merz Zeitschrift für Medienpädagogik
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Emanzipative Kommunikation im digitalen Wandel – Zur Bedeutung von Affekten in der Medienpädagogik
Unbestritten gilt Medienkompetenz als Grundbegriff der Medienpädagogik. In ihrem Zentrum steht die Förderung individueller und kollektiver Emanzipation auf Basis einer kommunikativen Teilhabe an der Mediengesellschaft. Insofern diese Zielsetzung in ihrem Ursprung der Prämisse einer rationalen und sprachlich verfassten Vernunft folgt, zeigt der vorliegende Beitrag systematisch auf, dass gegenwärtige Medienlandschaften immer stärker durch irrational anmutende Tendenzen, das heißt, durch affektive, emotionale und gefühlsgeladene Motive beeinflusst werden.
Media literacy is undisputedly a central concept of media education. The focus here is on promoting individual and collective emancipation through communicative participation in the media society. Insofar as this perspective is based on the premise of a rational and linguistically constituted reason in its origin, the present article systematically shows that contemporary media publics are increasingly influenced by seemingly irrational tendencies, namely, by affective, emotional, and sentiment-laden motives
E-Sport im Sportverein: Eine qualitative Perspektive auf emotionale und soziale Prozesse
Der Beitrag untersucht soziale und emotionale Aspekte von E-Sport im Sportverein. Auf Basis qualitativer Interviews und Gruppendiskussionen mit Jugendlichen im Projekt „Förderung von E-Sport als Angebot der außersportlichen Jugendarbeit“ wird deutlich: Das Angebot eröffnet Räume für Zugehörigkeit, Resonanzerfahrungen und Selbstwirksamkeit, unterstützt Identitätsarbeit und fördert emotionale Kompetenzen. Sportvereine können so E-Sport pädagogisch gerahmt nutzbar machen.
This article explores social and emotional dimensions of esports in sports clubs. Based on qualitative interviews and group discussions within the project “Promoting Esports as a Youth Work Offer in Sports Clubs”, findings show that structured esports activities create spaces for belonging, resonance, and self-efficacy, supporting identity formation and emotional competences. Sports clubs thus provide a valuable pedagogical framework for esports
Zur Bedeutung von Affekten und Emotionen für KI-bezogene Medienkompetenz
Ausgehend von konzeptionellen Überlegungen konkretisiert der Beitrag die affektive Dimension von Medienkompetenz im Kontext des Handelns mit kommunikativer KI. Anhand qualitativer Studien wird verdeutlicht, wie Affekte und Emotionen – am Beispiel von Angst und Unsicherheit – das Erleben, Bewerten und Handeln mit KI beeinflussen. Ergebnis ist ein Kompetenzmodell, das kognitive, affektive und handlungsbezogene Dimensionen verbindet und die Reflexion eigener Gefühle sowie kollektive Aushandlungsprozesse als zentrales Element eines souveränen Umgangs mit KI betont.
Based on conceptual considerations, this article concretises the affective dimension of media literacy in the context of interacting with communicative AI. Qualitative studies illustrate how affects and emotions – using the example of fear and uncertainty as examples – influence the experien-ce, evaluation and interaction with AI. The result is a model of media literacy that combines cognitive, affective and action-related dimensions and emphasi-ses the reflection of own feelings and collective negotiation processes as central elements of a sovereign use of AI
Medien zum Mitmachen: Roboom, Susanne (2025). Medien zum Mitmachen. Impulse für die Medienbildung in der Kita. Verlag Herder. 80 S., 17 €.
Von Geburt an wachsen Kinder mit Smartphones, Tablets und anderen digitalen Medien(-angeboten) auf. Zudem wird ihnen durch ihr soziales Umfeld vorgelebt, welche bedeutende Rolle Medien im Alltag einnehmen. Somit ist es sinnvoll, bereits in der Kita mit der Medienbildung zu beginnen. Kinder mit unterschiedlichen familiären und sozialen Hintergründen erhalten dadurch dieselben Möglichkeiten, Medienkompetenz zu erlangen.
Susanne Roboom vom Blickwechsel e. V. hat eine Materialsammlung entwickelt, die über hundert digitale und analoge Praxisimpulse enthält. Zu Beginn appelliert die Autorin an pädagogische Fachkräfte, das Bildungspotenzial von Medien im Arbeitsalltag mit Kindern gezielt zu nutzen. Denn Medien eröffnen Kindern zahlreiche Chancen: um sich auszudrücken, Sprachfortschritte und andere Erlebnisse zu dokumentieren oder ein Symbolverständnis zu entwickeln.
Anschließend beleuchtet die Autorin in zwölf Kapiteln unter anderem, wie Medien thematisiert, Sprache gefördert, die Wahrnehmung geschärft, Bilder gestaltet und auch die Eltern der Kinder mit einbezogen werden können. Durch die verständliche Sprache und die farbenfrohe Illustrierung mit vielen Bildern macht es Spaß, sich dem Thema der frühen Medienbildung zu widmen. Darüber hinaus ermöglicht die steckbriefartige Darbietung der Praxisbeispiele, die Inhalte leicht selbst umzusetzen.
Das Werk richtet sich an pädagogische Fachkräfte, kann jedoch auch von Eltern und anderen Interessierten herangezogen werden. Ziel ist es, Kinder sicher an Medien heranzuführen, sie zur eigenständigen kreativen Auseinandersetzung zu motivieren sowie ihre medienbezogenen Interessen zu thematisieren
Analyse: Was Parental-Control-Apps (nicht) leisten
Die meisten gängigen Parental-Control-Apps (PCA) setzen auf Kontrolle – und verzichten meist auf Dialog oder Befähigung. Das zeigt eine Analyse des Projekts ACT ON!, die 20 gängige Jugendschutzanwendungen auf ihren pädagogischen Wert untersucht hat. Zwar bieten viele Apps technische Möglichkeiten wie Zeitlimits, Inhaltsfilter oder Standorttracking, doch in puncto Mitbestimmung, Transparenz und Kompetenzförderung zeigen sie deutliche Schwächen.
Besonders kritisch fällt auf, dass viele Anwendungen Kinder primär als zu überwachende Objekte darstellen. Partizipative Elemente –etwa transparente Nutzungsstatistiken, einsehbare Regeln oder anpassbare Kommunikationsfunktionen – sind selten vorhanden oder nur rudimentär umgesetzt. Statt gemeinsam Regeln auszuhandeln, setzen die meisten Apps auf starre Kontrollmechanismen. Besonders invasive Funktionen wie heimliches Mitlesen von Nachrichten oder verdeckte Kamera-Zugriffe, wie sie etwa bei KidsGuard Pro möglich sind, werfen zudem gravierende datenschutz- und kinderrechtliche Fragen auf.
Positiv hervor sticht die App Kidgonet, die einen schützenden Rahmen mit Respekt vor kindlicher Privatsphäre und Medienkompetenz verbindet. Vielversprechend sind auch Ansätze, die Eltern und Kinder ins Gespräch bringen, etwa durch digitale Familienvereinbarungen.
Das Positionspapier formuliert sechs zentrale Bewertungsdimensionen für PCA: technische Funktionen, Individualisierbarkeit, Datenschutz, Tonalität, Kompetenzförderung und Partizipation. Ziel ist es, Eltern und pädagogischen Fachkräften eine Orientierungshilfe zur Auswahl geeigneter Apps zu bieten – jenseits rein technischer Leistungsversprechen.
Die Analyse entstand im Rahmen des medienpädagogischen Projekts ACT ON! aktiv + selbstbestimmt ONLINE. Verantwortlich ist das JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, gefördert vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Untersucht wurden 2024 insgesamt 20 Apps aus dem Google Play Store sowie das iOS-System, darunter Drittanbieter wie Qustodio, Salfeld oder JusProg.
https://act-on.jff.de/short-report
Telematisches Erinnern? Auf dem Weg zu einer neuen Vergangenheit
Digitalisierung und KI, besonders Large-Language-Models, verändern die individuelle und kollektive Konstruktion von Vergangenheit. Digitale Medien beeinflussen die Selektion von Vergangenheitsbezügen und können deren scheinbare Objektivität prägen. Dies stellt den bisher notwendigen Zusammenhang zwischen Gegenwart und eigens konstruierter Vergangenheit infrage und wirkt sich auf Wissen und Handeln aus
"Es ist echt schwer, das richtig zu machen": Eine FLIMMO-Elternbefragung zum Medienstart
Medienerziehung beginnt nicht erst mit dem Smartphone, sondern bereits im frühen Kindesalter – und stellt viele Eltern vor Unsicherheiten. Der Beitrag beleuchtet auf Basis qualitativer Interviews mit Eltern von Kindern unter sechs Jahren zentrale Haltungen, Herausforderungen und Bedürfnisse. Deutlich wird: Eltern wünschen sich konkrete, alltagsnahe Unterstützung, um Mediennutzung altersgerecht, bedürfnisorientiert und reflektiert zu begleiten
TikTok – Memefication und Performance: Fischer, Friederike; Meier-Vieracker, Simon & Niendorf, Lisa (2025). TikTok – Memefication und Performance. Interdisziplinäre Zugänge. Berlin: Springer. 296 S., 42,79 €.
TikTok hat sich zu einem prägenden Raum für digitale Kommunikation, kulturelle Aushandlungsprozesse und Wissensvermittlung entwickelt. Mit der Publikation legen die Autor*innen eine interdisziplinäre Analyse vor, welche die besonderen Strukturen und Dynamiken dieser Plattform in den Blick nimmt. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass die algorithmisch basierte ForYou-Page, die multimodale Gestaltung der Inhalte und die memetische Logik grundlegende Veränderungen in der Social-Media-Nutzung hervorgebracht haben.
Das Buch dockt an aktuelle Diskussionen zu digitalen Öffentlichkeiten, Medienkompetenz und der Rolle Sozialer Plattformen in Bildung und Politik an. Es führt die Idee aus, dass TikTok – trotz seiner Risiken wie Desinformation, Polarisierung und Radikalisierung – auch als produktiver Ort verstanden werden kann, an dem kreative und kollaborative Praktiken neue Formen der Vernetzung und Wissensvermittlung ermöglichen. Die Autor*innen untersuchen diese Phänomene aus linguistischer, medien-, bildungs- und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive und verbinden theoretische Konzepte mit detaillierten empirischen Studien.
Von der Analyse algorithmischer Funktionsweisen über die Untersuchung plattformspezifischer Ästhetiken und Praktiken bis hin zu Fragen der politischen Kommunikation und Bildung eröffnet der Band einen facettenreichen Blick auf TikTok als kulturellen und kommunikativen Raum. Dabei werden sowohl die kreativen Potenziale als auch die gesellschaftlichen Herausforderungen deutlich, die aus der engen Verflechtung von Algorithmus, Nutzungsverhalten und öffentlicher Kommunikation entstehen.
Mit dieser Haltung zur Plattform bricht der Band mit dem reduzierten Bild von TikTok als reinem Unterhaltungsmedium und ergänzt es um die Dimension seiner sozialen, kulturellen und politischen Wirksamkeit. Der Sammelband macht deutlich, dass TikTok als ernstzunehmender Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung zu begreifen ist und seine Dynamiken kritisch, aber auch konstruktiv in Forschung, Bildung und Gesellschaft einzuordnen sind
Erzählen gegen das Vergessen: Franz, Kurt, Pecher, Claudia Maria & Mihatsch, Maximilian (Hrsg.) (2025). Erzählen gegen das Vergessen. Hohengehren/ Baltmannsweiler: Schneider Verlag. 184 S., 19,80 €.
Was sich 1933 und in den darauffolgenden Jahren ereignet hat, darf sich nicht wiederholen. Der Weg von der Demokratie in die Diktatur dauerte nur zwei Monate: vom 30. Januar 1933 mit der Machtergreifung bis Ende März, als das Konzentrationslager Dachau eröffnet wurde. Ermächtigungsgesetz und Bücherverbrennung waren Vorboten noch folgender Gräueltaten.
Doch wie lässt sich dieses dunkelste Kapitel der Geschichte an die nachkommenden Generationen vermitteln, wenn Zeitzeug*innen zunehmend verloren gehen und antisemitische sowie rassistische Hetze wieder zunimmt? Der Themenkomplex Schoa und NS-Zeit steht ab den 8. und 9. Jahrgangsstufen auf dem Lehrplan für Geschichte, Deutsch, Religion oder Ethik (S. 124).
Ausgehend von Ereignissen wie der Machtergreifung oder der Bücherverbrennung erörtern 15 Essays die Rolle der Kinder- und Jugendliteratur im Erinnerungsprozess. Herausgegeben wurde der Band mit wissenschaftlichen sowie kultur- und medienpädagogischen Beiträgen von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Volkach.
Diskutiert wird die Bedeutung von Literatur in Form von Büchern oder Filmen in Zeiten der Digitalisierung für die Bildungsarbeit, um der menschenverachtenden Politik der Nationalsozialist*innen Erinnerungsmöglichkeiten entgegenzusetzen. Deutlich wird, dass das Medium Buch auch heute seine Berechtigung behält und Erfahrungshorizonte eröffnet. Gleiches gilt für Filme und Literaturverfilmungen wie Der Junge im gestreiften Pyjama (2008), die als „Medusas Spiegel“ fungieren (S. 108). Der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger erklärt, dass sich so Dinge betrachten lassen, „die in der Realität unerträglich wären“ (ebd.). Die Protagonist*innen können bei jungen Zuschauer*innen zu Identifikationsfiguren werden.
Beispiele wie dieses zeigen, dass Medien wie Bücher, Filme oder Ausstellungen Wissen bei Heranwachsenden fördern, über die Vergangenheit aufklären und zur Reflexion über die Gegenwart anregen
Elterninformationen zur Medienerziehung auf Kinderseiten
Ein redaktioneller Baukasten unterstützt Anbieter von Kinderseiten dabei, passende Elterninformationen zur Medienerziehung bereitzustellen und den Dialog in Familien zu fördern. Das Angebot hilft, Orientierung, Tipps und Inspiration anzubieten, wie Eltern gemeinsam mit ihren Kindern positive Medienerfahrungen sammeln können.
Zusätzliche Elterninformationen zur Medienerziehung gelten als Qualitätsmerkmal von Kindermedien. Anbieter von Kinderseiten, die sich häufig ehrenamtlich oder mit begrenzter Förderung enorm dafür engagieren, dass Kinder positive Online-Erfahrungen machen, sollen hier gezielt unterstützt und entlastet werden.
Die Inhalte stehen auf Deutsch und Englisch zur Verfügung und können auf der Projektseite als Word-Dokumente heruntergeladen werden. Die Textbausteine stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0. Die Bearbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung ist unter Angabe der Quelle Elternguide.online und unter gleichen Bedingungen erlaubt.
Entwickelt wurde der Baukasten im Projekt ‚Eltern-Inspos zu Kinder-Partizipationsplattformen‘ vom JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis in Zusammenarbeit mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM e. V.) – in einer Kooperation der Medienerziehungsplattform Elternguide.online und der Foto-Plattform für Kinder knipsclub. Er basiert auf einer qualitativen Analyse der Bedürfnisse von Eltern und Fachkräften und wurde durch praxisnahe Erprobung optimiert. Die Inhalte sind darauf ausgelegt, niedrigschwellig und flexibel einsetzbar zu sein, um eine möglichst breite Zielgruppe zu erreichen.
Ein weiteres exemplarisches Projekt ist der neu gestaltete Elternbereich des knipsclub. Hier finden Eltern praxisnahe Tipps, wie sie die Mediennutzung ihrer Kinder begleiten können, sowie Anregungen, gemeinsam kreativ zu werden.
Gefördert wurde das Projekt durch die Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz (BzKJ) im Rahmen des Programms ‚Kindgerechte digitale Angebote und Maßnahmen zur Orientierung‘.
https://jff.d