merz Zeitschrift für Medienpädagogik
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Digitale Reichweite für den Klimaschutz: Im Gespräch mit Julius Lindemann, Fridays for Future
Soziale Medien sind für Klimaaktivismus unverzichtbar – sie infor mieren, mobilisieren und erzeugen Aufmerksamkeit. Doch wie gelingt es, faktenbasiert zu bleiben, populistischen Angriffen standzuhalten und Menschen nicht nur digital, sondern auch auf der Straße zu aktivieren? Julius Lindemann, Social-Media-Aktivist bei Fridays for Future München, spricht über Strategien, Herausforderungen und die Bedeutung digitaler Netzwerke für den Klimaschutz
Diversity Upgrate. Wie wir neue Fähigkeiten lernen und Vorurteile verlernen: Stroblja, Pavlo (2024). Diversity Upgrate. Wie wir neue Fähigkeiten lernen und Vorurteile verlernen. Freiburg/ München/Stuttgart: Haufe. 286 S., 22,00 €.
Die Mehrheit queerer Angestellter hält ihre Identität am Arbeitsplatz zurück. Stroblja, Gründer der gemeinnützigen Organisation Queermentor (https://queermentor.org), die über Diversity und LGBTQIA-Themen aufklärt, schlägt mit seinem Buch eine Brücke zwischen queerer Community und Mehrheitsgesellschaft – mit besonderem Fokus auf die moderne Arbeitswelt. Dabei kommen zum einen Vorbilder aus der queeren Community mit individuellen Erfahrungen zu Wort, zum anderen werden sieben Kompetenzen vorgestellt, die im Umgang mit Vielfalt eine zentrale Rolle spielen: Empathie, Kreativität, Selbst behauptung, Resilienz, Kommunikation, Netzwerken und Adaptivität. Ergänzt wird das Buch durch Interviews und Beiträge von Expert*innen wie Dr. Carolin Mehnert, Speakerin und Wissenschaftlerin im Bereich Diversity, Equity, Inclusion und Belonging (DEIB). So erläutert Mehnert zum Beispiel mit viel fachlicher Fundierung, warum Diversity einen Business Case darstellt. Dabei blickt sie aus wirtschaftlicher und rechtlicher Perspektive sowie mit dem Fokus Menschlichkeit auf die Frage. Ziel der Publikation ist es sowohl, Menschen Methoden mitzugeben, die ihre eigene berufliche Entwicklung vorantreiben wollen, als auch insgesamt die Offenheit für ein vielfältigeres Denken zu fördern und damit den Weg für eine diversere Arbeitswelt zu ebnen. Dabei geht es Stroblja sowie allen am Buch Beteiligten immer um eine holistische Herangehensweise, in der das Zusammenspiel aus Diversity, Equity, Inclusion und Belonging mehr ist als nur ethischer Anspruch oder ökonomisches Mittel zum Zweck
Stichwort: Pixelfed
Soziale Netzwerke wie Instagram ermöglichen es uns unter anderem, mit Familie und Freund*innen über große Distanzen hinweg zu interagieren, uns zu informieren, zu orientieren und uns unterhalten zu lassen. Für Unternehmen wiederum stellen sie eine wichtige Plattform dar, um Werbung zu schalten und über Reichweite Kund*innen zu gewinnen. Wer Soziale Netzwerke nutzt, sieht sich jedoch auch mit Herausforderungen konfrontiert, zum Beispiel Datenschutzrisiken oder der Machtkonzentration einzelner Netzwerkbetreiber wie meta. Eine Plattform, die sich für Datensicherheit einsetzt und einer Zentralisierung entgegenwirkt, ist Pixelfed.
Pixelfed gehört zum dezentral organisierten Fediverse und ist in seiner Funktionsweise und Gestaltung dem Medienangebot Instagram äußerst ähnlich. Allerdings unterscheiden sie sich in drei wesentlichen Punkten: Durch die Dezentralisierung können Nutzer*innen sich auf unterschiedlichen Servern registrieren und trotzdem weiterhin mit anderen Personen in Kontakt treten. Darüber hinaus ist eine Kommunikation über verschiedene, dezentrale Dienste hinweg möglich. Zweitens werden weder Werbungen geschalten, noch persönliche Daten getrackt und verkauft. Somit haben die Nutzer*innen die Kontrolle über ihre Daten. Drittens werden die in Pixelfed zusammengestellten Feeds nicht durch Algorithmen bestimmt, sondern chronologisch präsentiert. Das bedeutet, dass die Inhalte so angezeigt werden, wie sie online gestellt wurden.
Seit dem Start Pixelfeds 2018 haben sich über 748.000 Nutzer*innen auf etwa 1.700 Pixelfed-Servern registriert. Ganz neu dabei sind auch wir! Unter dem Namen merz_zeitschrift erkunden wir den Pixelfed-Raum und hoffen, auch Sie, liebe Leser*innen, dort zu treffen
19. Shell Jugendstudie – Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt
Bei den Jugendlichen in Deutschland ist ein wachsendes politisches Interesse deutlich spürbar, wie die 19. Shell Jugendstudie zeigt. So interessieren sich 55 Prozent der Studienteilnehmenden für politische Themen und rund die Hälfte (51 %) informiert sich aktiv darüber. Zudem positioniert sich eine zunehmende Zahl im politischen Spektrum, wobei sich 25 Prozent dem rechten und 41 Prozent dem linken Lager zuordnen. Auch die Digitalisierung prägt den Alltag der jungen Generation: Digitale Medien werden vor allem zur Kommunikation (95 %), für Unterhaltung (67 %) und für Bildungsinhalte (69 %) genutzt. Dabei bleibt das Vertrauen in klassische Medien hoch – 83 Prozent der Jugendlichen schätzen die Nachrichtenangebote von ARD und ZDF, und 80 Prozent empfinden überregionale Zeitungen als vertrauenswürdig. Im Gegensatz dazu genießen Plattformen wie YouTube, TikTok und Instagram weniger Vertrauen, verzeichneten insgesamt über die letzten Jahre jedoch einen Vertrauenszuwachs. Zudem wünschen sich 90 Prozent der Jugendlichen eine verstärkte Einbindung digitaler Medienkompetenz und den Umgang mit Fakenews im Schulunterricht. Auch das Interesse an Bildung zu KI nimmt zu. Zwar stehen 47 Prozent der Studienteilnehmenden dieser Technologie positiv gegenüber und hoffen, dass sie den Alltag erleichtert (69 %) und in Bereichen wie Medizin und Bildung Fortschritte ermöglicht (60 %), doch zwei Drittel äußern Bedenken, dass KI aufgrund fehlender Empathie unmenschliche Entscheidungen treffen könnte.
Die Studienergebnisse beruhen auf einer Befragung von 2.509 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren aus ganz Deutschland, ergänzt durch vertiefende Leitfadeninterviews mit 20 Jugendlichen, die tiefere Einblicke in ihre Lebenssituation, Einstellungen und Orientierungen geben.
https://shell.d
Befragung: Klassenzugehörigkeit und politische Heimat
Die Arbeiterklasse, die einst traditionell linke Parteien wählte, tendiert zunehmend zu rechtsradikalen Parteien, so das zentrale Ergebnis einer Befragung der Friedrich-Ebert-Stiftung, deren Ergebnisse im September 2024 veröffentlicht wurden. Diese Entwicklung passierte jedoch nicht so ruckartig, wie der häufig genutzte Ausdruck ‚Rechtsruck‘ suggerieren mag. Schon seit 2014 steigt die Wählerschaft der AfD und hat sich seitdem mehr als verdreifacht. Zugleich ist die SPD von 26 auf 12 Prozent abgesunken, also gerade die Partei, die laut Friedrich-Ebert-Stiftung traditionell der Arbeiterschaft verbunden war.
Um das Klassenbewusstsein zu erforschen, wurden bei der Befragung drei Dimensionen unterschieden: die Klassenidentität, das Klasseninteresse und das sogenannte Unten-Bewusstsein. Dabei ging es um die Identifikation mit Menschen in ähnlichen sozialen und wirtschaftlichen Positionen, das Wahrnehmen eines Gegensatzes zwischen Arbeitgeber*innen- und Arbeitnehmer*innen-Interessen sowie um das Gefühl der Anerkennung in der Gesellschaft. Vor allem hinsichtlich des Anerkennungsverhältnisses bzw. des Unten-Bewusstseins zeigte sich, dass manuelle nichtakademische Arbeit als abgewertet wahrgenommen wurde. Die Friedrich-Ebert-Stiftung stellt ein unterschiedliches Wahlverhalten je nach Berufsgruppe fest: Das Kulturbürgertum (etwa Sozialarbeiter*innen oder Lehrer*innen) wählt eher linke Parteien, das Wirtschaftsbürgertum (etwa Managementangestellte, Eigentümer*innen oder Anwält*innen) tendenziell Mitte-Rechts, die Arbeiterklasse auch Mitte-Links, jedoch verstärkt radikal rechte Parteien. Zugleich muss berücksichtigt werden, dass in allen Klassen alle politischen Lager vertreten sind, sich jedoch deutliche Tendenzen zeigen.
Durchgeführt wurde die Befragung im Sommer 2023 im Mixed-Mode-Design. Befragt wurden etwa 5.000 volljährige Personen.
https:// library.fes.d
Lese- und Sprachförderung unter Wasser
paedalogis (2024). Kuno taucht ab. App für Tablets, Android/iOS, 1,99 €.
Zusammen mit Kater Kuno kann man sich in der App Kuno taucht ab in ein Leseabenteuer begeben, das zu Recht mit dem Pädagogischen Medienpreis 2024 ausgezeichnet wurde. In einer wunderbar absurden wie auch schönen Bildergeschichte können sich Leseanfänger*innen durch die interaktive Geschichte klicken. Der Kater im Matrosenhemd trägt bei seinen Tauchgängen einen Tauchtopf (eine Art Kochtopf) auf dem Kopf. Klar, wie sonst sollte ein Kater unter Wasser atmen? Mit ähnlicher Selbstverständlichkeit können Kinder die ersten Schritte zum Lesenlernen machen und sich in die Welt der Buchstaben, Silben und Wörter begeben.
In der App kann man Kater Kuno bei seiner Reise zu seiner Tante Tea begleiten. Am Ende hält diese eine kleine Überraschung für ihn bereit. Doch zuvor begegnen den Kindern am Bildschirm viele kleine Rätsel und die Reise ist mit verschiedenen Entscheidungspfaden gespickt, sodass Kinder sich mehrmals durch die Geschichte klicken können, ohne dass es langweilig wird. Positiv ist hervorzuheben, dass in den Rätseln gezielt mögliche Schwierigkeiten angegangen werden, die viele Leseranfänger*innen haben. So sollen Kinder bei einem Rätsel einen Hai mit Gegenständen füttern, aber dabei beachten, dass der Hai nur Dinge futtert, die mit K beginnen. So kommt das Gummibärchen mit dem Anfangsbuchstaben G nicht in Frage, der Käse mit K ist hingegen in Ordnung. So üben Kinder spielerisch, zwischen den Plosivlauten k und g zu unterscheiden. Darüber hinaus müssen Reimpärchen gefunden werden, was ebenfalls eine wichtige Kompetenz für alle Leseanfänger*innen ist.
Es sind etwa 350 Lesewörter in der Geschichte enthalten. Dabei kann jederzeit jedes Wort angetippt und vorgelesen werden. Insgesamt zeigt sich beim Spielen des Abenteuers, dass nicht nur Lesekenntnisse, sondern auch Neugier und Freude am Ausprobieren Teil eines Erfolgsrezepts sein können, um die Geschichte bis zum Ende durchzuspielen. So können Kinder sich jederzeit Tipps geben lassen und sich sowohl als etwas fortgeschrittene Leseanfänger*innen als auch als Neulinge an dieses Abenteuer wagen.
Auf der Website finden sich weitere didaktische Anregungen zur App. So stehen zum Beispiel Memorykarten oder kleine Papierfiguren von Kuno und den anderen Charakteren zum kostenlosen Download und Ausdruck zur Verfügung, sodass Kinder die Lesereise analog nachspielen und so die Worte aus der Geschichte wiederholen können.
https://paedalogis.com/kun
Medienpädagogik und Postkolonialismus : Fuchs, Max (2024). Erziehungswissenschaft und Postkolonialismus. Annäherungen an eine aktuelle Kritik der Moderne. München: kopaed, 228 S., 22,80 €.
Der Postkolonialismus ist in der erziehungswissenschaftlichen Medienpädagogik zunehmend relevant und die medienpädagogischen Problemstellungen, die daran anknüpfen, sind vielschichtig. Sie reichen von der Repräsentation ethnischer Minderheiten in den Medien, über die Ausbeutung von Click-Arbeiter*innen im globalen Süden bis zum Diskurs über ethnische Erfahrungshintergründe von Medienpädagog*innen in der rassismuskritischen Medienarbeit. Die Fundamentalkritik, die in postkolonialen Studien mitunter formuliert wird, trifft den Wesenskern der Medienpädagogik: Macht sich das mündige Subjekt der Aufklärung, das Medien souverän und selbstbestimmt in den Dienst nimmt, schuldig als Komplize des europäischen Kolonialismus?
Im seinem neuen Buch Erziehungswissenschaft und Postkolonialismus entwickelt Max Fuchs einen systematischen Überblick über postkoloniale Diskurse in der Erziehungswissenschaft. Der Autor untersucht darin die Verbindung von Moderne und Kolonialismus und stellt die Fragen, „wie und wo sich eine Kolonialität erziehungswissenschaftlichen Wissens finden lässt“ (S. 13) und was daher eine Dekolonialisierung des Wissens und der pädagogischen Praxis bedeuten kann. Fuchs analysiert das Verhältnis von Moderne, Aufklärung und Kolonialismus historisch und geht auf de- und postkoloniale Debatten der Gegenwart ein. Das Buch liefert so eine gelungene Meta-Analyse, in der das erziehungswissenschaftliche Wissen hinsichtlich seiner kolonialen Anteile analysiert wird und wissenschaftliche Diskursverschiebungen durch den Einfluss der noch jungen postkolonialen Studien nachgezeichnet werden. Auf dieser Basis entwickelt Fuchs Schlussfolgerungen darüber, wo eine Dekolonialisierung der Erziehungswissenschaft produktiv und nötig ist.
Die Verdienste postkolonialer Studien für die Erziehungswissenschaft sieht Fuchs darin, die Verstrickungen der früheren und gegenwärtigen Pädagogik mit Kolonialismus, Rassismus und Sklaverei aufzuzeigen. Der Autor plädiert für eine kritisch-reflexive Auseinandersetzung mit den Nachwirkungen des europäischen Kolonialismus. Für die Erziehungswissenschaft seien – neben körperlicher, ökonomischer und politischer Gewalt – insbesondere Phänomene epistemischer Gewalt von Bedeutung, die sich als kolonial geprägte Formen des Wissens und Denkens in das individuelle und kollektive Bewusstsein eingeschrieben haben.
Eine solche postkoloniale Perspektive kann auch dazu beitragen, epistemische Normen in der Medienpädagogik kritisch-reflexiv zu betrachten. So weist Fuchs beispielsweise darauf hin, dass Konzepte von Identität – wie sie auch in der Medienpädagogik verwendet werden – auf einem individualistischen Menschenbild moderner westlicher Gesellschaften basieren und mit kommunitaristischen Vorstellungen des Ich in afrikanischen Gesellschaften kollidieren können. Für eine Dekolonisierung erziehungswissenschaftlichen Wissens schlägt Fuchs vor, individuelle Entwicklung stärker in lokalen und globalen Kontexten zu verstehen. Damit sollen (westliche) Vorstellungen eines atomar verstandenen Individuums zugunsten einer Vorstellung menschlicher Entwicklung der*des Einzelnen in der Gemeinschaft überwunden werden. Eine solche Perspektive erscheint auch für medienpädagogische Betrachtungen digitaler Transformationsprozesse und globaler Vernetzung produktiv. Konkrete Ansätze finden sich beispielsweise in Freires Pädagogik der Unterdrückten.
Aus der Perspektive von Fuchs ist die postkoloniale Perspektive zudem für die erziehungswissenschaftliche Forschung und pädagogische Praxis produktiv, wenn sie für unterschiedliche, mitunter verschleierte und verschränkte Formen der Diskriminierung sensibilisiert. Gerade im diskursanalytischen Zugang postkolonialer Studien liegt ein Potenzial, symbolisch verschlüsselte Formen von Diskriminierung in westlichen Gesellschaften zu analysieren. Für die Medienpädagogik kann eine solche diskursanalytische Sensibilisierung ein Potenzial für die Weiterentwicklung der rezeptiven Analyse von Filmen, Computerspielen oder Social-Media-Plattformen darstellen. Daneben erscheint es produktiv, die sozialisatorische Bedeutung von Medien bei der Aneignung kolonialer Formen des Wissens und Denkens genauer zu untersuchen. Für eine solche Weiterentwicklung der medienpädagogischen Theorie und Praxis wäre jedoch eine fachliche Integration poststrukturalistischer Ansätze nötig, die konzeptionell im Konflikt zum Subjektzentrismus stehen können.
Deutlich kritischer betrachtet Fuchs die postkoloniale Fundamentalkritik an der Moderne. Demnach steht das mündige Subjekt der europäischen Aufklärung unter Verdacht, Kolonialismus, Rassismus und Sklaverei bis in die Gegenwart zu befördern und zu rechtfertigen. Fuchs argumentiert hingegen, dass die gesellschaftliche Entwicklung der Moderne seit der Aufklärung durch ein hohes Maß an Reflexivität gekennzeichnet sei, sodass die Geschichte der Moderne immer auch eine Geschichte der Kritik der Moderne war. Wenn postkoloniale Studien die Moderne einseitig als eurozentrisch kritisieren und sich auf bestimmte Formen der Diskriminierung konzentrieren, drohe die Pädagogik Betroffene auf eine Identität festzulegen und identitätspolitische Tendenzen zu befördern.
Medienpädagogische Forschung und Praxis sollten sich an universellen Menschenrechten und am Menschenbild der Aufklärung orientieren. Fuchs Reflexionen zum Postkolonialismus in der Erziehungswissenschaft regen dazu an, medienpädagogisches Wissen, Denken und Handeln zu dekolonialisieren. Gleichzeitig ist Fuchs Mahnung vor einer identitär orientierten Pädagogik ernst zu nehmen. Ethnie und Herkunft von Menschen sollten auch in der Medienpädagogik niemals bloß als Mittel für identitäre Ziele missbraucht werden
Lasst uns streiten! Wie Auseinandersetzungen uns wieder zusammenbringen: Karalus, Birte (2024). Lasst uns streiten! Wie Auseinandersetzungen uns wieder zusammenbringen. München: Ariston. 208 S., 22 €.
Streit(en) gehört wohl zu einem der alltäglichsten Phänomene, das im Zusammenleben mit anderen kaum vermeidbar ist. Dabei wird Streit oft als ein zu vermeidender oder zu überwindender Defizitzustand markiert, oder aber so instrumentalisiert, dass er (nur) in einer bestimmten Form und Folge wertvoll sein kann. Dass eine Beschäftigung mit Streit dringlich wird, lässt sich mit Blick auf die Omnipräsenz gesellschaftlicher und geopolitischer Krisen und ihrer praktischen Aushandlung festmachen. In (medialen) Debatten lassen sich pauschale Urteile und Positionierungen, Redeverbote und Tabuisierungen, Verkürzungen sowie ganz grundlegend Machtdemonstrationen beobachten. Durch die Verschiebung der Grenzen des Sagbaren und durch die Unzulässigkeit bestimmter Positionen wird somit häufig schon die Möglichkeit des Miteinander-Streitens genommen. Die Entwicklungen deuten darauf hin, dass wir heutzutage einerseits viel zu viel Streit und Aggression, andererseits aber viel zu wenig Streit und Auseinandersetzung haben.
Das Buch dockt an diesen Gedanken an und führt die Idee aus, dass wir für ein gemeinsames Miteinander und eine funktionierende Demokratie auch miteinander streiten müssen. Damit konturiert die Autorin Streit als etwas Konstruktives. Von einem Lob des Streits über die Bedeutung von Freundlichkeit und des Zuhörens, hin zu einer Erläuterung der Feind*innen des Miteinanders aka Cancel-Culture, Political Correctness, ‚Wir‘ gegen ‚Die‘, Identitätspolitik und Fake News schließt Karalus ihr Buch mit der Idee einer neuen Streitkultur der Freundlichkeit, die unsere Gesellschaft wieder zusammenbringen soll. Diese Streitkultur besteht aus einer verbalen Abrüstung, der Notwendigkeit des Verzeihens und ganz grundlegend der Offenheit zum Gegenüber.
Mit dieser Haltung zum Streit bricht die Autorin mit dem gesellschaftlichen Bild von Streit und ergänzt es um die Komponente der Freundlichkeit in der Auseinandersetzung. Bei Karalus erhält Streit eine lösungsorientierte Form, bei der Streiten der Weg zu einer gemeinsamen Werte- und Regelbasis ist. Ihr Buch liest sich als Plädoyer für eine Offensive der Freundlichkeit und ruft dazu auf, freundlich und konstruktiv miteinander zu streiten und sich gemeinsam auseinanderzusetzen
ACT-ON! Studie zu Monetarisierung in Online-Games
Immer mehr Jugendliche geben Geld für Inhalte in Online-Games aus – doch wie bewusst treffen sie diese Kaufentscheidungen? Welche Strategien nutzen Spieleentwickler*innen, um Spieler*innen zum Geldausgeben zu animieren? Die neue ACT-ON!-Studie des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis zeigt: Zwei Drittel der 12- bis 14-Jährigen haben bereits Geld für virtuelle Inhalte ausgegeben, vor allem für In-Game-Währungen, Skins oder Spielpässe. Dabei stehen nicht nur der Spielspaß und der Wunsch nach Individualisierung im Vordergrund, viele Käufe werden durch gezielte Mechanismen der Spieleanbieter angeregt.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass zeitlich begrenzte Angebote, exklusive Items und Belohnungssysteme starke Kaufanreize setzen. Besonders problematisch sind sogenannte Lootboxen, die zufällige Inhalte enthalten und Spieler*innen dazu verleiten, mehrfach Geld auszugeben, um gewünschte Items zu erhalten. Viele Jugendliche geben an, sich durch solche Mechanismen unter Druck gesetzt zu fühlen oder ungewollt mehr Geld auszugeben als sie ursprünglich geplant hatten. Kritisch ist zudem, dass einige Spiele eine direkte Verknüpfung zwischen Spielfortschritt und finanziellen Investitionen herstellen – wer nicht zahlt, hat oft Nachteile im Spielverlauf.
Eltern sind meist nur am Bezahlvorgang beteiligt, während die eigentlichen Kaufentscheidungen im Spiel selbst fallen. Erst wenn es zu unerwartet hohen Ausgaben kommt, wird in den Familien über das Konsumverhalten gesprochen. Die Studie hebt hervor, dass hier mehr medienpädagogische Begleitung nötig ist, um Jugendliche frühzeitig für Monetarisierungsstrategien zu sensibilisieren und sie bei einem bewussten Umgang mit In-Game-Käufen zu unterstützen.
Die Studie basiert auf Gruppendiskussionen mit Jugendlichen sowie einem ergänzenden Kurzfragebogen. Befragt wurden 65 Teilnehmende, vorwiegend im Alter von 12 bis 14 Jahren. Die Monitoring-Studie ist Teil des Projekts ACT ON! zur Förderung von Online-Kompetenzen junger Menschen und wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.
https://jff.d
Stichwort Australiens Social-Media-Verbot
Australien hat als erstes Land der Welt ein aufsehenerregendes Gesetz verabschiedet: Seit November 2024 ist die Nutzung Sozialer Medien für Jugendliche unter 16 Jahren verboten. Die Regierung sieht in Social Media eine massive Gefahr ihr Wohlergehen. Mit diesem Schritt soll nicht nur ein unmittelbarer Schutz erreicht, sondern vor allem den Plattformbetreibern der nötige Weckruf erteilt werden. Innerhalb eines Jahres müssen Anbieter effektive Alterskontrollen einführen – sei es per biometrischer Gesichtserkennung, staatlicher Identifikation oder Verifikation durch Drittanbieter. Wer zögert, riskiert empfindliche Strafen von bis zu 31 Millionen Euro.
Doch wie effektiv ist ein solches Verbot und ist es pädagogisch sinnvoll? Ein Bericht der Online-Sicherheitsbehörde eSafety macht deutlich, dass bisherige Maßnahmen der Plattformen nahezu mühelos umgangen werden können. Kinder müssen meist lediglich ihr Alter angeben – was weit von einer zuverlässigen Kontrolle entfernt ist. Eine landesweite Umfrage ergab, dass 80 Prozent der 8- bis 12-Jährigen und 95 Prozent der 13- bis 15-Jährigen regelmäßig Plattformen wie Facebook, Instagram, TikTok, Snapchat, Twitch oder YouTube nutzen. Mehr als die Hälfte greift dabei über elterliche Konten auf diese Angebote zu. Zu der möglichen Konfrontation mit problematischen Inhalten oder Kontakten kommt also auch das Risiko hinzu, sich im Ernstfall niemandem anvertrauen zu können. Australiens radikales Gesetz sollte kein Paradigmenwechsel im Jugendmedienschutz sein, kann aber als Appell an alle dienen, sich der geteilten Verantwortung zu stellen und gemeinsam sichere digitale Räume zu schaffen.