines Fachrezensenten zu gebrauchen, fraglos um einen »Ethnobestseller«, der auch als solcher beworben wurde
Zu diesem Heft
»Wir wollen leben / nicht verrecken«, lautete eine Parole bei der Großdemonstration vom 23. Januar 1948 in München, die auf dem Cover dieser Ausgabe zu sehen ist. Die außergewöhnliche Dürre des Sommers 1947 führte im anschließenden Winter zu einer Ernährungskrise mit erheblichen sozialen und politischen Folgen, denen Victor Jaeschke in seinem Aufsatz am Beispiel der Bizone nachgeht. Die US-amerikanische und die britische Militärregierung im besetzten Deutschland hatten die Situation zunächst unterschätzt. Der Mangel an Saatgut, Futtermitteln und Dünger, an Wasser für Landwirtschaft, Kraftwerke und Feuerwehren sowie die schlechten Ernten des Jahres 1947 (nicht nur in Deutschland) ließen eine Hungerkatastrophe befürchten, schufen Verteilungskonflikte und gefährdeten die Legitimation der Besatzungsmächte. Durch massive US-amerikanische Lebensmittelimporte vor allem ab Dezember 1947 konnte die Not etwas gelindert werden, aber zum Zeitpunkt der abgebildeten Demonstration war die Lage weiterhin bedrohlich. Jaeschkes Aufsatz trägt nicht nur Neues zur Geschichte der alliierten Besatzungspolitik in Deutschland bei. Er lenkt den Blick auch darauf, dass die Erfahrungen von »Hungerwinter« und »Dürresommer« in der frühen Nachkriegszeit bereits wissenschaftliche Diskussionen über eine mögliche »Klimawende« in Europa auslösten. Wegen der offenkundigen Aktualität dieses Themas plädiert er dafür, Dürren und den politischen Umgang mit ihnen zeithistorisch breiter zu erforschen